8. Zusammenfassung

Kontext und Thema

Publikationen aller Medien machen den Lesern, Zuschauern, Zuhörern und Internet­nutzern journalistische Kommunikations­angebote, die diese auf ihren individuellen Alltag beziehen, als praktisch sinnvoll und nützlich wahrnehmen und in Handlungen umsetzen können. Diese Art von Journalismus wird uneinheitlich Ratgeber-, Service-, Verbraucher­journalismus oder auch Nutzwert­journalismus genannt. Charakteristisch für den Nutzwert­journalismus ist, dass sich die Kommunikations­absicht seltener auf Ereignisse, häufiger auf die informatorische Umsetzung von Themen und deren Ergebnisse aus der Perspektive der Rezipienten bezieht. Wie die Betrachtung der historischen Vorläufer des Nutzwert­journalismus bzw. von Ratgebung, Lebenshilfe und verbraucherorientierter Wirtschafts­bericht­erstattung zeigt, stellte die Intention, individuell zu helfen und über die Summe medial vermittelter Unterstützungs­leistungen positive Veränderungen in der Gesellschaft und in der Wirtschaft zu bewirken, bereits in den Anfängen der periodischen Presse in Europa ein verbreitetes Motiv von Verlegern und Journalisten für entsprechende Publikationen dar. Nutzwert­journalistische Angebote, speziell Zeitschriften in Form teilpublikumszentrierter und themen­spezialisierter Titel, erlebten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Zuge der Aufklärung eine Blütezeit. Im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die dokumentierte Zahl namentlich ›nützlicher‹ Publikationen geringer.

Seit den 1950er-Jahren entwickelten sich in Deutschland parallel zur Differenzierung der Gesellschafts­struktur, der zunehmenden Bedeutung individueller Lebens­führung und der Liberalisierung der Märkte wieder vermehrt nutzwert­journalistische Angebote in allen Medien. Wie die Analyse von Ratgeber­sendungen des DDR-Fernsehens belegt, war die journalistische Intention, Unterstützung für das Leben des Individuums anzubieten, unabhängig vom vorherrschenden politischen oder Wirtschafts­system vorhanden. In der Fortentwicklung hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren bei einem Großteil der Tageszeitungen der Fokus ihrer Wirtschafts­teile von einer unternehmens­orientierten hin zu einer verbraucher­orientierten Bericht­erstattung gedreht, diese wurde dort durch die Bildung von Service- und Ratgeberressorts institutionell etabliert. Die Zeitschriften haben vor allem im Special-Interest-Bereich Titel hervorgebracht, bei denen der Leitgedanke der Vermittlung von Nutzen als durchgängiges Blattkonzept sichtbar wird. Im Fernsehen sind in den vergangenen Jahren Doku-Soap-Formate entstanden, denen eine indirekte Ratgeber­leistung insofern unterstellt werden kann, als in ihnen Probleme am Beispiel aufgezeigt und gelöst und den Rezipienten soziale Vergleichsinformationen geliefert werden. Da die verschiedenen Angebote nachgefragt werden und Befragungen – wenn auch unspezifisch – den Wunsch der Rezipienten nach Unterstützung und Orientierung im Alltag belegen, kann von einem entsprechenden Bedarf aufseiten der Rezipienten ausgegangen werden.

Fragestellung und Ziel

Obwohl periodische Publikationen verschiedenen Zuschnitts den Rezipienten in den vergangenen 300 Jahren zahlreiche Kommunikations­angebote gemacht haben, die diese als praktisch sinnvoll und nutzbar wahrgenommen haben, hat die Kommunikations- und Medien­wissenschaft diesen Bereich bisher kaum bearbeitet. Nur wenige Einzelarbeiten befassen sich mit den Konzepten des Ratgeber­journalismus, medien- und themen­übergreifende Aspekte wurden fast gar nicht untersucht. Der Gegenstand Nutzwert­journalismus ist weder eindeutig und allgemein bezeichnet noch sind seine Aufgaben und Leistungen hinreichend beschrieben worden. Auch wurde bisher nicht ausreichend untersucht, ob die Publika die Intentionen der Angebote in gleicher oder ähnlicher Weise empfinden, wie sie von den Produzenten der informatorischen Angebote geplant worden sind. Um dem abzuhelfen, hatte die vorliegende Arbeit zum Ziel, Rollenverständnis, Rahmenbedingungen und Funktionalität des Nutzwert­journalismus zu analysieren und den Nutzwert­journalismus als einen von anderen Journalismusgattungen abgrenzbaren Typ zu definieren. Die in der Medien- und Kommunikations­wissenschaft geläufigen Theoriebereiche der Systemtheorien, der Handlungs­theorien sowie Modelle aus der Medien­wirkungsforschung und Befunde aus der Medienpsycho­logie wurden daraufhin überprüft, inwiefern sie Anschlüsse an Beobachtungs­aussagen zum Nutzwert­journalismus bereitstellen. Einbezogen wurde die empirische Studie in Eickelkamp (2009b), die in einem Ausschnitt des gesamten Kommunikations­vorgangs einerseits untersuchte, ob ein Konstrukt ›Nutzwert‹, das die in den Publikationen manifestierten nutzwert­journalistischen Funktionen abbilden soll, mit Inhaltsanalysen in Zeitschriften­artikeln messbar ist und zu deren Typologisierung taugt. Andererseits wurde das Konstrukt für eine Online-Befragung durch Statements operationalisiert und geprüft, ob die Befragten den Nutzwert in ähnlicher Weise erkennen, wie er inhaltsanalytisch gemessen wurde.

Ausprägung des Rollenverständnisses Nutzwert­journalismus

Bei Befragungen deutscher Journalisten gaben diese an, aus Sicht der Rezipienten werde künftig die Nachfrage nach Lebenshilfe und Ratgeber- bzw. Serviceleistungen zunehmen. Parallel dazu stieg bei der Abfrage des Rollen­selbst­verständnisses von Journalisten in den vergangenen Jahren die Zustimmung zu den Antwortmöglichkeiten ›Lebenshilfe für das Publikum bieten, also als Ratgeber dienen‹ und ›Service und Unterhaltung‹ um ein Fünftel an. Auch Chefredakteure und Redaktions­leiter nahmen diese gestiegenen Leserbedürfnisse wahr. Ein Teil der Journalisten bildete seine eigene Identität sogar vor allem über Leistungen für das Publikum oder als Anwalt des Publikums. Dennoch genießen Ratgeber­journalisten innerhalb der Profession nur geringes Ansehen, das Verbraucher- oder Ratgeber­ressort ist unter Redakteuren unbeliebt. Traditionell ist die Ratgeberfunktion offenbar mit der Vorstellung von einem breiten, wenig initiativen und unbeweglichen Publikum konnotiert.

Zeitungs­redaktionen, vor allem in Ostdeutschland, haben auf den Orientierungs­bedarf der Leser schnell mit der Gründung verbraucher­orientierter Ratgeber­ressorts reagiert. Diese unterscheiden sich klar von den klassischen Ressorts und helfen damit, eine Konkurrenz um Themen zu vermeiden. Als herausragendes Beispiel für die Ratgeberorientierung erscheint bei mehr Zeitungen und häufiger als die klassische Wirtschafts­seite die rezipienten­orientierte Sparte ›Gesundheit, Medizin‹. Als Kern von Service und Ratgebung erscheint die Sparte ›Geld, Versicherungen, Warentest, Verbraucher­beratung etc.‹ vor allen anderen am häufigsten täglich.

Charakteristisch für die journalistische Haltung im Nutzwert­journalismus sind Motive, Routinen und Konditionen, die zwar grundsätzlich in der gesamten journalistischen Praxis relevant sind, die jedoch im Nutzwert­journalismus besonders intensiv berücksichtigt werden. Dies sind die Nützlichkeits­intention bei den Kommunikatoren und ihr Verständnis für eine nötige ausgeprägte Resistenz gegen dysfunktionale PR- und Lobbying-Einflüsse. Ferner vertreten Nutzwert­journalisten in ihren Beiträgen einen begründeten Standpunkt, was der aus dem angloamerikanischen Raum übernommenen strikten Trennung von Nachricht und Meinung widerspricht. Vergleichsweise umfangreiche und tiefe Recherchen, die besondere Beachtung der journalistischen Sorgfalts­pflicht und die Absicht, eine hohe Verständlichkeit der journalistischen Angebote beim Rezipienten zu erreichen, kennzeichnen den Nutzwert­journalismus.

Eine für den Nutzwert­journalismus spezifische Berufsausbildung existiert nicht, Weiterbildungs­angebote sind teilweise geprägt von fremden Interessen und – wie bei zahlreichen akademischen Ausbildungs­gängen – von einer fehlenden Trennung von Journalismus und PR als öffentlichen Kommunikations­formen mit unterschiedlichen Funktionen für die Gesellschaft.

Die Etablierung des Nutzwert­journalismus als funktionaler Teilbereich des Journalismus

In den Tageszeitungen sind, wie geschildert, Service- und Ratgeber­ressorts entstanden. Auf den Ratgeber­seiten befassen sich die Artikel überwiegend mit auf die Rezipienten bezogenen Themen, doch findet hier auch Wirtschafts­bericht­erstattung ohne Bezug auf die Leser statt. Die Themen Politik, Umwelt/Na­tur/Energie­ und professioneller Sport spielten in verschiedenen untersuchten Regionalblättern kaum eine Rolle.

General-Interest-Zeitschriften haben nach der Gründung des Nachrichten­magazins Focus mit dessen kritisierter Kleinteiligkeit, aber auch proklamierter Nutzwert­orientierung und Servicefunktion einen höheren Stellenwert bekommen. Die Verbraucher­orientierung wird etwa bei Stern und Focus in den Jahren 1998 bis 2003 dadurch deutlich, dass die Titel-Aufmacher zunehmend Verbraucherthemen aufgriffen und der Anteil an nutzwert­journalistischen Beiträgen stieg. Frauen­zeitschriften spiegeln nicht nur einen Teil der weiblichen Lebens­zusammenhänge wider, sondern bieten ihren Leserinnen über diese Themengebiete hinaus umfassende Orientierungs­hilfen im gesamten privaten Bereich, in Berufsfragen und auch bei politischen Themen.

Neben die Testzeitschriften Test und Ökotest mit thematisch breitem Anspruch traten in den 1990er-Jahren vor allem Computer­zeitschriften mit vergleichenden Warentests im aufkommenden technischen Special-Interest-Bereich. Der publizistische Markt für allgemeine Test­zeitschriften scheint gesättigt zu sein, oder die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen erlauben es Verlagshäusern nicht, weitere Testzeitschriften herauszugeben. Verschiedene Projekte zur Entwicklung derartiger Zeitschriften (etwa Netto, Megatest, Test-Bild [Arbeitstitel]) wurden beendet, bevor die Titel auf den Markt kamen. Unter den Special-Interest-Zeitschriften vollzogen zahlreiche Wirtschafts­magazine und auch die Ratgeberzeitschrift Guter Rat einen Wandel hin zu einer klar verbraucherorientierten Bericht­erstattung.

Die Entwicklungen im Printbereich brachten eine Diversifizierung der Darstellungs- und Präsentations­formen mit sich und führten teilweise zu spezifischen Formen. Die Veranstaltung von und die Bericht­erstattung über vergleichende Warentests wird typischerweise von detaillierten, vergleichenden Testtabellen, Testberichten, Markt­übersichten und von Kaufberatung begleitet. Schritt-für-Schritt-Anleitungen, Tipps & Tricks (Kurzhinweis, -orientierung), Fragen und Antworten sowie Regeln und Gebote werden in zahlreichen anleitenden und orientierenden Beiträgen verwendet. Hintergrundinformationen und Entscheidungs­hilfen werden von Lexikon oder Glossar, Entscheidungs­baum, Pro und Contra sowie zusammenfassender Gegenüberstellung von Plus- und Minuspunkten, Checklisten oder Rankings geboten. Dazu treten Formen, in denen die Redaktion eine Ombuds- oder Anwaltsrolle einnimmt.

Im Fernsehen haben klassische Verbrauchersendungen im Magazin-Format als verbraucher­orientierte Wirtschafts­bericht­erstattung (wie Wiso) und Ratgebersendungen (wie die ARD-Ratgeber) eine lange Tradition. Neben diesen beiden Grundtypen nutzwert­journalistischer Fernsehformate sind Begleitprogramme (wie die ARD-und ZDF-Morgenmagazine) zu nennen; dies sind moderierte Dauersendungen mit Filmbeiträgen, Studiogesprächen, Nachrichten- und Serviceblöcken, Call-ins sowie Gewinnspielen. Der Programmtyp ›Kochshows‹ stellt eine moderne Variante klassischer Kochsendungen dar, in dem Prominente auftreten und die offensichtlich überwiegend als Unterhaltungs­angebote wahrgenommen werden. Doku-Soaps (wie Super Nanny) im Format teilinszenierter Reportagen gehen von der bestehenden Problemlage einer Betroffenen­gruppe aus und inszenieren die meist professionelle Problemlösungs­komponente durch die TV-Produktion.

Online-Angebote werden von Medien­unternehmen genutzt, um die systemimmanenten Defizite der klassischen Medien auszugleichen. Um die Flüchtigkeit von Rundfunkprogrammen zu kompensieren, bieten Rundfunk­anbieter Informationen zunehmend über ihre Websites an. Auch bei Zeitschriften, bei denen der Erscheinungsrhythmus eine geringe Aktualität bedingt, kann die zwischen zwei Ausgaben liegende Veröffentlichung von Informationen im Web dieses Manko ausgleichen. Die horizontale und vertikale Desintegration einzelner Online-Angebote steigert die Modularität im Internet. Inhalte werden unabhängig von ihrem ursprünglichen Produktions­kontext angeboten und aggregiert. Mit der zunehmenden Nutzung des Internets heben Medien ihre strenge Bindung an eine Verbreitungsform auf. Bei den von den Online-Nutzern aufgesuchten Inhalten handelt es sich vor allem um Service- und Freizeit­informationen,­ und dabei vorwiegend um vergleichende Ratgeber- und Produkt­informationen wie Preisvergleiche.

Die gegenwärtige Entwicklung der Online-Angebote von öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, speziell die Zugänglichkeit zu deren Archiven über sogenannte ›Mediatheken‹, wird von zwei Sachverhalten bestimmt. Zum einen hat das Bundes­verfassungs­gericht ausdrücklich eine Entwicklungs- und Bestandsgarantie des öffentlich-rechtlichen Rundfunks für das Internet bekräftigt. Zum anderen bewirkte ein Verfahren der Europäischen Kommission nach einer Beschwerde kommerzieller Rundfunkbetreiber, dass Fernseh- und Radiosendungen nach ihrer Erstausstrahlung lediglich wenige Tage zum Abruf aus dem Internet bereitgehalten werden sollen und nicht sendungsbezogene Internetangebote ein anstaltsinternes Prüfverfahren zur Feststellung eines public value durchlaufen sollen. Damit wird der Verbreitungsweg Internet für nutzwert­journalistische Inhalte der öffentlich-rechtlichen Sender voraussichtlich weitgehend blockiert werden.

Nicht nur die klassischen Medienunternehmen Verlag und Rundfunksender stellen Webangebote mit journalistischen Inhalten auf, sondern auch Provider und reine Internet-Medienunternehmen stellen ›redaktionellen Content‹ bereit, worunter journalistische und PR-Inhalte zu verstehen sind, deren Unterscheidung für die Online-Nutzer schwieriger ist als die bei den traditionellen Medien. Technisch bieten Webserver die Möglichkeit, den Inhalt über intelligente und komfortable Such­möglichkeiten zu erschließen und auf die Parameter des einzelnen Nutzers zugeschnittene Ergebnisse zu ermitteln.

Rahmenbedingungen und Einflussgrößen

Mit der Globalisierung der Wirtschafts­abläufe werden die Herstellung und Distribution von Waren weltweit neu organisiert und Produkte vermehrt uniform für den gesamten Weltmarkt hergestellt. Immer mehr Wirtschafts­subjekte tätigen Geschäfte über das Internet; unabhängig von den Auswirkungen des E-Commerce stellt sich die Gesellschaft insgesamt zunehmend auf Selbsterledigung um. Dies – sowie die Individualisierung der Gesellschaft – scheint den Bedarf an Beratung zu erhöhen, da diese nicht mehr vollständig im sozialen Netz der Menschen befriedigt werden kann. Ratgeber­journalismus kann Expertenwissen und auch verloren gehendes Alltagswissen vermitteln; massenmediale ersetzt dann die interpersonale Kommunikation. So informiert sich eine zunehmende Zahl von Online-Nutzern nicht nur mit den Internetseiten von Zeitschriften und Zeitungen über Konsumprodukte, sondern auch mit den Bewertungen und Kommentaren anderer Internetnutzer.

Als weitere Entwicklung hat sich in Deutschland in den vergangenen Jahren durch Harmonisierungs­bestrebungen innerhalb der Europäischen Union das Verbraucher­leitbild geändert, was eine große Wirkung auf den Verbraucher­schutz und die Publikationen hatte, die sich um den Verbraucher­schutz bemühen. Während es zuvor galt, einen ›flüchtigen‹, unkritischen Verbraucher zu schützen, der sich nur oberflächlich und unreflektiert mit den Werbe­aussagen der Anbieter auseinandersetzt, wurde inzwischen die mutmaßliche Erwartung eines durchschnittlich informierten, aufmerksamen und verständigen Durchschnitts­verbrauchers zum Maßstab für den Schutz des Verbrauchers. Dabei wird der Konsument durchaus als Regulativ im Kräftespiel des Marktes verstanden. Medien leisten mit ihrer vergleichenden Bericht­erstattung über die Qualität von Konsumprodukten und Dienst­leistungen in der Regel einen Beitrag zur öffentlichen Meinungs­bildung im Sinne einer Verbraucheraufklärung, selbst wenn sich diese auf den Wettbewerb auswirkt. Qualitätsaussagen wie in vergleichenden Warentests müssen jedoch nach den gerichtlich überprüfbaren Verfahrens­grundregeln der Neutralität, Objektivität und Sachkunde aufgestellt worden sein.

Die teilweise starke Kritik vor allem an der Konsumgüterindustrie und am Einzelhandel macht den Nutzwert­journalismus zum einen zu einem hochsensiblen Bereich, gegen den sich die Industrie eher in einer Abwehrhaltung positioniert. Zum anderen nehmen qualitativ und quantitativ die Einflüsse von Public Relations und Lobbying zu, die auf personell zunehmend geschwächte Redaktionen treffen. Im Nutzwert­journalismus haben solche Einflüsse eine größere Relevanz für die Rezipienten als in anderen Journalismus­typen, da hier stets Themen behandelt werden, die sich direkt an der Handlungs­welt der Rezipienten orientieren. Es existieren zwar für den gesamten Journalismus Normen und Kontroll­gremien, die die Redaktionen vor Einflüssen schützen sollen, doch zeigen die zahlreichen dokumentierten Fälle von Schleich­werbung die Grenzen ihrer Wirksamkeit. Da die kommerziellen Vorteile vor allem für die werbevtreibenden Unternehmen, die PR-Branche und die Medien­unternehmen die Nachteile bei Weitem zu überwiegen scheinen, stellt die werbliche Einflussnahme durch PR insgesamt eine überaus attraktive Möglichkeit zur Steigerung des wirtschaftlichen Erfolgs dar.

Funktionalität des Nutzwert­journalismus

Die Funktionen des Nutzwert­journalismus lassen sich unterteilen in Funktionen erster Ordnung, die sich direkt im journalistischen Beitrag manifestieren und weitgehend überschneidungs­frei sind, und solche zweiter Ordnung, die als resultierende Funktionen mehrerer Funktionen erster Ordnung erscheinen. Sie sind, wie der gesamte Nutzwert­journalismus, ausgerichtet auf das praktische Leben des Rezipienten. Die nutzwert­journalistischen Primär­funktionen sind die Anleitungs­funktion, die Appell­funktion, die (Problem-)Diagnose­funktion, die Problemlösungs­funktion und die Warn­funktion. Die Anleitungs­funktion hat zum Ziel, den Rezipienten in die Lage zu versetzen, Handlungen auszuführen. Es handelt sich dabei ganz überwiegend um praktische Handlungen, und nicht um rein kommunikative Handlungen oder geistige Aktivitäten. Die Appell­funktion fasst die Aufforderung, das Gebot und die Einladung zum Handeln zusammen und umfasst als negative Variante das Verbot. Aufforderungen beziehen sich auf etwas Prospektives. Die (Pro­blem-)Diagnose­funktion benennt Probleme. Entweder steht der Mensch vor der Aufgabe, Entscheidungen zwischen mehreren Wahlmöglichkeiten zu treffen, oder ein Problem ist gekennzeichnet durch die Abweichung eines Ist-Zustandes vom Optimum. Neben den Entscheidungs­problemen existieren Optimierungs­probleme. Der Nutzwert­journalismus vermittelt unter anderem Wissen über Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten sowie über die Lösungen von Problemen. Dabei sind Lösungen sowohl für wohldefinierte als auch für nicht wohldefinierte Probleme möglich. Probleme lassen sich mit algorithmischen und heuristischen Methoden lösen. Eine typische Umsetzung einer algorithmischen Problemlösung ist das Rezept. Neben der Präsentation algorithmischer Lösungs­wege lösen Journalisten unklare Probleme heuristisch und stellen den gefundenen Lösungsweg oder den besten mehrerer gefundener Lösungs­wege für den Rezipienten als Algorithmus so dar, dass dieser zuverlässig ans Ziel gelangen kann. Bei einer Warnung wird ein kommender Schaden vorhergesagt, der aber noch gelindert oder verhindert werden kann, oder es wird eine Gefahr, ein schädigendes Ereignis, ausdrücklich benannt.

Die Sekundärvfunktionen des Nutzwert­journalismus ergeben sich aus dem Zusammenspiel mehrerer Primär­funktionen. Als Funktionen zweiter Ordnung können unterschieden werden: die Beratungs­funktion, die Verbraucher­schutz­funktion, die Surveillance-Funktion und die Service­funktion. Die Beratung stellt allgemein eine Handlung dar, die von einer Asymmetrie der Wissens­verteilung zwischen Berater und Ratsuchendem charakterisiert und von der Vermittlung von Information geprägt ist. Typischerweise behandelt eine Beratung Entscheidungs­probleme des Ratsuchenden. Verbunden ist sie häufig mit Anleitungen des Ratgebers. Ratschläge oder Empfehlungen sind charakterisiert durch Freiwilligkeit und eine geringe Verbindlichkeit. Die Verbraucher­schutz­funktion erfüllt als Hauptaufgabe die Vermittlung von Informationen zum Verbraucher­schutz. Klassische Themenbereiche der Verbraucherbericht­erstattung sind Marktberichte, Produkt- und Dienst­leistungs­informationen sowie Fragen des Verbraucherrechts inklusive der entsprechenden Gerichtsentscheidungen und der Anstrengungen der Verbraucherorganisationen. Verbraucher­schutz ist hier als die Intention der Kommunikatoren zu verstehen und nicht bereits als das Ergebnis der journalistischen Bemühungen. Unter Surveillance kann generell die Beobachtung und Kontrolle der Umwelt verstanden werden. Das Individuum nimmt seine eigene Umwelt wahr und nutzt die empfangenen Informationen dazu, die eigene Position in der Umwelt zu bestimmen und die eigenen Handlungen darauf abzustimmen. Surveillance muss als ein hochkomplexes Geschehen angesehen werden, bei dem unter anderem der aktuelle Wissens­vorrat, diverse Kompetenzen, Emotionen, Einstellungen, Stimmungen, physiologische Zustände sowie die Bereitschaft zur Informations­aufnahme eine Rolle spielen. Der Nutzwert­journalismus bezieht seine Surveillance-Funktion auf alle Bereiche des Alltags, Berufs, der Familie und der Freizeit. Nutzwert­journalistisch vermittelte Informationen können die Menschen allgemein für den sozialen Vergleich verwenden. Die Medieninformationen können auch ex post zur Überprüfung des eigenen Handelns dienen. Sie dienen aber auch dazu, das Wirtschafts- und das politische Geschehen aus der Rezipienten- und Konsumentenperspektive einzuordnen. Selbst wenn die Publikationen diese Einordnung nicht explizit vornehmen und benennen, interpretieren diese die einlaufende Information stetig in dieser Weise. Damit haben nutzwert­journalisti­sche Beiträge einen relevanten Anteil an der allgemeinen Meinungs- und Willens­bildung in der Demokratie. Die Service­funktion ist die Leistung im redaktionellen Teil einer Publikation, mit der sie dem Rezipienten umsetzbare, nützliche Informationen liefert. Zuweilen wird Service als Synonym für den Nutzwert­journalismus verwendet. Die vorliegende Arbeit bezeichnet mit Service kurze Darstellungs- oder Präsentations­formen nutzwert­journalisti­scher Bericht­erstattung. Diese sind Bestandteile des redaktionellen Angebots einer Publikation und können alle nutzwert­journalisti­schen Funktionen erfüllen.

Theoretischer Kontext

Die vorliegende Arbeit will Theorieanschlüsse für den Nutzwert­journalismus identifizieren und diese gegebenenfalls für eine weitere wissenschaftliche Behandlung nutzbar machen. Für die beiden bisher vor allem betrachteten Theoriebereiche der Handlungs­theorien und der Systemtheorien ist zu konstatieren, dass Erstere mit ihrer derzeitigen Schwerpunktsetzung auf das Handeln der journalistischen Akteure für einen rezipienten­orientierten Kommunikations­sektor wie den Nutzwert­journalismus keine brauchbare Grundlage darstellen. Die System­theorien dagegen verzichten, in ihrer reinen Auslegung, völlig auf Personen und somit die Rezipienten, oder das Publikum wird lediglich indirekt in die Betrachtung einbezogen. Auch die Verbindung beider Theoriebereiche würde bei derartig fundamentalen Defiziten nicht fruchtbar sein, um ein geschlossenes Theoriegebilde zu errichten. Die Medienrezeptions­forschung nimmt zwar eine rezipienten­orientierte Perspektive ein, bezieht sich jedoch seltener auf journalistische als auf nicht journalistische Medieninhalte und Einzelmedien. Die vorliegende Arbeit hat die Ergebnisse der Medien­psychologie gezielt im journalistischen Kontext betrachtet. Bei der Medienrezeption laufen eine Fülle nur zum Teil verstandener Prozesse im Individuum ab, bevor beobachtbares Verhalten entsteht. Zu berücksichtigen sind neuroanatomische Aspekte, Fragen der Gedächtnisleistung, Vigilanz und Aufmerksamkeit, verschiedene Modi der Informations­verarbeitung und der Gebrauch von Repräsentationen sowie die Einflüsse von Emotion, Gefühl und Stimmung auf Planen, Handeln und das Lösen von Problemen. Ferner beeinflussen individuelle Voraussetzungen, die Persönlichkeit, Kompetenzen des Rezipienten, geschlechtsspezifische Unterschiede und Aspekte des kognitiven Alterns die Medienrezeption als Teil des Kommunikations­prozesses (sowie selbstverständlich die Produktion journalistischer Aussagen). Es handelt sich um hochkomplexe Vorgänge im Gehirn des Menschen, deren Verständnis gerade erst ansatzweise begonnen hat.

Ausgehend von den Ansätzen und Befunden wird ein integratives Konzept zur Funktionalität des Nutzwert­journalismus umrissen, zu dem in einzelnen Bereichen verschiedene theoretische Zugänge möglich sind. Auf der Mikroebene wird in diesem die Kommunikatorabsicht auf der Produktions­seite mit den Verwertungs­zielen der Rezeptions­seite verbunden. Dort sind nutzwert­journalistische Funktionen – Anleitung, Aufforderung, Problemdiagnose und -lösung sowie Warnung – verortet, die mit theoretischen Ansätzen der Medien­wirkungs­forschung und Medien­psychologie in einen Begründungs­zusammenhang gestellt werden können. Während auf der Kommunikator­seite für das journalistische Handeln Ansätze der Handlungs­theorien und aus der Ethik Anknüpfungs­punkte bieten, können gesellschaftliche Funktionen wie die Verbraucher­schutz­funktion sowie die Einflussnahme durch PR systemtheoretisch erklärt werden. Die Diskurstheorie verbindet das journalistische Handeln als kommunikatives Handeln mit dem massenmedialen System, wobei der Journalist als Anwalt handelt, der gesellschaftliche Diskurse vermittelt. Die gesellschaftlich relevanten Funktionen des Verbraucher­schutzes, die der Warnung und der Surveillance sowie die Informations­leistungen für das Wirtschafts­system können dem Nutzwert­journalismus als Legitimations­grundlage dienen.

Definition des Nutzwert­journalismus

Die Auswertung der aktuellen Forschungslage, der theoretischen Herleitungen und der empirischen Analysen führt zu einer Definition des Nutzwert­journalismus, die diesen als eine Ausprägung des Journalismus innerhalb eines funktional ausgerichteten, von journalistischen Akteuren geprägten Handlungs- und Sinnzusammenhangs bestimmt. Sie berücksichtigt einzelne und in Kollektiven auftretende Rezipienten als existent. Der Nutzwert­journalismus ist geleitet von der Intention der Journalisten, Kommunikations­angebote an die antizipierten Rezipienten zu machen, die diese als unterstützend, anwendbar und/oder umsetzbar im individuellen praktischen Leben interpretieren. Die Intention ist dabei geprägt von den vermuteten oder belegten Erwartungen der Rezipienten. In den Publikationen ist die journalistische Intention als dominierende Kommunikations­absicht manifestiert und mit einer oder mehreren der grundlegenden nutzwert­journalistischen Funktionen verbunden. Der Nutzwert­journalismus tritt in allen Mediengattungen auf, ist thematisch universell und manifestiert sich in einer Vielzahl verschiedener Darstellungs- und Präsentations­formen. Unschärfen bei der Abgrenzung zu anderen Ausprägungen des Journalismus können auftreten, wenn nicht genau bestimmt werden kann, ob die nutzwert­journalistische Intention einen Beitrag dominiert oder nicht.

In diesem Kontext kann man beim Nutzwert­journalismus dann von einer gelungenen Kommunikation sprechen, wenn der Rezipient ein in seinen Augen vorteilhaftes, mit der Medien­rezeption korrelierendes Ergebnis praktischen Anschluss­handelns erreicht hat, das mit der Intention des Kommunikators übereinstimmt.

Für die Wissenschaft wurde mit dieser Definition des Nutzwert­journalismus ein bisher wenig behandelter Gegenstand genauer konturiert. Mit der Pointierung medienpsycholo­gischer Befunde kann ein inspirierender und interdisziplinärer wissenschaftlicher Integrations­prozess fortgeführt werden. Für den praktischen Journalismus kann die Arbeit eine Grundlage bieten, auf der er sich anhand der formulierten Funktio­nen und mithilfe des operationalisierten Nutzwert­konstrukts weiter untersuchen lässt. Es könnte lohnens­wert sein, medienpsycholo­gische Ergebnisse in Überlegungen zur Neugestaltung nutzwert­journalistischer Präsentations­formen einfließen zu lassen.

Wenn sich das Berufsfeld des Nutzwert­journalismus professionalisiert, formiert oder institutionalisiert und die bisher weitgehend fehlende Aus- und Weiterbildung im Bereich Nutzwert­journalismus – unter strikter Trennung der Kommunikations­bereiche Journalismus und Public Relations – angeboten wird, wird dies positive Auswirkungen auf die Leistungs­fähigkeit der gesellschaftlichen Funktion des Journalismus insgesamt haben.