6.1 Systemtheorien

Ausgangspunkt für verschiedene Systemtheorie-Strömungen in der Soziologie war die Autopoiesis-Konzeption des Biologen Humberto R. Maturana (*1928).328 Sie stellt die Selbst­organisation – anders als Selbst­organisations­theorien in anderen Natur­wissenschaften – als Entstehung von Ordnung aus Ungleich­gewichts­prozessen dar und bezeichnet eine konservative Prozess­organisation von Lebewesen. Autopoietische Systeme sind allgemein definiert als rekursiv und operational geschlossen, d. h. die Selbst­erzeugung wird durch Rückkopplungsschleifen mit einer Eigen­gesetzlichkeit und ohne Korrektur von außen ermöglicht. Sie sind informatorisch geschlossen, mit der Umgebung geschieht kein Informations­austausch. Physikalisch sind die Systeme offen und tauschen Stoffe mit der Umgebung aus, biologisch dagegen sind sie geschlossen – es besteht keine Umweltselektion (Irrgang 1993: 148, 165).

Die soziologischen Systemtheorien weisen einen hohen Abstraktionsgrad auf, der ihre Generalisierbarkeit erhöht, die Nach­vollziehbarkeit jedoch erschwert. Über ihr tatsächliches Erklärungspotenzial herrscht Dissens. Die Vielzahl von Möglichkeiten, Systeme zu entwerfen, hat eine Fülle von Systemtypologien zur Folge, die sich nach ihrem jeweiligen Erkenntniszweck unterscheiden (Saxer 2007: 85, 90; Donges et al. 2005: 114ff.; Kunczik/Zipfel 2001: 66ff.). Wird Journalismus als System aufgefasst, ohne dieses mit Selbst­referenz, Autopoiesis oder Konstruktivität näher zu bezeichnen, fungieren als Komponenten des Journalismus sowohl Akteure als auch Strukturen, sowohl Subjekte als auch (Sub-)Systeme, sowohl Kognitionen als auch Kommunikationen, sowohl Handlungen als auch Entscheidungen (Weber 2000: 49).

Durch funktionalistische Methoden fundierte Systemkonzeptionen sind seit den 1960er-Jahren vor allem als funktional-struktureller Ansatz nach Arbeiten von Niklas Luhmann (*1927 †1998) in die Kommunikations­wissenschaft eingeführt worden (Rühl 1969/1987; Irrgang 1993: 75). Als Radikalisierung bestimmter Annahmen des funktional-strukturellen Ansatzes (vgl. Jarren/Donges 2002: 53ff.) bildet in primär selbst­referenziellen Systemen nach Luhmann Kommunikation das Grundelement sozialer­ Systeme (vgl. ausführlich Donges et al. 2005: 114ff.; Schütz­eichel 2004b: 243ff.). Sie sind geschlossen, indem ihre Operationen immer auf das System selbst verweisen, und zugleich offen, indem sie in struktureller Kopplung zu anderen Systemen (in ihrer Umwelt) Kommunikationen aus ihrer Umwelt aufnehmen und verarbeiten können. Das System erzeugt sich kontinuierlich selbst (Autopoiesis; vgl. Luhmann 1997: 65ff.). Mit der Leitdifferenz, einem binären Code, unterscheidet das System zwischen sich und der Umwelt; Programme strukturieren dem binären Code entsprechend das System. Kommunikation wird als stets vollziehbare Operation der Systeme vom psychischen Referenzsystem, dem Menschen, abgelöst. Stattdessen etabliert Luhmann mit der Autopoiesis von Systemen die Beobachtung zweiter Ordnung, die Rückschlüsse auf das eigene Tun zulässt.329 Selbst in komplexen Sozialsystemen ist das Subjekt Luhmann’scher Prägung lediglich Umwelt. Es wird eine konsequente Beobachter­perspektive etabliert und die Vorstellung verworfen, die Aufgabe der kognitiven Systeme läge in der Repräsentation der Außenwelt. Die Existenz von Träumen und die Fähigkeit von Selbst­reflexion sowie die Antizipation der Zukunft können beim Menschen als Zeichen der geistigen Emanzipation gewertet werden (Irrgang 1993: 71ff., 148ff.).330

Mit Systemtheorien häufig verbunden ist die Denkschule des Kon­struktivismus, die realistische Konzepte von Wahrnehmung ablehnt und objektive Erkenntnis für prinzipiell unerreichbar hält (Pörksen 2005: 177). Danach stehen alle Medien als Instrumente kognitiver wie kommunikativer Wirklichkeitskonstruktionen bereit und werden genutzt. Wirklichkeit ist, was die Menschen in einer von Massenmedien geprägten Gesellschaft über den Mediengebrauch als Wirklichkeit kons­truieren, was sie daraufhin glauben, wie sie danach handeln und kommunizieren. Der Wirklichkeitsbegriff wird dabei kontextualisiert im Rahmen pragmatischer Operationen, die Zahl der Wirklichkeits­modelle ist groß (Schmidt, S. J. 1994: 17f.). Die radikale Form, bei der ausnahmslos jede Wirklichkeitsbeschreibung als Konstruktion anzusehen ist, wird als ohne empirischen Gehalt kritisiert (Weber 2000: 43; Saxer 1992: 179) und weist mit der Betonung der Subjektabhängigkeit menschlicher Wirklichkeits­konstruktionen eine große Nähe zur philosophischen Erkenntnistheorie auf (Irrgang 1993: 176). Weil der Radikale Konstruktivismus die organisatorische und gesamt­gesellschaftliche Ebene nicht ins Visier bekommt, ist er als Erkenntnisinstrument der journalistischen Berufskultur wenig geeignet; lediglich moderate konstruktivistische Positionen könnten ertragreich sein. Indem der Radikale Konstruktivismus das Postulat (journalistischer) Objektivität331 aufgibt, kann er laut Saxer (1992: 180ff.) in der Praxis als Rechtfertigung für »journalistischen Schlendrian im Umgang mit Fakten« dienen.

Als dominantes Strukturierungsmodell hat sich die Systemtheorie in der funktional-strukturellen Ausprägung Luhmanns in der Journalismus­forschung in den 1990er-Jahren durchgesetzt. Mit dem Typus selbst­referenzieller Kommunikations­systeme lassen sich auf der Makroebene die Publizistik und die sogenannte ›Medien­gesellschaft‹ und auf der Mesoebene Strukturen und Programme des Journalismus332 beschreiben (Saxer 2007: 90f., 102f.). Innerhalb der Systemtheorie werden für verschiedene Referenzbereiche (Publizistik, Journalismus, Massenmedien, Öffentlichkeit) sowie für journalistische Funktionen binäre Codes333 konstituiert: informativ vs. nicht informativ, veröffentlicht vs. nicht veröffentlicht,334 mehrsystem­zugehörig vs. nicht mehrsystem­zugehörig, programmiertes Programm vs. kein programmiertes Programm, medial vs. nicht medial, mediatisiert vs. nicht mediatisiert (Weber 2000: 52ff.; Rühl 2000: 77f.), aktuell vs. nicht aktuell, profitabel vs. nicht profitabel sowie »alle Nachrichten­faktoren« (Weber 2000: 59).

Die Codes markieren jedoch jeweils nicht überschneidungsfreie Systeme: So passen Public Relations und Propaganda mindestens teilweise ebenfalls genau wie Journalismus in ein System, das dichotom zwischen aktuell und nicht aktuell unterscheidet und als primäre Funktion die aktuelle Konstruktion von Information aufweist. Hier müsste zusätzlich mindestens Objektivität als Sekundärcode angewendet werden.335 Die Aussagen militärischer Nachrichten­dienste können ebenso als Information codiert werden wie fiktionale Aussagen (Haller 2000: 117f.). Zur Steuerung konkreter Operationen lassen sich unterhalb der Ebene der Leitdifferenz Sekundärcodes (wie: Nachrichten­faktoren) benutzen, die systemimmanente Erfahrungen und Aufmerksamkeitserfolge beim potenziellen Publikum berücksichtigen. Auch lassen sich publizistische Subsysteme (Sport-, politische, Wissenschafts­publizistik) anhand sachlich spezialisierter Sekundärcodes charakterisieren und in Programmen regeln (Marcinkowski 1993: 69f.). Die System­theorie unterscheidet allerdings nicht zwischen verschiedenen (technischen) Medien innerhalb des Journalismus. Der Code ›aktuell vs. nicht aktuell‹ liefert somit im Medien­vergleich keine klare Unterscheidung, wenn etwa ein Fernseh­programm (Weischenberg 2005: 277) oder (nicht journalistische) Foreneinträge und Blogs im Web aktueller sind als eine Tages- oder Wochenzeitung oder wenn im technisch beschleunigten Buchgeschäft (Book on Demand, E-Book) ein Buch das Publikum schneller erreichen kann, als es eine Vierteljahres­zeitschrift tut.

Auf den Nutzwert­journalismus angewendet, erscheint zunächst ein (Sekundär-)Code ›nützlich vs. nicht nützlich‹ denkbar, der allerdings einen empirischen Beleg für (erfolgten) Nutzen beim Rezipienten erfordert, indem dieser durch die praktische Umsetzung des journalistischen Beitrags eine als positiv empfundene Veränderung erfährt; insofern stellt er eine Wirkkategorie dar. Besser könnte man den Code ›Nutzen intendiert vs. nicht intendiert‹ (siehe Arbeitsdefinition Kapitel 1.4) verwenden. Die entsprechende Operation würde (vorhandene) Informationen ohne Nutzwertintention in solche mit Nutzwertintention umwandeln. Doch die Intention ließe sich schwerlich abstrakt Elementen des Systems zuordnen, die nicht psychische Systeme, also Menschen, sind. Stattdessen müsste die Intention mit journalistischen Subjekten in Verbindung stehen sowie mit deren Indi­vi­du­al­­er­fah­run­gen,­ die sie mit der Nützlichkeit ihrer Publikationen bei Rezipienten gemacht haben. Zudem können neben journalistischen auch PR-Publikationen sowie Werbung nützlich intendiert sein.

Auf der einen Seite befreit die Systemtheorie, indem sie ohne Personen auskommt, die Journalismusforschung von ihrer Bindung an Tätigkeit und Berufsrolle des Journalisten, auf der anderen Seite wird redaktionelles Handeln als Ursprung der Strukturbildung einer Redaktion kaum berücksichtigt (Wyss et al. 2005: 304). Für die Untersuchung von Redaktionshandeln bietet die Systemtheorie aber einen brauchbaren Ansatz (Saxer 2007: 88). Auf der Grundlage der funktional-strukturellen Systemtheorie kann die Redaktion als organisiertes soziales System entworfen und können Organisations-, Arbeits- und Entscheidungs­programme identifiziert werden, an denen Journalisten ihr Handeln ausrichten und mit denen sie durchsetzungs­fähige thematisierte Mitteilungen zur öffentlichen Kommunikation bereitstellen (Rühl 2007: 130ff.; Wyss et al. 2005: 303). Der Systembegriff kann dabei, eng und geschlossen ausgelegt, die Redaktion als soziales System von Verlag, Publikum, Technik und handelnden Personen abgrenzen (Manfred Rühl) oder Journalismus als heterogenes Bündel von Personen, Organisationen und Institutionen verstehen (Hans Mathias Kepplinger; Löffelholz 2003: 38). Auch für die Ressortbildung, etwa des Ratgeber- oder Serviceressorts in Tages­zeitungen (siehe Kapitel 2.5), bietet dieser Ansatz taugliche Aspekte.

Der Rezipient als Individuum und das Publikum als Kollektiv werden jedoch vernachlässigt (vgl. u. a. Weischenberg 2005: 272). Auch wenn Weber (2000: 65f.) Journalismus als soziales System definiert, beschreibt er Entscheidungen, Handlungen und Kommunikationen von Akteuren und in Organisationen ausschließlich für den Bereich der journalistisch Tätigen. Das Publikum platziert Weber (2000: 57ff.) in einem Ordnungsvorschlag als ein Subsystem von Öffentlichkeit innerhalb eines Systemfelds ›Medien­kommunikation‹ und neben das Subsystem ›Journalismus‹ und andere publizistische Subsysteme. Als symbolisch generalisiertes Kommunikations­medium benennt er Aufmerksamkeit mit den Codes ›aufmerksam vs. nicht aufmerksam‹ und ›aktuell vs. potenziell‹; der letztgenannte Code ermöglicht eine Unterscheidung zwischen tatsächlichem und potenziellem Publikum. Die primäre Funktion des Publikums beschreibt Weber als Nutzung journalistischer Medien­angebote und Beobachtung des Journalismus. Weber möchte mit dem Vorschlag ausdrücklich nicht die tatsächliche Existenz eines Publikums behaupten.

Mit dem Konstrukt ›Situation‹ können handelnde Personen indirekt in die Systemtheorie integriert werden:336 Als Realitätsausschnitte, die von Handelnden bestimmt werden, sind Situationen für Kommunikations­strategien und sonstiges Handeln konstitutiv; hinzu kommen materielle, räumliche, zeitliche und soziale Gegebenheiten. Situationen können vorwiegend von Institutionen geprägt sein (Beispiel: politische Wahlen von Parteien) oder ihren Ursprung in der Perzeption durch Personen haben; in als bedrohlich oder riskant wahrgenommene Situationen können Akteursvariablen und -handeln einfließen. Die beteiligten Faktoren sind vielgestaltig und häufig flüchtig (Saxer 2007: 100ff.). In diesem Kontext ließe sich eine Verbindung zum Nutzwert­journalismus ziehen, wo er mit seiner Beratungs- und Problemlösungsfunktion auftritt. Wenn die Systemtheorie jedoch einen Bezug zum Publikum und den Bedürfnissen der Rezipienten (nur) über den Typus des situations­referenziellen Kommunikations­systems schaffen kann, weist sie sich wiederum nicht als prädestinierte Theorie zur Erklärung nutzwert­journalistischer Phänomene aus.

Die Anwendung der Systemtheorie auf der Mikroebene gelingt nur selten. So lässt sich die Geschichte des Genres als Abfolge überlieferter medialer Lösungen publizistischer Aufgaben interpretieren, bei der Medien als problemlösende und -schaffende Systeme mit institutionali­sierten Abgrenzungen konzipiert werden (ebd.: 94f.).

Insgesamt wird die Luhmann’sche Systemtheorie als teilweise begrifflich inkonsistent und unpräzise kritisiert, sie gilt als empirisch nicht überprüfbar (Kunczik 2001: 82ff.) und ihre Brauchbarkeit für die Erklärung von Publizistik oder Journalismus als erheblich gemindert (Saxer 2007: 88). Die Kritik an Systemtheorien bezieht sich vor allem darauf, dass Personen als Träger von Kommunikation darin ausgeschlossen und die Relevanz der Journalisten für den Vollzug journalistischer Handlungen unterschätzt werden. Weiter werden durch die strenge Geschlossenheit des Systems Verschränkungen zwischen medien­spezifischen, etwa ökonomischen, und journalistischen Prozeduren ausgeblendet. Die Dichonomie von System und Subjekt verkürzt handlungs­theoretische Ansätze auf die Mikrostruktur; die soziale Struktur bleibt unberücksichtigt. Zudem fehlen kulturelle und geschlechter­spezifische Aspekte (Saxer 2007: 88; Löffelholz 2003: 38; Löffelholz 2000: 55).

Allein das Konzept der Autopoiesis führt durch seinen binären Charakter dazu, dass es empirisch nicht prüfbar ist. Die Dichonomie weiterer zentraler system­theoretischer Kriterien (Rekursivität, Selbst­steuerung und -organisation, Selbst­referenz) erschwert die Erklärbarkeit und Beschreibbarkeit empirischer Phänomene zusätzlich (Weber 2000: 37f., 79ff.). Wird der empirische Journalismus dennoch untersucht, tritt der Verdacht auf, dieser würde geradezu als zur System­theorie passendes Journalismus­system konstruiert, denn einige konstitutive Aspekte des (praktischen) Journalismus werden durch die System­theorie nicht berücksichtigt, insbesondere medien- und genre­spezifische Faktoren, für die nicht das Journalismus­system, sondern wiederum Subjekte relevant sind. Außerdem stellt journalistisches Handeln ein Konglomerat verschiedener Routinen und Programme dar, mit dem nicht bloß die Komplexität des Systems reduziert werden soll, sondern das als Kommunikations­leistung des Journalismus auf eine Verständigung mit und (weiter gehend) ein Verständnis bei einem Publikum ausgerichtet ist (Haller 2000: 113ff.).337 Das Verstehen als ein basales Selektions­kriterium (neben Information und Mitteilung) ist aber in der Systemtheorie nur dann sinnvoll, wenn Körper und Bewusstsein von Akteuren einbezogen werden, was gegen den Ausschluss psychischer Systeme in der Systemtheorie spricht (vgl. Raabe 2000).338

Die Systemtheorie ist von einer zeitlichen Entwicklung weitgehend entkoppelt (Weber 2000: 79ff.). Während der Journalismus theoretisch als auto­poietisches System beschrieben wird, ist gleichzeitig empirisch Entgrenzung zu beobachten. Allerdings zeigen empirische Studien, dass die beobachtbaren Entgrenzungen des Journalismus moderat ausfallen und sich Journalismus weiter funktional etwa zu Public Relations oder Werbung abgrenzen lässt (Loosen 2007: 66). Zudem wird diskutiert, ob manches, was als Entdifferenzierung beobachtet wird, nicht doch eine zunehmende Differenzierung oder Redifferenzierung darstellt (ebd.: 75f.). Evolutive Vorgänge werden mit der Systemtheorie so erklärt, dass sich der Organismus als dynamisches System vor dem Hintergrund der Strukturkopplung zwischen Organismus und Milieu durch eine Änderung der Selbst­organisation anpassen kann, solange dadurch nicht die Strukturkopplung zerstört wird. Wenn nur die Anpassung und die Autopoiesis erhalten bleiben, bleibt der Organismus in seiner dauernden Strukturkopplung zur Umwelt bestehen. Entwicklung und tatsächliche oder scheinbare Zielgerichtetheit (Teleonomie) stellen in diesem Verständnis Beschreibungs­kategorien auf der Beobachter­seite dar (Irrgang 1993: 167f.). Auf der Ebene der menschlichen Gesellschaften wird die Evolution auf die Funktionsweise und die Differenzierung von Kommunikations­formen zurückgeführt; Variationen und Selektionen der Kommunikations­formen sowie die Restabilisierung von Strukturen des sozialen Systems sind die zugrunde­liegenden evolutionären Mechanismen (Schützeichel 2004b: 287). Die Emergenz von Systemen lässt sich derart nicht darstellen.

Spachmann (2005: 137ff.) nutzt das system­theoretische Instrumentarium und beschreibt den Wirtschaftsjournalismus als eigenständigen Bereich innerhalb des Journalismus mit struktureller Kopplung zum Wirtschaftssystem, der spezifische Strukturen und Leistungen hervorbringt, sowie mit weiteren Umwelten. Die forschungspraktisch sinnvolle Berücksichtigung journalistischer Akteure realisiert Spachmann über eine als Selbst­beobachtung deklarierte Befragung von Wirtschafts­journalisten. Mit der Setzung mehrerer Umwelten verlässt er das Credo autopoietisch geschlossener Systeme, mit dem das System von der einen Umwelt abgegrenzt wird, die es zudem genau genommen gar nicht erfahren kann. Zu den externen Umwelten gesellt Spachmann eine innere Umwelt, in die er das Publikum innerhalb eines übergeordneten Öffentlichkeits­systems platziert.339 Service­journalismus (als Spezialisierung von Wirtschafts­journalismus) gewinnt seine Identität durch die Orientierung an diesem Publikum. Thematische Bereiche wie Gesundheit, Bildung oder Intim­beziehungen, die der Ratgeberjournalismus für sein Publikum behandelt und für die er ihm Handlungs­optionen eröffnet, modelliert Spachmann als Sozialsysteme,340 die funktional auf gesellschaftliche Probleme (kollektive Inklusions­mechanismen) oder individuelle Probleme (individuelle Inklusions­mechanismen) ausgerichtet sind und wiederum der äußeren Umwelt des Journalismus angehören.

Die system­theoretisch bedingte Trennung von Publikum und individuellen wie gesellschaftlichen Themen in verschiedene Umweltbereiche des Journalismus mindert jedoch die Erklärkraft dieses Modells erheblich, wenn Nutzwert­journalismus oder seine Ausprägungen Service- und Ratgeberjournalismus sich einerseits am Publikum orientieren und andererseits gesellschaftliche Probleme behandeln sollen. Die Schwäche von Systemtheorien allgemein auf der analytischen Mikroebene wird hier deutlich. Indem das Publikum die eher passive Rolle als bloßer Beobachter des Journalismus und Empfänger journalistischer Leistungen zugewiesen bekommt, wird gerade die für die Funktionen des Nutzwertjournalismus wichtige Kontextualisierung des Rezipienten entscheidend vernachlässigt, z. B. den Leser in seiner Rolle als Steuerzahler, den Zuschauer in seiner Rolle als Konsument von Wirtschafts­gütern, den Zuhörer in seiner Rolle als Erzieher in der Familie zu betrachten. Anders als dies beim Wirtschafts­journalismus möglich ist, der überwiegend auf das Wirtschaftssystem orientiert ist und seine Themen dort – traditionell ohne Publikumsbezug – bezieht, lässt sich also für den Nutzwert­journalismus eine derartige Systemaufstellung nicht zielführend modellieren.

Der Diskurs und vor allem die aufgezeigten Kritikpunkte machen deutlich, dass sich mit der Systemtheorie allein ein journalistischer, historisch seit Jahrhunderten etablierter Bereich wie der Nutzwert­journalismus nicht adäquat beobachten lässt, zumal wenn »Journalismus (nur) durch Anschluss an Selektionen anhand von Nachrichten­wert identifizierbar ist« (Weischenberg 2005: 280). Vor allem das Ausblenden des für den Nutzwert­journalismus konstitutiven (potenziellen) Publikums, auf das das Wollen und Handeln der journalistischen Akteure ausgerichtet ist, und das Verhaften in der Tradition des Nachrichten- oder Informations­journalismus behindert ein system­theoretisches Aufschließen dieses Journalismustyps in einer Form, die für den Nutzwert­journalismus Tatbestände erklärt, Sachverhalte ordnet oder Vorhersagen ermöglicht.


328 Grundsätzlich ist zu fragen, ob Leben (im Autopoiesis-Konzept nach Maturana) und Kognition mit der Grundlage des Nervensystems überhaupt vergleichbare Prozesse der selbst­referen­zi­el­len­ Organisation darstellen und inwiefern der Autopoiesis-Begriff daher für biologische Systeme reserviert bleiben sollte oder auf soziale Systeme (Luhmann) ausgeweitet werden kann (Irrgang 1993: 178f.).

329 Siegfried S. Schmidt unterscheidet einen externen vom internen Beobachter, die beide überschneidungsfrei im Gehirn realisiert seien (Irrgang 1993: 176). Das widerspricht jedoch neurobiologischen Erkenntnissen, denen zufolge eine Trennung kognitiver Prozesse im Gehirn nach diesem Schema als sehr unwahrscheinlich anzusehen ist.

330 Anders als bei Luhmann kann bei Maturana der Beobachter in seiner Erfahrung nicht zwischen Wahrnehmung und Illusion unterscheiden (Irrgang 1993: 75).

331 Die journalistische ›Objektivität‹ kann man vielleicht am ehesten als eine gesellschaftlich vereinbarte Norm darüber verstehen, wie Journalisten Ereignisse wahrnehmen und Nachrichten verarbeiten, sodass sie dem Publikum Wirklichkeits­konstruk­tionen anbieten, die dieses entsprechend der Norm als objektiv wahrnehmen kann (vgl. Burkart 2002: 310).

332 Im Mesobereich half die Systemtheorie beispielsweise, Gatekeeping nicht bloß als Ergebnis persönlicher Präferenzen des Nachrichten­redakteurs zu sehen, sondern die institutionell-organisato­rische Umwelt und rückgekoppelte Lernprozesse mit einzubeziehen (Saxer 2007: 92).

333 Die binäre Charakteristik der Codes resultiert aus der sehr grundlegenden Unterscheidung von System und Umwelt. Grundsätzlich zu fragen ist jedoch, warum nicht eine Codierung mit mehr als zwei Einheiten diese Unterscheidung graduell ermöglichen soll. Stattdessen schlägt Luhmann primäre und sekundäre Codes zur Binnen­differenzierung vor (vgl. Marcinkowski 1993: 69).

334 Interessanterweise macht Marcinkowski (1993: 56f., 147) die Frage nach dem Kommunikationserfolg weithin bekannter oder als bekannt vorauszusetzender Sachverhalte mit dem Code ›Publizität‹ anhand eines Servicebeispiels deutlich: Befolgten alle Betroffenen eines Verkehrsstaus die veröffentlichte Umleitungs­empfehlung, müssten die Einzelnen Nachteile durch zusätzlich beanspruchte Zeit in neuen Staus erleiden. Somit kann nicht nur die Akzeptanz eines Themas als Kriterium für Kommunikations­erfolg gewertet werden, sondern auch die Umsetzbarkeit und der Handlungserfolg.

335 Weischenberg (2005: 279) schlägt für die empirische Ebene ebenfalls Zweitcodierungen vor, die allerdings Subsysteme des Journalismus identifizieren und eine Unterscheidung zur Unterhaltung ermöglichen sollen. Unterhaltung kann bei system­theoretischer Betrachtungs­weise als publizistisches Subsystem neben Public Relations und Werbung aufgefasst werden (Weber 2000: 56). Damit wird Unterhaltung als Genrekategorie gesehen. Anders versteht etwa Früh (2002) Unterhaltung als Rezipientenkategorie, als positiv erlebte Makroemotion.

336 Anders Spachmann (2005: 143): Dieser modelliert das Publikum als eine interne Umwelt des Journalismus.

337 Die Kritik des geringen Praxisbezugs ficht die Systemtheoretiker indes nicht an. Sie wähnen sich als Beobachter zweiter Ordnung auf einem »Hochsitz der Theorie« und meinen, die Theorie dürfe »nicht (allein) den Praktikern überlassen« werden (Weischenberg 2005: 272, 285). Der Herleitung Weischenbergs zufolge (ebd.: 271) muss sich der Verfasser der vorliegenden Arbeit ebenfalls den Praktikern zurechnen lassen.

338 Die Konstitution des Ich lässt sich system­theoretisch über die funktionale Selbst­referenzialität des Gehirns erläutern, mit der eigene Zustände rekursiv oder zirkulär interagieren. Das Ich stellt dabei keine eigene Instanz dar, sondern ist ein spezifisch hervorgehobener komplexer Zustand des Gehirns (Irrgang 1993: 178).

339 Luhmann (1996: 184f.) bezeichnet die Öffentlichkeit als gesellschafts­interne Umwelt der gesellschaftlichen Teilsysteme, aller Interaktionen und Organisationen (der Gesellschaft) und auch der gesellschaftlichen Funktionssysteme und der sozialen Bewegungen. Analog lässt sich ›Markt‹ als die wirtschafts­systeminterne Umwelt wirtschaftlicher Organisationen und Interaktionen und die ›öffentliche Meinung‹ als die politik­system­interne Umwelt politischer Organisationen und Interaktionen darstellen (ebd.). Das Publikum Spachmanns als innere Umwelt des Journalismus könnte vor diesem Hintergrund entsprechend als journalismus­system­interne Umwelt verstanden werden, wobei der Bezug zum Öffentlichkeits­system allerdings weiter unklar bleibt.

340 Andere modellieren Themen nicht als Systeme, sondern (a) als Elemente in Systemen oder (b) in deren Umwelt: (a) Der Beobachter zweiter Ordnung eines Systems kann Themen und Funktionen der Kommunikation unterscheiden (Luhmann 1997: 77). (b) Themen können als Sinnprovinzen in der Systemumwelt verstanden werden, die die Publizistik als journalistische Leistung für andere Teilsysteme bereitstellt (Marcinkowski 1993: 147).