6. Der theoretische Kontext des Nutzwertjournalismus

In den Nervensystemen des Menschen laufen zur Interpretation von Information325 komplexe Vorgänge ab, sodass auch Kommunikations­vorgänge nicht als ein schlichter Transport von Information vom Kommunikator über ein Medium zum Publikum verstanden werden können und auch mit der häufig zitierten Lasswell-Formel »Wer sagt was in welchem Kanal zu wem mit welchem Effekt« nicht brauchbar zu beschreiben sind. Vielmehr encodiert der Kommunikator Information mit all den ihm zur Verfügung stehenden neuronalen Funktionen, Fähigkeiten, Kenntnissen, Repräsentationen, Mustern sowie Fehlern, Makeln, Lücken und Defiziten als eine Bedeutung in ein Zeichenmuster, das über Medien zum Rezipienten gelangt. Auf dem Weg dorthin kann das Zeichenmuster einem Selektionsprozess unterliegen und seine Bedeutung kontextabhängig verändern; zum Beispiel kann Information in einem langsamen Medium an Aktualität verlieren oder gewinnen. Jeder einzelne Rezipient decodiert das Zeichenmuster mithilfe seiner Medien-, Sprach- und weiteren Kompetenzen und versieht es mit einer eigenen Bedeutung (Früh 2001: 22). Die jeweiligen Bedeutungen können vom Kommunikator und dem Rezipienten als identisch angesehen werden, sodass dann von einer gelungenen Verständigung gesprochen werden kann.

Vertreter verschiedener Disziplinen haben im Laufe des 20. Jahrhunderts versucht, mit Kommunikations­modellen aus jeweils unterschiedlicher Perspektive die Herstellung, die Übertragung, den Empfang und die Vermittlung von Information zu beschreiben (Übersichten liefern Bonfadelli 2005: 83ff. und Schützeichel 2004b: 22ff.).326 Journalismusforschung wird heute als integraler Forschungszweig der Kommunikations-und Medienwissenschaft verstanden (Löffelholz 2000: 29). Diese wiederum arbeitet trans- und interdisziplinär und integriert je nach ihren Gegenständen und Teildisziplinen Perspektiven und Befunde aus der Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaft (Pürer 2005: 173ff.) sowie aus der Politikwissenschaft, der Geschichtswissenschaft und der Psychologie (Vorderer et al. 2006: 307). Das Fach verwendet dabei einen verhältnismäßig kleinen Teil der aufkommenden Theorien. Nach einer Analyse deutschsprachiger kommuni­kations­wissen­schaftlicher Publikationen machen zehn von 153 verschiedenen Theorien, Ansätzen und Modellen im Umfang knapp die Hälfte aller Theoriebezüge aus.327 Am häufigsten wird die Systemtheorie erwähnt, nach 2002 mit nachlassender Intensität (Schäfer 2008: 78ff.).

Was die theoretischen Zugänge zum Journalismus angeht, werden im Wesentlichen drei Theoriebereiche herangezogen:

  1. Systemtheorien,
  2. Handlungs­theorien und
  3. Ansätze der Medien­wirkung, die in jüngster Zeit um Erkenntnisse aus der Medien­psychologie ergänzt werden.

Zur Analyse verschiedener Kommunikationen werden je nach Perspektive und Analyseziel system-, handlungs- und akteurs­theoretische Ansätze verwendet. Der Schwerpunkt system­theoretischer Ansätze liegt auf dem Verständnis eigenständiger, selbstbezogener Systeme und ihrer Interaktion zur Umwelt oder untereinander. Handlungstheoretischen Ansätzen liegt der Begriff des sozialen Handelns zugrunde. (Journalistische) Akteure handeln nach ökonomischen Erklärungsansätzen aufgrund einer rational begründeten Nutzenmaximierung oder – soziologisch begründet – aus den Bedingungen sozialer Normen und Rollen heraus. Akteurstheoretische Ansätze versuchen system- und handlungs­theoretische Perspektiven insofern miteinander zu verbinden, als die Akteure innerhalb von Systemen handeln, deren Strukturen, Regeln und Ressourcen begrenzende und ermöglichende Bedingungen schaffen (vgl. Jarren/Donges 2002: 78f.).

Die vorliegende Arbeit möchte den Bereich der Medien­wirkung um neuro­psychologische Ergebnisse erweitern und der Forderung Vorderers et al. (2006: 302, 311) nachkommen, die dort vorherrschende Dynamik aktiv und kritisch für die Kommunikations­wissenschaft nutzbar zu machen. In diesem Kapitel soll zunächst auf einer übergeordneten Ebene diskutiert werden, inwiefern die drei Theoriebereiche Erkenntnisse bereitstellen, die Tatbestände des Nutzwert­journalismus erklären, Sachverhalte ordnen oder Vorgänge vorhersagen können.

Die verschiedenen Theorien unterscheiden sich dabei in ihrer Reichweite, Komplexität, Kontextualität und Fokussierung. So unterschiedlich die Zugänge der einzelnen Theorien auch sind, sollen sie doch auf der Grundlage einfacher Grundannahmen allgemeine Gesetzmäßigkeiten erklären (Kepplinger 2000: 83). Erklärwert, Zirkelfreiheit, innere und äußere Widerspruchs­freiheit, Prüfbarkeit und Testerfolg sind dabei Merkmale, nach denen sich Theorien beurteilen lassen. Dabei spielt auch der Realitätsbezug eine Rolle. Während Idealisten die Existenz einer realen Welt bezweifeln, Skeptiker und Agnostiker ihre Erkennbarkeit, Relativisten ein Mindestmaß an Inter­subjektivität verneinen und radikale Konstruktivisten in aller Konsequenz alles zusammen, wird in der vorliegenden Arbeit ein Realismus zugrunde gelegt, wie er auch eine Grund­voraussetzung der Natur­wissenschaften darstellt. Jede Form von Realismus trifft ontologische (über die Existenz) und erkenntnis­theoretische Aussagen (über die Erkennbarkeit einer bewusstseins­unabhängigen Außenwelt; Vollmer 1987: 16, 34ff.). Verschiedene Ausprägungen von Realismen lassen sich nach Vollmer (ebd.: 35ff.) so charakterisieren: Dem naiven Realismus zufolge, der inzwischen als widerlegt gilt, gibt es eine Welt, die so beschaffen ist, wie sie die Menschen wahrnehmen. Während im kritischen Realismus eine Welt existiert, die nicht in allen Zügen so beschaffen ist, wie sie den Menschen erscheint, ist dem streng kritischen Realismus zufolge keine Struktur der realen Welt so, wie sie den Menschen erscheint. Im hypothetischen Realismus wird angenommen, dass eine reale Welt existiert, diese gewisse Strukturen aufweist und die Strukturen teilweise erkennbar sind; Anhänger des hypothetischen Realismus prüfen, wie weit sie mit diesen Hypothesen kommen; alle Aussagen über die Welt haben Hypothesecharakter (vgl. Irrgang 1993: 128). Im selbstkritischen Realismus als Folge des methodischen Zweifels (René Descartes, *1596 †1650) werden als Grundbedingungen formuliert, dass es einen Rückbezug menschlichen Wissens auf ein menschliches Subjekt geben muss und dass die Realität der Außenwelt zwar bezweifelt, aber vernünftiger­weise nicht vollständig geleugnet werden kann (ebd.: 43).


325 Information wird hier als unspezifischer Sammelbegriff verwendet und unterscheidet sich von der spezifischen Bedeutung einer Aussageeinheit mit Wissens- oder Bedeutungszuschreibung.

326 Mit der ursprünglichen Conduit-Metapher wird Kommunikation als Einpacken, Transportieren und Auspacken von Inhalten verstanden (Schützeichel 2004b: 20). Die Formel von Harold Lasswell und ihre Vorläufer (vgl. Kunczik 2001: 17f.) benennen vor allem die am Kommunikations­prozess beteiligten Elemente. Mit der Informations­theorie benennen Claude Shannon und Warren Weaver in einem linearen Kommunikations­prozess die En- und Decodierung und auftretende Unterschiede zwischen den Aussagen vor und nach der Codierung. Hier wird der linguistische Code-Begriff verwendet, der eine Zuordnungsregel darstellt; im Gegensatz dazu reguliert der kybernetische Code-Begriff der System­theorien Unterscheidungen (Schützeichel 2004b: 28). Im Kommunikations­modell von George Gerbner werden primäre und sekundäre Wirklichkeiten einbezogen und zwischen perzipierten, kommunizierten und rezipierten Ereignissen unterschieden. Paul Watzlawick und Kollegen stellen die Linearität früherer Modelle infrage: Rückkopplungen bestätigen den Kommunikator oder veranlassen ihn, seine Mitteilung zu korrigieren. Günter Bentele und Klaus Beck berücksichtigen Rückmeldungsvorgänge ebenfalls während der Kommunikation; sie unterscheiden vier Kommunikations­konstella­tionen. In für die Massen­kommunikation anwendbaren Modellen führt Gerhard Maletzke Kriterien wie die Privatheit/Öffent­lichkeit, Symmetrie, Direktheit und Struktur­zustände des Publikums ein. Das Feldmodell von Maletzke beachtet individual­psychologische (wie Selbstbild, Persönlichkeit) und sozial­psychologische Aspekte; ausgeblendet bleibt jedoch der institutionell-gesellschaftliche Hintergrund der Massen­kommunikation. Das Modell von Bruce Westley und Malcolm McLean berücksichtigt Selektions­prozesse und mögliche Umweltereignisse und führt einen Mediator ein. Schramm modelliert das Publikum als Aggregat verschiedener sozialer Gruppen. Das Modell des Massen­kommunikations­prozesses von Denis McQuail berücksichtigt zudem die gesellschaftliche Institutionali­sierung der Medien. Als Mediatoren zwischen gesellschaft­lichen Gruppen üben die Massenmedien normative Funktionen aus und erbringen Leistungen, können aber auch dysfunktional Probleme für die Gesellschaft schaffen. Die von Massenmedien dargestellte Welt wird als ggf. verzerrtes Spiegelbild verstanden. Zahlreiche Funktionen der Medien werden benannt: Gatekeeping- und Filterfunktion, Forumsfunktion für gesellschaft­liche Meinungen und Anliegen, Sperrfunktion für die Anliegen etwa von Minderheiten. Das Modell von McQuail eignet sich unter anderem dazu, verschiedenen Bereichen der Kommunikations­wissenschaft Einzeltheorien zuzuordnen.

327 Dies sind, in absteigender Reihenfolge: Stimulus-Response-Modell, Agenda-Setting-Ansatz, Konstruktivismus, System­theorie, Theorie der Schweige­spirale, politik­wissenschaftliche Theorien, Uses-and-Gratification-Ansatz, dynamisch-transaktionaler Ansatz, Journalismus­theorien, Nachrichtenwert­theorie. Untersucht wurden Stichproben der Zeitschriften Publizistik und Medien & Kommunikations­wissenschaft sowie aus Tagungsbänden der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikations­wissenschaft aus dem Zeitraum 1983 bis 2007.