5.2 Zusammenfassung

In der Kommunikations­wissenschaft werden zahlreiche Funktionen von Massenmedien behandelt, die Leistungen für die Gesellschaft und die Rezipienten bzw. das Publikum erfüllen oder die als Aufgaben und Anforderungen an die Medien verstanden werden. Auf gesellschaftlicher Ebene werden häufig die Informations­funktion und das Herstellen von Öffentlichkeit genannt, im journalistischen Kontext wird vor allem die Kritik- und Kontrollfunktion hervorgehoben. Kognitive, emotionale und interaktive Funktionen spielen auf der individuellen Ebene eine Rolle. Dabei lassen sich die Anforderungen an den Journalismus als normative Funktionen und die Leistungen des Journalismus als empirische Funktionen beschreiben. In diesem Kapitel werden als Anforderungen an den Nutzwert­journalismus die Warnung vor potenziellem Schaden, der Verbraucherschutz sowie die Informationsleistungen für die Orientierung der Menschen vor allem in der Konsumwelt identifiziert. Service­leistungen stellen einen weiteren Anspruch dar, den die Gesellschaft und die Rezipienten an die Medien erheben. Die Informations­funktion des Nutzwert­journalismus ist auch als dauerhaft erbrachte Leistung zu verstehen, die die Rezipienten bei Entscheidungen des täglichen Lebens verwenden. Die umsetzungsorientierte Anleitungsfunktion hat eine ganz handlungspragmatische Bedeutung. Lebenshilfe und Beratung sowie die Bereitstellung sozialer Vergleichsinformationen sind als aggregierte Leistungen zu verstehen, die der Nutzwert­journalismus erbringt.

Da die Orientierungsfunktion des Journalismus allgemein ist, lässt sich die spezifische Orientierungsfunktion des Nutzwert­journalismus schwerlich als ein geeignetes Kriterium darstellen, mit dem sich der Nutzwert­journalismus von anderen Journalismustypen unterscheiden lässt. Spezifisch erbringt er mit dem Bezug auf das praktische Leben des Rezipienten eine Orientierungs­leistung in dem Sinne, dass dieser eine Übersicht über ein Thema, ein Warenfeld, über Dienstleistungen oder Methoden etc. erhält. Der Begriff ›Übersicht erhalten‹ oder ›geben‹ umfasst dabei im übertragenen Sinn die geistige Leistung, von Einzelheiten Abstand zu nehmen und die maßgeblichen Faktoren zu betrachten. Die Intention der Journalisten ist dabei, dass sich der Rezipient auf dem entsprechenden Gebiet des praktischen Lebens besser zurechtfindet oder den Überblick als Grundlage für eine Entscheidung verwendet. Konkrete journalistische Orientierungs­angebote sind zum Beispiel Preisvergleiche, vergleichende oder einzelne Warentests, Marktübersichten etc. ebenso wie Handreichungen, die Wissen, Adressen oder Kontakte so zusammenstellen, dass sie relevant für das eigene praktische Leben sein können. Diese sind typischerweise formal gestaltet als Aufzählungen, Listen oder Tabellen. Als abstrakte praktische Orientierungsleistung kommt auch die Zusammenstellung von Hintergrundwissen in Betracht, etwa wenn ein journalistischer Beitrag das dominierende Thema offenbar umfassend und erschöpfend behandelt (etwa Gesundheits­schutz, Staats­leistungen, Beruf etc.). Hier werden die Überschneidungs­bereiche zu anderen Journalismus­typen, etwa zum Wissenschafts­journalismus, besonders deutlich.

Im Einzelnen werden neun spezifische Funktionen des Nutzwert­journalismus aufgeführt, die mehr oder weniger eng an die journalistische Berichterstattung gebunden sind und die mehr oder weniger direkt per Inhaltsanalyse aus den Beiträgen herausgelesen werden können. Wenn man die Funktionen alle gleichberechtigt nebeneinandergestellt betrachtet, scheinen teilweise Überschneidungen auf. So lässt sich etwa die Problemlösungs­funktion nicht klar von der Beratungsfunktion unterscheiden, da Lösungsvorschläge für bestehende Probleme häufig ein Bestandteil von Ratschlägen sind. Diese Unzulänglichkeit entfällt, wenn man die Funktionen unterteilt in solche erster Ordnung, die sich direkt im journalistischen Beitrag manifestieren, und solche zweiter Ordnung, die als resultierende, integrative Funktionen mehrerer Funktionen erster Ordnung auftreten. Demnach werden als nutzwert­journalistische Primär­funktionen, die eng an das Medium gekoppelt sind und sich etwa per Inhaltsanalyse direkt aus dem journalistischen Produkt identifizieren lassen, angesehen:

Als Sekundärfunktionen werden resultierende Kombinationen von Primärfunktionen bezeichnet:

Mit Surveillance als ›Beobachtung und Kontrolle der Umwelt‹ ist der individuelle Anteil gemeint, der die Rezeptions­situation sowie die Identität des Lesers, Zuschauers, Zuhörers oder Online-Nutzers berührt und bei dem auch dessen psychologische und physiologische Zustände eine Rolle spielen. Wie schon in der Arbeitsdefinition angenommen, wird ›Service‹ nicht als Primärfunktion angesehen oder steht synonym für den gesamten Bereich des Nutzwert­journalismus, sondern wird – wie die anderen Funktionen zweiter Ordnung – als eine aus ihnen resultierende und diese integrierende Funktion verstanden. Service, in kleineren Formen oder Formaten präsentiert, kann alle Primär­funktionen in sich tragen.