5.1 Funktionen des Nutzwertjournalismus

Anleitungsfunktion

Die Begriffe ›Anleitungen‹, ›Anweisungen‹, ›Instruktionen‹ und ›Unterweisungen‹ bezeichnen – mit verschiedenen Konnotationen – empfohlene, vorgegebene Informationen, die den Informations­empfänger in die Lage versetzen sollen, Handlungen auszuführen. Diese Handlungen können darin bestehen, Produkte zu nutzen, Geräte oder Systeme zu bedienen oder zu betreiben oder das eigene Verhalten zu beeinflussen. Es handelt sich ganz überwiegend um praktische Handlungen und nicht um rein kommunikative Handlungen oder geistige Aktivitäten.309 Die Handlung kann sofort erfolgen, das heißt annähernd parallel zur Rezeption der Anleitung, oder zeitlich versetzt, was eine Behaltens­leistung und das Abrufen der eingespeicherten Information voraussetzt, wobei dann die Rekonstruktion des erinnerten Inhalts möglichst der ursprünglichen, zielführenden Bedeutung entsprechen soll. Kern­bestandteile einer Anleitung sind Minimal­informationen über das Objekt, eine Beschreibung der auszuführenden Handlung (Handlungsmodus) und Angaben über das Ergebnis oder Handlungsziel; zusätzlich können notwendige Voraussetzungen der Situation oder des ausführenden Subjekts und der Kontext der Handlung genannt und es kann begründet werden, warum es vorteilhaft ist, das Ziel zu erreichen.

Anleitungen stehen in der Tradition der Wissens­vermittlung vom Lehrer zum Lernenden. Diese erweitert die Grundform des Lernens am Modell durch Beobachten und Nachahmen, wobei der Lehrer den Lerninhalt absichtsvoll vorführt und durch mündliche Einweisung dem Lernenden Motiv und Modus des Tuns erklärt. Wird die Vorführung in einem Medium gespeichert, steht die Anleitung unabhängig vom Lehrer, dem Ort und der Zeit der Aufzeichnung zur Verfügung; der Lernende kann selbst darüber bestimmen, ob und wann er die Handlung erlernen möchte. Er hat aber – von interaktiven Medienrezeptionssituationen abgesehen – auch nicht mehr die Möglichkeit, direkte Rückfragen zu stellen oder beantwortet zu bekommen (Piehl 2002: 53f.).

Anleitungen werden immer dann verwendet, wenn das Ergebnis einen höheren Stellenwert hat als der Prozess der Beschäftigung mit dem Objekt. Das Verhältnis Rezipient-Publikation ist ähnlich wie das des Lehrlings zum Meister. Dem Prinzip der Lehrlingsschaft folgend setzt beim Rezipienten ein Beobachtungs­lernen ein, wenn er den Anleitungen der Publikation folgt. Allerdings ist die Beziehung zwischen Publikation und Rezipient, was die zu vermittelnden Inhalte angeht, häufig nicht auf Dauer angelegt (Ausnahme: Serien über mehrere Ausgaben); meist genügt das Beobachten und Befolgen, um ein gewünschtes Ziel zu erreichen, und ein Lernen findet nicht statt. Erst wenn sich die Beobachtungen wiederholen und sie gleichartige Vorgänge betreffen, erwirbt der Lehrling respektive Rezipient mit der Zeit als Ergebnis des Beobachtungs­lernens allgemeine Verhaltens­stile; dabei wird er jedoch nicht eine exakte Kopie der beobachteten Verhaltensabfolge im Gedächtnis speichern (Mietzel 1998: 163). Da der Vorgang ergebnisorientiert ist und ohne die parallele Kontrolle durch den Lehrer häufig erst am Ende des Vorgangs deutlich wird, ob das Ziel erreicht wurde, kann bei einem Scheitern die Fehlersuche mühsam sein, da der oder die Fehler in jedem einzelnen Schritt liegen können (Piehl 2002: 53f.). Die journalistische Sorgfalts­pflicht (vgl. hier) ist hier besonders gefordert, da bei Anleitungen die geistige Mitarbeit des Rezipienten gerade nicht verlangt wird und dieser der Anleitung ein hohes Maß an Vertrauen schenkt.

Die Abstraktion der nachzuahmenden Handlung wird größer, wenn diese in eine schriftliche Form übertragen und medial im geeigneten Medium, etwa auf Papier, fixiert wird. In der Regel wird bei der Übersetzungs­leistung nicht ein Eins-zu-eins-Abbild der ursprünglichen Handlung erstellt, sondern ein Modell, das sich auf die wesentlichen Elemente beschränkt und so sogar zur Klarheit beiträgt. Hier liegt eine Fehlerquelle auf der Seite der Informations­produzenten. Auf der Seite der Lernenden sind beim Ausführen von Anleitungen jeder Art, egal ob und wie diese medial fixiert sind, Verständnis- (also Rückübersetzungs-) und Ausführungs­fehler möglich. Falls das Umsetzungsziel nicht erreicht wird, können Fehler somit an drei Stellen aufgetreten sein: bei der Modellbildung, bei der Rekonstruktion der Handlung aus dem Modell und bei der Ausführung des Verstandenen (vgl. ebd.: 54).

Außer im Journalismus werden Anleitungen in weiteren Bereichen der Publizistik verbreitet, vor allem in Büchern. Sie finden sich auch als inzwischen gesetzlich geregelte Beigabe zu Produkten und Konsumgütern (Geräte- und Produkt­sicherheits­gesetz), wo sie zu umfangreichen Referenz­handbüchern und Dokumentationen erweitert sein können. Nach europäischer Norm sind Anleitungen

»das Mittel zum Übertragen von Information an die Benutzer, wie das Produkt korrekt und sicher zu benutzen ist. Als Kommunikations­mittel werden Texte, Wörter, Zeichen, Symbole, Pläne, Illustrationen, hörbare oder sichtbare Information einzeln oder in Kombination angewendet« (IEC/EN 62079:2001: 7).

Gebrauchs­anleitungen stellen eine Unterform von Handlungs­anleitungen dar (Piehl 2002: 53). Im Einzelnen sind Gebrauchs­anleitungen medial fixierte Handlungs­anleitungen »mit dem Ziel, Kenntnisse über Tätigkeiten zu vermitteln, die zur erfolgreichen Nutzung eines Objektes notwendig sind«. Für Anleitungen, die sich rein im Geiste des Rezipienten abspielen,­ gilt dies sinngemäß. Die Gebrauchs­anleitung ist zielgerichtet und stark ergebnis­orientiert; sie soll Handlungen auslösen. Nach Intention und Gebrauch lassen sich drei Formen unterscheiden: die Sofort­anleitung, die Lernanleitung und die Nachschlageanleitung (ebd.: 56). Die Gebrauchs­anleitung kann auch als Spezialform in der Literatur oder der Publizistik gelten. Sie ist vor allem durch die Absicht des Autors und das Verständnis des Rezipienten bestimmt; Form und Inhalt spielen eine geringere Rolle.

Internationale Gremien haben Anleitungen für den Gebrauch, den Betrieb, die Instandhaltung oder Instandsetzung (Reparatur/Fehler­behebung) von Geräten, Gegenständen oder Prozessen, die als Produkte aller Art gehandelt werden, normiert. Etwa existieren als Normen für Gebrauchs­anleitungen DIN V 8418 ›Hinweise zur inhaltlichen und formalen Gestaltung von Gebrauchs­anleitungen und Benutzer­informationen‹ (von 1988), DIN V 766055 ›Gebrauchs­anweisung‹ sowie IEC 62079 ›Erstellen von Anleitungen – Gliederung, Inhalt und Darstellung‹ (2001, International Electrotechnical Commission).310 So regelt die IEC 62079:2001 Gliederung, Inhalt und Darstellung von Anleitungen in einer Spanne von einfachen Produkten wie einer Dose Farbe bis hin zu hoch komplexen Produkten wie großen Industrieanlagen. Im Einzelnen muss die Anleitung in einer Form abgefasst sein, die für einen Laien leicht verständlich ist (Ziffer 4.7.2.1) und unvermeidbare technische Fachbegriffe und Abkürzungen erklärt (Ziffer 5.16.5). Die Abfolge einzelner Schritte soll so geplant sein, dass sich das Kommunikations­prinzip ›Erst lesen, dann handeln‹ auf die wahrscheinliche Reihenfolge der Ereignisse beim Gebrauch des Produkts anwenden lässt (Ziffer 6.1). Der Leser soll befähigt und ermutigt werden, stetig zu lernen und zu verstehen, während er der Anleitung folgt. Die Anleitung soll zuerst Grund­funktionen behandeln, Informationen müssen so einfach und kurz wie möglich sein, auftretende Benutzerfragen (Wo? Wer? Was? Wann? Wie? Warum?) muss die Anleitung vorwegnehmen und beantworten. Ein einzelner Satz darf nur eine Handlungs­anweisung allein enthalten oder wenige, eng verbundene Handlungs­anweisungen. Die Norm gibt Empfehlungen für einen klaren, direkten und eindeutigen sprachlichen Stil: Verben im Aktiv zu benutzen, dezidiert zu sein, Substantivierungen zu vermeiden und den Benutzer direkt anzusprechen (Ziffer 6.1.8).

Auf der Mikroebene gehört die Textsorte311 ›Anleitung‹ zu den deskriptiven Texten mit einer chronologischen Sequenzierung, womit sie sich von logisch-systematischen Beschreibungen unterscheidet, die ohnehin selten vorkommen. Während die Textsorte ›Bericht‹ als chronologische Form die Beschreibung häufig in Verbindung mit Erzählen einsetzt und ein einzelnes Ereignis beschreibt, stellt die Anleitung als Steuerungstext (wie etwa eine Bitte) Wiederholbares chronologisch dar (Heinemann 1991: 244ff.). Sprachlich kann eine Anleitung verschieden realisiert werden: im Imperativmodus, mit modalen Infinitiven oder mit Passiv­konstruktionen (ebd.: 131). Aus der Linguistik stammt eine Definition der Gebrauchsanleitung innerhalb der Textsorte ›Instruktions­texte‹: Diese sind schriftlich fixiert mit dem Ziel, Leser zum nonverbalen Handeln anzuleiten. Charakteristisch ist eine monologische, nüchtern-technische Sprache und die imperative Anrede unterschiedlicher, häufig fachexterner Adressaten sowie dass meist ein technisches Thema behandelt wird. Diese eher enge Definition kann vierfach sinnvoll erweitert werden,

  1. indem Gebrauchsanleitungen alle Themen behandeln können,
  2. indem die Anleitungen mit stehenden oder bewegten Bildern und Ton (Bildfolge, Comic, Videoanleitung) umgesetzt werden können,
  3. indem der Rezipient bei interaktiven Medien­formaten (über Programme, Webseite, CD-ROM) Einfluss auf den Ablauf des Anleitungsvorgangs nehmen kann oder
  4. wenn die Mitteilung nicht in Prosa, sondern mit Reimen erfolgt (Piehl 2002: 56).

Da die Textsorte ›Gebrauchs­anleitung‹ kennzeichnend darauf abzielt, Informationen ergebnisorientiert zu übertragen, müssen die Autoren – wie für den Nutzwert­journalismus generell gefordert – die Gewohnheiten der Leser antizipieren und berücksichtigen, um das Ziel zu erreichen (ebd.: 63). Eine möglichst genaue Annahme über das Vorwissen des Leser ist nicht nur auf der sachlichen Ebene wichtig für den Erfolg der Anleitung, sondern auch auf der emotionalen: Fühlt sich der Leser über- oder unterfordert, etwa indem er grundsätzliche, scheinbar offensichtliche Information lesen muss, wird er sich nicht ernst genommen fühlen, sondern unzufrieden oder gelangweilt sein (ebd.: 64).

Der Anspruch an eine gelungene Gebrauchs­anleitung besteht somit in den Dimensionen Zeit, Kompliziertheit, Aufbau und Sicherheit darin, den Benutzer schnell und unkompliziert zu befähigen, eine Handlung erfolgreich auszuführen, die er vorher noch nicht beherrschte. Zudem sollte die Information so gegliedert sein, dass der Leser sie schnell und sicher aufnehmen und verarbeiten kann. Die Gliederung und ein modu-larer Aufbau können es einem Leser, der nur an einzelnen Teilen der Anleitung interessiert ist, ermöglichen, diese gezielt aufzusuchen. Weitere Anforderungen decken sich mit solchen, die generell im Nutzwert­journalismus relevant sind: der Gebrauch einer verständlichen Sprache, der Verzicht auf entbehrliche Fremdwörter, die adäquate Ansprache (weder bemüht kameradschaftlich noch jovial-herablassend) und der Verzicht auf eine betont unterhaltende Form (bei Anleitungen wichtiger als bei anderen Nutzwert­texten).

Für das Erstellen von Bedienungs­anleitungen hat sich als eigener Berufszweig der des Technischen Redakteurs entwickelt, der von der Agentur für Arbeit beschrieben312 und vor allem an Fachhochschulen als Ausbildungsgang angeboten werden. Trotz des begrifflichen Bezugs zur Redaktion ist die Tätigkeit ganz überwiegend nicht in journalistischen Unternehmen angesiedelt, sondern im produzierenden Gewerbe, in Dienstleistungs­unternehmen wie Ingenieurbüros für technische Fachplanung und in Buchverlagen.

Appellfunktion

Unter der Appellfunktion lassen sich die Aufforderung, der Appell, der Aufruf, die Bitte, das Ersuchen, das Gebot und die Einladung zum Handeln zusammen­fassen sowie als negative Variante das Verbot. Groth (1961: 119f.) ergänzt dies um die Empfehlung, den Wunsch, den Rat, die Lehre, die Mahnung, die Forderung und den Befehl und um die Warnung als negative Form. Dabei kategorisiert die vorliegende Arbeit anders als Groth den Rat (Ratschlag, Ratgebung) nicht zur Appell­funktion als Funktion erster Ordnung, sondern weist ihm eine Funktion zweiter, übergeordneter Ordnung zu, da sich ein Ratschlag zumeist aus mehreren Funktionen erster Ordnung bildet (aus Orientierung, Hinweis etc.); Ratschläge können somit komplex zusammen­gesetzt sein, selbst wenn sie in einer schlichten, appellativen Formel münden. Zur Warnung ist festzustellen, dass diese einerseits etwa auf ein Problem hinweisen kann (Beispiel: ›Es gibt dieses Problem‹) und somit der weiter unten vorgestellten Problem­diagnose­funktion zuzurechnen ist. Andererseits kann eine Warnung einen künftigen Schaden benennen; dafür wird die Warn­funktion eingeführt (siehe hier).

In seinem umfangreichen Kategorisierungs­vorschlag für Darstellungs­formen313 stellt Groth (1961: 111ff.) die Aufforderung als eine eigenständige Form dar. Anders als in berichtenden Darstellungs­formen herrscht bei der Aufforderung zwischen dem Sender und dem Empfänger kein gleichberechtigtes Verhältnis zueinander, sondern der Sender kann den Empfänger in unterschiedlicher Stärke beeinflussen (ebd.: 119f.). Der Empfänger soll die Information nicht bloß passiv aufnehmen, sondern ein bestimmtes Verhalten annehmen, mindestens ein Handeln oder Unterlassen; insofern berührt die Aufforderung die ursprüngliche Bedeutung der Nachricht, die Groth (ebd.) ihr unterstellt, nämlich das ›Danachrichten‹.

Aus der linguistischen Perspektive stellt der Appell eine von drei Grundfunktionen von Texten dar (die beiden anderen Funktionen sind erstens die Darstellung von Gegenständen, Sachverhalten und Ereignissen und zweitens der Ausdruck von Emotionen und Einstellungen des Kommunikators). Mit dem Appell wendet sich ein Zeichen­benutzer an einen Rezipienten und möchte ihn zu bestimmten Reaktionen veranlassen (Linke 2001: 246).

Die Aufforderung bezieht sich auf etwas Prospektives (Künftiges, Erwartetes, Gewolltes oder Gesolltes) und unterscheidet sich damit von berichtenden Formen, die Geschehenes, Tatsächliches oder Verwirklichtes schildern. Inhalt von Aufforderungen können wie bei berichtenden Formen objektive Wiedergaben von Geschehenem und Tatsachen sein, aber ebenso Urteile, Gefühle und »Wollungen« (Groth 1961: 155). Damit tritt wieder die Eigenschaft des Nutzwert­journalismus zutage, nämlich dass die journalistische Seite einen Standpunkt einnimmt (Fasel 2004: 63). Insofern hat die Aufforderung eine formale Nähe zu den Formen des Räsonnements. Das Periodikum tritt selbst – in Gestalt von Redakteur, Redaktion oder Verlag (Kollektiv- oder Einzel­persönlich­keiten) – urteilend, fühlend und wollend auf (Groth 1961: 116).

In den berichtenden Formen des Nachrichten­journalismus tritt der Autor als Person in den Hintergrund; der Artikel bezieht sich ausschließlich auf den dargestellten Sachverhalt. In der Aufforderung dagegen tritt der Absender in Erscheinung oder wird zumindest indirekt wahrnehmbar, da der Rezipient die lebensnahen sozialen Situationen des Aufforderns als personenvermittelt kennt und der Autor bei einer medien­vermittelten Aufforderung die Stelle eines persönlichen Aufforderers einnimmt. Die Aufforderung betont deutlich die Autorenschaft (ebd.: 115).

(Problem-)Diagnosefunktion

Probleme stellen im alltagssprachlichen Gebrauch des Begriffs häufig Schwierigkeiten dar, die zu beheben sind (siehe ausführlich hier). Zumindest steht der Mensch ständig vor der Aufgabe, Entscheidungen zwischen mehreren Wahl­möglichkeiten zu treffen (Mietzel 1998: 271). Neben den Entscheidungs­problemen (›Welche der gegebenen Möglichkeiten ist zu wählen?‹) existieren auch Optimierungs­probleme (›Welches ist die bestmögliche Lösung aus einer Menge von potenziellen Lösungen?‹). Es lassen sich klar und unklar definierte Probleme voneinander unterscheiden. Bei klar definierten (wohldefinierten) Problemen ist ein eindeutiges Ziel benannt, und es gibt eindeutige Kriterien dafür, wann dieses erreicht ist. Bei unklar definierten (nicht wohldefinierten) Problemen kann das Ziel sehr unbestimmt sein, und das Finden von Kriterien zur Lösung des Problems ist Teil der Problemlösung (Mietzel 1998: 274f.), beispielsweise bei der Entscheidung für einen Beruf, der Wahl eines Urlaubsortes, der behelfsmäßigen Reparatur eines Defektes.

Gekennzeichnet ist ein Problem durch die Abweichung eines Ist-Zustandes (häufig die aktuelle Situation) von einem bester­reich­ba­ren Zustand (Optimum). Journalisten können ein Problem in einem Beitrag bezeichnen, indem sie

  1. es beschreiben und sowohl den Ist-Zustand als auch das Optimum darstellen, oder
  2. es benennen, indem sie eine bekannte Problembeschreibung verwenden (bspw. ›Schuldenfalle‹, ›Bildungs­notstand‹, ›innerer Schweinehund‹).

Der Nutzwert­journalismus vermittelt unter anderem Wissen über Probleme (Schwierigkeiten, Erschwernisse, Komplikationen, Unannehmlichkeiten) und ihre Lösungen. Im klassischen Ansatz macht er in einem ersten Diagnoseschritt das Problem bewusst und definiert es. Als zweiter Schritt folgt die Problem­behandlung und -lösung (Therapie; Hömberg/ Neuberger 1994: 216). Die Ursache des Problems oder dessen Grund müssen dabei nicht bekannt sein. Bei einem rein lösungs­orientierten Ansatz verzichtet der Therapeut auf eine Problem­analyse; diesen Ansatz wendet man in der Psychologie seit etwa 1982 bei Kurzzeittherapien an (vgl. de Shazer 2006: 20ff.). Im Nutzwert­journalismus werden nur Probleme behandelt, die individuell bestimmbar sind, oder solche, die auf die einzelnen Mitglieder der Gesellschaft zurückfallen, wenn sie die Gesellschaft betreffen. Typischerweise kennzeichnet der Ratgeber­journalismus die Definition sowie die Lösung des Problems ausdrücklich. Es werden vom Journalismus solche Probleme aufgegriffen, die erstens tendenziell für ein Massen­publikum relevant sind, indem sie eine weite Verbreitung besitzen oder ein großes Risiko enthalten, und zweitens einen individuellen Bezug aufweisen (Hömberg/Neuberger 1994: 216f.).

Menschen können die Relevanz von Problemen unterschiedlich gut einschätzen. Bei einer Untersuchung konnten die Versuchs­personen (n = 142) die Überschriften von Zeitungs­artikeln in Bezug auf ihre Validität und auch die Größen­ordnungen der Probleme nur fehlerhaft einschätzen, selbst dann, wenn der Meldungstext Angaben dazu machte. Insgesamt sind Rezipienten nur schlecht in der Lage, Informationen in einem wissenschaftlichen Sinn rational zu verarbeiten (Brosius et al. 1991: 423). Aufgabe der Journalisten muss es daher sein, neben der reinen Problem­bezeichnung dem Publikum auch die jeweilige Bedeutung mitzuteilen.

Ein Manko des Nutzwert­journalismus besteht darin, dass der Ratsuchende und der Ratgeber voneinander räumlich und zeitlich getrennt sind, es sich bei der Problem­erfassung somit um eine Ferndiagnose mit all ihren Unzulänglichkeiten handelt und bei der Problemlösung demzufolge um eine Fernlösung. Die Lösungs­vorschläge müssen nicht unbedingt die individuelle Natur eines Falles ausreichend berücksichtigen; dann bietet der Journalist als Experte ausschließlich Wissen zur Selbsthilfe an (Hömberg/Neuberger 1994: 218). Außerdem können schon aus Platzgründen Problem­lösungen häufig nicht bis zur kleinsten individuellen Ebene dekliniert werden (Meier 2003: 260).

Problemlösung

Als Problemlösung (Problem­behandlung, -bewältigung, -klärung, -entschärfung oder Befreiung von einem Problem) lässt sich das Beseitigen oder die Abschwächung eines Problems durch eine Änderung des Ausgangszustands mit dem Ziel der Annäherung an das Optimum oder dessen Erreichen bezeichnen. Dabei sind Lösungen sowohl für wohldefinierte als auch für nicht wohldefinierte Probleme möglich. Probleme lassen sich mit algorithmischen und heuristischen Methoden lösen (siehe hier). Für unklar definierte Probleme verwenden die Menschen im Alltag meist heuristische Methoden, bei denen Fehlschlüsse möglich sind und eine Lösung nicht garantiert ist (Mietzel 1998: 274ff.). Im Nutzwert­journalismus kann daher das Aufzeigen eines Lösungsweges für unklar definierte, heuristisch zu lösende Probleme für den Rezipienten ein besonders hilfreiches Angebot darstellen. Mit einem Algorithmus ist die Lösung sichergestellt, wenn die Person die einzelnen Regeln der Strategie genau befolgt. Eine typische Umsetzung einer algorithmischen Problem­lösung ist das Rezept. Eine andere Möglichkeit für Journalisten, unklar definierte Probleme zu lösen, ist, neben der Präsentation algorithmischer Lösungswege, die heuristische Methode, bei der sie den gefundenen Lösungsweg oder den besten mehrerer gefundener Lösungswege für den Rezipienten als Algorithmus so darstellen, dass dieser zuverlässig ans Ziel gelangt. Derart gehen Journalisten auch bei selbstständigen Vergleichen, den »Meisterstücken« (Wolff, V. 2006: 256) des Nutzwert­journalismus, vor, bei denen das Problem für den Verbraucher darin besteht, aus vielen Angeboten das Produkt oder die Dienst­leistung auszuwählen, das oder die am besten zu ihm passt. Statt selbst eine heuristische Lösungsstrategie anzuwenden, bei der der Konsument nach der Methode Versuch und Irrtum verschiedene Waren kauft und ausprobiert, bietet eine Testzeitschrift mit ihrem Testbericht eine implizite Lösung oder mit einer Kaufempfehlung eine explizite algorithmische Lösung an.

Der Lösungsweg an sich muss unterschieden werden vom Wissen über die Problem­ursache und vom Wissen über die Funktionsweise des Lösungsweges. Häufig ist es nicht Bestandteil der journalistischen Darstellung, dieses Wissen gleichzeitig mit dem Lösungsweg zu vermitteln; es wird auf die Analyse des Problems und auf Erläuterungs­wissen für das Verstehen des Lösungsweges verzichtet. Das reduziert auf der einen Seite die journalistische Darstellung auf das Wesentliche, sodass der Rezipient schneller zum Ergebnis kommen kann. Auf der anderen Seite wird dieser nicht in die Lage versetzt, ein ähnlich gelagertes Problem künftig aufgrund seines gewonnenen Wissens selbstständig zu lösen.

Wie bei der Anleitung kann das Verhältnis Lehrling/Meister auch beim Lösen von Problemen eine Rolle spielen: Der Meister demonstriert seinem Beobachter, wie er als Experte Probleme löst, und gibt ihm seine eigenen Gedanken, Vermutungen etc. beim Problemlösen wieder; er ist Vorbild und Modell (Mietzel 1998: 109).

Die Frage der Urheberschaft der Problem­definition auf der einen Seite und der Problemlösung auf der anderen Seite kann als Kriterium zur Unterscheidung verschiedener Präsentations­konzepte im Nutzwert­journalismus genutzt werden, je nachdem, ob Definition und Lösung vom Journalisten (Experten) oder vom Rezipienten (Betroffenen) stammen (Hömberg/Neuberger 1994: 221f.). Die Autoren spannen damit eine Zwei-mal-zwei-Matrix auf und nennen als typische Formen

  1. Kolumnen über Benimmfragen (Problemdefinition und -lösung vom Journalisten),
  2. Antworten auf Rezipienten­fragen,
  3. Erfahrungs­berichte von Rezipienten auf ein vom Journalisten vorgestelltes Problem und
  4. publikationsvermittelte gegenseitige Rezipienten­unterstützung.314

Warnung

Bei einer Warnung wird ein kommender Schaden vorhergesagt, der aber noch gelindert oder verhindert werden kann, oder es wird eine Gefahr (schädigendes Ereignis) ausdrücklich benannt. Ein mangelhafter, gegenwärtiger Zustand dagegen fällt in den Bereich Problem. Bei einer Warnung im Nutzwert­journalismus werden – wie bei den Problem­funktionen – nur solche kommenden Schäden berücksichtigt, die individuell bestimmbar sind oder, indem sie die Gesellschaft betreffen, auf die einzelnen Mitglieder der Gesellschaft zurückfallen. Nicht berücksichtigt werden allgemeine oder abstrakte kommende Schäden.

Die Warnfunktion wird von den Medien in ähnlicher Weise ausgeführt wie von anderen beratenden Institutionen oder Behörden (Verbraucher­zentralen, Gesundheits­ämter etc.; Hömberg/Neuberger 1994: 219). Verbraucher­zentralen fühlen sich teilweise bei der Verbreitung von Warnungen auf die Medien angewiesen (BpB 1999: 3). Diese Funktion kann eine allgemeine gesamt­gesellschaftliche Wirkung entfalten, wenn etwa im Gesundheits­bereich die Volksgesundheit gestärkt wird (Chang 2001: 122).315 Bei der Wiedergabe behördlicher Warnungen sind die Medien sogar von ihrer üblichen Gegen­recherche­pflicht und der Verbreiter­haftung befreit, da es sich bei Behörden um privilegierte oder zuverlässige Quellen handelt (Burkhardt 2003: 408; Prinz/Peters 1999: 255). Mit den Informations­freiheits­gesetzen (IFG) des Bundes und der Bundesländer und dem Verbraucher­informations­gesetz (VIG) beginnt die deutsche Verwaltung grundsätzlich damit, sich langsam vom Grundsatz zu lösen, behördliche Informationen prinzipiell geheim zu halten.316 Die Medien könnten somit diese Informationsrechte zusätzlich zu den ohnehin in den Landes­medien­gesetzen verankerten Rechten gegenüber Behörden beanspruchen und bisher ausgesparte Daten etwa von Lebens­mittel­kontrollen systematisch auswerten und als Warnungen veröffentlichen. Dies geschieht bisher kaum. Als Grund ist einerseits die Ungeübtheit der Behörden mit derartigen Anfragen zu nennen, andererseits der gegenüber dem üblichen Informations­journalismus hohe Recherche­aufwand aufseiten der Redaktionen.

Auf dem thematischen Gebiet des Finanz­journalismus haben es sich einige Publikationen nach dem Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000 auf ihre Fahnen geschrieben, stärker als zuvor Gefahrenquellen aufzudecken und die Rezipienten vor möglichen Risiken zu warnen (Scherer, J. 2003: 239).

Beratungsfunktion

Die in diesem Kapitel besprochene Beratungs­funktion und die Funktio­nen der folgenden Abschnitte stellen anders als die voran­gegangenen nicht einzelne Funktionen erster Ordnung dar, die weitgehend überschneidungs­frei nebeneinander stehen. Vielmehr integrieren die Funktionen zweiter Ordnung mehrere der Basisfunktionen in sich zu einer neuen Qualität.

›Beratung‹ leitet sich von ›Ratschlag‹ ab, einem Begriff, der das Eröffnen (Aufschlagen) eines Gremiums (Rates, Zirkels) bedeutet, in dem ein Thema besprochen wird.317 Allgemein stellt Beratung eine Handlung dar, die von einer Asymmetrie der Wissens­verteilung zwischen Berater und Ratsuchendem charakterisiert und von der Vermittlung von Information geprägt ist. Typischerweise behandelt eine Beratung Entscheidungs­probleme des Ratsuchenden. Verbunden ist sie häufig mit Anleitungen des Ratgebers. Da die Person oder Institution, die eine Beratung oder einen Ratschlag erteilt, einen Informations­vorsprung hat, nimmt sie häufig die Rolle eines Sachverständigen oder auch die eines Vorbildes oder Leitbildes ein. Während in sozialen Situationen die Rollen in einem Dialog wechselseitig verteilt sein und sich zwei Personen gegenseitig beraten können sowie Rückmeldungen zugelassen sind, findet eine medial vermittelte Beratung unidirektional statt. Auch wird bei der Beratung durch Medien die Einzelperson angesprochen; bei der interpersonalen Kommunikation sind auch Gruppen­ansprachen häufig. Von anderen Formen der Experten­kommunikation, wie der Therapie als Teil einer medizinischen Behandlung, unterscheidet sich die Beratung dadurch, dass sie eine kürzere Dauer aufweist, häufig (wie bei medialer Präsentation) einmalig ist, sich auf aktuelle Themen und Situationen bezieht und meist nicht vergangene Geschehnisse behandelt. Die Grenzen zwischen Beratung und Therapie sind jedoch fließend. Thematisch kann sich der Rat auf drei Dimensionen beziehen:

  1. erstens auf die Situation, in der sich der Ratsuchende befindet,
  2. zweitens kann der Ratgeber Handlungs­empfehlungen geben und Optionen aufzeigen, wie sich der Beratene in der spezifischen Situation verhalten kann, und
  3. drittens kann der Ratgeber die Haupt- und Nebenfolgen benennen, die die Wahl oder Nichtwahl der verschiedenen Optionen hat.

Grundlage einer erfolgreichen Beratung ist Vertrauen zwischen den Kommunikations­partnern, bei medienvermittelter Beratung Vertrauen des Rezipienten in die Publikation. Im Kern öffnet eine Beratung den Horizont der Rat­suchenden für mehr Handlungs­optionen und konstituiert den Einzelnen als Entscheider (Schützeichel 2004a: 276ff.).

Ratschläge oder Empfehlungen sind charakterisiert durch Freiwilligkeit und eine geringe Verbindlichkeit, weshalb im praktischen Leben ein Ratgeber beim Erteilen eines falschen Ratschlags gesetzlich nicht zum Ersatz eines entstehenden Schadens verpflichtet ist, sofern dem Schaden nicht ein Vertrags­verhältnis, eine unerlaubte Handlung oder Verantwort­lichkeiten aus weiteren gesetzlichen Bestimmungen zugrunde liegen (BGB, §675). Bei groben Verstößen gegen die journalistische Sorgfalts­pflicht jedoch haften Publikationen für den beim Rezipienten entstandenen Schaden (Schmuck 1997: 34).

Die Beratung und die Ratgebung sind sowohl thematisch als auch von den eingesetzten Methoden her breit angelegt und vielfältig. Die Beratungsleistung journalistischer Angebote resultiert aus einer Kombination verschiedener anderer Funktionen, die oben als Funktionen erster Ordnung genannt wurden, und lässt sich nicht so spezifisch operationali­sieren wie diese. Auch wenn in Publikationen Rat oder Empfehlungen explizit genannt werden (bspw. als Kaufempfehlung) und sogar im Titel geführt werden (bspw. Guter Rat, Super Illu Verlag GmbH & Co. KG/Hubert Burda Media), entsteht beim Rezipienten das Gefühl, gut beraten worden zu sein, aus einer Verknüpfung nutzwert­journalistischer Basis­funktionen.

Im Zusammenhang mit der publizistischen Beratungs­funktion wird häufig der Ausdruck ›Lebenshilfe‹ verwendet. Lebenshilfe hat fünf Aspekte:

  1. Erstens als eine Hilfe für das Leben, wobei mit Leben der Alltag gemeint ist, somit die Unterstützung für Tätigkeiten des Alltags­lebens.
  2. Zweitens als eine Hilfe zur Selbsthilfe; während englischsprachige Ratgeber­literatur von self-help spricht (Butler-Bowdon 2006: 10), wird diese im Deutschen selten als Selbsthilfe, sondern häufiger als Lebenshilfe bezeichnet, zumal ›Hilfe zur Selbsthilfe‹ in den vergangenen Jahrzehnten thematisch häufig mit einer bestimmten Haltung der internationalen Entwicklungshilfe verbunden war, Hilfebedürftigen nicht fertige Lösungen, sondern das geistige und technische Handwerkszeug zu liefern, mit dem sie ihre Probleme eigenständig lösen können.
  3. Drittens kann man Lebenshilfe als Hilfe zum Leben verstehen. Diese Perspektive kritisiert Zedler (2004: 498): Lebenshilfe klinge nach betreutem Wohnen, und niemand brauche die Hilfe eines Journalisten, um zu leben. Es gehe nicht darum, alten Menschen über die Straße zu helfen, sondern jemandem den Weg zu beschreiben. Zedler will die Arbeit der Guter-Rat-Redaktion, deren Chefredakteur er ist, somit als Hilfe zur Selbsthilfe verstanden wissen.
  4. ›Lebenshilfe‹, als Begriff in der Erwachsenen­bildung der Nachkriegszeit aufgekommen, kann viertens auch im Sinne eines weiteren Bildungsbegriffs aufgefasst werden als eine Bildungs­vermittlung, die eine persönliche Wirkung auf die Rezipienten hat (Holzamer 1965: 9). Der gesamte Inhalt des Fernseh­programms und alle Sparten (ausdrückliche Bildungs­veranstaltungen, Information, Unterhaltung) erfüllen die Bildungs­aufgabe im Sinne einer Lebenshilfe umso mehr, je unauffälliger und selbst­verständlicher der Bildschirm zum Begleiter in der Alltäglichkeit der Wohnung wird (ebd.: 11).
  5. Fünftens lässt sich die psychosoziale Lebenshilfe nur ungenau einordnen, da sie einerseits eine individuelle Kommunikation darstellt oder simuliert, andererseits in Massenmedien stattfindet und ein Massenpublikum erreicht. Für Verlage und Medienhäuser führt sie die Funktion aus, die Leser-Medium-Bindung zu festigen (Hömberg/Weber 1998: 28).

Im Zusammenhang mit Ratgebung können emotionale Komponenten eine Rolle im Rezeptions­erleben spielen, die sich ebenfalls nicht mit den nutzwert­journalistischen Basis­funktionen beschreiben lassen. Wie in der Arbeitsdefinition (Kapitel 1.4) erwähnt, kann man Publikationen neben einem praktischen auch einen rationalen und einen emotionalen Nutzwert zusprechen bzw. diese können von den Rezipienten in den Publikationen gesehen werden.

Bei der Rezeption von Frauen­zeitschriften etwa erfahren Leserinnen in verschiedenen Rubriken emotionalen und rationalen Nutzwert in verschiedenen Kombinationen (Steinbrenner 2002: 208f.). Unter emotionalem Nutzwert wird dabei offensichtlich nicht bloß eine Unterhaltungs­empfindung während der Rezeption verstanden, eine als positiv erlebte Makroempfindung (Früh 2002), sondern jede Art emotionaler Verbindung zwischen dem angebotenen Thema und der Leserin. Eine emotionale Anmutung spielt bei Rubriken wie Mode, Wohnen/Krea­tives, Reisen, Rezepte/Kochen, Horoskop/Wit­ze/Rät­sel­ eine große Rolle. Auch schließt das journalistische Angebot eines emotionalen Nutzwertes ein, dass die Rezipientin eine dargestellte Situation in eine eigene Traumwelt transformieren kann. Dazu merkt Steinbrenner (2002: 202) an, die entsprechende Darstellung müsse für die Leserin realistisch und insgesamt glaubwürdig erscheinen. Die Autorin weist am Beispiel von Frauen­zeitschriften darauf hin, dass sich jede einzelne Rezipientin bei gleicher journalistischer Präsentation eine von anderen unterschiedliche, subjektive Wirklichkeit konstruiert. Inhaltlich-thematische Begründungen für Zustimmung oder Ablehnung von Artikeln (etwa: ›Diese Mode ist einfach hässlich!‹) können auf tiefer liegende Erfahrungen zurückzuführen sein (etwa: ›Das erinnert mich so an meine Chefin, sie trägt auch immer solche Kostümchen, das mag ich gar nicht!‹). Steinbrenner (ebd.: 208) schlägt vor, (derartige) unbewusste Prozesse mit der Methode des lauten Denkens während der Rezeption sichtbar zu machen.

Verbraucher­schutz­funktion

Die Verbraucherschutz­funktion entsteht als übergeordnete Funktion aus der Kombination der vorangestellten Basisfunktionen. Wie alle nutzwert­journalistischen Funktionen beruht sie auf der Intention der Journalisten und Produzenten und ist nicht bereits als das Ergebnis der journalistischen Bemühungen anzusehen, zumal es schwierig sein dürfte, den Effekt zu messen. Zwar ließen sich einige Kriterien finden, mit denen man Verbraucher­schutz operationalisieren könnte (etwa: Verhindern von Übervorteilung), die Funktion kann jedoch auch als Rezeptionskategorie aufgefasst werden: Verbraucherschutz liegt vor, wenn sich der Verbraucher geschützt fühlt. Weiter oben (siehe Kapitel 4.1) wurde gezeigt, dass es im Bemühen, den Verbraucher zu schützen, möglich ist, zahlreiche Aspekte miteinander zu verknüpfen sind. Den Medien fällt dabei zum einen die Aufgabe zu, Informationen von Behörden und Verbraucher­schutz­organisationen zu verbreiten. Zum anderen betreiben sie selbst Untersuchungen (Recherchen, Warentests), um die Verbraucher zu schützen. In geringem Umfang agieren sie verbraucher­politisch.

Als Hauptaufgabe des Verbraucher­journalismus im engeren Sinne ist die Vermittlung von Informationen zum Verbraucherschutz anzusehen (Spachmann 2005: 253; Rumphorst 1991: 209). Klassische Themenbereiche der Verbraucher­berichterstattung sind Markt­berichte, Produkt-und Dienstleistungsinformationen (Art, Preis, Vertriebsweg, Gebrauchs­möglichkeit, -tauglichkeit) und Fragen des Verbraucher­rechts inklusive entsprechender Gerichts­entscheidungen sowie die Anstrengungen der Verbraucher­organisationen. Die Publikationen der Stiftung Warentest fallen prototypisch in diesen Bereich. Besonders schutzbedürftige Konsumenten sind typischerweise wirtschaftlich schwach und weniger gebildet, wodurch sie – je nach Selbstverständnis von Medium und Redaktion – von den klassischen Wirtschaftsseiten der Tageszeitungen schlecht erreicht werden.

Die Verbraucherschutz­funktion spiegelt sich auch in der Rolle des Anwalts wider, die ein Teil der Journalisten bei Befragungen immer wieder für sich reklamiert und die in Leser- und Zuschauerschriften von den Medien eingefordert wird. So halten die Zuschauer Sendungen wie Wie bitte?! (RTL, von 1992 bis 1999) für geeignet, um ihre Verbraucher­probleme zu lösen, und glauben mehrheitlich,318 derartige Sendungen könnten etwas bewirken (Karle 1997: 14; Neumann-Bechstein 1994: 270). Der Leseranwalt ist in zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften etabliert.319 Individuelle rechtliche Probleme eines Lesers darf eine Redaktion aufgrund des Rechts­beratungs­gesetzes von 1935 jedoch nicht behandeln (siehe hier).

Der Verbraucher ist jedoch nicht ausschließlich in einer Opferrolle zu sehen, der der Werbung hilflos ausgeliefert ist. Als Akteur in der regionalen wie überregionalen Wirtschafts­welt kann er zugleich Verursacher von Problemen sein: Konsum verbraucht Ressourcen (Rohstoffe und Energie, auch in sogenannten ›Entwicklungsländern‹) und verschmutzt die Umwelt (Rumphorst 1991: 209f.). Die gesellschaftlichen Konsequenzen des Verbraucher- und Konsum­verhaltens gehören daher zur verbraucherpolitischen Berichterstattung (Spachmann 2005: 253), sie werden jedoch nur selten thematisiert. In den vergangenen Jahren hat sich mit den Lohas (für Lifestyle of Health and Sustainability) eine Konsumenten­gruppe herausgebildet oder wurde von Medien stilisiert und mit eigenen Publikationen bedacht, die annimmt, durch bewusstes Konsum­verhalten könne der Verbraucher im Spiel der Kräfte des freien Marktes Hersteller und Handel insgesamt zu nachhaltigem Wirtschaften und einer Steigerung der Warenqualität (vor allem, was die Gesundheit betrifft) bewegen. Kritiker verweisen darauf, dass dem manche Rahmen­bedingungen entgegenstehen.320

Surveillance-Funktion

Unter Surveillance kann generell die Beobachtung und Kontrolle der Umwelt verstanden werden. Diese Beobachtung und Kontrolle kann einerseits von Institutionen und Macht­organisationen ausgehen und auf einzelne oder kollektive Mitglieder der Gesellschaft gerichtet sein (Stichwort: Überwachungs­staat, siehe Fußnote 188). Andererseits nimmt das Individuum seine eigene Umwelt wahr und nutzt die empfangenen Informationen dazu, die eigene Position in der Umwelt zu bestimmen und die eigenen Handlungen darauf abzustimmen. Das Individuum kann dabei auf äußere Umstände reagieren oder es kann agieren und seine Umgebung aktiv gestalten. Der individuelle Ansatz ist für die Medien­rezeption interessant.

Surveillance muss als ein hochkomplexes Geschehen angesehen werden, das die Identität berührt und bei dem auf der Rezipientenseite unter anderem der aktuelle Wissensvorrat, diverse Kompetenzen, Emotionen, Einstellungen, Stimmungen, physiologische Zustände sowie eine Bereitschaft zur Informationsaufnahme eine Rolle spielen. In der Rezeptions­situation können Faktoren wie Qualität, Voll­ständigkeit und der Neuigkeitsgrad der angebotenen Information sowie die Geschwindigkeit und die Formen bzw. die Codierung der Darbietung relevant sein. Vorhandene Information kann konsolidiert, erweitert oder eingeschränkt und modifiziert werden, außerdem können die bei jeder Informations­verarbeitung mitlaufenden Bewertungs­vorgänge die emotionale Ladung von Information verändern (ausführlich siehe Kapitel 6.3f.). Strenge Korrelationen zwischen den inneren Vorgängen und dem Verhalten des Rezipienten lassen sich nicht herstellen, daher sind Vorhersagen des von einer derartigen Umweltkontrolle bedingten Verhaltens nicht möglich. Am ehesten kann beim Rezipienten durch Befragung das Gefühl einer Informiertheit oder der Sicherheit (durch das Gefühl des Informiert­seins) erhoben werden.

Da der Nutzwert­journalismus thematisch und mit seiner speziellen Umsetzung das praktische Leben der Menschen betrifft, bezieht sich seine Surveillance-Funktion ebenfalls auf alle Bereiche des Alltags, Berufs, der Familie und der Freizeit. Nutzwert­journalistisch vermittelte Informationen können die Menschen allgemein für den sozialen Vergleich verwenden (das Auto des Nachbarn verglichen mit meinem Auto), wofür sich besonders die breit angelegten Produkt- und Marktübersichten anbieten. Die Rolle der Publikationen als Vermittler von Experten­wissen hat, entsprechendes Vertrauen in die Publikationen vorausgesetzt, außerdem zur Folge, dass auf der individuellen Ebene die Experten­urteile als eigene Haltung übernommen werden oder diese bestätigen, was das Selbst­bewusstsein etwa für Kaufverhandlungen stärken kann.

Die Medieninformationen können aber auch ex post zur Überprüfung des eigenen Handelns dienen (ist das kürzlich gekaufte Gerät noch auf dem Stand der Technik?). Sie helfen aber auch, das Wirtschafts- und das politische Geschehen aus der Rezipienten- und Konsumenten­perspektive einzuordnen. Selbst wenn die Publikationen diese Einordnung nicht explizit vornehmen oder benennen, indem sie die Frage beantworten, was das für die Leser bedeutet, interpretieren die Leser die einlaufende Information stetig in dieser Weise. Damit haben nutzwert­journalistische Beiträge einen Anteil an der allgemeinen Meinungs- und Willensbildung in der Demokratie. Wie bereits angesprochen (hier, vgl. hier) können sich individuelle Vorteile für die Gemeinschaft nachteilig auswirken. Da mit der Analyse der Umwelt­faktoren jedoch nicht unbedingt eine Kritik an den dafür verantwortlichen Bedingungen verbunden sein muss, steht eine auf den individuellen Vorteil abzielende Berichterstattung häufig im Wider­spruch zu einer kritischen Öffentlichkeit als elementarer Bestandteil einer demokratischen Gesellschaft (Neumann-Bechstein 1994: 271). Um die Rolle des Nutzwert­journalismus für die Meinungs- und Willens­bildung abzuschätzen, muss zudem bedacht werden, dass gerade dieser Journalismus­bereich einem starken Druck der werbe- und PR-treibenden Industrie unterliegt (siehe Kapitel 4.3).

Servicefunktion

Service als eine integrative Funktion zweiter Ordnung ist mit einem Begriff verbunden, der in verschiedenen und dabei unterschiedlich weit reichenden Bedeutungen diskutiert und sowohl speziell als auch medienübergreifend verstanden werden kann. Das Wort ›Service‹ ist aus dem lateinischen servire (dienen) abgeleitet und bedeutet Dienst, häufig in der Bedeutung Dienstleistung. In einschlägigen journalistischen Hand­büchern war der Begriff ›Service‹ Mitte der 1990er-Jahre überhaupt nicht existent (BpB 1996c: 16). Insgesamt lässt sich die aktuelle Verwendung des Ausdrucks im Bereich des Journalismus in drei Bedeutungs­räume unterteilen.

Im ersten Bedeutungsraum bezeichnet Service als ›Dienst am Leser‹ ganz allgemein alle Leistungen einer Publikation­ für den Rezipienten, somit bereits grundlegend, Informationen zu liefern, dies in einem handlichen oder leicht erfassbaren Format (Papiergröße, Darstellungs­formen, Verständlichkeit) und aktuell zu tun sowie je nach Medium in einer handwerklich als gut verstandenen Qualität. Das gesamte Leistungsspektrum einer Zeitung, den öffentlichen Informations­auftrag umzusetzen, oder schlicht jeder ›gut geschriebene‹ Artikel kann als Dienst am Leser und somit als Service angesehen werden (Riesmeyer 2006: 256; BpB 1996e: 4; BpB 1996b: 54f.), womit die grundlegenden journalistischen Funktionen mit einem Qualitätsbegriff verknüpft werden. Als Unterstützung der Leser in ihrer Rezeptions­situation kann angesehen werden, wenn eine Zeitung auf einer eigenen Seite die Zusammenfassung aller wichtigen Nachrichten aus allen Ressorts mit Querverweisen veröffentlicht, die der Leser in fünf oder sieben Minuten konsumieren kann. Dies praktizierte die britische Tageszeitung The Times (Berndt Schramka in: BpB 1996a: 29) und etwa die Berliner Zeitung mit einer Sieben-Minuten-Seite.321 Dieses Service­verständnis betrifft somit Präsentations-, Distributions- und instrumentelle Formen und geht über den redaktionellen Bereich hinaus: Auch der Informations­gehalt von Anzeigen (gewerbliche Anzeigen, Familienanzeigen etc.) und nicht redaktionellen Verzeichnissen (Veranstaltungs­termine, Börsenkurse etc.) geht in diese allgemeine Servicevorstellung ein. So verweist Haller (1996a: 8) auf Leserforschungsergebnisse, nach denen ein erfolgreicher Service die Leser nicht nur als Informations­empfänger, sondern als Gesprächspartner der Redaktion behandeln müsse und die von der Zeitung behandelten Sachverhalte und Themen für die Leser erst dann eine Bedeutung gewinnen können, wenn die Leser einen konkreten Bezug auf deren Alltagswelt herzustellen vermögen. Auch wenn hier bereits die rezipienten­orientierte Umsetzungsabsicht angesprochen ist, tritt doch ein breites Serviceverständnis zutage. Service wird nicht nur aus der Pers­pektive des Lesers verwendet, sondern hat sich, speziell bei Tages­zeitungen, außerdem im Sinne eines Zeitungs­marketings als Begriff für einen Dienst am Kunden etabliert – somit an demjenigen Wirtschafts­subjekt, das das Produkt Zeitung erwirbt (BpB 1996c: 16; Ufer 1995: 305); Servicezentrum oder ähnlich heißen daher heute oft die Büros regionaler Zeitungen, in denen Leser ein Abonnement abschließen, Kleinanzeigen aufgeben, Kaffeebecher mit dem Emblem der Zeitung kaufen oder Leserreisen buchen können.

Im zweiten Bedeutungsraum wird Service als eine Leistung im redaktionellen Teil der Publikation verstanden, mit der diese dem Rezipienten umsetzbare, nützliche Informationen liefert. Klassischerweise handeln Tageszeitungen unter der Rubrik­bezeichnung ›Service‹ die Wiedergabe von Notfallnummern, Öffnungszeiten von Apotheken und Behörden sowie Veranstaltungs­hinweisen ab (BpB 1996b: 54). Aus Praktikersicht kann die Unterteilung in terminabhängigen und termin­unabhängigen Service sinnvoll sein sowie die Unterscheidung von journalistisch be- und erarbeiteten und aus externen Quellen vom Redaktions­sekretariat übernommenen Informationen (ebd.). Uwe Zimmer (1996: 42f.)322 benennt Ratgeber, Terminkalender und Wetterkasten als Serviceelemente von Zeitungen und Zeitschriften, des Weiteren Veranstaltungs­hinweise, das tägliche Fernsehprogramm, Tipps zur Wochenendgestaltung, Telefonaktionen zu aktuellen Fragen (bspw. Änderungen bei Lebens­versicherungen oder Renten),323 Sonderseiten zur neuen Mode, Tipps für Computernutzer, Hinweise zu Filmen, die gerade im Kino laufen. Insgesamt ist Service, inhaltlich breit, als ein Wegweiser durch die Freizeit stets auf die Zukunft ausgerichtet: auf künftige, für den Leser relevante Ereignisse wie Veranstaltungen, Kinoprogramme, Kultur­ereignisse oder das Wetter der nächsten Tage (Meier 2002b: 180f.). In den 1970er-Jahren waren es vor allem die Stadt­magazine, die mit aktuellen Veranstaltungs­hinweisen konsequent nutzer­orientierte Serviceanteile im Innenteil anboten, gefolgt von Anzeigenblättern und lokalen Privatradios. Zeitgleich, und als crossmediale Konkurrenz anzusehen, begannen die Fernsehsender, in ihrem Videotext ebensolche Service­informationen anzubieten (Angaben zu Pollenflug, Ankünften und Abfahrten von Zügen und Flugzeugen etc.; Jonscher 1996: 8f.).

Im dritten Bedeutungsraum werden als Service oder Service­journalismus alle Bemühungen zusammengefasst, die den Rezipienten in seinem praktischen Alltag unterstützen sollen. Service(journalismus) wird somit synonym zu Ratgeber-, Verbraucher- oder wie in dieser Arbeit Nutzwert­journalismus verwandt. Volker Wolff (2006: 269, 247f.) favorisiert den Begriff Service für die ›redaktionelle Lebenshilfe‹ als Funktion von Artikeln und für das gesamte Spektrum dieses Journalismus­typs, da er die Ausrichtung auf die persönlichen Belange des Lesers signalisiere.

Historisch ist die Ausweitung des Begriffs vom zweiten in den dritten Bedeutungsraum vielleicht damit zu erklären, dass Tageszeitungen beginnend mit Leserforen die Unterstützungs­leistung thematisch erweiterten. 1968 veranstaltete die Süddeutsche Zeitung ihr erstes Leserforum; weitere Wegbereiter für eine direkte Kontaktaufnahme mit den Lesern und eine Berücksichtigung ihrer Interessen waren etwa der »Telefonservice« der Lübecker Nachrichten, das »anonyme Telefon« der Velberter Zeitung, die »Verbraucherrunde« der Stuttgarter Nachrichten und das »Gesundheitsforum« der Süddeutschen Zeitung. Jonscher (1996: 8) fasst diese Anstrengungen unter dem Schlagwort ›Leser-Service‹ zusammen.

Dagegen differenziert Bischof (1999: 1f.) noch zwischen Service und Ratgeber, indem er beim Medium Fernsehen ›harte‹ von ›weichen‹ Verbraucher­informationen unterscheidet. Ratgeber oder ›harte‹ Verbraucherinformation ist demnach durch die Vermittlung von Fakten gekennzeichnet, die konkret handlungsrelevant und problemlösungs­bezogen für Betroffene oder Interessierte (potenziell Betroffene) sind. Ein subjektiv empfundenes Risiko beim Konsum und konkrete Informationen zur Absicherung einer Kaufentscheidung oder zur Vermeidung wirtschaftlicher Nachteile sind in den so bezeichneten ›harten‹ Verbraucherinformationen enthalten. Service oder ›weiche‹ Verbraucherinformation besteht aus dem eher unverbindlichen Themenspektrum allgemeiner Fragen der Lebenshilfe, etwa was bei alltäglichen Krankheiten zu tun ist oder auch Kochrezepte, Bastel- und Dekorations­anleitungen. Als Kriterien zur Unterscheidung von Ratgebung (hart) und Service (weich) verwendet Bischof somit die Verbindlichkeit oder die Höhe des subjektiven Risikos bei der (Nicht-)Umsetzung dargebotener Information. Problematisch an den Kriterien ist die unklare Abgrenzung ihrer Merkmals­ausprägungen. So lässt sich beispielsweise anhand der Symptome nur schwer unterscheiden, ob es sich bei einer ›alltäglichen‹ Grippeerkrankung um einen grippalen Infekt (Erkältung) handelt oder um eine Influenza, an der in Deutschland jedes Jahr durchschnittlich 8.000 bis 11.000 Personen sterben.324 Die Unterscheidung von harten und weichen Verbraucher­informationen hat sich in der Praxis nicht durchgesetzt und wurde bisher auch von der Wissenschaft nicht weiter aufgegriffen.

In der Praxis spielen vor allem die klassische Verwendung des zweiten Bedeutungsraums und die neuere Verwendung als Synonym für den Nutzwert­journalismus eine Rolle. Wie in der Arbeitsdefinition angesprochen, verwendet die vorliegende Arbeit aus verschiedenen Gründen den Begriff ›Nutzwert­journalismus‹ für den hier besprochenen Typus von Journalismus. In Anlehnung an den zweiten, klassischen Bedeutungsraum bezeichnet die Servicefunktion die kurzen Präsentations­formen nutzwert­journalistischer Bericht­erstattung. Service ist Bestandteil des redaktionellen Angebots einer Publikation und kann alle anderen nutzwert­journalistischen Funktionen integrieren, darunter mit Hinweisen und Kurzübersichten die Orientierungs­funktion (Staumeldung, Telefontarife etc.) und die Ratgeber­funktion (Umleitungs­empfehlung; vgl. Eickelkamp 2004a: 17).


309 Handlungen zur Kommunikation (Bsp.: ›So kommunizieren Sie besser mit Ihrem Chef‹) sind zumeist in Rahmenhandlungen eingebettet. Anleitungen zu rein geistigen Aktivitäten, bspw. Meditationsübungen, stellen eine seltene Ausnahme dar.

310 Vgl. VDE 0039:2001-11, OEVE/OENORM EN 62079.

311 Als Textsorten können Gruppen von Texten verstanden werden, die sich durch bestimmte Bündel von Merkmalen auszeichnen. Sie kategorisieren alltagssprachlich Texte in z. B. Wetterbericht, Rezept, Leserbrief, Gebrauchs­an­lei­tung,­ Protokoll, Witz etc. (Linke 2001: 248).

312 »Technische Redakteure und Redakteurinnen erklären die Funktionen komplexer technischer Geräte in verständlicher Sprache und machen sie so dem Nutzer zugänglich« (Agentur für Arbeit, Online-Quelle: http://berufenet.arbeitsagentur.de/berufe/ start?dest=profession&prof-id=58671 [15.08.2010]).

313 Diese sind (a) Grundtypen des Referats (Nachricht/Meldung/Notiz, Bericht, Schilderung/ Beschreibung), (b) Übersicht/Chro­nik, (c) Anzeige, Erklärung, Aufforderung, (d) Kommentar, (e) Grundtypen des Räsonnements (Artikel, Glosse, Kritik, Feuilleton/Literaturgattung, Aufsatz, Abhandlung), (f) Interview, Rund- und Umfrage, Pressestimmen, (g) Grundtypen der Dichtung (Zeitungsroman, Kurzgeschichte), (h) Übergangs- und Mischformen.

314 Beispiele für (d) sind: »Geheilte helfen Kranken« (Neue Post), »Liebe, das schönste Wort auf Erden – Leser schreiben für Leser« (Das Goldene Blatt; Hömberg/Neuberger 1994: 222f.).

315 Derartige Effekte können auch PR-Publikationen haben. So kann man Kunden­zeitschriften von Krankenkassen unterstellen, dass sie die Gesundheit ihrer Mitglieder stärken wollen. Auch Kunden­zeitschriften, die in explizitem oder implizitem Auftrag der Apotheken erscheinen (Marktführer: Apotheken-Umschau), sollen die Leser auf die Möglichkeit aufmerksam machen, dass sie zu einer Gruppe von Krankheitsbetroffenen gehören könnten. Die Zeitschriften verweisen auf Arzt oder Apotheken als helfende Institutionen. Hier wird jedoch Journalismus lediglich simuliert; man muss bei helferischen Kundenzeitschriften von Nutzwert-PR sprechen.

316 Zögerlich veröffentlichen einzelne Behörden (bspw. das Veterinär- und Lebensmittelaufsichtsamt Berlin-Pankow) die Ergebnisse amtlicher Kontrollen von Gaststätten mit namentlicher Nennung der Betriebe. In Dänemark ist dies seit 2001 Usus.

317 Der unter Psychologen verbreitete Kalauer ›Ein Ratschlag ist auch ein Schlag‹ soll dagegen – abweichend von der tatsächlichen Herkunft des Wortes – darauf hinweisen, dass ein Ratschlag als Anordnung verstanden werden kann.

318 Laut einer nicht näher bezeichneten Umfrage der Zeitschrift TV Movie (Karle 1997: 14).

319 Bspw. Bild-Zeitung (»Bild kämpft für Sie«), Berliner Kurier (»Kurier kämpft!«), Thüringer Allgemeine, Berliner Morgenpost, Mainpost, Berliner Zeitung (»Ombudsfrau«), Super-Illu (»Super-Illu hilft«), Computerbild (»Computerbild kämpft für Sie«).

320 Beispiele: (a) Unabhängig vom Verbraucher­verhalten werden immer wieder illegal in Lebensmitteln verarbeitete tierische Abfälle (›Gammelfleisch‹) aufkommen, solange es keine strengen gesetzlichen Regelungen zum Umgang mit Fleischabfällen gibt. (b) Das Verbraucher­verhalten zeigt in Monopol- oder Oligopolmärkten wenig Wirkung, wie etwa im Strommarkt. (c) Für konventionell und ökologisch produzierte Lebensmittel herrschen ungleiche Markt­bedingungen: Während die Umweltschäden, die die konventionelle Landwirtschaft erzeugt, sozialisiert werden, werden die Kosten für die Vermeidung von Umweltschäden in der ökologischen Landwirtschaft ausschließlich von den Käufern der Bio-Produkte getragen.

321 Diese Seite erschien zwischen dem 13.02.2004 und dem 01.09.2006 (vgl. Jubiläumsausgabe der Berliner Zeitung 1945-2005, 20.05.2005, S. 34).

322 Uwe Zimmer war von 1987 bis 2000 Chefredakteur der Abendzeitung (München).

323 Diese sind teilweise bereits in den dritten Bedeutungsraum von Service einzuordnen.

324 In Jahren starker Influenza-Aktivität sind es bis zu 31.000 Todesfälle (Arbeitsgemeinschaft Influenza unter Federführung des Robert-Koch-Instituts, 2008: Abschlussbericht der Influenza­saison 2007/08, Berlin, S. 29). Zum Vergleich: Die Zahl der Verkehrstoten liegt bei jährlich rund 4.000 (Statistisches Bundesamt).