4.4 Zusammenfassung

Wie die beschriebenen Rahmenbedingungen und Einflussgrößen zeigen, weist der Nutzwert­journalismus einige Besonderheiten auf, was seine Beziehung zu anderen gesellschaftlichen Systemen angeht. Vor allem zum Wirtschafts­system, auf das der Nutzwert­journalismus häufig seine Themen bezieht, indem er über Konsumgüter und Dienstleistungen berichtet, bestehen Beziehungen in beide Richtungen. Anders als bei der ereignisorientierten Wirtschafts­berichterstattung klassischen Zuschnitts beeinflusst der rezipienten­orientierte Nutzwert­journalismus die Menschen in ihrer Rolle als Wirtschafts­subjekte. Auch ist mit der Veranstaltung von Warentests und mit dazu veröffentlichten Aussagen zur Produkt­qualität das Wettbewerbs­verhältnis zwischen Unternehmen direkt betroffen. Das Wirtschafts­system, vor allem die Konsumgüter­industrie, die Finanz- und Versicherungs­branche und der Einzelhandel, versucht, die Bericht­erstattung aktiv und reaktiv durch interessen­geleitete Kommunikations­angebote zu beeinflussen, wozu es sich der Methoden der Public Relations bedient und dafür das PR-System bzw. PR-Institutionen und -Agenturen nutzt. Diejenige erfolgreiche Einflussnahme, die journalistischen ethischen Normen widerspricht und im Medienrecht manifestierte Schutzrechte des Rezipienten verletzt, tritt als Schleichwerbung zutage. Die Tatsache, dass es sich auf institutioneller Ebene bei den meisten Medienbetrieben ebenfalls um ökonomischen Prinzipien verpflichtete Unternehmen handelt, die die Trennung von journalistischem und wirtschaftlichem Geschäft firmenintern vornehmen müssen, scheint zu erklären, warum Medienunternehmen eine Einflussnahme auf die Redaktionen offenbar häufig billigen.

Die besonderen rechtlichen Rahmenbedingungen des Nutzwert­journalismus bestehen zum einen darin, dass die Berichterstattung über (häufig von ihm selbst veranstaltete) Warentests überwiegend als Meinungsäußerung gilt, wenn die Kriterien der Neutralität, Objektivität und Sachkunde eingehalten werden. Zum anderen übt der Nutzwert­journalismus seine Verbraucherschutz­funktion auf der Grundlage eines Verbraucher­leitbildes aus, das der Europäische Gerichtshof in den vergangenen Jahrzehnten maßgeblich gestaltet hat. Weitere rechtliche Bedingungen wie diverse medienrechtliche Bestimmungen, der Gewerbe- und Markenschutz oder Gesetze zu unlauteren Geschäftspraktiken von Unternehmen gelten für den Nutzwert­journalismus gleichermaßen wie für den Journalismus generell.

Mit verbraucher­politischen Themen hat der Nutzwert­journalismus vergleichsweise wenige Berührungspunkte zum politischen System. Bemerkenswerte Vorgänge der Einflussnahme sind in diesem Bereich nicht auszumachen. Als Ausnahmen können die Anstrengungen von Bundesministerien gelten, vorproduzierte PR-Beiträge in den Medien zu platzieren.

Schlussfolgernd ist festzuhalten, dass der Nutzwertjournalismus normativ – aufgrund der rechtlichen Lage und im berufs­ethischen Selbstverständnis der Journalisten – weitreichende Freiräume genießt, innerhalb derer er Kritik und Kontrolle an Vorgängen und Ergebnissen des Wirtschafts­systems im Sinne einer Rezipienten­orientierung üben kann. Empirisch steht er jedoch unter einem starken Druck des Wirtschafts­systems, das seine Interessen mit PR-Mitteln vertritt.