3.8 Zusammenfassung

In diesem Kapitel werden die medienspezifischen Ausprägungen und Handhabungen des Nutzwertjournalismus samt ihren funktionalen Besonderheiten behandelt, die sich in den vergangenen Jahrzehnten im Mediensystem der Bundesrepublik Deutschland etabliert haben. In den Lokalteilen von Tageszeitungen befinden sich seit jeher Informatio­nen über Marktpreise, Wetter, Öffnungszeiten, Verkehr und Notdienste sowie Veranstaltungskalender und Adressen. Programmhinweise wer­den teilweise um redaktionelle Inhalte (Tipps, inhaltliche Zusatzinfor­mationen) erweitert. Daneben haben sich neben der zeitungstypischen Universalität seit der Mitte des 20. Jahrhunderts neue Themenbereiche wie Reise, Auto und Mode als Sparten im Blatt und als Ressorts in den Redaktionen etabliert. Während bis in die 1990er-Jahre hinein die meis­ten Redaktionen noch kein bestimmtes Ressort, sondern Mitarbeiter anderer Ressorts und freie Autoren mit Ratgebung beauftragt haben, hat sich nach der deutschen Wiedervereinigung der Servicecharakter der Zei­tungen, vor allem in Ostdeutschland, stärker ausgeprägt. Uneinheitlich gründeten die Tageszeitungen neue Ressorts, die thematisch etwa Geld, Versicherungen und Warentests abdecken, zuweilen auch funktional als ›Verbraucherberatung‹ bezeichnet werden. Als Anforderungen an Regio­nalzeitungen wird aus einer rezipientenorientierten Perspektive betont, dass journalistische Beiträge Zugangsinformationen nach vorne stellen, mit der Präsentationsform mehrere Zugänge anbieten und unterschied­liche Interessen ansprechen sowie sich bei Problemen als Beschaffer von Expertenwissen darstellen und das Expertengespräch lösungsorientiert moderieren sollen. Zum letzteren Punkt haben sich Telefonforen als anhaltend erfolgreiches Mittel einer ratgebenden Dienstleistung eta­bliert. Hierbei wird deutlich, dass die Tageszeitungen alle in Kapitel 5 behandelten nutzwertjournalistischen Funktionen in großem Umfang, wenn auch verschieden ausgeprägt und in ihrer Mischung unterschied­lich gewichtet, ausüben.

Die Wirtschaftsteile in Tageszeitungen haben sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts stark gewandelt: von einer unternehmenszentrierten hin zu einer stärker rezipientenorientierten Wirtschaftsberichterstat­tung mit verständlicherer Sprache, neuen Themen und neuen Darstel­lungsformen. Auf der Seite der Leser hat sich mit dem Anwachsen der privaten Vermögen auch das Interesse für Wirtschaft und wirtschaftliche Zusammenhänge erhöht. Der Wirtschaftsteil regionaler Tageszeitun­gen ist in der Regel inhaltlich weiter in Sparten und Rubriken differen­ziert. In mehr als der Hälfte der Redaktionen und Zeitungen existieren Service- und Ratgeberseiten, eine Rubrik ›Geld/Kapitalanlage‹ und eine Rubrik ›Warentest/Verbraucherservice‹.

Bei den Zeitschriften strömte ab den 1950er-Jahren eine Welle von Ratgeber- und Lebenshilfeangeboten auf den Markt, vor allem bei den Frauenzeitschriften im Sinne einer psychosozialen Unterstützung. Eine Vielzahl von Special-Interest-Zeitschriften entwickelte Formen von Lebenshilfe zunächst weniger zur Beratung bei individuellen Lebenspro­blemen, sondern mit dem Ziel der Lebens- und Orientierungshilfe. Im intermedialen Wettbewerb zu den elektronischen Medien übernehmen Zeitschriften inzwischen tendenziell den Auftrag, Nutzwert anzubieten, während sich das Fernsehen als Unterhaltungsmedium profiliert. Mitt­lerweile ist dies etwa bei Computer-, Gesundheits-, Eltern- oder Bauzeit­schriften in einer Weise ausgeprägt, dass diese Haltung als durchgängi­ges Blattkonzept sichtbar wird.

Special-Interest- und Wirtschaftstitel betätigen sich seit der Gründung der Zeitschrift DM auch als Veranstalter vergleichender Warentests. Die Stiftung Warentest, von der Stifterin Bundesrepublik Deutschland jähr­lich mit Millionenbeträgen unterstützt, um fehlende Anzeigeneinnah­men der Publikationen auszugleichen, gibt die Zeitschriften Test und Finanztest heraus, letztere mit vergleichenden Dienstleistungstests aus dem Finanzbereich. Die ursprünglich ostdeutsche Zeitschrift Guter Rat wendet sich als Publikum an Rezipienten in ihrer Verbraucherrolle, die Testzeitschrift Öko-Test untersucht in vergleichenden Warentests Kon­sumprodukte überwiegend auf ihren Schadstoffgehalt und nach weite­ren ökologischen und sozialen Kriterien. Wirtschaftsmagazine diversi­fizierten sich gegen Ende des 20. Jahrhunderts in Titel mit dem Schwer­punkt auf Finanzprodukte, private Geld- und Vermögensfragen, wie sie für Personen in der privaten Finanzrolle relevant sind, und Themen der privaten Lebensführung und -gestaltung in sonstigen privaten Rollen.

Inhaltlich ist die nutzwertjournalistische Vermittlung oft mit Meinung und einem Standpunkt verbunden. Die Notwendigkeit des Vermeldens nutzwertigen Erfahrungswissens kommt allerdings nicht ohne die Mei­nungs- und Erklärungsanteile der kognitiven Funktion (Deuten) aus. In den Präsentationsformen, das heißt konkret mit der zur Rezeption ange­botenen Darstellung der nutzwertjournalistischen Inhalte im Medienpro­dukt, verbinden die Zeitschriften mehrere Elemente zu einer Gesamtheit. Ergebnis der Bemühungen von Redaktion und Layout ist häufig ein Gefü­ge aus vielen Elementen wie Lauftext, Tabellen, Kästen und Illustratio­nen. In der Praxis tritt Nutzwert in diversen Darstellungsformen auf: als detaillierte Tabelle, Einzeltest, Marktübersicht, Kaufberatung, Schritt-für-Schritt-Anleitungen, Fragen und Antworten, Regeln und Gebote, weiter­führende Hinweise, Testberichte und in weiteren Formen.

Im Fernsehen werden nutzwertjournalistische Funktionen grund­sätzlich mit der in Staatsverträgen und Gesetzen geregelten Aufgabe fundiert, zu informieren und zu bilden. Seit den 1960er-Jahren gehö­ren klassische Verbrauchersendungen in der Tradition der informativen Magazinsendungen zum Programm. Dies sind moderierte Sendungen mit kurzen Filmbeiträgen und einer typischen Kleinteiligkeit. Innerhalb dieser Form stehen sie als Spartenmagazine neben den Produktionen zu anderen Themen wie Wirtschafts-, Kultur-, Sport-, Gesundheits- und Wissenschaftsmagazinen. In den Ratgebermagazinen treten alle nutz­wertjournalistischen Funktionen mit hoher Dominanz auf. TV-Wirt­schaftsmagazine haben sich Ende der 1980er-Jahre konzeptionell stär­ker verbrauchernahem Nutzwert und Service zugewandt, was ihre Kon­tur als eigenständige Sendeform geschärft hat. Sie spielen ebenfalls alle nutzwertjournalistischen Funktionen mit hoher Dominanz aus.

Die Funktion der Ratgebung ist inzwischen auch ständiger Bestand­teil anderer Programmgattungen geworden. Beiträge mit Dienstleis­tungscharakter finden sich auch in Informationsmagazinen, Unterhal­tungs- und Kultursendungen, Talkshows und fiktiven Programmen. Moderierte Dauersendungen wie das werktägliche Frühstücksfernsehen oder das Vormittagsprogramm enthalten Filmbeiträge, Studiogespräche, Nachrichten- und Service-Blöcke und Call-ins, bei denen die Beratungs­funktionen weniger im Vordergrund stehen. Dennoch werden alle nutz­wertjournalistischen Funktionen angesprochen und verwendet.

Private Fernsehsender in Deutschland nahmen Talkshows, in denen der Moderator Personen vor laufender Kamera eine gewisse vermeintli­che oder tatsächliche Hilfestellung anbietet, zuerst ins Programm auf. Es wird hier der Schein eines seriösen Angebots zur Lebenshilfe erweckt und gleichzeitig ein voyeuristisches Bedürfnis des Publikums befriedigt.

In jüngster Zeit sind zahlreiche neue sogenannte Doku-Soap-Formate – auch Coachingformate oder Real-Life-Soaps genannt – auf­gekommen, denen indirekt eine Ratgeberleistung insofern unterstellt werden kann, als sie Probleme am Beispiel aufzeigen und lösen und Ver­gleichsinformationen für die Surveillance-Funktion liefern. Damit wird es den Zuschauern ermöglicht, Vergleichsinformationen für die Positi­onsbestimmung ihres eigenen Lebens zu erhalten und eine objektivere Bewertung ihrer eigenen Lage vornehmen zu können. Es handelt sich bei Doku-Soap-Formaten um teilinszenierte Reportagen, die von der beste­henden Problemlage einer Betroffenen­gruppe ausgehen. Inszeniert ist die meist professionelle Problemlösungs­komponente durch die TV-Pro­duktion. Ohne eine offensichtliche journalistische Wertung dokumen­tiert jede Sendung den Fortgang der Entwicklung.

Der Hörfunk wandelt sich insgesamt zu einem reinen Begleit- und Nebenbeimedium, für das die Rezipienten eine geringere Aufmerksam­keit aufwenden als für das Fernsehen. Die Lage der wissenschaftlichen Literatur über den Hörfunk ist insgesamt unbefriedigend dünn. Ratge­bersendungen oder ähnliche Formate werden selten genannt, gerade die Programme privatrechtlicher Sender sind stark formatiert. Eine Diversi­fizierung des Hörfunks nach nutzwertjournalistischen Funktionen kann auf Grundlage dieser Informationslage nicht konstatiert werden.

Mit der starken Ausbreitung des Internets und Nutzung von Weban­geboten bieten sich die Online-Medien als crossmediale Ergänzung eta­blierter Medien an. Um das grundsätzliche Manko des Rundfunks zu beheben, dass der Rezipient die ›flüchtig‹ dargebotenen Informationen kaum festhalten kann, wird mit Online-Inhalten ein externer Speicher angeboten. Auf den Web-Seiten können zudem ergänzende und wei­terführende Inhalte präsentiert werden. Für die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und ihre sogenannten Mediatheken besteht zwar eine vom Bundesverfassungsgericht bekräftigte Entwicklungs- und Bestandsgarantie für qualitativ hochwertige, aus Gebühren finanzierte Online-Angebote. Um privatwirtschaftliche Veranstalter im wirtschaft­lichen Wettbewerb jedoch nicht zu benachteiligen, müssen nicht sendungsbezogene Internetangebote ein anstaltsinternes Prüfverfahren (sogenannter ›Drei-Stufen-Test‹) durchlaufen, das klärt, ob die Angebote einen public value besitzen und welcher finanzielle Aufwand für ihre Pro­duktion erforderlich ist.

Online-Medien bieten allen klassischen Medien die Möglichkeit, sys­temimmanente Defizite auszugleichen. Nicht die technischen Kondi­tionen, sondern redaktionelle Ressourcen begrenzen den Umfang und die inhaltliche Tiefe serviceorientierter Webangebote. Grundsätzlich können auch kleinste Produktionseinheiten Online-Inhalte erzeugen, die in Erscheinung und Intention von Online-Publikationen etablierter Medienunternehmen kaum zu unterscheiden sind. Dies erleichtert es Public-Relations-Treibenden in Online-Medien, Journalismus zu simu­lieren, und erfordert von den Nutzern eine erhöhte Medienkompetenz zur Unterscheidung von werblichen und redaktionellen Anteilen.

Online-Medien erleichtern die Interaktion zwischen Rezipient und Kommunikator, sodass die Redaktionen zunehmend Rückmeldungen von Lesern und Zuschauern über die elektronischen Wege des Internets als E-Mail, über Formulare auf Webseiten, in Foren und in technisch ver­schieden realisierten Chatrooms erhalten. Die Angebote im Internet sind thematisch teilweise sehr spezialisiert und modular aufgebaut. Inhal­te werden unabhängig von ihrem ursprünglichen Produktionskontext angeboten und aggregiert. Mit der zunehmenden Nutzung des Inter­nets heben Medien ihre strenge Bindung an eine Verbreitungsform auf. So generieren einige Medienhäuser über die kostenpflichtige Nutzung redaktioneller Inhalte über die Web-Seite inzwischen einen relevanten Teil ihrer Einkünfte.

Wenn Internetnutzer Inhalte suchen, handelt es sich vor allem um Service- und Freizeitinformationen, darunter vorwiegend um verglei­chende Ratgeber- und Produktinformationen wie Preisvergleiche. Der Inhalt lässt sich über intelligente und komfortable Suchmöglichkeiten erschließen. Indem der Nutzer für ihn passende Parameter angibt, kön­nen Algorithmen individuell passende Antworten erstellen. Kulturkalen­der, Adressen und Nachschlagewerke lassen sich zu einzelnen Themen und geografischen Gebieten einrichten. Damit eignen sich Serviceange­bote im Internet vor allem bei datenintensiven Themenbereichen, so für Kleinanzeigen, Veranstaltungshinweise und Marktübersichten etwa aus dem Finanz- und Versicherungsmarkt und für Anbieter von Telekom­munikationsdiensten. Eine weitere Möglichkeit, große Datenbestände für individuelle Anfragen aufzubereiten, sind Anwendungen in Form sogenannter Rechner. Solche originär im Web generierten und erst durch das Web ermöglichten Inhalte wie Preisvergleichsportale und Berech­nungsprogramme finden auf umgekehrtem Weg wiederum Eingang in gedruckte Publikationen.

Internetnutzer müssen zu einem beträchtlichen Teil als aktive Rezi­pienten angesehen werden, die Suchstrategien anwenden. Neben den journalistischen Angeboten hat der Nutzer im Web zahlreiche weitere Möglichkeiten, sich zu informieren. Die Anforderung an journalistische Angebote, die Themen- und Informationsvielfalt zu strukturieren, ist hier besonders gefragt. Nutzwertjournalistische Funktionen werden hier ebenso wie in den klassischen Medien erfüllt.