3.6 Nutzwertjournalismus in Online-Medien

Das Internet154 ist ein mittlerweile gut etabliertes ›neues Medium‹, für dessen ›Betriebsmodus‹ World Wide Web (WWW) man mit einigem Recht die Definition eines ›Massenmediums‹ akzeptieren kann. Es ist für große Teile der Bevölkerung zu einem Alltagsmedium und täglichen Begleiter geworden (Eimeren/Frees 2008: 383; Meyer-Lucht/Gollatz 2008: 9; Vorderer et al. 2006: 308). Webbasierter Online-Journalismus existiert weltweit seit etwa Mitte der 1990er-Jahre (Quandt 2005: 338). Zugangsdienste wie Compuserve, AOL und T-Online kooperierten von Beginn an mit Medienunternehmen und boten in geschlossenen Mit­gliederbereichen zunächst nur ihren Kunden journalistische Angebote (ebd.). Heute bieten Provider wie T-Online, Gmx/Web.de oder Freenet auf ihren allgemein zugänglichen Portalen allen Online-Nutzern jour­nalistische Inhalte an. Diese sind teilweise ausdrücklich mit rezipientenorientierter Unterstützungsfunktion intendiert, wie sich am Beispiel T-Online mit den Rubriken ›Wirtschaft>Versicherungen>Ratgeber‹, ›Reisen>Billigflieger-Ratgeber‹ und den Verbrauchertipps in der Rubrik ›Lifestyle‹ zeigen lässt. Eine um das Jahr 2000 begonnene Entwicklung brachte verschiedene Webangebote dazu, neben ihrer Funktion als Such­maschine oder Katalog auch als Portale für journalistische Inhalte aufzu­treten (bspw. Yahoo, MSN, Excite, Lycos, Infoseek).

Dennoch dominieren etablierte Medienunternehmen nach wie vor den Online-Journalismus (Mast 2008: 613). In Deutschland waren es jedoch nicht Tageszeitungsverlage, die zuerst Internetauftritte reali­sierten, sondern Spiegel-Online gilt mit seinem Start am 24.10.1994 als weltweit erstes Online-Nachrichtenmagazin. Erst im Mai 1995 erschie­nen Online-Ausgaben der Tageszeitung (taz) und der Schweriner Volkszei­tung (Quandt 2005: 338). Viele Versuche, journalistische Inhalte im Web langfristig gegen Bezahlung anzubieten, sind als gescheitert anzusehen. Zwar hat sich der Nutzerkreis, der kostenpflichtige Online-Recherchen in Datenbanken und Zeitungs- oder Zeitschriftenarchiven oder Informa­tionsdienste zum Beispiel über den Finanzmarkt in Anspruch nimmt, zwischen 2000 und 2008 in Deutschland absolut von 0,7 auf 1,8 Millio­nen Nutzer um das Zweieinhalbfache vergrößert (Schneller 2008: 26), doch entspricht dies der allgemeinen Steigerungsrate der Internetnut­zung (Köcher 2008: 2). Nachdem die New York Times 2007 ihre zuvor kos­tenpflichtigen Archive geöffnet hatte, folgten in Deutschland 2008 Der Spiegel und Die Zeit.

Online-Medien haben sich ebenfalls für die Interaktion zwischen Rezipient und Kommunikator etabliert.155 So erhalten die Redaktionen zunehmend Rückmeldungen von Lesern und Zuschauern nicht mehr aus Leserbriefen, sondern über die elektronischen Wege des Internets als E-Mail, über Formulare auf Webseiten, in Foren und in technisch ver­schieden realisierten Chatrooms.

Online-Medien bieten anderen, klassischen Medien generell die Möglichkeit, systemimmanente Defizite auszugleichen. Zuhörer oder Zuschauer von Radio- oder Fernsehsendungen können Informationen ausschließlich in Realzeit aufnehmen oder Anleitungen (bspw. in Koch­sendungen) in Realzeit ausführen, sofern sie nicht mit einer zusätzlichen technischen Ausstattung wie einem Rekor­der­ das Programm aufnehmen oder es zeitversetzt mit Pausenfunktion nutzen können. Als Kompensat boten und bieten Rundfunkanbieter Informationen auf anderen Ver­triebswegen an: im Videotext, per Faxabruf und zunehmend mit Weban­geboten. Auch wenn bei Zeitschriften der Erscheinungsrhythmus eine geringere Aktualität bedingt, kann die dazwischen liegende Veröffent­lichung von Informationen im Web dieses Manko ausgleichen. So veröf­fentlicht die Stiftung Warentest auf ihrer Webseite test.de in der Rubrik ›Schnelltests‹ die Ergebnisse der Tests von kurzzeitig auf dem Markt erhältlichen Artikeln oder von Aktionsware, die für die Leser der monat­lich erscheinenden Zeitschrift Test zu spät kämen. Da der Hörfunk sich gegenüber dem Fernsehen als ein noch flüchtigeres Medium darstellt und man annehmen kann, dass der Bedarf an Kompensation dort höher ist, würde man mehr Online-Kompensationsangebote für Hörfunkpro­gramme erwarten. Das ist aber nicht der Fall, da im öffentlich-recht­lichen Rundfunk der Hörfunk offenbar einen geringeren Stellenwert einnimmt als das Fernsehen. Im privatwirtschaftlichen Radio sind die Geschäftsmodelle extrem auf Gewinnerzielung ausgerichtet, was Kosten verursachende Online-Angebote ausschließt. Schon in den 1990er-Jahren hatten die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten erkannt, dass sie eine ihrer Hauptkompetenzen, das Erstellen von als seriös empfundenen Informationsangeboten, als Marktvorteil ausspielen können, indem sie die Radio- und Fernsehangebote komplementär mit weiteren aktuellen Informationen über das Weltgeschehen sowie mit Service- und Verbrau­cherinformationen online vernetzen (Eimeren et al. 1997: 31).

Die Angebote im Internet sind dabei thematisch teilweise sehr spezia­lisiert. Meyer-Lucht/Gollatz (2008: 19) sprechen von einer horizontalen und vertikalen Desintegration, die die Modularität im Internet steigert: Inhalte werden unabhängig von ihrem ursprünglichen Produktions­kontext angeboten und aggregiert. Mit der zunehmenden Nutzung des Internets heben Medien ihre strenge Bindung an eine Verbreitungsform auf. So bieten Zeitungen abseits der Verbreitung in gedruckter Form den Lesern als Dienstleistung den Zugriff auf ihr Artikelarchiv, liefern Hin­tergrundinformationen und ermöglichen den Kontakt der Leser unter­einander in Chatrooms und Foren. Redaktionen können Themensamm­lungen fortschreiben, indem sie einzelne Beiträge ergänzen (Wolff, V. 2006: 251; Initiative Tageszeitung 2003: 42). Webangebote mit Archiv­charakter bieten für den Rezipienten den Vorteil, dass er es als externes Gedächtnis nutzen kann (siehe hier), vor allem wenn er sich auf die dauerhafte Präsenz des Angebots verlassen kann. Wird ein Archiv regel­mäßig gepflegt, kann es bei sich stetig wandelnden Umständen außer­dem zu einer Anlaufstelle für Informationen über die jeweils aktuelle Lage werden (Meier 2002a: 114), etwa für die Berechnung von Steuern bei sich laufend ändernder Gesetzeslage.

Zwei Drittel der Deutschen über 14 Jahre nutzten 2008 das Internet »zumindest gelegentlich« (Eimeren/Frees 2008: 331). Rund 22 Millio­nen Bundesbürger, 45 Prozent der 14- bis 64-Jährigen, gebrauchten das Internet täglich (Meyer-Lucht 2008). Während die gelegentliche Online-Nutzung bei den Unter-30-Jährigen bei mehr als 95 Prozent lag, betrug der Anteil der Über-60-Jährigen lediglich rund 26 Prozent, auch wenn in dieser Altersgruppe (»Silver-Surfer«) ein besonders hoher Zuwachs zu verzeichnen war (Eimeren/Frees 2008: 332). Wer das Internet grund­sätzlich nutzt (»Onliner«), liest seltener eine Tageszeitung als Nichtnut­zer des Internets (»Offliner«). Nach Selbsteinschätzung lesen 53 Prozent der Onliner täglich eine Zeitung, während der Anteil bei den Offlinern bei 69 Prozent liegt (ebd.: 342). Dass dennoch die Konkurrenz um das Zeitbudget der Online-Nutzer vor allem zwischen der Internetnutzung und dem Fernsehen stattfindet, war schon Ende der 1990er-Jahre fest­zustellen (ARD/ZDF-Arbeitsgruppe Multimedia 1999: 412; Eimeren et al. 1997: 24f.).

Im Vergleich der Nutzungsdauer verschiedener Medien lässt sich für junge Online-Nutzer zwischen 14 und 19 Jahren festhalten, dass diese im Vergleich zu allen Nutzern mehr Zeit mit Internet, Büchern, Tonträgern und Videos verbringen, jedoch weniger Zeit mit Fernsehen, Hörfunk, Zeitung und Zeitschrift (Eimeren/Frees 2008: 343). Dabei ist zu beach­ten, dass die Daten aus unterschiedlichen Studien stammen, was ihre Vergleichbarkeit einschränkt. Während die Summe aller Mediennutzun­gen bei allen Online-Nutzern bei rund 9,5 Stunden täglich liegt, beträgt sie bei den 14- bis 19-Jährigen knapp 8 Stunden; Effekte der parallelen oder Hintergrundnutzung sind dabei nicht berücksichtigt. Die Video­nutzung via Internet dürfte zunehmen. Da inzwischen 70 Prozent der deutschen Nutzer via DSL-/Breitbandanschluss auf die Internetinhalte zugreifen, hat der Abruf von (datenintensiven) Videodateien zugenom­men, und zwar in Videoportalen, als zeitversetztes oder live empfange­nes Fernsehen und als Video-Podcasts. Radio-Livestreams werden im Ver­gleich zu Fernseh-Livestreams von doppelt so vielen Menschen genutzt (ebd.: 338f.).

Die Mediennutzungsgewohnheiten der Menschen ändern sich, vor allem lesen jüngere Menschen weniger Zeitungen und Zeitschriften und nutzen stärker das Internet. Nur 15 Prozent der 14- bis 19-Jährigen gaben 2008 an, gestern die Zeitung gelesen zu haben, 59 Prozent von ihnen nutzten jedoch das Internet täglich (Meyer-Lucht 2008). Die verkaufte Auflage aller IVW-geprüften156 Tageszeitungen sank zwischen 1998 und 2008 um 20 Prozent (von 29,4 auf 23,5 Mio. Exemplare), die von Publi­kumszeitschriften um rund 5 Prozent (von rund 125 auf 118 Mio.) und die von Fachzeitschriften um 18 Prozent (von 17 auf rund 14 Mio.).157 Der­zeit bieten Online-Medien im Vergleich zu den klassischen Medien, vor allem gegenüber Zeitschriften, weniger Nutzwertjournalismus an. Bleibt das Verhältnis bestehen, kann eine Entwicklung eintreten, durch die bei geringen Zeitungs- und Zeitschriftenreichweiten in ganze Bevölkerungs­teile oder Rezipientengruppen diese künftig kaum mehr Zugang zu unterstützenden Inhalten erlangen.

Die Nutzer verwenden das Internet hauptsächlich zur elektronischen Kommunikation (E-Mail, bei Jüngeren zudem Social Media) und zur all­gemeinen Informationssuche mit Suchmaschinen. Bei den aufgesuchten Inhalten handelt es sich vor allem um Service- und Freizeitinformatio­nen, darunter vorwiegend um vergleichende Ratgeber- und Produktin­formationen wie Preisvergleiche (Eimeren/Frees 2008: 333f.). Auf bevor­zugtes Interesse auf den Internetseiten von Radio- und Fernsehsendern stießen bereits bei den frühen Internetnutzern, damals als eine qualifi­zierte Minderheit angesehen, aktuelle Informationen inklusive Service (Börse, Wetter, Verkehr) und Ratgeberthemen (Eimeren et al. 1997: 27f.; ARD/ZDF-Arbeitsgruppe Multimedia 1999: 412f.), die die Nutzer pro­grammunabhängig und zeitsouverän abrufen können. In den vergange­nen Jahren lag der Anteil der Online-Nutzer, die Verbraucher- und Rat­geberinformationen häufig oder gelegentlich aufsuchen, stabil zwischen 30 und 40 Prozent, aktuelle Service-Informationen (Wetter, Verkehr) wurden zunehmend genutzt (2008 von 47 % der Nutzer; Eimeren/Frees 2008: 338). Nutzwertinformationen158 werden von 14- bis 64-Jährigen besonders stark und zunehmend nachgefragt, wobei mehr Ältere derar­tige Informationsangebote aufsuchen als Jüngere (Köcher 2008: 12, 32). 2003 waren noch Online-Auktionen zentrale Applikationen (Eimeren/ Frees 2008: 331). Für die Mehrheit der Online-Nutzer (62 %) ist das Inter­net inzwischen »täglicher Begleiter für alle möglichen Fragen und The­men« (Eimeren/Frees 2008: 334; Meyer-Lucht 2008).

Die IVW weist für beteiligte Websites die Zahl der Seitenaufrufe (page impressions) und Einzelbesuche (unique users) aus und unterscheidet dabei Webangebote, Netzwerke und Vermarktungsgemeinschaften. Bei der Angabe von Seitenaufrufen ist zu beachten, dass die Betreiber von Webangeboten die Nutzer verschieden stark und mit unterschiedlichen Mitteln (z. B. Aufteilen von Artikeln in mehrere Unterseiten, Anbieten von Bilderstrecken, Rätseln und Spielen)159 dazu anreizen, viele ein­zelne Elemente anzuklicken, sodass die Vergleichbarkeit sehr gering ist. Für die Webangebote bietet die IVW die Kategorie »Redaktioneller Content«160 mit journalistischen und PR-Inhalten161 an, der die Betrei­ber der Angebote selbst einzelne Angebotsbereiche zuordnen können.

Wählt man unter den gemeldeten Webangeboten diejenigen 50 aus, die die höchsten monatlichen Zahlen an Seitenaufrufen von »Redaktionel­lem Content« aufweisen, und ordnet man die Unternehmen Betreiber-Typen zu, ergibt sich folgendes Bild (Tab. 12): Von neun der 50 Ange­bote ist deren Mutterpublikation eine Zeitung, elf Angebote haben eine Zeitschrift als korrespondierende Publikation, und vier Angebote stam­men aus klassischen Verlagshäusern. Fünf weitere Angebote wurden von Internetprovidern veröffentlicht, vier von Rundfunksendern, und die übrigen 17 Webangebote wurden von Internet-Medienunternehmen geführt, die keinen direkten Bezug zu Publikationen klassischer Art aufweisen, bei denen jedoch häufig Beteiligungen klassischer Medien­unternehmen vorhanden sind. Insgesamt lässt sich festhalten, dass die Webangebote der Top-50-Liste mit ›Redaktionellem Content‹, die direkt mit Verlagen, Zeitungen und Zeitschriften korrespondieren, mit 400 Millionen einmaligen Besuchen pro Monat rund ein Viertel der erfass­ten Gesamtbesuchszahlen verzeichnen. Dass die Zahlen der Zugriffe auf ›Redaktionellen Content‹ bei Internetprovidern so hoch sind, lässt sich nicht durch ein besonderes Interesse der Nutzer für deren Inhalte erklä­ren, sondern damit, dass die Provider die Nutzer mit proprietären Pro­grammen oder vorinstallierten Lesezeichen beim Einwählen in das Inter­net zuerst auf die eigenen Webseiten lenken. Die ARD und das ZDF lassen ihre Webangebote (ard.de, tagesschau.de, zdf.de, heute.de) nicht von der IVW überprüfen, da sie keine Werbekunden haben, für die die Zugriffszah­len interessant wären; nach Berechnungen von Meyer-Lucht/Gollatz (2008: 14) liegen die Angebote der Fernsehsender jedoch ebenfalls im Bereich der hier betrachteten Besuchs- und Zugriffszahlen.

Tabelle 12: Monatliche Einzelbesuchszahlen von denjenigen 50 IVW-geprüften Webangeboten mit ›Redaktionellem Content‹, die die meisten Seitenaufrufe bei ›Redaktionellem Content‹ aufweisen, gruppiert in Betreiber-Typen nach Einschätzung des Verfassers
korrespondie­ren­de Publi­ka­tion / Be­trei­ber-TypAnzahl Unter­neh­menSumme Ein­zel­be­su­che An­teil Ein­zel­be­su­che (Pro­zent)
Internet-Pro­vider5718.198.78342,2 %
Internet-Medien­unter­neh­men17398.679.73223,4 %
Zeit­schrift11225.534.51713,2 %
Rund­funk­sen­der4176.359.43310,4 %
Zei­tung9144.265.8568,5 %
Ver­lag440.611.6142,4 %
Summe501.703.649.935100,0 %
Datenquelle: IVW (Online-Quelle: http://www.ivwonline.de [08.11.2008]), September 2008; Zusammenstellung: Eigene Darstellung. [update:] Abweichung rundungsbedingt

Journalistische Online-Angebote, die aus der gleichen Redaktion stammen wie die der entsprechenden Printobjekte des Verlags, sind besonders dort thematisch stark vertreten, wo eine Nähe zur Technik der Online-Verbreitung oder der spezifischen Gestaltung von Webangeboten existiert, etwa bei den Themengebieten Computer, elektronische Spiele oder Grafikdesign. So haben Computerzeitschriften in der Regel einen Internetauftritt, der nicht nur wesentliche Inhalte der gedruckten Objek­te wiedergibt, sondern zusätzliche Informationen und Dienste anbietet, etwa das Herunterladen von Programmen, DSL-Geschwindigkeitstests oder Online-Spiele.

Zahlreiche Online-Publikationen etablierter Medienhäuser bieten über die bereits gedruckt vorliegenden (journalistischen) Inhalte hinaus keine zusätzlichen Informationen an. Das Internet stellt dann ledig­lich einen zusätzlichen Vertriebsweg für identische Inhalte dar, indem E-Paper162 oder PDF-Dateien zur Ansicht am Computerbildschirm zur Verfügung gestellt werden – teilweise gegen Gebühr (vgl. überblicksartig Neuberger 2005: 171). So generiert die kostenpflichtige Nutzung redak­tioneller Inhalte von Publikationen der Stiftung Warentest über die Web­seite test.de inzwischen einen relevanten Teil der Einkünfte der Stiftung.

Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger e. V. (BDZV) listet 661 Zeitungswebsites.163 Zeitungswebsites erreichten 2007 mit 13,7 Mil­lionen einmaligen Nutzern (unique users) pro Monat rund 35 Prozent der Online-Nutzer in Deutschland (Fuhrmann/Kansky 2007). Zu Strategie­optionen für ein Online-Engagement von Tageszeitungen hat Neuberger (2005: 155) eine Übersicht vorgelegt, der er die Annahme zugrunde legt, dass sich Unternehmen im Internet eine einzigartige strategische Posi­tion schaffen müssen, die sie vor Nachahmern schützt. Der Autor unter­scheidet nach marketingwissenschaftlichen Gesichtspunkten drei Typen: konkurrenzgerichtete Strategien, abnehmerorientierte Strategien und solche, die verschiedene Richtungen künftiger Entwicklungen berück­sichtigen. Konkurrenzgerichtete Strategien können innovativ oder imitativ sein und sich den Wettbewerbern stellen oder den Wettbewerb vermeiden; das empirisch vorherrschende Modell scheint derzeit die Imitation zu sein, und zwar in der Art, dass Webangebote Gestaltungs­elemente der Tageszeitungen übernehmen (ebd.: 168). Abnehmerorien­tierte Strategien waren bisher kaum erfolgreich, da wegen der fehlenden Bereitschaft der Internetnutzer, für Angebote hoher journalistischer Qualität einen Preis zu zahlen, in der Qualität differenzierte und damit unterschiedlich teure Angebote den Wettbewerb nicht überstehen (ebd.: 169). Strategien verschiedener Entwicklungsrichtungen schließlich sind häufig defensiv ausgerichtet: Das Gewinnen von Probe- und Doppelle­sern soll das Muttermedium stärken. Offensive Stategien, das Printpro­dukt via Internet zu distribuieren oder dort für die gedruckte Version zu werben, nutzen die Möglichkeiten des Internets kaum aus. Häufig wer­den, bei unterschiedlichem Grad von Synergienutzung, Inhalte crossme­dial angelegt (ebd.: 171ff.).

Nicht die technischen Konditionen, sondern redaktionelle Ressour­cen begrenzen den Umfang und die inhaltliche Tiefe serviceorientierter Webangebote. Wie im Nutzwertjournalismus üblich (und in der Regel unterschätzt), ist der Rechercheaufwand für Serviceleistungen erheb­lich. Häufig vergeben Redaktionen daher Aufträge zum Erstellen von Informationsinhalten an externe Anbieter. Dies hat zwei Nachteile: Zum einen lassen sie eigene Kompetenzen ungenutzt, die ansonsten der Stär­kung der Reputation der Publikation gegenüber den Rezipienten dienen könnten. Zum anderen öffnet die Redaktion damit eine Tür für Fremd­einflüsse und Schleichwerbung (siehe Kapitel 4.3, vgl. Meier 2002a: 116).

Zeitungen erhalten mit den Online-Diensten des Internets eine erhebliche Konkurrenz zu ihren eigenen Serviceangeboten. Die Web­server bieten wachsenden und nahezu unbegrenzten Speicherplatz, der Inhalt lässt sich über intelligente und komfortable Suchmöglich­keiten erschließen, und indem der Nutzer für ihn passende Parameter angibt, können Algorithmen individuell passende Antworten erstellen (Meier 2002b: 182). Kulturkalender, Adressen und Nachschlagewerke lassen sich zu einzelnen Themen und geografischen Gebieten einrich­ten (ebd. 2002a: 113). Damit eignen sich Serviceangebote im Internet vor allem bei datenintensiven Themenbereichen, so für Kleinanzeigen, Ver­anstaltungshinweise und Marktübersichten etwa aus dem Finanz- und Versicherungsmarkt und von Tele­kommunikations­dienste­anbietern, wo die Fülle von Einzeldaten kaum überschaubar ist. Eine weitere Möglich­keit, große Datenbestände für individuelle Anfragen aufzubereiten, sind Anwendungen in Form sogenannter Rechner: als Tarifrechner für Versor­gungsdienstleistungen (Elektrizität, Gas, Telekommunikationsangebo­te), als Lohn- und Gehaltsrechner (nach Tariftabellen), als Steuerrechner für die Einkommenssteuer etc. In vielen Lebensbereichen sind inzwi­schen so viele Einzeldaten zu berücksichtigen, dass die Beratung eines allgemeinen, dispersen Publikums oft nur ungenau oder anhand von Beispielfällen möglich ist. Etwa bei Versicherungsthemen spielen für das Individuum eine so große Vielzahl von Kriterien wie Alter, Geschlecht, Wohnort, Typ des Arbeitsverhältnisses oder individuelle Risiken eine Rolle, dass Informationen in Massenmedien für ein Massenpublikum ungenau oder beispielhaft bleiben müssen. Computerprogramme und Datenbanken mit Vergleichsdaten können dagegen für das Individu­um genau zugeschnittene Ergebnisse ermitteln. Derart differenzierte Ergebnisse lassen sich einer zunehmenden Zahl von Bürgern über das Internet als technische Plattform vermitteln. Naheliegend ist daher, dass Zeitungen und Zeitschriften das Internet verwenden, um ihren Lesern differenzierte Angebote und Vergleiche zugänglich zu machen, die sich auf dem Papier nicht mehr gestalten lassen (Wolff, V. 2006: 250). Solche originär im Web generierten und erst durch das Web ermöglichten Inhal­te wie Preisvergleichsportale und Berechnungsprogramme finden auf umgekehrtem Weg Eingang in gedruckte Publikationen: Tageszeitun­gen und Zeitschriften veröffentlichen Vergleichstabellen über Telefon­tarife, Strompreise, Versicherungstarife und Finanzierungskonditionen. Die Neigung, umfassende Tabellen abzudrucken, ist dabei unterschied­lich ausgeprägt. Während die meisten hochauflagigen Zeitschriften aus ästhetischen Gründen der Seitengestaltung darauf verzichten, liefert etwa Computerbild sehr viele Tabellen.164

Online publizierte Inhalte können ohne großen finanziellen oder technischen Aufwand erstellt werden, während für gedruckte Medi­en oder den Rundfunk ein hoher Personalaufwand mit spezialisierten Funktionsrollen (Redaktion, Layout, Druckvorstufe, Druck, Vertrieb) und eine kostenintensive Infrastruktur bereitgehalten werden muss. Das Internet kann eine grunddemokratische Einrichtung darstellen, in der das Individuum zum Sender werden und Partikularinteressen artikulieren kann. In zahlreichen Ländern wird das Internet jedoch aus unterschiedlichen Gründen stark reguliert (z. B. Saudi-Arabien, China, Myanmar). Grundsätzlich können auch kleinste Produktionseinheiten Online-Inhalte erzeugen, die in Erscheinung und Intention von Online-Publikationen etablierter Medienunternehmen kaum zu unterscheiden sind. Dies erleichtert es Public-Relations-Treibenden, Journalismus in Online-Medien zu simulieren und damit die dem Journalismus unter­stellte Glaubwürdigkeit für sich zu nutzen (siehe Kapitel 4.3). Da Nutzer im Internet PR von Journalismus besonders schwer unterscheiden kön­nen, ist bei ihnen eine höhere Medienkompetenz gefragt.

Bei der Frage, inwieweit Kernaufgaben des Nutzwertjournalismus wie vergleichende Warentests ausschließlich in Online-Medien publi­ziert werden oder werden könnten, muss man berücksichtigen, dass die ordentliche Durchführung von Tests (sachkundig, objektiv, neutral) einen beträchtlichen finanziellen Aufwand erfordert, dem Einnahmen aus dem Anzeigengeschäft oder – wie bei der Stiftung Warentest – teils aus staat­lichen Zuschüssen gegenüberstehen müssen. Die Webnutzer erwarten jedoch gegenwärtig noch grundsätzlich, dass die Inhalte ohne weitere Kos­ten zugänglich sind, da sie bereits in die Endgeräte-Infrastruktur und die Anbindung ans Internet investieren. Auf der Erlösseite fehlen demnach einerseits Verkaufserträge, andererseits sind die durch Anzeigen erzielba­ren Einkünfte im Online-Bereich gering. Auch wenn die reinen Verbrei­tungskosten von Warentestergebnissen im Internet vergleichsweise nie­drig sind, fallen die hohen Testkosten an sich,165 bei gleichzeitig fehlenden Einnahmen, derart ins Gewicht, dass ein Geschäftsmodell, bei dem kostenintensive nutzwertjournalistische Angebote ausschließlich online publi­ziert werden, derzeit nicht tragfähig ist.

Den Zugang zu den Archiven organisieren die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten über sogenannte ›Mediatheken‹. Die Mediathek des ZDF befindet sich seit Herbst 2007 in der dritten Entwicklungsstufe, die ARD hat im Frühjahr 2008 eine Testversion ihrer Mediathek in Betrieb genommen (Meyer-Lucht/Gollatz 2008: 16). Dazu sind jüngst zwei gegensätzliche Entwicklungen eingetreten. Das Bundesverfassungsgericht hat im Gebührenurteil von 2007 ausdrücklich eine Entwicklungs- und Bestandsgarantie des öffentlich-rechtlichen Rundfunks für das Internet bekräftigt (BVerfG 2007, Abs. 123).166 Weil Webangebote wie das Fernsehen eine starke Suggestivkraft ausüben und den Anschein hoher Authentizität verleihen können (ebd.: Abs. 116), werden an öffentlich-rechtliche Angebote höhere normative Erwartungen gestellt als an privatwirtschaftliche Veran­stalter (ebd.: Abs. 121). Während das Bundesverfassungsgericht den Gesetz­geber aufgefordert hat, den öffentlich-rechtlichen Anbietern das Erstellen qualitativ hochwertiger, aus Gebühren finanzierter Online-Angebote zu ermöglichen, sieht die Europäische Kommission in den Rundfunkgebüh­ren Subventionen im weiteren Sinne, die mit dem Wettbewerbsrecht kol­lidieren. Nachdem ab 2002 kommerzielle Rundfunkbetreiber in Brüssel Beschwerden eingereicht hatten, stellte die EU-Kommission 2007 das Ver­fahren nach Verhandlungen gegen Auflagen ein. Kommerzielle Tätigkeiten der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten müssten klar von den Tätig­keiten zur Erfüllung des öffentlich-rechtlichen Auftrags getrennt werden (EU 2007). Mit dem 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag wurde geregelt, dass Fernseh- und Radiosendungen nach ihrer Erstausstrahlung lediglich sieben Tage zum Abruf aus dem Internet bereitgehalten werden dürfen, womit eine Archiv-Funktion de facto wegfällt. Nicht sendungsbezogene Internetangebote müssen ein anstaltsinternes Prüfverfahren (›Drei-Stufen-Test‹) durchlaufen, das klärt, ob die Angebote einen public value167 besitzen und welcher finanzielle Aufwand für ihre Produktion erforderlich ist.168 Dies hat Auswirkungen auf den Nutzwertjournalismus im Web: Auf der Negativliste des Rundfunkänderungsstaatsvertrags für öffentlich-rechtli­che Webangebote stehen Preisvergleichsportale, Berechnungsprogramme (Preisrechner), Bewertungsportale sowie Ratgeberportale ohne Sendungs­bezug. Zudem ist unklar, inwiefern sendungsbezogene Vergleichstabellen nach ihrer Erstveröffentlichung nicht mehr aktualisiert werden dürfen. Für die Mehrzahl der Rezipienten dürfte die sehr kurze und offenbar will­kürlich festgelegte Archivierungsdauer von sieben Tagen für Sendungen bedeuten, dass sie die zur Verfügung gestellten Informationen nicht nut­zen können. So werden anhaltend gültige Hilfestellungen wie Gesund­heitstipps oder Ratgeber zum Kauf langlebiger Konsumgüter dem Dik­tat einer Aktualität unterworfen, die nicht inhaltlich begründet, sondern Wettbewerbsinteressen kommerzieller Anbieter geschuldet ist. Denkbar ist, dass sich zur Kompensation dieser Restriktionen privatwirtschaftliche (Unternehmen) oder auf freiwilliger Basis organisierte Strukturen (Com­munitys) bilden, die entweder deutsches oder europäisches Recht umgehen, indem sie im Ausland tätig sind, oder die die öffentlich-rechtlichen Inhalte in einer zweiten Stufe redaktionell auswerten und sie in derart veränderter Form langfristig verfügbar machen. In einem zusätzlichen Problemfeld neben dem Wettbewerbsrecht werden dabei Fragen des Urheberrechts zu berücksichtigen sein.

Auf der Seite der Kommunikatoren weisen die Berufsrollen Online-Journalist und Journalist in klassischen Medien unterschiedliche Zuschreibungen an Anerkennung auf: Online-Journalisten werden in der Hierarchie weniger geschätzt, weniger ernst genommen und oft schlechter bezahlt (Löffelholz et al. 2003: 479). Zwar zahlen Verla­ge den Journalisten von Online-Ablegern der Tageszeitungen in der Regel die gleichen Honorarsätze wie denen des Muttermediums (DJV 2008b: 5f.), doch liegt das von Berufsverbänden als angemessen bezeich­nete Mindesthonorar für Mediendienste im Internet mit einem Tages­satz von 250 Euro (DJV 2008a: 4) im unteren Bereich der Spannen, die Zeitungen und Zeitschriften zahlen (DJV 2008b: 19).169 Rund 2.300 (5 %) der 48.000 hauptberuflichen Journalisten170 in Deutschland arbeiteten 2005 für Online-Medien, dabei überwiegend (zu 58 %) für reine Online-Medien und weniger für die Ableger etablierter Medien (Weischen­berg et al. 2006: 39). Für 2004 wurde von etwa 350 selbstständigen Redaktionen mit journalistischen Inhalten nur in Online-Medien (12 % aller redaktioneller Einheiten) ausgegangen (ebd.: 34).171 Löffelholz et al. (2003: 478, 486) legten für ihre Untersuchung eine Grundgesamt­heit von 1.150 redaktionellen Einheiten zugrunde, die journalistische Online-Medien produzieren; mit einer weniger strikten Berufsdefini­tion172 als Grundlage arbeiteten 2003 rund 7.800 Journalisten, davon 3.400 freiberuflich, als Online-Journalisten.

Blogs stellen im eigenen Verständnis nicht nur eine Gegenöffentlich­keit zu journalistischen Angeboten etablierter Medienunternehmen dar, sondern werden teilweise nach journalistischen Kriterien oder von Jour­nalisten betrieben. Letztgenannte finden sich eher im Bereich themen­zentrierter Blogs als in Blogs sozial vernetzter Privatheit oder von Pro­minenten (A-Bloggern) betriebenen Blogs (vgl. überblicksartig Haller 2008). In deutschen Blogs herrscht eine ausgeprägte Selbstreferenz. Der Anteil an eigenrecherchierten Beiträgen ist gering, die Blogs beziehen sich im großen Umfang auf Nachrichten der etablierten Medien (ebd.: 16f.). Dennoch greifen sie gesellschaftlich relevante Ereignisthemen kaum auf: Die fünf reichweitenstärksten medienkritischen Blogs thema­tisierten kaum Geschehnisse, die die journalistischen Medien im ersten Halbjahr 2008 ausführlich behandelten und die das Potenzial für inten­sive Debatten in Blogs aufwiesen (ebd.: 19ff.). Derzeit scheinen journalis­tische Kompetenzen und gesellschaftsrelevante Funktionen in der Blog­welt in Deutschland nicht annähernd so ausgeprägt zu sein, dass diese den Journalismus teilweise oder ganz ersetzen könnte.

Von den Nutzern selbst erstellte, online verbreitete Kommunikations­inhalte sind meist nicht dem Journalismus zuzuordnen, sondern ledig­lich an journalistische (Präsentations-)Formen angelehnt oder sie imitieren den Journalismus (zur Begriffsklärung des ›partizipativen Jour­nalismus‹ vgl. Engesser 2008 und Neuberger 2007b). Sie werden seit 2005 unter der Bezeichnung ›Web 2.0‹ zusammengefasst (vgl. Eimeren/ Frees 2008: 330; Auf dem Hövel 2006). Nutzergenerierte Inhalte sind in Online-Buchläden als Rezensionen zu finden, in Blogs und auf den Inter­netauftritten von Tageszeitungen, Zeitschriften und Rundfunkanstalten als Kommentare von Rezipienten zu Beiträgen sowie in Portalen, in die die Nutzer Bild-, Audio- und Videomaterial einstellen können. Ebenfalls von Nutzern gestaltet und beeinflusst sind Wikis,173 Nachschlagewerke und teils sehr themenspezifische Foren, die in vielerlei Hinsicht Hilfe und Unterstützung leisten. Über diese interaktiven und grundsätzlich öffentlich einsehbaren Präsentationsformen nutzergenerierter Inhal­te hinaus haben sich weitere interaktive Formen etabliert, bei denen die Nutzer Inhalte ausgewählten Personen zugänglich machen können und die das Bilden sozialer Kontakte und Netzwerke zum Ziel haben: Netz­gemeinschaften, Social-Bookmark-Portale und Spielwelten wie Second Life. Zwar haben sich auf dem bisherigen Höhepunkt medialen Interesses für Second Life im Jahr 2007 dort auch von Avataren lesbare Zeitungen entwickelt, eine davon produziert vom Axel-Springer-Verlag.174 Den­noch kommunizieren die Nutzer in den genannten nutzergesteuerten Online-Bereichen weitgehend direkt untereinander, ohne dass journalis­tische und somit auch nutzwertjournalistische Instanzen oder Routinen eingebettet wären. Online-Zeitungen dagegen verstehen Leserbeteili­gung, auch im internationalen Vergleich und nachdem das Konzept der ›Leser-Reporter‹ 2007 eine besondere Beachtung erfuhr, hauptsächlich in der Weise, dass die Rezipienten aktuelle Geschehnisse debattieren, während die Bürger von der eigentlichen Nachrichtenproduktion aus­geschlossen bleiben oder diese von professionellen Journalisten kontrol­liert wird (Domingo et al. 2008). Auch das Anliegen von Zoomer.de,175 die Leserinteressen zu berücksichtigen, beschränkte sich auf das Sortieren der Nachrichten und Bewerten von Nachrichten und Kommentaren. Der seit Februar 2008 verwendete Slogan »Wir machen Nachrichten« wurde im November 2008 in »Du entscheidest, was wichtig ist« geändert.176 In Preis- und Produkt­vergleichs­portalen veröffentlichen Nutzer ihre indi­viduellen Erfahrungsberichte zu einem Produkt oder Händler; Beispie­le für solche Portale sind Ciao.de, Yopi.de, Hotelkritiken.de, Check24.de oder Biallo.de. Die Hochkonjunktur der vergangenen Jahre mit vielen Neu­gründungen derartiger Verbraucherportale ist inzwischen beendet. Wäh­rend PR-Treibende die redaktionelle Schwäche von Foren jeder Art, nicht jeden einzelnen Beitrag nachzuprüfen, als Ein­fallstor­ für interessenge­leitete Informationen nutzen, appellieren die Betreiber der Verbraucher­portale an die Selbstreinigungskräfte der Community (Kinkel 2006).

In einem Testbetrieb im Winter 2008/2009 bot die schweizerische Post individuell zusammenstellbare Kollektionen aus 20 nationalen und inter­nationalen Zeitungstiteln an, die als E-Paper per E-Mail sowie montags bis freitags ausgedruckt per Post zugestellt wurden.177 Zudem existieren Online-Präsentationsformen, die auf automatisierten Selektionsroutinen beruhen und den Nutzern Zusammenstellungen spezifizierbarer Inhalte liefern. Betreiber von Suchmaschinen können so journalistische und nicht journalistische Inhalte beispielsweise in Nachrichtenportalen (Google News, Yahoo Nachrichten) oder spezialisierten Suchdiensten (Paperball) darstellen. Sie greifen dabei ausschließlich auf im Web vorhandene Inhalte zurück. Derartiges ist ebenfalls für nützliche oder nutzwertjournalistische Inhalte denkbar, wird jedoch derzeit nicht realisiert. Das kann zweierlei Gründe haben: Erstens wird womöglich von den Betreibern von Suchmaschinen kein Bedarf der Nutzer für derartige Nutzwertportale gesehen. Zweitens erfordert ein automatisiertes Auswahlverfahren, wenn es denn eine den Erwartungen der Nutzer entsprechende Komposition nutzwertiger Beiträ­ge generieren soll, ein ausgearbeitetes Verständnis dessen, was Nutzwert­journalismus darstellen kann. Dies ist sicherlich schwieriger zu erreichen als eine geografische Sortierung oder das Setzen thematischer Schwerpunk­te durch Filter für Schlagwörter oder Ressortbezeichnungen.

Durch die verbreitete Nutzung von Nachrichtensuchmaschinen und ihren Portalen sowie durch Benachrichtigungsdienste178 gelangt eine erhebliche Anzahl von Nutzern nicht über die Startseiten der Online-Angebote zu einzelnen journalistischen Beiträgen, sondern wird von externen Quellen per Verweis direkt zu den Beiträgen geleitet. Da die Betreiber der Online-Angebote aus Wettbewerbsgründen und für ihre Anzeigenkunden die Zugriffszahlen erhöhen möchten, optimieren Redakteure nicht nur die Überschriften daraufhin, dass sie von der Start­seite aus attraktiv erscheinen und zum Weiterlesen anreizen – wie es bei Schlagzeilen auf Titelseiten von Printobjekten geübte Praxis ist –, son­dern verwenden im gesamten Beitrag Wörter und Begriffe, die die Mel­dungen mutmaßlich oder nach Erfahrungswerten in Nachrichtensuch­maschinen an vorderen Positionen erscheinen lassen.179 Somit wird das Repertoire an Nachrichtenwerten und Leserinteressen um das Kriterium der Online-Detektierbarkeit ergänzt, um ein Kriterium also, das nicht zum Leistungskatalog des Journalismus gegenüber der Gesellschaft gehört und dessen Effekt auf die Leistungsfähigkeit des Journalismus überhaupt bisher wenig diskutiert wird.

Insgesamt bietet das Internet sehr große Mengen an Inhalten aus Ori­ginalquellen an sowie verarbeitete Informationen verschiedener Quali­täten und Verarbeitungsgrade. Sie stammen sowohl von Laien als auch von Professionellen aus verschiedenen Kommunikationsbereichen. Die technische und organisatorische Schwelle zur Kommunikationsaufnah­me mit Experten ist so niedrig, dass Internetnutzer leichten Zugang zu Quellen haben, die ansonsten berufsmäßigen Kommunikatoren vorbe­halten sind. Noch nie war es für den Einzelnen so leicht, an Informatio­nen jeder Art zu gelangen, auch an solche mit dem Fokus auf Vorteile in seinem praktischen Leben. Daher ließe sich die Frage stellen, ob jour­nalistische Leistungen überhaupt noch benötigt werden. Es kann wohl sein, dass ein modellhaft mündiger und nach Nutzenmaximierung strebender Internetnutzer (Homo oeconomicus) die Informationen so aus­wählen und für sich verwerten könnte, dass er ausschließlich Nutzen daraus ziehen und nicht Täuschungen oder Manipulationsabsichten zum Opfer fallen würde. Der empirische Nutzer jedoch ist in aller Regel damit überfordert. So darf bezweifelt werden, dass seine Medienkom­petenz ausreicht, um interessengeleitete Informationsangebote sicher von neutralen zu unterscheiden, dass seine Recherchemethoden genügend elaboriert sind, um alle relevanten Informationen zu finden, oder dass er die gefundene Information sinnvoll übergeordneten Zusammen­hängen oder dem Zeitgeschehen zuordnen kann. Die Befürchtung einer Informationsüberflutung (information overload) oder dass die Rezipien­ten ›overnewsed and underinformed‹ sind, wird seit Langem geäußert (vgl. statt vieler Meckel 2008: 116; Kambeck 2007: 261; Harasymowicz-Birnbach 2007: 30). Berndt Schramka180 machte bereits 1996 darauf aufmerksam, dass die zahlreichen Informationen in Online-Angeboten geordnet und der Rezipient ›an die Hand genommen‹ werden müsste. »Wir werden viel härter selektieren müssen. Übrigens ist das ein Vorteil des Boulevards: die sortieren mehr.« Als originäre Aufgabe des Journalis­mus werde die Gatekeeper-Funktion immer wichtiger, der Journalismus habe deswegen im Internet eine goldene Zukunft (BpB 1996a: 31). Heute werden Einordnung und Gewichtung sowie Verifikation und Interpre­tation von Informationen als Kernaufgaben der Journalisten im digita­len Zeitalter für wichtiger denn je gehalten (Peters 2007). Insofern sind gerade bei einer nahezu unübersichtlichen Fülle von Informationen aus verschiedenen, teils schwer überprüfbaren Quellen Orientierungs-, Kon­troll- und Bewertungsleistungen vonnöten, wie sie Journalisten erbrin­gen. Zusätzlich stellt die journalistische Leistung für die Rezipienten eine Zeitersparnis dar, ohne die sie die Information wegen womöglich knapper Zeitbudgets nicht nutzen könnten.


154 Das Internet stellt die technische Basis dar, die verschiedene Dienste wie World Wide Web (WWW, Web), E-Mail, Telefonie, Dateitransfer, Radio und Fernsehen ermöglicht. Das Web ist eine auf Hypertexten beruhende Nutzungsform des Internets. Als Online-Medien werden allgemein Strukturen verstanden, in denen elektronische und (im Unterschied zum Rundfunk) in der Regel kabelgebundene Publikationen verbreitet werden, vor allem über das Internet, von 1983 bis 2001 auch über Bildschirmtext (Btx).

155 Zur Begriffsbestimmung von Interaktivität und Interaktion vgl. Neuberger (2007a).

156 Die Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern e. V. (IVW) erhebt und kontrolliert Verbreitungsdaten von Medien mit dem Ziel, den Werbetreibenden vergleichbare Daten zur Verfügung zu stellen.

157 Online-Quelle: http://ivw.de/ [09.11.2008].

158 Zu den nachgefragten »Nutzwertinformationen« zählen Informationen über Reiseziele, Wetter, Fahr- und Flugpläne, Produktinformationen, Preisvergleiche, Gesundheitsinforma­tionen, Veranstaltungshinweise (Köcher 2008: 11).

159 Die IVW plant daher, das Messverfahren zu verändern (Stand November 2008, vgl. Meyer, M. G. 2008).

160 »Unter diese Kategorie fallen alle Seiten eines Angebotes, die erkennbar aus redaktioneller Berichterstattung oder Aufbereitung stammen. Zum redaktionellen Content zählen aus­schließlich Inhalte (z. B. Texte, Bilder, Audio- oder Video-Sequenzen), für die der Anbieter die inhaltliche Verantwortung trägt« (IVW 2007: 7; Quelle: Persönliche E-Mail der IVW vom 14.11.2008 an den Verfasser). In den Unterrubriken ist eine Einordnung von Ratgebung, Ser­vice oder Verbraucherthemen nicht explizit vorgesehen.

161 Der IVW kommt es nicht auf die Quelle an, sondern inwieweit sich der Betreiber der Website den ihm zur Verfügung gestellten Content zu eigen macht, die inhaltliche Verantwortung trägt und den Content ändern darf. Handelt es sich um »werbliche Texte«, dürfen diese nicht der Kategorie ›Redaktioneller Content‹ zugeordnet werden (Quelle: Persönliche E-Mail der IVW vom 14.11.2008 an den Verfasser). Die Einordnung ist jedoch grundsätzlich dem Anbieter der Website überlassen. In der Fassung 1.6 des Kategoriensystems von 2005 waren explizit »auch bezahlte Inhalte« zugelassen.

162 E-Paper ist eine elektronische Version einer Zeitung; die Ausgabe am Bildschirm kann mit verschiedenen Techniken realisiert werden, etwa als Adobe-Flash-Film, in der Programmier­sprache Javascript oder als PDF-Datei; 208 deutsche Zeitungen bieten E-Paper an (Online-Quelle: http://www.bdzv.de/e_paper.html [07.11.2008]).

163 Online-Quelle: http://www.bdzv.de/zeitungswebsites.html [23.02.2011].

164 Bspw. besteht der redaktionelle Teil der Nummer 23/2008 zu 28,8 Prozent aus Tabellen (36 der 125 redaktionellen Seiten; das Heft enthält weitere 63 Seiten mit Anzeigen; Quelle: eige­ne Erhebung).

165 Die Zeitschrift Computerbild hat zwischen Januar und Oktober 2008 rund 850.000 Euro für Tests in externen Labors ausgegeben, für das gesamte Jahr 2008 wird 1 Million Euro für externe Leistungen geschätzt. Für interne Leistungen inklusive Personal wird eine weitere Million Euro veranschlagt, sodass Kosten von insgesamt rund 2 Millionen Euro anfallen (Quelle: pers. Mitt. Hans-Martin Burr, Chefredakteur Computerbild, 17.11.2008). In den ersten neun Monaten 2008 hat die Zeitschrift die Testergebnisse von 1.078 Geräten und Produkten/ Programmen veröffentlicht (Quelle: eigene Untersuchung).

166 BVerfG, 1 BvR 2270/05 vom 11.09.2007.

167 Der Begriff public value wird häufig unrichtig mit ›publizistischem Mehrwert‹ gleichgestellt oder damit in Zusammenhang gebracht. Public value stammt aus dem Leitbild der BBC, die ein Konzept der Managementführung auf die eigene Institution übertragen und adaptiert hat. Der entsprechende Public-Value-Test der BBC berücksichtigt Reichweite, Qualität, Markteinfluss­ und den monetären Wert als Kriterien für eine Leistungsevaluierung (Meyer-Lucht/Gollatz 2008: 28). Im Einzelnen setzt sich der public value zusammen aus: democratic value, cultural and creative value, educational value, social and community value, global value (BBC 2004: 8). Einen Mehrwert sieht die BBC darin, dass sie den Rezipienten nicht allein in seiner Individualrolle bedienen möchte, sondern zusätzlich in seiner Rolle als Bürger und Element der Gesellschaft (ebd.: 28), womit sie aufklärerische und grunddemokratische Ziele verfolgt.

168 Die von vielen Seiten geäußerte Kritik wurde im politischen Kompromissverfahren weitge­hend nicht berücksichtigt (vgl. Deutscher Kulturrat 2008; DGB 2008).

169 Danach liegen die Tageshonorare für Journalisten von Zeitungen bei 150 bis 450 Euro; von Publikumszeitschriften bei 200 bis 800 Euro und von Fachzeitschriften bei 175 bis 800 Euro.

170 Ohne arbeitslos gemeldete Journalisten und ohne Empfänger von Fördermitteln zur Ich-AG. Als hauptberuflich tätiger Journalist gilt hierbei, wer mehr als die Hälfte seiner Arbeitszeit mit journalistischer Tätigkeit verbringt oder mehr als die Hälfte seines Einkommens durch journalistische Tätigkeit erzielt (Weischenberg et al. 2006: 36).

171 Die Autoren haben aus 15.000 Medien in Deutschland 2.890 selbstständige Redaktionen mit journalistischen Inhalten (redaktionelle Einheiten) identifiziert; zu den Kriterien vgl. Wei­schenberg et al. (2006: 35).

172 Hier müssen nur zehn Prozent des Einkommens aus journalistischer Tätigkeit stammen.

173 Wikis sind Hypertext-Systeme, deren Inhalte die Benutzer lesen und verändern können. Sie werden technisch durch Content-Management-Systeme realisiert. Ein Beispiel ist Konsumo.de.

174 AvaStar erschien ab dem 21.12.2006 in englischer und ab dem 01.03.2007 in deutscher Spra­che, produziert von Bild-T-Online (mit: Axel-Springer-Verlag), und wurde am 14.10.2008 eingestellt.

175 Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck; das Angebot wurde Ende Februar 2009 aus Kosten­gründen eingestellt.

176 Unklar bleibt, was die Nutzer überwiegend bewerten: Nachrichten- oder Unterhaltungs­wert, (Darstellungs-)Form oder Inhalt, Aktualität oder Originalität etc.

177 Der Testbetrieb erfolgte unter http://www.personalnews.syntops.de [25.02.2009], die techni­sche Umsetzung durch die Syntops GmbH, Augsburg, seit 2010 unter http://www.individuelle-zeitung.de.

178 Hier werden eingetragene Nutzer per E-Mail informiert, wenn Nachrichten mit den selbst bestimmten Suchbegriffen erscheinen.

179 Einzelne Redaktionen beschäftigen eigens Redakteure, die Texte für Suchmaschinen opti­mieren (Meyer, M. G. 2008).

180 Berndt Schramka (*1952) war von 1991 bis 2002 stellvertretender Leiter der Hamburger Journalistenschule von Gruner+Jahr/Die Zeit (Henri-Nannen-Schule) und dort befasst mit Online- und Internet-Themen.