3.4 Nutzwertjournalismus im Fernsehen

Die Aufgabe des bundesdeutschen Fernsehens ist seit seiner Gründung in Staatsverträgen und Gesetzen mit Information, Unterhaltung und Bildung bezeichnet, so für den Hessischen Rundfunk (HR-Gesetz 1948, §3,2)128 und das ZDF (ZDF-Richtlinien 1963: II.2).129 Wenn es auch anfangs nicht im Wortlaut der Staatsverträge Ausdruck fand, haben die bundesdeutschen Fernsehanstalten dennoch seit ihrer Gründung mit programmatischen Erklärungen Lebenshilfe durch Ratgeber­sendungen als einen Teil ihres verpflichtenden Programmauftrags angesehen (Mohl 1979: 365). Neben politischer und kultureller Bildung war eine beratende und alltagsnahe Orientierungshilfe seit der Gründung anerkannter Bestandteil des Programmauftrags (Hamm, I. 1985: 5). Als seinen Auftrag hat es das öffentlich-rechtliche Fernsehen in der Bundesrepublik seit Anbeginn verstanden, die Zuschauer und ihre Lebensbedingungen zu thematisieren und Unterstützungsleistungen anzubieten (Mohl 1979: 395).

In den 1960er-Jahren war der technische Fortschritt ein besonders offensichtlicher Antrieb für die Umwälzung der Lebensverhältnisse vieler, und so verstand ZDF-Gründungs-Intendant Karl Holzamer (*1906 †2007; Intendant des ZDF von 1962 bis 1977) Lebenshilfe als eine Möglichkeit des Fernsehens, die Zuschauer an die neue, technische Welt zu gewöhnen, gleichzeitig zu helfen, die Technik kritisch zu gebrauchen und technische Verflechtungen zu durchdringen. Dies kann als Auftrag gedeutet werden, eine versachlichte, automatisierte, durchrationalisierte, hochspezialisierte und reizüberflutete Welt zu humanisieren (ebd.). In den 1980er-Jahren war die Beratungsfunktion bereits in den Verträgen benannt: Das Programm des Norddeutschen Rundfunks (NDR) »soll der Information und Bildung sowie der Beratung und Unterhaltung dienen« (NDR-Staatsvertrag 1981, §5,1).130 Diese vier Funktionen hatten 1992 Eingang in die Definition von Vollprogrammen gefunden (Rundfunkstaatsvertrag 1997, §2,2)131 und sind im Rundfunkstaatsvertrag 2007 (§11,2) in der Auftragsbeschreibung für den gesamten öffentlich-rechtlichen Rundfunk enthalten.132 Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist die freie, individuelle und öffentliche Meinungsbildung; er soll einen umfassenden Überblick über das internationale, europäische, nationale und regionale Geschehen in allen wesentlichen Lebensbereichen geben. »Sein Programm hat der Information, Bildung, Beratung und Unterhaltung zu dienen«, er soll Beiträge insbesondere zur Kultur anbieten (Rundfunkstaatsvertrag 1991/2007, §11 Abs. 1 und 2). Beratung wird demnach gleichberechtigt zum Unterhaltungsauftrag als wichtige Aufgabe verstanden; Knott-Wolf (1997: 200) sieht den Programmauftrag, der Kultur und Bildung zu dienen, gerade in Ratgeber­sendungen als gut mit dem journalistischen Berufsverständnis vereinbar an. Dass öffentlich-rechtliche Sender Lebenshilfe, Orientierung und Beratung für Zuschauer in ihrer Rolle als Staatsbürger und Privatperson anbieten, ist insofern unstrittig (Kamutzki et al. 1999: 1).

In den ersten zehn Jahren des westdeutschen Fernsehens bestand nur ein geringer Anteil des Programms aus Angeboten, die den Charakter von Ratgeber­sendungen aufwiesen. Am zweiten Sendetag, dem 26.12.1952, gab es beim NWDR133 eine Sendung namens Was machen wir heute Abend, in der Ratschläge zur Unterhaltung von Gästen gegeben wurden (Hickethier 1998: 77). 1953 kamen Der Doktor hat Ihnen etwas zu sagen und der Skiunterricht Die Runde Sport auf den Bildschirm. Zehn Jahre später gaben Sendungen Tipps für Fotofreunde, Ratschläge zur Berufswahl (Was willst Du werden?) und Verbraucherhinweise (Meine Groschen – Deine Groschen), und sie verbreiteten Kochrezepte (Mohl 1979: 366). In den 1960er-Jahren kamen Verkehrssendungen hinzu: Das Rasthaus134 (1961, SWF),135 Tips für Autofahrer (1963, ZDF) und Der 7. Sinn (1966, ARD/WDR). Das Gesundheitsmagazin Praxis des ZDF ging 1964 auf Sendung. Etliche Ratgeber­sendungen mit breitem Themenspektrum folgten, die Sender bauten die bereits in den 1950er-Jahren etablierten Ratgeber­sendungen, die sich damals noch nicht so genannt hatten, aus (Hickethier 1998: 227f.).

Es haben sich Fernsehgenres ausgebildet, wie es in ähnlicher Weise auch in anderen Programmsparten in den 1960er-Jahren zu beobachten war. Waren in den 1950er-Jahren die ratgebenden und orientierungstiftenden Funktionen in verschiedenen Sendeformen noch mit anderen Funktionen vermischt und betreuten die Moderatoren und Redakteure in der Regel noch andere Sendungen, so trat in den 1960er-Jahren eine Spezialisierung ein (ebd.: 228). Bei den 30 bis 45 Minuten dauernden Folgen der Ratgeber­sendungen etablierte sich rasch eine feste Dramaturgie mit spezifischen Gestaltungselementen. Man konnte dann von einer Ratgeberdramaturgie sprechen, die sich zumeist aus der Magazinform entwickelt hatte und die durch Institutionalisierung, serielle Produktion und Standardisierung geformt worden war (ebd.: 229). Für Ratgeber­sendungen haben sich sowohl lange Sendeformen von 30 oder 45 Minuten bewährt als auch Kurzsendungen und Spotreihen (Mohl 1979: 370). Neumann-Bechstein (1994: 250) beobachtete einen Trend, der von Frauenzeitschriften auf Fernsehangebote überging: Die nutzwertjournalistischen Beiträge stellen weniger konkrete Hilfsangebote zu besonderen Lebenslagen dar als vielmehr ein umfassendes Zielpublikumsangebot, das aus einer Mischung aus Einzelratschlägen, auf Lebensstile bezogene Fragen und Unterhaltung durch bunte Exotik besteht.

Mit der Gründung des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF) im Jahr 1963 stieg der Umfang der Sendezeit, und es bildeten sich Fachredaktionen, die gezielt nach einzelnen Themengebieten planten (Hamm, I. 1985: 5). Mit dem Gesundheitsmagazin Praxis als erster ratgeberorientierten Sendereihe im Abendprogramm des ZDF erfüllten die Programmverantwortlichen 1964 einer Meinungsumfrage zufolge einen lang gehegten Wunsch der Zuschauer (Mohl 1979: 369). Dennoch nahmen und nehmen Unterhaltungsangebote, Sport und politische wie kulturelle Information den weitaus größten Teil des Abendprogramms ein. Es herrschte zum einen offenbar die Meinung, dass die Bereiche Film und Fernsehspiel wegen der höheren Einschaltquoten vermehrt zu bedienen seien, und zum anderen die Meinung, der praktische Rat für die Lebensführung sei »zu banal, intellektuell nicht anspruchsvoll genug« (ebd.: 368; siehe hier).

Ausdrückliche Verbraucher­sendungen platzierte der Sender stets in das Abendprogramm, jedoch verfügten sie über eine geringere Sendefrequenz als die ARD-Magazine. 1973 richtete das ZDF die 45-minütigen Reihen Stichproben und Reklamationen ein, die es gemeinsam mit dem Wirtschaftsmagazin Bilanz 1984 in das wöchentliche, halbstündige Magazin Wiso überführte. Als Miniatur-Sendeform hatte das ZDF 14-täglich die Drei-Minuten-Spots Das geht Sie an! – Tips für den Verbraucher im Abendprogramm (ebd.: 6). Die Breite der behandelten Themen nahm in ARD und ZDF genauso zu wie die Sendeumfänge. 1979 umfasste das Ratgeberangebot viele Themen­bereiche.136 Die dritten Programme boten ein tägliches und umfangreiches Angebot zu nachmittäglichen Sendezeiten oder im Vorabend­programm an, verzeichneten jedoch niedrige Einschaltquoten. Wegen der überregionalen Alleinstellung bis 1984 und der bundesweiten Ausstrahlung erreichten das erste und zweite Programm mit den wöchentlich erscheinenden Ratgeber­sendungen erheblich höhere Zuschauerzahlen als die dritten Programme (Mohl 1979: 367f.). Für Ende der 1990er-Jahre kann man konstatieren, dass Ratgeber­sendungen sowohl bei den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten inklusive der dritten Programme als auch bei privat­wirtschaftlichen Sendern zum festen Bestandteil der Programme gehörten (vgl. Knott-Wolf 1997; Neira 1998; Hickethier 1998).

Das Angebot hielt mancher für unzureichend. Mohl (1979: 375)137 plädierte dafür, Ratgeber­sendungen etwa zu Gesundheitsthemen in stärkerer Regelmäßigkeit anzubieten. Die Lösung von Problemen der Volksgesundheit und eine Steigerung der Lebensqualität Einzelner wären die erwünschten Folgen: »Wirkliche Hilfe via Bildschirm für Alkoholiker wird nur durch ständige, regelmäßige Sendungen möglich sein.« Der Autor stand offenbar noch in der Tradition derjenigen, die den Massen­medien eine starke und direkte Wirkung auf das Publikum zusprachen. Inzwischen darf man als gesichert ansehen, dass eine Suchtkrankheit wie Alkoholismus mit einer derart starken physischen wie psychischen Abhängigkeit und entsprechenden Folgen für das Sozialleben durch Medienkonsum allein, und sei er noch so intensiv, nicht therapierbar ist. Wirtschafts­magazine wie Plusminus (produziert von sieben ARD-Anstalten) oder Wiso (ursprünglicher Untertitel: Wirtschaft und Soziales; ZDF) haben sich Ende der 1980er-Jahre konzeptionell stärker verbraucher­nahem Nutzwert und Service zugewandt, was ihre Kontur als eigenständige Sendeform, etwa in Abgrenzung zu politischen Magazinen, geschärft hat (Gross/Schumacher 1990: 62).

Die ARD-Ratgeber138 verfolgen drei normative Ziele: Erstens wollen sie im Zuge einer Verbraucher­aufklärung allgemeine verbraucherrelevante Informationen vermitteln. Zweitens bieten sie Informationen an, die geeignet sind, Verhaltensänderungen beim Rezipienten zu bewirken, und zwar einerseits in deren sach­bezogenem Handeln inklusive der Selbsthilfe und andererseits mit dem Ziel, dass der Rezipient lernt, sich Informationen in geeigneter Weise selbst zu beschaffen. Drittens üben die ARD-Ratgeber Kritik an verbraucher­feindlichen Aktivitäten privater wie öffentlicher Anbieter und des Staates, womit die Redaktionen zum Teil die Rolle eines Verbraucher­anwaltes wahrnehmen, die die Zuschauer in ihren Zuschriften auch einfordern (Hamm, I. 1985: 9f.). Inhaltsanalysen von Verbraucher­sendungen139 bestätigen, dass diese drei genannten Funktionen auftreten und die große Mehrzahl der Informationen anwendungsorientiert ist: Mehr als 90 Prozent der Aussageeinheiten, außer in der Reihe ARD-Ratgeber Recht, enthalten Handlungs­anweisungen für die Rezipienten (ebd.: 12). Das Themenspektrum umfasste überwiegend, das heißt zu knapp 60 Prozent der Gesamtsendezeit der damaligen Verbraucher­sendungen von ARD und ZDF, marktbezogene und weitere Themen. Zentrale Themenbereiche der restlichen Sendezeit waren Gesundheit, Verkehrssicherheit, Rechtsprechung, soziale Sicherheit und Steuerfragen. 60 Prozent der Beiträge behandelten Fragen nach der Gebrauchswertigkeit und Preis­gestaltung von Waren, die für die Kaufentscheidung relevant erschienen (ebd.: 11f.).

Das Manko, dass den Rezipienten beim Fernsehen ein externer Speicher fehlt, um die ›flüchtig‹ dargebotenen Informationen festzuhalten (siehe hier), glich die ARD bei ihren Ratgeber-Reihen durch einen Manuskriptdienst aus, der die Sendemanuskripte per Post an die Zuschauer verschickte. 1975 hat die ARD den Manuskript­dienst weitgehend eingestellt (Hamm, I. 1985: 17), inzwischen sind viele Sendemanus­kripte online verfügbar; einzig der ARD-Ratgeber Recht (SWR) verschickt weiter kostenlos gegen frankierten Rückumschlag ein Sendemanuskript per Post.140 Inzwischen werden auch die Internet­auftritte der Fernsehsender verstärkt als weitere Möglichkeit für Zuschauer ausgebaut, die vertiefenden Rat suchen oder die etwas Gehörtes und Gesehenes noch einmal nachhören und nachsehen bzw. nachlesen möchten. Sie haben die vorher bestehenden Faxabruf-Dienste als Informationsquelle weitgehend abgelöst. Auch sind inzwischen Mediatheken als Streaming-Möglichkeit für Archivsendungen im Internet verfügbar, so etwa die ARD-Mediathek als Gemeinschafts­angebot der ARD und der Deutschen Welle, die ZDF-Mediathek oder das Angebot RTL now von RTL. Die Pro-Sieben-Sat.1-Gruppe stellt ausgewählte Sendungen seit Mai 2009 über vier Videoportale eine Woche lang zum Abruf bereit. Videotext, Buchreihen, Broschüren und CDs ergänzen das Angebot (Brünjes 1999: 12; Neira 1998: 100).

Obwohl es weder die Zuschauer so empfinden (vgl. exemplarisch Dehm/Storll 2003) noch die Wissenschaft eine dichotome Unterscheidung von Information und Unterhaltung im Zuschauererleben feststellen kann und beides sich auch nicht in derselben Dimension (mit Infotainment in der Mitte eines Kontinuums) abbilden lässt,141 werden die Programmteile des Fernsehens in Statistiken weiter in Informations- und Unterhaltungs­sendungen aufgetrennt. Schon Holzamer (1965: 11) wies darauf hin, dass ›Unterhaltung‹ außerhalb des Ressortdenkens mit Information vereinbar sei: »Kann doch auch die ernsteste Sendung, wenn sie fesselnd dargeboten wird, mit diesem Unterhaltungscharakter verbunden werden.« Früh (2002) versteht Unterhaltung als Makro-Emotion, die bei Passung der drei Randbedingungen Objekt/Stimulus, Person und situativem/gesellschaftlichem Kontext entstehen kann. Das Konstrukt Unterhaltung ließ sich in Studien zur Rezeption von TV-Nachrichten­sendungen, Dokumentar- und Spielfilmen gut mit einem durch Befragung erhobenen Unterhaltungs­index messen (Früh et al. 2004).

Wie ein europäischen Vergleich im Sommer 1995 ergab, war die Zahl der Verbraucher­sendungen im deutschen Fernsehen am höchsten (Kalt 1998: 12; genannte Quelle: Europäisches Medieninstitut). Dort wurden 45 Sendungen gezählt, gefolgt von Großbritannien (17), Irland (8) und Frankreich (8). Für die weiteren Länder wurden drei oder weniger Verbraucherprogramme angegeben. Dabei ist unklar, nach welchen Maß-stäben und von wem eine Sendung als Verbraucher­sendung eingestuft wurde, sodass diese Daten auf einer unsicheren Basis stehen. Wie eine repräsentative Studie im Auftrag des SWR zum Thema Informations­verhalten Ende 2002 ermittelte, sind 95 Prozent der Bundesbürger an tagesaktueller Information interessiert (Blödorn/Gerhards 2004: 2). Fernsehen und Hörfunk sind dabei die quantitativ wichtigsten Informationsquellen. Das Fernsehen ist dabei das Medium mit der größten Vielfalt an Themen und liegt immer auf einem der vorderen Plätze. Als wichtigste Informationsquelle für Ratgeber- und Verbraucherthemen liegt das Fernsehen mit 76 Prozent an erster Stelle, gefolgt von der Tageszeitung (50 %), dem Radio (31 %), Internetangeboten (16 %) und dem Teletext (3 %; ebd.).

In der Regel wenden sich die Verbraucher­sendungen an die Gesamtheit der Zuschauer. Werden einzelne Teilpublika adressiert, definieren diese sich meistens als Nutzer bestimmter Konsumgüter (bspw. Autofahrer) oder Angehörige einer bestimmten Altersgruppe. Weniger häufig richten sich die Sendungen an Personengruppen mit einer bestimmten Stellung im Berufsleben (Hamm, I. 1985: 13). Zuschauer fragen regelmäßig Informationen über Entwicklungen in der Medizin nach (Rusch 2004: 504). Wie Praktiker berichten, sind die Zuschauer von Ratgeber­sendungen im Fernsehen älter als die von anderen Sendungen, da sich Menschen in der Regel erst im höheren Alter für Verbraucherthemen interessieren (Eickelkamp 2004d: 186; BpB 1999: 10). Umgekehrt begründet sich im Ressort Service und Wirtschaft des WDR aus der Tatsache, dass 72 Prozent des Zielpublikums älter als 50 Jahre sind, die Meinung, dass sich das Publikum für ›junge‹ Themen nicht interessiere (BpB 1999: 13).

Die klassischen Verbraucher­sendungen gehören zur Sendegattung der informativen Magazinsendungen: Sie sind moderierte Sendungen mit kurzen Filmbeiträgen, deren Kleinteiligkeit typisch ist. Innerhalb dieser Form stehen sie als Spartenmagazine neben den Produktionen zu anderen Themen wie Wirtschafts-, Kultur-, Sport-, Gesundheits- und Wissenschaftsmagazinen. Im Unterschied zu anderen Sendeformen des Fernseh­journalismus können die Redakteure in Magazinen in einem gewissen Rahmen eine individuelle, subjektivere Perspektive einbringen und Wertungen abgeben (Hamm, I. 1985: 7), was im Nutzwertjournalismus typisch und sinnvoll ist (siehe hier).

Bei Ratgeber­sendungen im Fernsehen kann man unterscheiden zwischen

  1. sachbezogenen Service-Programmen und Erklärstücken aus aktuellem Anlass und
  2. Sendungen, die soziale Lebenshilfe und Orientierung vermitteln wollen (Knott-Wolf 1997: 201).

In Angeboten der kommerziellen Sender ist jedoch Knott-Wolf (ebd.: 203) zufolge unter dem seriösen Mantel des Ratgebers »nicht selten« eine Werbebotschaft verborgen. Eine andere Einteilung sieht die Unterscheidung von drei verschiedenen Präsentationsformen für Nutzwertjournalismus im Fernsehen vor: klassische Wirtschaftssendungen mit Verbraucherthemen, explizite Ratgeber- und Verbraucher­sendungen und ›neuartige‹, Ende der 1990er-Jahre aufgekommene Verbrauchershows (Bischof 1999: 2). Dabei unterscheidet Bischof (ebd.: 1f.) einerseits ›harte‹ Verbraucherinformationen, synonym für Ratgeberinformationen mit der Vermittlung von Fakten, die konkret handlungsrelevant und problemlösungsbezogen für Betroffene oder Interessierte sind, von andererseits ›weichen‹ Verbraucherinformationen, synonym für Serviceinformationen aus dem eher unverbindlichen Themenspektrum zu allgemeinen Fragen der Lebenshilfe (siehe hier). Die Fernsehmagazine Plusminus (ARD, seit 1975) und Wiso (ZDF, seit 1984) haben ihren Charakter im Laufe der Zeit gewandelt. Zunächst waren sie als ›klassische‹ Wirtschaftsmagazine mit Berichten über aktuelle Ereignisse und mit hintergründigen Wirtschaftsanalysen konzipiert, seit Anfang der 1990er-Jahre stieg der Stellenwert verbraucherorientierter Themen an, die ›locker‹ präsentiert wurden (Hilgert/Stuckmann 1991: 36f.).

Die ARD-Ratgeber-Sendungen gehören prototypisch zum Typus der Magazinratgeber. Die gestalterische Variationsbreite ist groß, und verglichen mit politischen oder Wirtschaftsmagazinen ist der Anteil an praktischen Themen erheblich (Hamm, I. 1985: 3). Das Verbrauchermagazin ist in Themenbereiche und Schwerpunkte aufgeteilt. Innerhalb der ARD bezahlt die Redaktion der Erstausstrahlung die Produktionskosten eines Beitrags. Die Übernahme von Ratgeber-Beiträgen anderer ARD-Anstalten war früher, insbesondere für dritte Programme, kostenlos und so für diese Redaktionen eine Möglichkeit, Kosten zu sparen (Brünjes 1999: 13). Ratgeberproduktionen im Fernsehen müssen mit vergleichsweise geringen Budgets auskommen, sodass die Produzenten in den 1980er-Jahren Filmformen wie Trickfilm oder Spielszenen oft nicht einsetzen konnten, obwohl Redaktionen diese Präsentationsformen zur verständlichen Darlegung abstrakter Zusammenhänge bevorzugten (Hamm, I. 1985: 10). Die Kostenfrage für Trickszenen dürfte sich heutzutage wegen der modernen Technik in den Sendeanstalten, vor allem der Digitalisierung und des Einsatzes von Computertechnik, nicht mehr im gleichen Umfang stellen.

Aus Inhaltsanalysen von ARD-Ratgeber-Sendungen zieht Ingrid Hamm (1985: 12) den Schluss, dass die Redakteure für ihre Themenauswahl die Kriterien Aktualität, Gebrauchswertigkeit der thematisierten Güter und Dienstleistungen, mit einem Kauf verbundene, finanzielle oder sicherheitsrelevante Risiken sowie die Telegenität der Gegenstände verwendeten. Sachgüter waren, da sie anschauliche Qualitäten haben, doppelt so häufig Objekte der Berichterstattung wie Dienstleistungen. Ferner setzten die Journalisten Wortwahl, Syntax und Sprechstil in den Berichten, den Spielhandlungen und in einem Großteil der Interviews und Statements so ein, dass sie den Rezipienten die Strukturierung des sprachlichen Textes erleichtern. Die Form der Moderation ließ für Zuschauer durchschnittlichen Verständnisniveaus keine Schwierigkeiten erwarten (ebd.: 133).

Typisch für andere wissensvermittelnde Fernsehsendungen, beispielsweise das Umweltmagazin Globus und ausdrücklich pädagogische Sende­reihen wie Einführung in das Mietrecht, bevorzugen auch die ARD-Ratgeber, Wiso und Plusminus visualisierte Sequenztypen im Unterschied zur verbalen Form des Sprechaktes (Hamm, I. 1985: 213). Einer Akteursanalyse der ZDF-Sendung Wiso zufolge erhalten sozial Benachteiligte kaum die Möglichkeit, ihre Meinungen, Sorgen und Wünsche zu äußern. Außerdem berichtete die Sendung nur selten über diese, was die Vermutung stützt, dass sich Verbraucher­jour­nalismus vorwiegend auf die Belange des eigenen Zielpublikums konzen­triert. Dies steht allerdings im Widerspruch zum Integrationsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (Teichmann 1999: 63).

Auffällig ist auch das häufige Auftreten von Experten im Studio. Ein Grund dafür besteht darin, dass ihr Einsatz für die Produzenten vier- bis fünfmal billiger ist als die Produktion gleich langer Filmbeiträge. In ARD-Sendungen erhielten Ende der 1990er-Jahre Experten für einen drei- bis vierminütigen Studioauftritt und die Bereitschaft, anschließend Zuschauerfragen zu beantworten, ein Honorar von rund 500 Mark (Brünjes 1999: 13). Experten und Sachverständige sind häufig Gesprächspartner von Moderatoren in magazinartigen Ratgeber­sendungen. In ARD-Ratgeber-Sendungen betrug der Expertenanteil in Redesequenzen mehr als 40 Prozent (Hamm, I. 1985: 212). Nicht nur sind Experten billiger, sie können Zuschauerfragen auch live beantworten und so eine Bindung des Zuschauers zum Medium erzeugen oder festigen. Bei einer Sendung wie Wiso (ZDF) versuchen stets mehrere Zehntausend Zuschauer telefonisch zu den Experten durchzukommen; im Durchschnitt schaffen es 170 Zuschauer. Auch wenn dieser Anteil gering und es für die abgewie­senen Zuschauer unbefriedigend ist, bietet die Auswahl der durchgestellten Anrufer einen für die Redaktion ausreichenden Querschnitt, um sich ein Meinungsbild machen zu können (Brünjes 1999: 11).

Die Funktion der Ratgebung ist inzwischen auch ständiger Bestandteil anderer Programmgattungen neben Ratgeber- und Wirtschafts­ma­gazinen geworden. Beiträge mit Dienstleistungscharakter (Hinweise, Tipps, Erklärstücke) finden sich inzwischen auch in Informations­maga­zinen, Unterhaltungs-, Kultursendungen, Talkshows und fiktiven Programmen (wie Fernsehserien; Knott-Wolf 1997: 201). Durch Informationen von unmittelbarem Nutzwert sollen Leser, Hörer und Zuschauer von der eigenen Sendung überzeugt werden. So werden Redakteure des ZDF-Politmagazins Frontal 21 angehalten, Verbraucherthemen prominent zu platzieren (Mohn 2003: 11).

Nur sehr selten sprechen die TV-Ratgeber den Zuschauer kritisch an. In ARD-Ratgeber-Sendungen der 1980er-Jahren war das in nur neun Prozent der analysierten Aussageeinheiten (siehe Fußnote 139) der Fall, und zwar vor allem bei den Themen Verkehrs- und Gesundheitsverhalten. Überzogenes Anspruchsdenken, mangelndes Umweltbewusstsein und ein abgeschwächtes Informationsverhalten der Konsumenten waren weitere, allerdings selten geäußerte Kritikpunkte (Hamm, I. 1985: 13).

Seit Ende der 1990er-Jahre scheint die ›hohe Zeit‹ der reinen Ratge­ber­sendungen vorbei zu sein: Die meisten von ihnen sind in die dritten Programme der ARD abgewandert. Gesundheit und Reise sind inzwischen die dominierenden Themenbereiche (Knott-Wolf 1997: 200). Die dritten Programme der ARD decken mit praktischer Lebenshilfe und Rechtshinweisen einen ihrer Programmschwerpunkte ab und erreichen so beson­ders ältere Menschen: Das Gros der Rezipienten ist älter als 50 Jahre und gehört zu den Menschen, für die es (mutmaßlich) schwieriger wird, sich in einer zunehmend unpersönlicheren Welt zurechtzufinden. Doch die Zuschauer fungieren auch als Multiplikatoren, die im persönlichen und familiären Umfeld Informationen an andere weitergeben. Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) begann 1992 in seinem dritten Fernsehpro­gramm mit der Programmreihe Telethek, die mit werktäglich (montags bis freitags) wechselnden Themenschwerpunkten eine überdurchschnittliche Zuschauergunst erreichte (Neira 1998: 93ff.). Sie heißt inzwischen Mit Rat & Tat und ist fester Bestandteil des nachmittäglichen Formats Hier ab vier. Bis 2004 strahlte das ZDF monatlich das 1964 gegründete Gesundheits­magazin Praxis aus, das in seinem vierten Jahrzehnt zum ältesten Fernsehfachmagazin der Welt avancierte (Rusch 2004: 505). Teile des Magazins wurden als Praxis-Ableger Praxis täglich und Praxis vor 10 feste Programmbestandteile der ZDF-Vormittagssendung Volle Kanne – Service täglich142. Service ist inzwischen auch ein fester und relevanter Bestandteil des werktäglichen Frühstücksfernsehens von ARD und ZDF geworden.

Privatfernsehen

Um die populäre Darstellung des täglichen Wirtschaftsgeschehens bemühte sich kurz nach Sendebeginn der Privatsender RTL im Jahr 1984 mit dem als Nachrichtensendung konzipierten Programm Netto. Der praktische Nutzen sollte darin bestehen, Informationen zusammenzufassen, die Einfluss auf das Vermögen von Kleinanlegern haben könnten (Kalt 1990: 94). Im deutschen Privatfernsehen sind Ratgeber­sendungen jedoch bislang insgesamt selten. Eine der Ausnahmen war das Format Wie bitte?! von RTL von 1992 bis 1999. In der Verbrau­cher­show­ wurden von Zuschauern erlebte Geschichten mit Behörden und Unternehmen als Sketche nachgespielt. Durch die Sendung führte Geert Müller-Gerbes.

Als Fortführung einer vorhandenen Programmidee aus dem gedruckten Journalismus in einem anderen Medium bezeichnet Neumann-Bechstein (1994: 249) die RTL-Talkshow Eine Chance für die Liebe, die Sexual- und Partnerschaftsfragen behandelte, und spricht solchen Lebenshilfeprogramme im Fernsehen die selbst beanspruchte Innovationskraft ab. Individuelle Lebenshilfe zeigte Pro Sieben von Oktober 2002 bis Mai 2003 mit der Personal-Help-Sendung Dr. Verena Breitenbach. Die Frauenärztin und Paarberaterin, die der Sendung ihren Namen gab, sprach mit meist jungen Personen über deren auch sexuelle Pro­bleme. Trotz mehrfacher Änderungen des Formats erreichte die Sendung laut Sender nicht die erforderliche Akzeptanz beim Publikum (Rusch 2004: 504). Talkshows, in denen der Moderator Personen vor laufender Kamera eine gewisse vermeintliche oder tatsächliche Hilfestellung anbietet, haben in Deutschland zuerst die privaten Fernsehsender ins Programm genommen. Sie heißen bzw. hießen etwa Vera am Mittag143 (Sat.1), Die Oliver Geissen Show144 (RTL), Arabella (Pro Sieben) und Britt – Der Talk um eins (Sat.1). Zum einen wird hier der Schein eines seriösen Angebots zur Lebenshilfe erweckt, zum anderen ist offensichtlich, dass ein voyeuristisches Bedürfnis des Publikums befriedigt wird. Um eine Grenze zwischen beiden Formen ziehen zu können, kann als Anhalts­punkt dienen, ob eine Fachredaktion die Sendung langfristig vorbereitet hat oder ob die Lebenshilfe-Talkshow nur von der Sensation des Augenblicks lebt (Knott-Wolf 1997: 205).

Ein Dilemma der privatrechtlichen Medienanstalten besteht darin, dass Ratgeber­sendungen eben ein eher älteres Publikum erreichen, die Sender jedoch vor allem das als werberelevant geltende Publikum der zwischen 14- und 49-Jährigen erreichen möchten. Das Publikum ist für die Programmplaner und Redakteure lediglich indirekt in der Form interessant, insofern es mit der Einschaltquote einen Maßstab (›Währung‹) für die Tarife der Werbespots liefert, die die Konsumgüterindustrie dort appliziert. Infolgedessen setzt das deutsche Privatfernsehen vor allem auf bildstarke Themen und emotionale Bilder und findet diese vor allem bei den Themen Urlaub und Auto. Dieses sind auch die Bereiche, in denen das Privatfernsehen Ratgeber­sendungen anbietet (Rusch 2004: 504). Inzwischen gibt es zahlreiche neue sogenannte ›Doku-Soap-Formate‹, denen indirekt eine Ratgeberleistung insofern unterstellt werden kann, als sie Probleme am Beispiel aufzeigen und lösen und Ver­gleichs­informationen für die Surveillance-Funktion liefern. Beispiele hierfür sind etwa das Format Raus aus den Schulden (RTL; im öffentlich-rechtlichen Fernsehsender WDR unter dem Titel Der große Finanz-Check im Programm) und sozialpsychologische Hilfedarstellungen wie Die Super Nanny (RTL), Familienhilfe mit Herz (RTL), Gemeinsam stark (Sat.1) und Die Ausreißer – Der Weg zurück (RTL).

Produzenten von Verbraucher­sendungen stellen als Regel auf, dass die Beiträge zwar durchaus unterhaltend sein dürfen, reine Unterhaltungsbeiträge jedoch tabu sind. Journalistischen Qualitätsansprüchen widerspricht zudem, von Herstellern gesponserte Produkterklärungsbeiträge herzustellen, wie dies etwa in Renovierungssendungen der Fall ist (Brünjes 1999: 14). So wurde bei der Sendung Einsatz in vier Wänden (RTL) kritisiert, dass die Möbel von Ikea zur Verfügung gestellt werden. Wie Inhaltsanalysen von 22 beobachteten Verbraucher­sendungen mit mehr als 100 Stunden Sendeumfang in öffentlich-rechtlichen und privaten Fern­sehsendern gezeigt haben, sind die Beiträge jedoch in der Regel sachlich richtig dargestellt und unabhängig von den Interessen der Produzenten und Dienstleister (ebd.: 12). Die RTL-Sendung Einsatz in vier Wänden wird in Programmzeitschriften als »Doku-Soap über Wohnprobleme« bezeichnet. Damit verwandte Formate sind Do it Yourself – S. O. S. (Pro Sieben), Zuhause im Glück – Unser Einzug in eine neues Leben (RTL 2) und Wohnen nach Wunsch – das Haus (Vox).145

RTL strahlte im Frühjahr 2007 eine Staffel von V – Die Verbrauchershow aus, die als vor Publikum moderierte Sendung Magazinbeiträge mit Showelementen verband und sich an ein jüngeres Publikum wandte. In Zusammenarbeit mit anerkannten Testunternehmen wurden Kon­sumgüter in vergleichenden Warentests geprüft und auch mit Markennamen genannt.146 Dies ist als Besonderheit insofern herauszustellen, als ansonsten Produktnamen mit Rücksicht auf die Werbekunden in der Regel nicht genannt werden. So war bei Sat.1 im Sommer 2008 das als Servicereportage bezeichnete Magazin Allestester im Einsatz im Pro­gramm, bei dem ebenfalls Produkte in Labors getestet wurden. Aller­dings nannte die Redaktion hier lediglich grobe Produktgruppen wie ›teuer‹ und ›billig‹ oder ›Markenprodukt‹ und ›aus dem Discounter‹; die Etiketten der untersuchten und gezeigten Artikel wurden abgeklebt oder im Bild gerastert. Die Aussagekraft der Beiträge war somit für den Rezipienten äußerst gering, zumal Tests der Stiftung Warentest regelmäßig ergeben, dass der Preis einer Ware keine generelle Aussage über deren Qualität erlaubt und häufig auch Discounter-Produkte Testsieger werden.

Neben dieser fehlenden Kritikmöglichkeit privatrechtlicher Fernvsehsender ist insbesondere das Problem der Schleichwerbung zu nennen (vgl. Kapitel 4.3). Weitere Problemfelder liegen vor allem darin, dass Zusammenhänge zu gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen und Ursachen nicht hergestellt und gesellschafts- und konsumkritische Positionen­ erst gar nicht thematisiert werden. Grundsätzliche Fragen, etwa ob der Mensch bestimmte Produkte und Dienstleistungen überhaupt benötigt oder ob sie ökologisch sind (Kamutzki et al. 1999: 1ff.) oder ihre Herstellung sozial verträglich war, bleiben häufig ungestellt.

Versucht man, derzeit auftretende Fernsehsendungen mit nutzwert­journalistischen Elementen zu typologisieren, lassen sich fünf größere Typen identifizieren (siehe Tab. 8), zwischen und neben denen jedoch weitere Formen existieren. In der Tabelle verzeichnet sind bereits die nutzwertjournalistischen Funktionen, die im Kapitel 5 genauer besprochen werden. In den Ratgebermagazinen kommen alle Funktionen vor, und sie weisen eine hohe Dominanz auf. Vertreter diese Sendeform sind die ARD-Ratgeber-Reihe, Bonus – Das SR-Servicemagazin, Escher – Der MDR-Ratgeber und die WDR-Produktion Servicezeit mit verschiedenen Themenschwerpunkten. Ebenso zu den typischen Verbraucher­sendungen im Fernsehen zählen die Wirtschaftsmagazine, die ihre Perspektive in den vergangenen 20 Jahren zunehmend auf die Rezipienten gerichtet haben. Dazu gehören Plusminus (ARD) und Wiso (ZDF) sowie die Wirtschaftsmagazine der dritten Programme Markt (NDR), Markt (WDR) oder WAS! – Wirtschaft Arbeit Sparen (RBB). Sie spielen ebenfalls alle nutzwertjournalistischen Funktionen mit hoher Dominanz aus.

Die ARD- und ZDF-Morgenmagazine, ARD-Buffet und Volle Kanne – Service täglich (ZDF) stellen den Typ moderierter Dauersendung mit Filmbeiträgen, Studiogesprächen, Nachrichten- und Service-Blöcken, Zuschauer-Call-ins und Gewinnspielen dar. Die Beratungsfunktionen stehen hier weniger im Vordergrund, man bemüht sich um eine ›lockere‹ Präsentation und große Vielfalt. Dennoch werden alle Funktionen angesprochen und verwendet. Kursorisch vorgenommene Einschätzungen dieser Programme lassen eine hohe Informations- und Beratungsleistung vermuten, die vom flüchtigen Betrachter möglicherweise unterschätzt wird. Dies wäre durch eine Inhaltsanalyse zu überprüfen. Zu beachten ist, dass der vergleichsweise umfangreiche Einsatz von Experten im Studio ein Einfallstor für Schleichwerbung darstellt.

Beim nächsten Programmtyp, der Kochshow, handelt es sich um eine moderne Variante klassischer Kochsendungen. Heutzutage berei­chern viele Prominente, die selbst kochen oder für die gekocht wird, das Programm auch öffentlich-rechtlicher Sender. Diese Sendungen werden offensichtlich überwiegend als Unterhaltungsangebote wahrgenommen. Die nutzwertjournalistische Anleitungsfunktion kann nicht ernsthaft als programmsimultan umsetzbar beabsichtigt sein – stattdessen bieten crossmediale Ergänzungen in Form von Rezepten im Internet sowie Buchreihen programmbegleitende Anleitungen zeitver­setzt an.

Tabelle 8: Typologisierung von Fernsehprogrammen, die nutzwertjournalistische Elemente enthalten, mit auftretenden nutzwertjournalistischen Funktionen und ihrer Dominanz in der Kommunikationsabsicht
Alle Funktionen: Anleitungsfunktion, Appellfunktion, (Problem-)-Diagnosefunktion, Problemlösungs­funktion, Warnfunktion, Orientierungsfunktion, Beratungsfunktion, Verbraucherschutzfunktion, Surveillance-Funktion (siehe Kapitel 5)
TypFormatauf­treten­de nutz­wert­jour­nalis­tische Funk­tio­nenDo­mi­nanz der Funk­tio­nenpro­to­ty­pi­sche Ver­tre­ter
Ratgeber­magazinMagazinalle hochARD-Ratgeber-Reihe
ver­brau­cher­orien­tier­tes Wirt­schafts­magazinMagazinallehochPlusminus (ARD), Wiso (ZDF)
Be­gleit­programmmode­rier­te Dauer­sendung mit Film­bei­trägen, Studio­gesprächen, Nach­richten- und Service­blöcken, Call-ins, Gewinn­spie­lenallegering bis mittelARD- und ZDF-Morgen­magazin, ARD-Buffet
Kochshow Show
  • An­leitungs­funktion (nach­ge­la­gert)
  • Surveillance­funktion
geringLafer, Lichter Lecker (ZDF), Kochen bei Kerner (ZDF)
Doku-Soapteil­insze­nier­te Re­por­tage
  • (Pro­blem-)Dia­gnose­funk­tion
  • Problem­lösungs­funk­tion
  • Sur­veillance­funk­tion
geringSuper Nanny (RTL), Raus aus den Schulden (RTL)
Quelle: Eigene Darstellung

Doku-Soaps im Format teilinszenierter Reportagen, auch Coachingformate oder Real-Life-Soaps genannt (Bleich 2008: 469), haben in den vergangenen Jahren eine Konjunktur erlebt. Sie gehen von der bestehenden Problemlage einer Betroffenengruppe aus: etwa die unbefriedigende Wohnsituation eines Paares, die Überschuldung einer Familie, Erziehungsprobleme überforderter Eltern oder das Single-Dasein von Landwirten. Inszeniert ist die meist professionelle Problemlösungskomponente durch die TV-Produktion. Als Reportage und ohne eine offensichtliche journalistische Wertung147 dokumentiert jede Sendung den Fortgang der Entwicklung. Die prototypische Sendung Super Nanny (RTL) mit Katharina Saalfrank erhielt 2007 den Deutschen Fernsehpreis. Vor allem die von RTL produzierten Formate gelten als professionell gemacht. Die genannten nutzwertjournalistischen Funktionen dominieren die Sendungen nicht, und man sollte nicht davon ausgehen, dass die Zuschauer Doku-Soaps gezielt deshalb aufsuchen, weil sie sich dadurch Hilfe für ihre eigenen Probleme erhoffen. Hier dürfte das stärkere Nut­zungsmotiv Human Interest sein. Damit darf den Doku-Soaps eine Surveillance-Funktion unterstellt werden, die es den Zuschauern ermöglicht, Vergleichsinformationen für die Positionsbestimmung ihres eigenen Lebens zu erhalten und dadurch eine objektivere Bewertung ihrer eige­nen Lage vornehmen zu können.

Exkurs: Ratgeber­sendungen im DDR-Fernsehen

Der erste Abschnitt gibt einen Überblick über das Verständnis eines sozialistischen­ Journalismus und seine Bedingungen in der DDR. Darauf folgend wird untersucht, inwieweit sich die sozialistische Journalistik mit den Funktionen des Ratgeberfernsehens befasste.

Journalismus in der DDR

Die SED hatte in der DDR – seit 1968 sogar verfassungsrechtlich verankert – die führende Rolle in Staat und Gesellschaft inne (Schubert/ Klein 2006, Eintrag »Deutsche Demokratische Republik«). Ihr erklärtes Ziel war es, in der von ihr diktatorisch gestalteten Gesellschaft der DDR einen neuen, ›sozialistischen Menschen‹ zu entwickeln. Diese sich als Utopie herausstellende Vorstellung begründete sich auf der marxistischen Gesellschaftstheorie. Die Idealvorstellung wurde in das Leitbild der ›allseitig entwickelten sozialistischen Persönlichkeit‹ gefasst (Barck 1997). Die SED bediente sich dazu des ›Leitungsinstruments‹ (DDR-Selbstverständnis) Journalismus (Raue 1986: 151), das heißt, die Massenmedien wurden in erster Linie als Herrschaftsinstrumente der Machtelite angesehen (Geissler 1990: 298). Die theoretische Grundlage dafür lieferten die materialistische Medientheorie (Löffelholz 2003: 32f.) und die sowjetische Theorie der Presse (Kunczik 1988: 61).

In diktatorisch regierten Staaten gelten Medien als Instrumente zur Erziehung der Menschen. In der DDR sollten Zeitungen die sozialistische Umgestaltung (des Staats, der Gesellschaft) unterstützen und den sozialistischen Menschen formen. Sie sollten den Bürgern Einsichten in die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen/ökonomischen Zusammen­hänge vermitteln und das wirtschaftliche Denken und Handeln in der täglichen Nutzung des ökonomischen Systems des Sozialismus fördern (Strassner 1999: 27). Die DDR-Soziologie beschreibt die Hauptfunktion der Medien wie folgt:

»Die sozialistischen Massenmedien leisten als Führungs- und Kampfinstrumente der Partei der Arbeiterklasse und des sozialistischen Staates ihren Beitrag zur Veränderung der gesellschaftlichen Wirklichkeit mittels spezifischer journali­stischer bzw. künstlerischer Mittel« (Assmann et al. 1977: 416; zit. n. Geissler 1990: 298f.).

Ein grundlegender Auftrag an den Journalismus war schon im Zeitraum 1949 bis 1961, dass sich die arbeitenden Mitglieder der Bevölkerung bewusst am Aufbau der neuen Gesellschaft beteiligen (Raue 1986: 140). Gegen Ende dieser Übergangsperiode war auch das Fernsehen zu einer Größe erster Ordnung »im ideologischen Klassenkampf sowie als Bildungs- und Unterhaltungsfaktor« geworden (ebd.: 141). Insgesamt erweiterten die SED, der sozialistische Staat und weitere gesellschaftliche Her­ausgeber in dieser Zeit planmäßig und entschlossen die Einflussnahme von Presse, Rundfunk, Fernsehen und Nachrichtenagenturen auf die Bevölkerung (ebd.: 148).

Zur Auswirkung auf die Praxis kritisiert Groth (1961: 322) in diesem Zusammenhang und unter dem Eindruck totalitärer Staatsführungen generell, dass alle Inhalte der Periodika nur noch dem einen Motiv der Führung, Willensbildung und -beeinflussung untergeordnet werden. Dafür sei sogar für die Darstellungsform Nachricht die ›veraltete Bedeutung‹ als einer Mitteilung zum Danachrichten wieder erweckt und für diese Zwecke aufbereitet worden.

Die Hauptaufgabe des sozialistischen Journalismus bestand darin, die Politik der Partei umfassend darzustellen, zu begründen und zu erläu­tern (Oette 1973: 23). Begründet auf Lenin können Propaganda und Agitation nie zum Selbstzweck betrieben werden, sondern sie dienen der Vermittlung von Erkenntnissen mit dem Ziel, praktisches, planmäßiges Handeln zu stimulieren und zu organisieren (ebd.: 28). Journalismus ist nach dem VIII. Parteitag 1971 ein »kollektiver Propagandist« (ebd.: 32). Sollen die Ideen und Prinzipien des Marxismus-Leninismus in Ideengut und Überzeugungen verwandelt werden, so müsse Propaganda durch eine lebensnahe Agitation ergänzt werden, hat der sozialistische Journalismus eine Funktion als kollektiver Agitator (ebd.: 35f.).

Eine Konsequenz dieser Funktion als Führungs- und Kampfinstru­ment waren die zentralistische Lenkung und die Kommandostruktur des Mediensystems. Wichtige Direktiven für die Gestaltung der Medien­inhalte kamen aus dem obersten Führungsgremium des politischen Systems, aus dem Politbüro – insbesondere vom für Agitation und Propaganda zuständigen Sekretär im Zentralkomitee der SED,148 aber zum Teil auch vom Generalsekretär selbst (Geissler 1990: 299). Von der Funktion der Herrschaftssicherung wurden auch die Rolle und die Aufgaben des Journalisten abgeleitet: Er war Sprachrohr der Partei oder genauer der Partei- bzw. Staatsführung und ihr wichtiger Helfer beim Aufbau der sozialistischen Gesellschaft. Journalisten sollten als kleine Rädchen oder auch größere Räder in einer zentral gelenkten Medienmaschinerie funk­tionieren. Parteilichkeit war das oberste Prinzip ihrer Tätigkeit (ebd.).

Kurz: Im Selbstverständnis der DDR bestand seit der Geburtsstunde der DDR die immerwährende Herausforderung an die journalistischen Institutionen des Landes darin, die Macht der Arbeiterklasse und der ganzen Bevölkerung, geführt von der marxistisch-leninistischen Partei, der SED, zu schützen und zu mehren (Raue 1986: 139).

Ideologisch begründet war der Journalist nicht unabhängig, sondern parteilich. Parteilichkeit bedeutete Klassengebundenheit und war das grundlegende Kriterium zur Unterscheidung zwischen sozialisti­schem und bürgerlichem Journalismus (vgl. Stader 1980, zit. n. Schütte 1990: 307). Die Parteilichkeit des sozialistischen Journalismus kann auf drei Ebenen wahrgenommen werden: als objektive gesellschaftliche Erscheinung, als deren wissenschaftliche Widerspiegelung und als Prinzip im Sinne einer Handlungsaufforderung (Schütte 1990: 307).

Da die Arbeit der Journalisten substanziell die Politik der SED-Füh­rung zu illustrieren und ihre ›Richtigkeit‹ zu belegen hatte, spiegelten die Sendungen des staatlichen Fernsehens und vor allem die Hauptnach­richtensendung Aktuelle Kamera die Linie der SED oder des Politbüros wider (Schmidt, M. 1990: 332).

Zur Unabhängigkeit von der Parteiführung schreibt Günter Hertl in seinem Buch Sendeschluß, das zum Handeln im journalistischen System der DDR im Übrigen unkritisch bleibt:

»Sein [Werner Lamberz; Abteilungsleiter für Agitation im Zentralkomitee der SED bis 1978; Anm. A. E.] Nachfolger, Joachim Herrmann, war in den achtziger Jahren nur noch die Bauchrednerpuppe Honeckers. Seine Argumentationsanleitungen vor den Chefredakteuren und Intendanten waren stundenlange Monologe. Wenn Honecker die Augenbraue hob, dann griff Herrmann schon zum Hammer. Beide legten am Ende sogar die Reihenfolge der Beiträge der Aktuellen Kamera fest. Sie perfektionierten den Dirigismus und die Selbstbeweihräucherung, bis die Menschen und die Medien daran erstickten« (Herlt 1995: 72).

Das Hauptbedürfnis, das der Journalismus befriedigen kann, ist das Bedürfnis nach Information. Auch bei der Befriedigung spezifischer Bedürfnisse (z. B. nach Unterhaltung) wird das Informationsbedürfnis der Rezipienten befriedigt (Oette 1973: 46). Neben der Befriedigung des Bedürfnisses nach Kunstgenuss und Unterhaltung besteht nicht zuletzt

»eine wesentliche Teilfunktion des Journalismus der Gegenwart in der Befrie­digung des Bedürfnisses nach journalistischer Dienstleistung für die Freizeit. Hier bietet sich unseren Massenmedien ein relativ neues, weites Feld der Betätigung. Dabei muß unser Journalismus hinausgehen über die bisher schon üblichen Formen der Dienstleistung, wie sie zum Beispiel Wetterinformationen, Verkehrshinweise, Veranstaltungsankündigungen etc. darstellen. Insbesondere geht es darum, die bisher bereits üblichen ›Ratgeber‹-Sendungen oder -Seiten vor allem inhaltlich weiterzuentwickeln, stärker auf die Bedürfnisse auszurichten […] und dabei gleichzeitig zielgerichtet die Bedürfnisse zu beeinflussen« (ebd.: 52f. H. i. O.).

Gute Beispiele dafür böten Sendungen oder Zeitungsseiten über den Reiseverkehr nach Polen und in die Tschechoslowakische Sozialistische Republik, die zugleich »Dienst leisten«, ein vielfältiges Bild der Staaten vermitteln und gründlich Leser- und Hörerfragen beantworten (ebd.: 53).

Zweifelsohne haben auch im Sozialismus die Rezipienten täglich Informationen oder Argumente rezipiert, ohne dass die beabsichtigte Wirkung erzielt wurde – insbesondere dann, wenn Wirklichkeit und Argument auseinanderklafften, »wie das auch in unserem Journalismus in der Vergangenheit mitunter der Fall war« (ebd.: 70). Der Anspruch an den Journalismus, die Bedürfnisse der Rezipienten besser zu befriedigen, ergab sich aus dieser Differenz sowie aus der normativen Vorgabe der SED, Ausgangspunkt auch der Arbeit der Journalisten und Basis ihrer Wirksamkeit sollten die Bedürfnisse der Menschen sein (ebd.). Die Rea­lität im parteidiktatorisch geführten Staat sah dagegen eher so aus, dass weniger die Interessen der Bürger als die der Partei die Orientierung der Massenmedien bestimmten.

Ratgeber­sendungen im DDR-Fernsehen

Das Fernsehen in der DDR stand wie der gesamte Journalismus unter der völligen Kontrolle der Partei- und Staatsführung. Grundaufgabe des Fernsehens war, bei der geistigen Formung des Menschen mitzuhelfen. In einigen Fällen existierten ausformulierte Direktiven für Entscheidungsprozesse, die Themenauswahl, die Art der Präsentation oder sogar für einzelne, vorgegebene Formulierungen. Doch auch ohne sie funktionierten die Kontrollmechanismen durch Selbstbeschränkung, Selbstanpassung und ›vorauseilenden Gehorsam‹ (vgl. Börner 1990).

Mit der zunehmenden Verbreitung des Mediums Fernsehen und mit dem personellen Machtwechsel an der Staatsspitze 1971 von Walter Ulbricht (*1893 †1973) zu Erich Honecker (*1912 †1994) wurde das Fernsehen in seiner Funktion als publizistisches und künstlerisches Instrument zunehmend auf die Vermittlung von Ideologie reduziert. Mit dem Funktions­wandel sollten politische, ökonomische und kulturelle Ziele der Partei rezipientennah umgesetzt werden. Der VIII. Parteitag der SED stellte dafür grundlegende Weichen, indem er die Rolle des Journalismus allge­mein und des Fernsehens speziell als ›Tribüne des Volkes‹ statuierte, die die ständige Diskussion der Fragen des sozialistischen Aufbaus in umfassender Form organisiert (Oette 1973: 43, 133ff.). Die Werktätigen sollten über die Massenmedien verstärkt ihre ›fortgeschrittensten Erfahrungen‹ austauschen. Im Kontrast zur Bundesrepublik bestehe in der DDR zwischen dem Fernsehen und den Massen ein partnerschaftliches Verhältnis, eine politisch-moralische Einheit ohne Klassenschranken. Honecker forderte auf dem Parteitag außerdem, die zu diesem Zeitpunkt herrschende Langeweile im Fernsehprogramm müsse überwunden werden, und das Fernsehen sollte schon in den frühen Abendstunden attraktive, ›wertvolle‹ Sendungen ausstrahlen (Rosenstein/Kreutz 2002: 50f.).

Daraufhin beschloss das Politbüro des Zentralkomitees der SED am 7. November 1972 in den »Aufgaben der Agitation und Propaganda bei der weiteren Verwirklichung der Beschlüsse des VIII. Parteitags der SED« Maßnahmen für die »Erhöhung der Qualität und Massenwirksamkeit« der Massenmedien (ebd.: 51). Zugeständnisse an den Geschmack eines kleinbürgerlichen Publikums waren die Folge. Die Anhebung des Anteils an Spielfilmen, Unterhaltung und Humor führte bald zu einem Zielkonflikt zwischen politisch-ideologischem Auftrag und den Zuschauerbedürfnissen nach Informationsvielfalt einerseits und Unterhaltung andererseits (ebd.: 52).

Mit dem Funktionswandel in der Honecker-Ära wurden die politischen, ökonomischen und kulturellen Ziele der Partei nicht mehr nur verbreitet, sondern sie sollten so rezipientennah umgesetzt werden, dass das Publikum einen Großteil seiner Erwartungshaltungen abgedeckt fand. Einschränkungen erfuhr die an Rezipienteninteressen orientierte Programmpolitik jedoch dort, wo das Macht- und Meinungsmonopol der SED hätte tangiert werden können (ebd.: 54). Mit dieser Neuausrichtung in der Programmstruktur der Massenmedien erlebten Ratgebersendungen im Fernsehen, aber auch im Hörfunk (vgl. Schenke 1986), eine Hoch­konjunktur.

Nun ist zu untersuchen, inwiefern Ratgeber­sendungen die persönlichen Bedürfnisse der Zuschauer und die im sogenannten sozialistischen Journalismus festgelegten gesellschaftlichen und politisch intendierten Funktionen gleichermaßen erfüllen konnten. Weiter wird geprüft, ob die Journalistik in der DDR (›sozialistische Journalistik‹) für das Phänomen Nutzwertjournalismus theoretische Ansätze entwickelt hat.

Im DDR-Fernsehen gab es wie in westdeutschen Programmen bereits in den ersten Tagen Sendungen, die den Zuschauern nützlich erscheinen konnten; beispielsweise wurde ein Theater- und Filmspiegel erstmalig am 25. Dezember 1952 ausgestrahlt (Rosenstein 1998: 379). Veranstaltungshinweise für den Raum Berlin wie Wohin zum Wochenende? wurden schon wenige Tage später gesendet (05.01.1953), allerdings nur für einige Monate (ebd.: 381ff.). Ratgeber für den Straßenverkehr und für die Fotografie folgten 1955. 1956 entstand die Servicesendung 80 bunte Minuten für die Frau, die den Vorläufer vieler weiterer Ratgeber­sendungen bildete (ebd.).

Auf der Grundlage der Beschlüsse des VIII. Parteitages hatte das Staatliche Komitee für Fernsehen 1972 neben dem Zuwachs an Unterhaltung und Spielfilmen ausdrücklich beschlossen: »Die ›Ratgeber­sendungen‹ werden ausgebaut« (Rosenstein/Kreutz 2002: 53). Sie wurden in die neu eingerichtete ›19-Uhr-Schiene‹ eingebaut, womit der Fernsehabend für die arbeitende Bevölkerung, die den Arbeitstag in der DDR traditionell früh begann (6 bis 7 Uhr), zeitiger eingeleitet wurde, als das in West­deutschland der Fall war (dort: 20 Uhr).

Parallel zur Modernisierung mancher bestehender Ratgeberreihen wurden in den Jahren 1971 bis 1974 vermehrt zielgruppenorientierte Magazinsendungen mit Ratgeberfunktionen149 ins Programm aufgenommen (Kreutz/Vollberg 1998: 11). 1971 erhielt die populärste Ratge­bersendung, das vom Ostseestudio Rostock verantwortete Gesundheitsmagazin Visite, ein neues Profil (vgl. Müller, W. 1977: 20). Das Sendungsdesign der praktisch-pädagogischen Reihe Dein pädagogischer Ratgeber wurde modernisiert und die Sendung in Elternsprechstunde umbenannt (Rosenstein/Kreutz 2002: 54f.).

Die meist 20- bis 30-minütigen Sendungen bestehend aus meist drei bis fünf Beiträgen – verbunden durch Moderationspassagen – wurden in der Regel vierzehntäglich und zuerst im ersten Programm vor der Aktuellen Kamera auf der 19-Uhr-Schiene gesendet, anschließend im zweiten Programm wiederholt (ebd.: 55).

Eine im September 1971 erhobene Umfrage150 ergab ein differenziertes Bild von den Interessen der DDR-Bürger: Gesundheits- und Verkehrsfragen standen dabei an oberster Stelle, Kosmetikberatung an letzter (siehe Tab. 9).

Tabelle 9: Zuschauerbedürfnisse, Interesse an Ratgeberthemen von DDR-Bürgern, September 1971
ThemaZustimmung
medizinische Ratgeber46,1 %
Ratgeber für Verkehrserziehung41,2 %
Ratschläge zur gesunden Lebensführung36,2 %
Ratschläge für den Haushalt29,7 %
Modetipps28,5 %
Ratschläge für den Garten, Erziehungsfragen24,9 %
Hinweise auf neue Bücher, Ausstellungen, Theaterstücke, Filme23,6 %
Ratschläge für die Freizeitgestaltung23,0 %
Rechtsberatung22,4 %
Kochrezepte22,3 %
Eheberatung12,3 %
Kosmetik12,2 %
Quelle: Rosenstein/Kreutz (2002: 55)

Mitte der 1970er-Jahre setzte sich die Erkenntnis durch, dass die neue Vielfalt zu einem Überangebot an Ratgeberthemen geführt hatte. In der Folge wurden die meisten neuen Sendungen wieder eingestellt, und es blieben von den Neulingen lediglich Fragen Sie Prof. Kaul und Visite übrig, was Rosenstein und Kreutz (2002: 54f.) dahingehend interpretieren, »dass der Versuch, die Zuschauer mit Hilfe eines Überangebots an Ratge­bern an das Programm zu binden, letztendlich scheiterte«.

1986 gaben elf Sendereihen im Fernsehen der DDR »Ratschläge für das Verhalten in den verschiedensten Lebenslagen« (Heydt 1986: 18). Kumuliert über den gesamten Existenzzeitraum der DDR hatten 60 von insgesamt 220 Magazinreihen eine Ratgeberfunktion (für ein chronologisches Verzeichnis der Fernsehmagazine im Fernsehen der DDR siehe Kreutz et al. 2002, 239ff.).

Aus den bisher genannten Quellen lassen sich die in der Tabelle 10 genannten Sendungsformen und Phasen zusammenfassen. Die Tabelle 11 stellt das Formenarsenal und die inhaltlichen und gestalterischen Elemente der durch Moderation verbundenen Magazinbeiträge dar.

Tabelle 10: Formen von Ratgeber­sendungen im DDR-Fernsehen in verschiedenen Entwicklungsphasen
Ent­wick­lungs­pha­se von Rat­ge­ber­sen­dun­genCharakterisierung
Vorläufermono­thematisch, vortrags­ähnlich; spezi­fi­sche Ziel­publi­ka (z. B. Frau­en)
Über­gangs­phasedas Reihen­prinzip wird strin­gen­ter angewandt und mit maga­zin­ähnli­chen Ge­staltungs­ele­menten kombi­niert
Anfang der 1960er-JahreMagazin­format; spezi­fische Ziel­gruppen
1970er-Jahrez. T. Binnen­serien (Visite-Serien »Elternglück«, »Psychohygiene«); breites Publikum
1980er-Jahrever­einzelte Ver­suche, das immer gleiche Schema auf­zu­brechen, mehr zu unter­halten z. B. mit Talk, Show (Mensch, bleib gesund!)
Quellen: Siehe Text; eigene Darstellung

Die Rolle der Zuschauerpost soll besonders erwähnt werden. Ein festes Element der Sendung waren in den meisten Ratgebermagazinen sogenannte ›Post-Ecken‹, in denen die Redaktion Zuschauerfragen mithilfe der Fach­kompetenz von Experten aus Wissenschaft, Medizin, Politik und Gesell­schaft beantwortete (Kreutz/Vollberg 1998: 12). Zuschauerbriefe wurden als ›Eingaben‹ nach der Eingabenverordnung von 1953 behandelt.151 Anstelle eines Rechtswegs der Verwaltungsklage waren Eingaben zu einem vielfach eingesetzten Mittel der Beschwerdeführung gegen staatliche Behörden und gesellschaftliche Einrichtungen sowie für Verbesserungsvorschläge geworden (Merkel 1998: 13). Zugleich konnte der Staat damit die Befindlichkeit der Bevölkerung erfassen. Eingaben mussten je nach Art innerhalb von 10 bis 21 Tagen beantwortet werden, was auch für das Fernsehen der DDR als staatliche Institution galt (ebd.: 19). Je nach Charakter der Sendung enthielt die Zuschauerpost Anfragen zur Lösung individueller Probleme (z. B. Visite) wie bei Eingaben im klassischen Sinne an den Staatsrat oder kommunale Insti­tutionen, oder die Briefschreiber erwarteten und forderten, dass über die von ihnen beschriebenen Zustände und Probleme öffentlich, das heißt im Fernsehen berichtet und verhandelt wird (z. B. Prisma; ebd.). Zur Sendereihe Alles was Recht ist erhielt die Redaktion in den Wintermonaten 3.500 Zuschauer­briefe je Sendung, 15 Juristen unterstützten sie bei dem Bemühen, das Rechtsproblem jedes Zuschauers zu lösen (Heydt 1986: 18).

Tabelle 11: Formenarsenal sowie inhaltliche und gestalterische Elemente in Ratgeber­sendungen des Fernsehens der DDR
Formen­ar­se­nal
  • Filmbericht
  • Trickdarstellung und Trickfilm
  • (Kurz-)Reportage
  • kurzfilmartige Spielszene (eigene Beitrags­form: Alles, was Recht ist / Fragen Sie Prof. Kaul)
  • Gesprächsgenre Inter­view
  • Gesprächsgenre Studio­ge­spräch
  • Rätsel
  • Vor-Ort-Aufzeichnung (elektro­nisch: Verkehrs­magazin; auf Film: Du und Dein Garten)
  • Filmbeobachtung (Eltern­sprech­stun­de)
  • Befragung (Eltern­sprech­stu­nde)
Inhalt­liche und ge­stal­te­ri­sche Ele­men­te
  • Vorspann
  • Übersicht
  • Rubriken (Postmappe, Preis­frage: Ge­wohn­heiten wer­den be­dient)
  • Filmkünstlerische Mittel (Spiels­zenen)
  • Trick
  • Studioeinrichtung (Studio­atmo­sphä­re)
  • Voran­kündigung
Quellen: Siehe Text; eigene Darstellung

Eingaben wurden seit den 1950er-Jahren von der Staats- und Partei­führung nicht nur ernstgenommen, um einen genauen Einblick in die Realität der Gesellschaft zu erhalten und um mit ihnen ein Werkzeug zu haben, um mithilfe der Bevölkerung die Verwaltung besser zu kontrollieren (Merkel 1998: 16). Sondern der Staat konnte auch die Bürger kontrollieren: Wie mindestens von der Redaktion Prisma bekannt ist, wurde jeder Zuschauerbrief per Kopie an das Ministerium für Staatssicherheit weitergegeben (Prase, pers. Mitt.).152 Man kann davon ausgehen, dass dies mit allen Briefen an Redaktionen des Fernsehens geschah.

Ratgeber­sendungen und die Journalistik in der DDR

Die Wissenschaft in der DDR war nicht frei. Das Verständnis von Wissen­schaft, wie es SED-Politiker schon zwischen 1945 und 1948 arti­kulierten, war stets mit wissenschaftspolitischen Absichten gekoppelt (Malycha 2001: 16). Ab 1948 betraf der von der SED offen proklamierte Führungsanspruch auch den Wissenschaftssektor (ebd.: 17). Seit Anfang der 1950er-Jahre sollte geisteswissenschaftliche Forschung in zunehmendem Maße auf die Herausbildung eines »neuen sozialistischen Bewusstseins« gerichtet sein. Dem entsprach auf der kognitiven Ebene, dass die systematischen Kategorien des Marxismus-Leninismus (Macht, Klassenkampf, Produktivkräfte etc.) nicht nur in die Parteipropaganda, sondern auch in die wissenschaftliche Debatte eingeführt wurden (ebd.: 18). Die im Parteiapparat vorbereiteten Entscheidungen wirkten über die Fachabteilungen der SED und der Ministerien durch die Zuweisung von Ressourcen, Ausbildung und Rekrutierung sowie Platzierung wissenschaftlichen Personals nahezu uneingeschränkt (ebd.: 21). Ab 1958 wurde der Marxismus-Leninismus zur Wissenschafts­theorie erklärt, womit wissenschaftliche Erkenntnisprozesse im gesellschaftswissenschaftlichen Bereich direkt oder indirekt beeinflusst werden sollten (ebd.: 16).

Bildung und Wissenschaft waren allgemein unter anderem durch Hochschulreformen den parteipolitischen Zielen unterworfen (vgl. Bark 1997; Malycha 2001), speziell nahm die SED-Führungselite für die Gesellschafts­wissenschaften die Hoheit über Theorie- und Methodologie­standards in Anspruch (Malycha 2001: 16). Aus diesem Grund und wegen der besonderen Funktion des Journalismus hatte sich die sozialistische Journalistik bei der Behandlung von Ratgeber­sendungen auch mit den staatlich-gesellschaftlichen Funktionen befasst. Düsterwald (1987: 301) sieht innerhalb dieser Perspektive Ratgeber­sendungen zwar auch als Teil »unterhaltsamer Journalistik«, definiert sie aber vorrangig als fernseh­journalistische Magazine »mit besonderem Bildungsauftrag«. Die Autorin differenziert Einzelfunktionen von Ratgebermagazinen. Diese

  • vermitteln Wissen zu den Problemen des Alltags, der Freizeit, des Zusammenlebens der Menschen,
  • erteilen Ratschläge und Hinweise für richtiges Handeln,
  • erleichtern Orientierung in den ständig komplexer und komplizierter werdenden gesellschaftlichen Prozessen,
  • wecken die Bereitschaft zu aktiven Handlungen bzw. regen dazu an (ebd.: 301).

Als Begründung für die zum damaligen Zeitpunkt für wichtig erachtete »auf die Aktivierung der Zuschauer gerichtete Wissensvermittlung« führt Düsterwald (ebd.: 302) aus Tageszeitungen zitierte Äußerungen des Partei- und Staatschefs Erich Honecker an, der äußerte, dass »die Vorzüge des Sozialismus noch wirksamer mit den Errungenschaften der wissenschaftlich-technischen Revolution zu verbinden« seien. Sogar die von Honecker erklärte »Hauptaufgabe unserer Zeit, den Untergang der Menschheit in einer nuklearen Katastrophe zu verhindern und ihr eine Zukunft dauerhaften Friedens zu sichern«, diente als Motiv für die Pro­duktion von Ratgeberprogrammen. Auf solchem DDR-Wissenschaftsverständnis fußend versucht Düsterwald, einen Zusammenhang zwischen einer Fernsehsendung über Kleintiere und dem Weltfrieden herzustellen. Dabei verläuft ihre Argumentationskette so, dass beginnend mit einer Verbesserung individueller, emotionaler Komponenten bei den Zuschauern das schöpferische Klima im Lande einen Aufschwung erlebe. Wenn sich jeder motiviert fühle, an seinem Arbeitsplatz für dieses Ziel das Bestmögliche beizutragen, folge daraus eine Stärkung der Ökonomie; eine starke DDR-Wirtschaft wiederum unterstütze die Parteiführung im Kampf gegen eine mögliche nukleare Katastrophe im Kalten Krieg. Die direkten Ratschläge führen aber auch abseits der unterstellten Wirkung durch eine stimulierte Arbeitsmotivation zu ökonomischen Effekten, wenn etwa die Gemüseproduktion gesteigert werden kann oder sich Rohstoffe, Materialien und Arbeitsaufwand einsparen lassen (ebd.).

Rosenstein (1998: 376) unterscheidet Ratgeber­sendungen wegen ihrer individuellen Belange von operativen Sendungen. Danach zielten operativ angelegte Sendungen darauf ab, die Bereitschaft der Rezipienten zu gesellschaftlich nützlichem Handeln zu aktivieren. Dieses Handeln sollte auf die jeweils unmittelbar auf der Tagesordnung stehenden wesent­lichen praktischen Aufgaben gelenkt werden, bei denen volkswirtschaftliche Probleme an erster Stelle standen (Bsp.: »So spart man Kohle« in Wußten Sie schon? ab 1953).

Zusammenfassend macht die sozialistische Journalistik drei Funktio­nen der Ratgebersendungen aus. Erstens sollen zum Zwecke der Erziehung und Bildung des neuen, sozialistischen Menschen gesellschaftliche Verhaltensnormen durchgesetzt, die Volksgesundheit erhöht, Volkserziehung betrieben und die Funktion des Fernsehens als Tribüne hergestellt werden. Zweitens sollen sie helfen, Engpässe bei der Versorgung und auf dem Dienstleistungssektor zu überbrücken. Drittens unterstützt die vermutete Motivationssteigerung der arbeitenden Bevölkerung über einen mehrstufigen Wirkungsmechanismus die Regierung bei der Erlangung weltpolitischer Ziele.

Zur Frage, inwieweit Ratgeber­sendungen im DDR-Fernsehen die gesellschaftliche Funktionen des sozialistischen Journalismus erfüllten, sei noch ein Blick in DDR-Publikationen getan. In der Fernsehzeitschrift FF dabei wurden im Dezember 1979 ausführlich die für das kommende Jahr geplanten nutzwertjournalistischen Sendungen vorgestellt (Hölzel 1979: 46). Der Autor weist auf ihren unbestrittenen »Einfluß beispielsweise auf die Erhöhung des Rechtsbewußtseins, auf die Verhütung von Verkehrsunfällen, auf die Gesundheits- und Kindererziehung wie über­haupt auf die Lösung von Familienproblemen« hin. Auch wenn er im Einleitungstext schreibt, dass die Sendungen »die verschiedensten Kollektive bei der Lösung gesellschaftlicher Aufgaben« beraten, kommt der Bezug auf überindividuelle Strukturen in den einzelnen Beschreibungen der Sendungen an keiner Stelle mehr vor.

Wie der Visite-Moderator Rudolf Arendt (1977: 21) beklagte, wurde das im Sinne der »Aufklärung und Gesundheitserziehung« erwünschte Publikum nicht ausreichend genug erreicht. Statt medizinisch sinnvoll und vorbeugend jüngere, noch gesunde Menschen zu gewinnen, wendeten sich »vorwiegend ältere Bürger, die dieses oder jenes Leiden haben«, per Post an die Redaktion. »Der überwiegende Teil der Post […] enthält vielfach sehr persönliche Fragen, oftmals sogar gewisse Hilfeersuchen für die Lösung dieses oder jenes Krankheitsproblems« (Müller, w. 1977: 20; vgl. Heydt 1986: 19).

Dies wurde im Westen ebenfalls so gesehen. Der für die in Berlin (West) erscheinende Zeitung Der Tagesspiegel schreibende Kritiker Eckart Kroneberg bezeichnete Visite als »ein gut gemachtes Magazin, das ich oft gesehen habe; Stichwort Volksgesundheit; es war relativ unpolitisch und hat sich auf körperliche Gesundheit konzentriert« (Kreutz et al. 2002: 202). Wie auch die Durchsicht ausgewählter Kritiken Kronebergs zu Ratgebersendungen deutlich macht, stammen die Probleme überwiegend aus dem Alltag der Zuschauer (Kroneberg 2002: 225ff.).

Der individuelle Nutzen steht auch im Zentrum des Überblicks von Heydt (1986: 19), der darüber hinaus noch ankündigt, dass Ratgeber­sendungen für eine »aktive sinnvolle Freizeitbeschäftigung« entwickelt werden. Die MDR-Mitarbeiterin Evelyn Neira (1998: 93) erinnert sich: »Im wohltuenden Kontrast zum ansonsten stark ideologisch geprägten Staatsfernsehen setzten sie [die Ratgeber, Anm. A. E.] sich mit den Problemen des Alltags auseinander.«

Für die im Nutzwertjournalismus tätigen Redaktionen kann wegen der Stellung des Journalismus in der DDR festgestellt werden, dass die Redaktionen in ihrer Haltung sowohl mit den gesellschaftlichen Entwicklungs­linien übereinstimmen als auch die persönlichen Interessen, Vorstellungen und Erfahrungen der Rezipienten kennen mussten. Für die Zuschauer dagegen war es nicht notwendig, dass sie bei der Rezeption die gesellschaftlichen Ziele des Sozialismus berücksichtigten, sondern ihr Interesse am Angebot der Nutzwertjournalisten konnte sich rein auf die Befriedigung eigener Bedürfnisse beziehen.

In der im Kapitel 1.4 vorgestellten Arbeitsdefinition für Nutzwert­journalismus werden als die wesentlichen Funktionen genannt, Hinweise zu geben, Orientierung zu verschaffen und Rat zu geben. Diese Funktionen wurden von Ratgeber­sendungen im DDR-Fernsehen erfüllt. Daneben haben die Redaktionen als parteiliche Journalisten weitere Ziele der Informationssteuerung und als Sprachrohr der Partei verfolgt. Die heute erhobene Forderung nach größtmöglicher Transparenz hat der Ratgeber­journalismus in der DDR nicht erfüllt.


128 »Die Darbietungen sollen Nachrichten und Kommentare, Unterhaltung, Bildung und Belehrung, Gottesdienst und Erbauung vermitteln und dem Frieden, der Freiheit und der Völkerverständigung dienen« (§3,2 des Gesetzes über den Hessischen Rundfunk vom 2. Oktober 1948, zuletzt geändert durch Gesetz vom 05.06.2007; vgl. Zweites Fernsehurteil des Bundesverfassungsgerichts Abschnitt C. I., in: Fuhr 1972: 267).

129 Abschnitt II.2 der Richtlinien für die Sendungen des ›Zweiten Deutschen Fernsehens‹ vom 11.07.1963, in: Fuhr (1972: 202); außerdem: »In den Sendungen der Anstalt soll den Fernseh­teilnehmern in ganz Deutschland ein objektiver Überblick über das Weltgeschehen, insbesondere ein umfassendes Bild der deutschen Wirklichkeit vermittelt werden« (§2,1 ZDF-Staatsvertrag vom 06.06.1961; in: Fuhr 1972: 17; wortgleich in §3,1 »Aufgaben der Anstalt« der Satzung der gemeinnützigen Anstalt des öffentlichen Rechts ›Zweites Deutsches Fernsehen‹, o. J., in: ebd.: 195).

130 ›Programmauftrag‹ des Staatsvertrags über den Norddeutschen Rundfunk (NDR) vom 16. Februar 1955, in Kraft getreten zum 01.01.1981.

131 »Vollprogramm [ist] ein Rundfunkprogramm mit vielfältigen Inhalten, in welchem Informationen, Bildung, Beratung und Unterhaltung einen wesentlichen Teil des Gesamtprogramms bilden.« (§2,2 des Rundfunkstaatsvertrags vom 31.08.1991; in: ZDF 1992).

132 Rundfunkstaatsvertrag vom 31. August 1991 in der Fassung des 9. RdfkÄndStV, in Kraft getreten am 01.03.2007.

133 NWDR steht für die ARD-Anstalt Nordwestdeutscher Rundfunk. Das Sendegebiet deckte 1945 bis 1955 die Länder Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen ab sowie 1945 bis 1954 zusätzlich Berlin.

134 Die Sendung Das Rasthaus gab es von 1961 bis 1974; 1961 im zweiten Programm der ARD, das es kurzzeitig gab, ab 1962 im ersten Programm.

135 Die ARD-Anstalt Südwestfunk (SWF) bestand von 1946 bis 1998 und sendete für Rheinland-Pfalz und den Süden Baden-Württembergs. Seit 1998 bildet der SWF mit dem Süddeutschen Rundfunk (SDR) den Südwestrundfunk (SWR).

136 Zu den Themen gehören Ausbildung, Beruf, Ernährung, Erziehung, Fortbildung, Freizeit, Fremdsprachen, Geld, Gesundheit, Hobbys, Lebensführung, Schule, Sport, Technik, Touris­tik, Urlaub, Verbraucher, Verkehr, Weiterbildung (Mohl 1979: 367).

137 Hans Mohl (*1928 †1998) moderierte bis 1993 das Gesundheitsmagazin Praxis.

138 Dazu gehören die Sendungen ARD-Ratgeber Technik, Geld, Gesundheit und Recht seit 1971, Schule und Beruf 1973 bis 1982, Auto und Verkehr seit 1975 (zuvor als Das Rasthaus 1961 bis 1962), Reise, Essen und Trinken sowie Heim und Garten seit 1982, Bauen und Wohnen seit 1997. Die Medienkritik schwankte im Laufe der Zeit zwischen Ehrung und Tadel: So zeichnete die Jury des Medienpreises ›Bambi‹ (seit 1948, Hubert Burda Media) im Jahr 1973 die junge ARD-Ratgeber-Reihe aus (Neira 1998: 92). Anfang der 1990er-Jahre mussten sich die Wirtschaftsredakteure von Hörfunk und Fernsehen dagegen den Vorwurf anhören, komplexe wirtschaftliche Gegenstände zugunsten einfacher Sachverhalte und einer vermeintlich einfachen Verbraucherberatung zu vernachlässigen (Hilgert/Stuckmann 1991: 3).

139 Deskriptive Untersuchung, Totalerhebung der Verbraucher­sendungen von ARD und ZDF eines ganzen Jahres (lt. DFG-Forschungsberichten von 1980 und 1982, zit. n. Hamm, I. 1985: 14, 55). Als Aussageeinheiten waren zusammenhängende Themenbereiche unabhängig von eventuellen Präsentationswechseln definiert (Hamm, I. 1985: 11), etwa Filmbeitrag inklusive An- und Abmoderation.

140 Stand: Oktober 2008.

141 Quellen für eine umfassende Infotainment-Diskussion liefert Klaus (1996).

142 Die Sendung startete 1999 unter dem Namen Volle Kanne, Susanne mit Moderatorin Susanne Stichler. Die Sendung bezeichnet sich selbst als »Infotainment-Magazin« und »unterhaltsame Servicesendung«, die »handfeste Informationen und nützliche Tipps für die großen und kleinen Herausforderungen des Familienalltags« liefert (Online-Quelle: http://www.zdf.de/ [17.07.2007]).

143 Diese Sendung behandelt Themen wie: »Versteh mich doch endlich!« (Analyse der Kindheit), »Verzweifelte Väter klagen an – Mein Kind gehört zu mir!« (mit Experten für Familienrecht und Rechtspsychologie), »Wir können doch über alles reden, oder?« (Beziehungsthema), »Schwanger mit 12! Wenn Kinder Kinder kriegen …«, »Alle glotzen mich an! Na und?« (Schicksal entstellter Menschen; Zeitraum vom 16. bis 20.07.2007).

144 Diese Sendung behandelt Themen wie: »Vaterfrage – Wer hat meine Frau geschwängert?« (während der Sendung werden den Protagonisten die Ergebnissse von Vaterschaftstests mitgeteilt), »Liebesgeständnis – Für dich soll es rote Rosen regnen!« (Beziehungsthema), »Sparschwein – Dein Geiz stinkt zum Himmel!« (Beziehungsthema), »Verzweifelt gesucht – Endlich lerne ich meine richtige Mutter kennen!«, »Karrierefrau – Ohne Kinder lebt es sich besser!« (Beruf und Familie; Zeitraum vom 16. bis 20.07.2007).

145 Als Vorbild kann Changing Rooms gelten, das die BBC von 1996 bis 2004 produzierte. Ausgehend von der Grundidee, dass zwei Paare für kurze Zeit ihre Wohnungen tauschen und jeweils die Wohnung des anderen Paares renovieren, entwickelte sich die Sendung mit Unterstützung von Designern zu einem beliebten Heimwerker-Programm (engl. Do-it-yourself, DIY).

146 Es kam insofern der Verdacht von Schleichwerbung auf, als die kooperierende Stiftung Warentest die Test-Hefte prominent in der Show platzieren konnte (Schader 2007).

147 Allerdings sind durch Auswahl, Schnitt und Komposition des Filmmaterials sowie durch die Wahl der verwendeten Musik vielfältige Möglichkeiten gegeben, den Zuschauern ein bestimmtes Bild der Vorgänge zu vermitteln.

148 Zuletzt (von 1978 bis zum 18. Oktober 1989) Joachim Herrmann.

149 Zum Beispiel: Wir filmen (für Amateurfilmer); Treffpunkt Kino (Kinomagazin); Tiere, Pflanzen, Steckenpferde; Hobby (Freizeitgestaltung); Sie und Er und 1000 Fragen (Antworten auf familienbezogene Fragen); Fragen Sie Prof. Kaul (Rechtsfragen); Berufe im Bild; Verkehrskompaß (Verkehrsmagazin; Rosenstein/Kreutz 2002: 55).

150 Dokument der Abteilung Zuschauerforschung vom 29.5.1972. In: DRA Berlin. Historisches Archiv. »Zuschauerforschung. Erhebungen, Analysen ab 1971. Gesamtprogramm: Bereiche Publizistik, Dramatische Kunst, Unterhaltung«. Zit. n. Rosenstein/Kreutz (2002: 55).

151 Verordnung über die Prüfung von Vorschlägen und Beschwerden der Werktätigen (Eingabenverordnung) vom 06.02.1953. Es folgten der Beschluss über die weitere Entwicklung der sozialistischen Rechtspflege vom 30.01.1961 des Staatsrats, Aufnahme in Artikel 104 und 105 der Verfassung vom 06.04.1968, der Erlass des Staatsrates über die Eingaben der Bürger vom 28.11.1969, das Gesetz über die Neufassung von Regelungen über Rechtsmittel gegen Entscheidungen staatlicher Organe (Rechtsmittelgesetz) vom 24. Juni 1971 und das Gesetz über die Bearbeitung der Eingaben (Eingabengesetz) vom 19.06.1975 (vgl. Mühlberg 1999).

152 Dr. habil. Tilo Prase (*1953 †2006) war Redakteur in der Unterhaltung des DDR-Fernsehens sowie Assistent und später Dozent am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig.