3.3 Darstellungsformen im Nutzwertjournalismus (Print)

Nur selten werden ›Service‹ oder der Nutzwertjournalismus als eine eigene journalistische Darstellungsform (Weichler/Endrös 2005: 191; Hooffacker 2001: 93ff.) oder Darstellungsweise (Fasel 2004: 7) bezeichnet. Insgesamt überwiegt die Auffassung, dass alle journalistischen Darstellungsformen oder Textsorten im Nutzwertjournalismus angewendet werden können, wenn auch mit unterschiedlicher Eignung (Fasel 2008: 131; Wolff, V. 2006: 247; Fasel 2004: 59). Die Inhalte können sich je nach Gestaltung (Typografie, Farbeinsatz, Raumaufteilung etc.) von anderen Darstellungen abheben, sodass die Präsentationsformen insgesamt zu betrachten sind. Häufig verbinden sich mehrere Elemente zu einer Gesamtheit mit dem Ziel, passend für das jeweilige Zielpublikum das entsprechende Problem zu benennen, womöglich zu analysieren und einen Lösungsweg verständlich darzustellen. Ergebnis der Bemühungen von Redaktion und Layout ist häufig ein Gefüge aus vielen Elementen wie Lauftext, Tabellen, Kästen und Illustrationen (Wolff, V. 2006: 252, 269).

Der Begriff der Darstellungsform ist uneinheitlich und wissenschaftlich unvollständig bearbeitet. Überwiegend handelt es sich um Sammlungen verschiedener Definitionen, die aus Praxiserfahrungen und Verfahrensweisen abgeleitet sind und in die formale Charakteristika, Grundfunktionen der Sprachverwendung, Aussageinhalte und die Intention des Journalisten einfließen. Teilweise übt das jeweilige Medium spezifischen Einfluss auf die Darstellungsform aus. Entsprechend verschieden und detailliert sind die Systematiken der Darstellungsformen. Sie unterscheiden häufig im Wesentlichen Nachrichten-, Meinungs- und Unterhaltungsformen bzw. tatsachen-, meinungs- und fantasiebetonte Formen (Reumann 1995; Mast 1994: 181ff.; vgl. Arnhold 2009: 41ff.) und folgen damit der angelsächsischen Trennung von Nachricht und Meinung. Haller (1997: 71f.) erweitert mit seinem Funktionssystem der Darstellungsformen die Differenzierungsmöglichkeiten, indem er die vier Ebenen kognitiv, empirisch, subjektiv und objektiv anbietet. Als Einflussgrößen integriert er neben dem Ereignis und der Art des Mediums die journalistische Intention und die Publikumserwartung in das Modell. Damit werden zwei Dimensionen genannt, die im Nutzwertjournalismus eine erhebliche Rolle spielen. Das Modell ist jedoch stark auf den journalistischen Akteur konzentriert, was einerseits einen guten Anschluss an die Praxis gewährleistet, da Journalisten und Redaktionen in der Regel ein nur unvollständiges Bild vom Publikum und den Rezeptionsvorgängen haben dürften. Das heißt, die Dimension Publikumserwartung existiert genau genommen beim Journalisten als seine Imagination von der Lesererwartung. Die Intention eines Nutzwertjournalisten wird andererseits vermutlich weniger einem intrinsischen Motiv entsprechen, wie es etwa beim Autor eines politischen Kommentars der Fall ist, sondern wird wesentlich stärker an den Handlungsmöglichkeiten und -wünschen der Rezipienten orientiert sein (Untersuchungen dazu fehlen jedoch bisher). Für Studien über den Nutzwertjournalismus sind daher zusätzlich Methoden wie die der Medienwirkungsforschung interessant, die das tatsächliche Rezeptionserleben untersuchen. Hallers Konzept der Funktionalität berücksichtigt die Funktion des Nutzens; sie wird der Mitteilungsweise ›Vermelden‹ zugeschrieben, die die Funktion Sachinformation enthält, und vom ›Erzählen‹ (Funktion: emotionale Teilhabe) und ›Deuten‹ (Funktion: Erklären, Begründen) unterschieden. Für den praktischen Nutzwertjournalismus ist das Vermelden nutzwertigen Erfahrungswissens zweifelsohne eine Notwendigkeit, allerdings kommt auch er nicht ohne die Meinungs- und Erklärungsanteile der kognitiven Funktion (›Deuten‹) aus. Fasel (2004: 12) betont die emotionale Komponente von Nutzwert (›nutzen und erfreuen‹). Insofern kann das Funktionssystem der Darstellungsformen nicht als vollendete Vorlage für nutzwertjournalistische Darstellungsformen gelten, jedenfalls nicht in der Klarheit seiner Grundskizze. Es bleibt künftiger wissenschaftlicher Arbeit überlassen, ein System für Darstellungsformen zu entwickeln, das für nutzwertjournalistische Formen einen Begründungs- und Erklärungswert leistet.

Wie gesagt, tritt Nutzwert in der Praxis in diversen Darstellungsformen auf und ist oft mit Meinung und einem Standpunkt verbunden. Häufige, in der Standardliteratur genannte Darstellungsformen sind Nachricht, Bericht, Interview, Kommentar, Reportage, Porträt und Feature. Diese werden zwar allgemein in tatsachenbetonte und meinungsbetonte Formen unterschieden, Mischformen werden jedoch nicht ausgeschlossen. Schon Heinrich (1991b: 222ff.) forderte die Journalistik auf, speziell für den Wirtschaftsjournalismus, den er rezipientenorientiert als Nutzwertjournalismus verstand, die strikte Trennung von Meldung und Meinung zu überdenken. Stattdessen müssten Wertungen in den Beiträgen zugelassen werden, um dem Rezipienten eine markierte Positionsbeschreibung in der Meinungsvielfalt und damit Orientierung zu geben. Fasel (2008: 27) versucht, den Anteil an Tatsachen- und Meinungsvermittlung in verschiedenen Darstellungsformen relativ zueinander ungefähr abzuschätzen (siehe Tab. 6). Die Abschätzung ist offenbar praxis-und erfahrungswertgeleitet und scheint sich sowohl auf die Erfahrung der Journalisten als auch das Vorkommen in Publikationen zu beziehen. Als Nutzwert definiert der Autor »eine besondere Art, einen Inhalt […] zu thematisieren« (ebd.: 131).

Tabelle 6: Einschätzung der Tatsachen- und Meinungsanteile und des Nutzwertes verschiedener journalistischer Darstellungsformen und Textsorten nach Fasel (2008: 27, 53, 58)
Darstellungsform, TextsorteTatsacheMeinungNutzwert
Bericht, Zeitungsbericht90 %10 %wenig, häufig nicht vorhanden
Feature75 %25 %mittel bis hoch
Magazinstory50 %50 %mittel, häufig vorhanden
Reportage50 %50 %wenig
Reportk. A.k. A.hoch
k. A.: keine Angabe; Quelle: Eigene Darstellung

Die Abschätzung legt nahe, dass es keinen direkten Zusammenhang zwischen dem Meinungsanteil und dem Nutzwertgehalt gibt und dass die nutzwertige Themendarstellungsleistung vor allem im Feature, in der Magazinstory und im Report vorkommt oder sinnvoll ist. Die Überprüfung dieser Einschätzung ließe sich mit Inhaltsanalysen und einem Nutzwertkonstrukt umsetzen, wie es in Eickelkamp (2009a/b) beschrieben wird; damit wäre der in den Publikationen manifestierte Nutzwert messbar. Für die Publikumsseite müssten Befragungen, experimentelle Anordnungen oder Beobachtungen erfolgen, die erheben, durch welche Darstellungsform sich die Rezipienten wie unterstützt, beraten etc. fühlen.

Für das erste Anliegen, den Nutzwert der Publikationen zu messen, wurden für diese Arbeit die Originaldaten aus Inhaltsanalysen von Ratgeberseiten in Regionalzeitungen (Eickelkamp 2005b) neu ausgewertet. Dazu wurde für jede Darstellungsform über alle Zeitungen und Seiten hinweg der Nutzwert als Summe der sechs codierten Merkmale Anleitung/Anweisung, Problemlösung, Warnung, weiterführender Hinweis, unmittelbare Orientierung für das praktische Leben sowie sonstige Ratgebung gebildet (Nutzwert-Index), wobei das eindeutige Vorhandensein aller Merkmale somit 6 Nutzwertpunkte im Index ergeben würde. Der Durchschnitt über alle Beiträge lag bei 1,2 Punkten, das heißt auf den Ratgeberseiten regionaler Tageszeitungen enthält ein einzelner Beitrag im Schnitt lediglich 1,2 nutzwertige Merkmale. Die Ergebnisse für die einzelnen Darstellungsformen sind in der Tabelle 7 und der Abbildung 4 dargestellt. Danach wird zum einen deutlich, dass die Journalisten in vier von fünf Beiträgen (81,1 %) die Darstellungsformen Nachricht und Bericht (angefietschert und nicht angefietschert) verwendet haben. Der meiste Nutzwert steckte in den seltenen Features und in Gesprächsformen (vor allem bei der Berichterstattung über Telefonforen). Der von Fasel mit gering und selten eingeschätzte Nutzwert in der Darstellungsform Bericht findet sich auf den Ratgeberseiten immerhin mit 1,3 bis 1,6 nutzwertigen Merkmalen; für nicht rezipienten- und serviceorientierte Zeitungsseiten ist allerdings mit einem Wert nahe null zu rechnen.

In der Abbildung 4 ist für ausgewählte Darstellungsformen (mit genügend großen Fallzahlen) dargestellt, welche Merkmale des Kons­trukts Nutzwert welchen Anteil an der durchschnittlich indizierten Darstellungsform haben. Dabei können in einem Beitrag durchaus zwei oder mehr Merkmale gleichzeitig vorkommen. Insgesamt ist das formale Merkmal des weiterführenden Hinweises (Telefonnummer, Adresse, Buchhinweis) besonders häufig. Bei der Interviewform fällt der hohe Anteil an Problemlösungsvorschlägen auf, das inhaltliche Merkmal einer konkreten Orientierungsleistung für das praktische Leben trat in angefietscherten Berichten besonders häufig auf. In keinem der wenigen und insgesamt wenig nutzwertigen Kommentare wurde eine Warnung ausgesprochen. Diese Auswertung soll exemplarisch deutlich machen, dass einerseits eine inhaltsanalytische Auswertung der nutzwertjournalistischen Funktionsmerkmale auch bezogen auf die Darstellungsformen differenzierte Ergebnisse erbringen kann. Andererseits wird die schon dargestellte Auffassung gestützt, dass Nutzwert mit verschiedenen Darstellungsformen angeboten werden kann.

 
Tabelle 7: Inhaltsanalytisch gemessener Nutzwert von Beiträgen mit verschiedenen Darstellungsformen
Untersucht wurden Ratgeberseiten regionaler Tageszeitungen. Für jedes eindeutig vorhandene Merkmal* Anleitung, Anweisung, Problemlösung, Warnung, weiterführender Hinweis, unmittelbare Orientierung für das praktische Leben oder sonstige Ratgebung erhielt ein Beitrag 1,0 Nutzwertpunkte, maximal somit 6,0 Punkte; durchschnittlich enthielt ein Betrag 1,2 Nutzwertpunkte. Der Nutzwert-Index wird gebildet aus dem Durchschnitt aller summierten Nutzwertpunkte pro Beitrag.
DarstellungsformAnzahl untersuchter Beiträgedurch­schnitt­licher Nutz­wert-Index
Nachricht36332,4 %1,0
Bericht, nicht angefietschert47942,7 %1,3
Bericht, angefietschert676,0 %1,6
Interview, Gespräch, Forum787,0 %1,8
Kommentar171,5 %0,6
Glosse10,1 %0,0
Reportage70,6 %1,0
Porträt10,1 %1,0
Feature80,7 %2,3
Editorial10,1 %1,0
Mischform sowie nicht eindeutig erkennbar1008,9 %1,4
Summe1.122100,0 % 
* In 98,3 Prozent der Fälle wurde das Merkmal eindeutig codiert.
n = 1.122 Beiträge; eigene Auswertung, eigene Darstellung; Datenerhebung und Codebuch vgl. Eickelkamp 2005b. [update:] Abweichung rundungsbedingt

 

Abbildung 4: Durchschnittlicher Nutzwert von Beiträgen verschiedener Darstellungsformen von Ratgeberseiten in Regionalzeitungen und Anteile verschiedener nutzwertjournalistischer Merkmale darin
Für jedes eindeutig vorhandene Merkmal Anleitung, Anweisung, Problemlösung, Warnung, weiterführender Hinweis, unmittelbare Orientierung für das praktische Leben oder sonstige Ratgebung erhielt ein Beitrag 1,0 Nutzwertpunkte, maximal somit 6,0 Punkte.
Anzahl der Fälle: siehe Tabelle 7; eigene Auswertung, eigene Darstellung; Datenerhebung und Codebuch vgl. Eickelkamp 2005b

Bei der sprachlichen Qualität kommt es nicht auf gelungene Formulierungen oder kunstvolle Satzkonstruktionen an (Wolff, V. 2006: 252; Fasel 2004: 124ff.), sondern auf eine hochverständliche Vermittlung ohne Schnörkel. Die direkte Ansprache des Publikums, im klassischen Informationsjournalismus als boulevardesk verpönt, kann im Nutzwertjournalismus angebracht sein, denn sie erhöht die Verständlichkeit des Vermittelten und das Bewusstsein dafür, dass auch die Leser betroffen sein können. In traditionellen, referierenden Formen wird kein direkter Bezug zum Rezipienten hergestellt; bezieht sich das Berichtete auf Themen, in denen der Rezipient als Teil der Gesellschaft oder einer Betroffenenfraktion berührt ist, wird dies in der Regel nicht deutlich gemacht. Der Rezipient muss bei einem anonymisierten oder generalisierten Rückbezug wie ›die Steuerzahler‹, ›die Beitragszahler‹, ›die Einwohner von…‹, ›die Autofahrer‹ etc. selbst den Zusammenhang herstellen. Boulevardmedien machen die Betroffenheit zuweilen generell deutlich, um eine Nähe zum Publikum zu erzeugen, indem sie schreiben: ›wir Steuerzahler‹ oder »Wir sind Papst«,124 nicht jedoch bei Formulierungen wie ›ganz Deutschland (trauert um…)‹.

Neben der Frage der Textgestaltung haben sich im Nutzwertjournalismus verschiedene Muster entwickelt, die von der Themenwahl über die Anordnung und Organisation der journalistischen Angebote bis zu den Präsentationsformen den jeweiligen Rollen der Rezipienten angepasst sind. Ein modularer Textaufbau und der Gebrauch von Gestaltungselementen wie Tabellen und Informationsgrafiken unterstützen die Strategie, Informationen so aufzubereiten, dass sie der Entscheidungsfindung der Rezipienten dienen können (Spachmann 2005: 163). Informationsgrafiken (Infografiken, Bildgrafiken) erregen einerseits die Aufmerksamkeit des Lesers, was Fotos ebenfalls leisten, sie vermitteln andererseits zudem quantitative Informationen und stellen Zusammenhänge verständlich dar (Heinrich 1991b: 223). Die Zeitschrift Focus bietet seit jeher modulare Formen (›Häppchen‹) mit kurzen, klar formulierten Sätzen an. Auch auf den inhaltlichen Nutzwert der präsentierten Information will die Zeitschrift ausdrücklich hinweisen (Stockmann 1999: 20ff.).

Darstellungsform, Sprache, Bebilderung, Layout und Heftdramaturgie – die gesamte Präsentation nutzwertjournalistischer Themen spielt im Rezeptionsvorgang und inwieweit der Leser ihn beginnt und fortsetzt eine Rolle. Anhand der Präsentationsformen von drei Zeitschriften wird im Folgenden der jeweils ganz unterschiedliche Einsatz von Nutzwert näher betrachtet.125 Als ein »Magazin für Körper, Geist und Seele« präsentiert sich Stern Gesund Leben. Die gut 124 redaktionellen Seiten126 sind thematisch unterteilt in die Bereiche ›Medizin und Sexualität‹, ›Fitness, Ernährung, Seele‹ sowie ›Entspannung und Reise‹. Auf den ersten 30 Seiten finden sich die Titelthemen, zudem gibt es die magazinüblichen Rubriken wie Briefe und eine Kolumne. Das Layout verwendet großformatige, teilweise freigestellte Fotos, Infografiken, farbige Zwischenüberschriften und Symbolbilder, außerdem wird Weißraum als Gestaltungselement eingesetzt. Ein Teil der Grundschrift ist in einer zusätzlichen Farbe hervorgehoben. Die Redaktion setzt ein breites Spektrum journalistischer Darstellungsformen ein – von Nachricht und Bericht über Interview, Magazingeschichte, Reportage, Porträt und Erlebnisbericht bis hin zur Kolumne –, wie es für Zeitschriften durchaus typisch ist. Diese werden fast immer ergänzt durch Zusatzinformationen in Infokästen (Erklärtexte und Hintergrund, Fragen und Antworten, Kurzrezepte, Zusammenfassungen), kommentierende Kurzformen (›kritische Bewertung‹, Hinweise in Fußnoten, etwa dass einzelne Behandlungsmethoden wissenschaftlich umstritten sind) und weiterführenden Hinweise (Adressen, Buchtipps). Während die Tabelle als Möglichkeit, Informationen hochkomprimiert zu vermitteln, wegen ihrer geringen optischen Attraktivität selten zum Einsatz kommt, ist die nummerierte Aufzählung eine häufige Form innerhalb der Berichterstattung (Gebote, Regeln, Fragen und Antworten, Hintergrund). Diese ist jedoch nicht im Sinne einer in aufeinanderfolgenden Schritten umzusetzenden Anleitung zu verstehen. Im Übrigen erschließt sich dem Leser oft nicht, aus welchem Grund die Redaktion die Textabschnitte beziffert hat. Die nutzwertjournalistische Haltung, die im Blattkonzept an zahlreichen Stellen aufscheint, ist erkennbar an Begriffen wie: ›Erste Hilfe‹, ›Gebrauchsanweisung‹, ›Sprechstunde‹, ›Ratgeber‹, ›Service‹, ›Aufgepasst‹ (als Warnhinweis). Die sprachliche Umsetzung der an den Leser adressierten Texte ist überwiegend unpersönlich, nur selten verwendet die Zeitschrift die direkte Ansprache.

Die Zeitschrift Computerbild verfolgt dagegen seit ihrer Gründung 1996 die Strategie, den Leser direkt im Imperativ anzusprechen (Hüskis 1997: 27). Nummerierte Absätze werden in Handlungsanleitungen genutzt, um zeitlich nacheinander liegende Schritte zu kennzeichnen. Die Redaktion testet jährlich weit mehr als 1.000 Produkte und Dienstleistungen und stellt die Testergebnisse in großer Detailfülle in zahlreichen, umfassenden Tabellen dar (vgl. Eickelkamp 2004b). Sie verzichtet auf magazintypische journalistische Darstellungsformen wie Reportage, Essay, Porträt oder eine Fotostrecke. Selbst die Aufmacherfotos werden selten freigestellt und sind selten größer als eine drittel Seite, Weißraum fehlt als Gestaltungsmittel ganz. Kleine und kleinste Fotos von Bildschirminhalten (bei Programmen) oder Geräten zeigen dem Leser jeden (Teil-)Schritt einer Anleitung. Durch das Heft ziehen sich Spalten, in denen die vorkommenden Fachbegriffe erklärt werden, sowie ›Artikel-Wegweiser‹: Das sind kleine Inhaltsverzeichnisse für die folgenden Seiten. Neben Handlungsanleitungen und erläuterten Testtabellen stellen Marktübersichten in Tabellenform und Kaufberatungen den dritten Kerntyp nutzwertjournalistischer Präsentationsformen der Zeitschrift Computerbild dar. Seltener eingesetzte Mittel sind Entscheidungsbäume und Checklisten. Weiterführende Hinweise (Adressen, Telefonnummern) für jede Art von Information sind für Computerbild-Redakteure Pflicht.

Das dritte Beispiel ist die monatlich, im Pocketformat erscheinende Zeitschrift Automonat.127 Die erste Ausgabe kam Ende Januar 2006 mit einer Druckauflage von 640.000 Heften (Verlagsangabe) auf den Markt. Der Aufbau ist einfach, das Layout schmucklos (Ausgabe 2/2006): Zunächst stellt die Redaktion auf 28 Seiten Neuheiten vor, indem ein von Detailfotos ergänztes Bild des jeweiligen Automodells von einem kurzen Fließtext und einem Infokasten ›Auf einen Blick‹ umgeben ist. Es folgen 48 redaktionelle Seiten mit Kaufberatung und Praxistests verschiedener Autotypen. Kernstück des Magazins ist der 218 Seiten umfassende Katalog vorgeblich aller auf dem deutschen Markt als Neuwagen verfügbarer Modelle. Neben einem Foto und einem etwa achtzeiligen Beschreibungstext liefert die Redaktion eine Tabelle mit den Daten der Modellversionen und nennt Serien- und Extraausstattung nach Werksangaben. Wie im Nutzwertjournalismus üblich, nimmt die Redaktion eine Bewertung der Herstellerangebote in Form einer Plus- und Minusliste vor und bezieht damit einen Standpunkt. Den Abschluss des Heftes bildet eine Gebrauchtwagenübersicht auf 50 Seiten, die in einer nahezu endlosen Tabelle die Einkaufspreise professioneller Händler aufführt. Das Magazin ist durchzogen von kleinen Informationstabellen, Bewertungen in Gestalt eingängiger Skalen, zusammenfassenden Empfehlungen, tabellarischen Übersichten, kleinen Lexika und enthält einige weiterführende Internetadressen. Der Leser wird nicht direkt angesprochen.

Anhand dieser drei Beispiele lassen sich bereits wesentliche Präsentationsformen identifizieren, die in Publikumszeitschriften mit nutzwertjournalistischem Anspruch auf der Produktionsseite bzw. für die praktisch-unterstützende Erfüllung von Erwartungen auf der Rezipientenseite sinnvoll sind und die sich bewährt haben. Zusammengefasst und ergänzt sind dies:

  • eine detaillierte Tabelle mit den Ergebnissen vergleichender Waren- oder Dienstleistungstests; sie sollte Testbedingungen und Bewertungskriterien benennen, um dem Leser das Verständnis für das Zustandekommen von Beurteilungen zu erleichtern, und ein Preisurteil der Redaktion enthalten (Preis/Testurteil- bzw. ›Preis/ Leistungs‹-Verhältnis). Der Einsatz von Farbe (etwa Grün für gut/preisgünstig, Rot für schlecht/teuer) und eingängigen Symbolen (Plus/Minus) erhöht die Verständlichkeit;
  • der Einzeltest kann genauso ausführlich wie der vergleichende Warentest durchgeführt werden; häufig ist die Ergebnisdarstellung jedoch auf wesentliche Punkte verkürzt;
  • Marktübersicht: ihre Akzeptanz und Glaubwürdigkeit wird erhöht, wenn die Redaktion dem Leser die wesentlichen Kriterien der Datenerhebung und ihre Relevanz transparent macht (Auswahl, Quellen, Marktabdeckung);
  • die Kaufberatung ist eine Empfehlungsleistung der Redaktion auf der Grundlage vergleichender Waren- und Dienstleistungstests und Marktübersichten;
  • Schritt-für-Schritt-Anleitungen sind Handlungs- und Bedienungsanleitungen, bei denen die Reihenfolge der Schritte zu beachten ist; es ist dabei zweckmäßig, die einzelnen Schritte durchzunummerieren und den Leser direkt anzusprechen; auch Workshop oder praktische Anleitung genannt (Pipper 2008: 71);
  • Fragen und Antworten können als Reaktion auf Leserbriefe gestaltet sein (Leser fragen, Experten antworten; Dr.-Sommer-Team) und symbolisieren die tatsächliche oder gewollte Nähe zum Rezipienten;
  • Regeln und Gebote enthalten einen stark imperativen Charakter; es steigert ihre Akzeptanz beim Leser, wenn sie im Beitrag hergeleitet und belegt sind oder aus einer glaubwürdigen Quelle stammen;
  • mit weiterführenden Hinweisen nennt die Redaktion dem Leser Post-/E-Mail-/Internet-Adressen, Telefonnummern etc. von beteiligten Akteuren, externen Auskunftsstellen oder Experten, mit denen er sich selbstständig weiter informieren kann; da das Recherchieren dieser Angaben einen nennenswerten Aufwand bedeutet, entlastet die Redaktion den Leser von dieser Aufgabe;
  • der Testbericht ist die zentrale Darstellungsform von Technik- oder Testmagazinen (Pipper 2008: 68);
  • weitere Formen sind Lexikon oder Glossar, Entscheidungsbaum, Pro und Contra sowie zusammenfassende Gegenüberstellung von Plus- und Minuspunkten, Formen, in denen die Redaktion eine Ombudsrolle einnimmt (›Bild hilft‹, Wie bitte?! auf RTL), Checkliste, Tipps & Tricks (Kurzhinweis, -orientierung), Ranking und der Praxisbericht.

Für die Vermittlungsleistung von Publikumszeitschriften bedeutet der Einsatz dieser Präsentationsformen, dass die Redaktion innerhalb eines Beitrags oder einer Strecke (sich über mehrere Seiten spannende, thematisch zusammengehörige Beiträge) Informationen flexibel und mit unterschiedlicher Dichte einsetzen kann. Sie ist damit in der Lage, sowohl inhaltlich als auch optisch Schwerpunkte zu setzen und den Leser zu leiten. Der Rezipient hat über die verschiedenen Elemente auf mehrere Arten die Möglichkeit, in das Thema einzusteigen – mit Blick auf eine heterogene Leserschaft bedeutet dies, dass beim Durchblättern auch jene Leser für den behandelten Gegenstand interessiert werden können, die mit der Überschrift oder dem Aufmacherbild nicht erreicht werden.

Die hier vorgestellten Darstellungs- und Präsentationsformen belegen die große Vielfalt im empirischen Journalismus. Für diese eine theoretisch begründete Systematik zu erstellen und diese auch auf der Rezeptionsseite zu überprüfen, stellt ein Desiderat der Forschung dar.


124 Bild-Zeitung vom 20.04.2005 nach der Wahl des Deutschen Joseph Kardinal Ratzinger zum Papst Benedikt XVI. Das Sprachspiel wurde vielfach kopiert (»Du bist Deutschland«, Werbeslogan; »Wir sind Oscar« zur Filmpreisverleihung; Ich kann Kanzler!, ZDF-Talentshow März 2009). Fraglich ist, inwiefern dabei noch die Provokation eine Rolle spielt oder die Schöpfungen schon Ausdruck einer bedauerlichen Simplifizierung der Sprache sind.

125 Teilweise bereits veröffentlicht in Haller/Eickelkamp (2007).

126 Betrachtet wird die Ausgabe 1/2006.

127 Inzwischen erscheint sie vierteljährlich als Sonderheft der Zeitschrift Auto Motor und Sport.