2.9 Zusammenfassung

Auf der Seite der Kommunikatoren existiert ausgehend von der Nützlichkeitsintention ein Rollenverständnis, das den Nutzwertjournalismus in verschiedenen Facetten prägt. In diesem Kapitel wurden das Selbstbildnis der Journalisten im Kontext unterschiedlicher Journalismuskulturen und die soziale und institutionelle Einbindung der Akteursgruppen in das neu entstandene Berufsfeld Nutzwertjournalismus beleuchtet. Werden die Journalisten in Deutschland nach der künftigen Entwicklung befragt, geben diese an, aus Sicht der Rezipienten werde künftig die Nachfrage nach Lebenshilfe und Ratgeber- bzw. Serviceleistungen zunehmen. In der Einschätzung des eigenen Rollenverständnisses von Journalisten stieg in den vergangenen Jahren die Zustimmung zu den Antwortmöglichkeiten »Lebenshilfe für das Publikum bieten, also als Ratgeber dienen« und »Service und Unterhaltung« um ein Fünftel an. Insgesamt sprechen Journalisten der Helfer- und Beraterfunktion ein geringes Gewicht zu, da die Kritikfunktion (»Kritiker an Missständen«, »Wächter der Demokratie«), die Informationsfunktion (»neutraler Berichterstatter«, »Vermittler neuer Ideen«, »der, der die Bevölkerung über ihre Rechte und Ansprüche informiert«), aber auch die Unterhaltungs- und anwaltschaftliche Rolle im Vergleich häufiger als eigenes journalistisches Aufgabenverständnis genannt werden.

Neben der Nützlichkeitsintention bei den Kommunikatoren und ihrem Verständnis für die nötige ausgeprägte Resistenz gegen dysfunktionale PR- und Lobbying-Einflüsse vertreten Nutzwertjournalisten in ihren Beiträgen typischerweise einen begründeten Standpunkt, was der aus dem angloamerikanischen Raum übernommenen, strikten Trennung von Nachricht und Meinung widerspricht. Vergleichsweise umfangreiche und tiefe Recherchen, die besondere Beachtung der journalistischen Sorgfaltspflicht und die Absicht, eine hohe Verständlichkeit der journalistischen Angebote beim Rezipienten zu erreichen, kennzeichnen die journalistische Grundhaltung des Nutzwertjournalismus.

Dabei müssen Journalisten die Bedürfnisse der Menschen in der Massenkommunikation sehr genau kennen und sich mit ihnen auseinandersetzen. Dazu muss sich die Redaktion über die Leser sehr detailliert auf dem Laufenden halten. Verbraucherredakteure und -ressorts organisieren ihre Arbeit entlang den ökonomischen Handlungsrollen der Leser. Zudem schöpfen viele Journalisten in ihrer Berichterstattung auch aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz und dem persönlichen Umfeld. Zusätzlich suchen Journalisten mit Rechercheanzeigen Menschen, die über ihre Erfahrungen in bestimmten Lebenslagen berichten wollen.

Da ein Teil der Themen den Rezipienten in seiner Rolle als Wirtschaftssubjekt und Steuerzahler betrifft, steht der Wirtschaftsjournalismus in einer besonderen Beziehung zum Nutzwertjournalismus. Wirtschaftsthemen, darunter Finanzthemen, können im journalistischen Angebot so aufbereitet und dargestellt werden, dass wesentliche nutzwertjournalistische Funktionen erfüllt werden. Dabei wird in der handlungspraktischen Ausprägung eines umsetzungsorientierten Wirtschaftsjournalismus ›Nutzwert‹ häufig als ein Attribut aufgefasst, das bei einer ratgebenden oder empfehlenden Berichterstattung einen meist geldwerten Vorteil des Rezipienten in einer ökonomischen Standardrolle postuliert.

Als Technikjournalist wird eine Berufsfeldbeschreibung jüngeren Datums bezeichnet, die sich hauptsächlich über die Thematisierungsleistung definiert. Bei Technikjournalisten sind in der professionellen Praxis vielfältige Anknüpfungspunkte zum Nutzwertjournalismus identifizierbar; im Technikjournalismus treten nutzwertige Formen und eine entsprechende Haltung dem Publikum gegenüber auf.

Wie an der institutionell-strukturellen Differenzierung von Tageszeitungen ablesbar ist, haben sich inzwischen Ratgeberthemen insgesamt in diversen Ressorts als ständiger Teil des redaktionellen Angebots etabliert. Doch behandeln Tageszeitungen nutzwertjournalistische Inhalte weder einheitlich in einem eigenen Ressort, noch werden sie grundsätzlich von Redakteuren bearbeitet, die ausschließlich für nutzwertjournalistische Themen zuständig sind.

In einigen Zeitungen haben sich Output-orientierte Ressorts gebildet, die von anderen Ressorts unabhängig arbeiten, so etwa für die Themengebiete Reise, Auto, Wochenende oder die Leserschaft Jugend. In vielen Fällen bündeln Zeitungsredaktionen verschiedene Sparten in einem Ressort, das mit ›Sonderseiten‹, ›Beilagen‹, ›Wochenend-Beilage‹ oder ›Service‹ überschrieben ist. Neue Ressorts zu gründen, scheint für Tageszeitungen somit ein probates Mittel zu sein, um Querschnittsthemen und neue, gesellschaftlich relevante Bereiche besser redaktionell zu verankern und so sicherzustellen, dass Entscheidungen für bestimmte Themen nicht lediglich auf Zufällen beruhen (›Berichterstattungsbeliebigkeit‹).

Während Klaus Meier einschätzt, dass die neuen Sparten, die den Leserwünschen nach Rat, Service und Unterhaltung folgen, nicht der kritischen Beobachtung der Gesellschaft dienen und nicht unbedingt das Wahrnehmungsspektrum erweitern, kann die Position vertreten werden, dass Nutzwertjournalismus auch auf Probleme hinweist, die es zu lösen gilt. Außerdem wird mit der Behandlung von Themen, die die Medien zuvor nicht behandelt haben, das Wahrnehmungsspektrum des Einzelnen und der Gesellschaft durchaus erweitert. Und schließlich erfolgt eine indirekte, kritische Beobachtung der Gesellschaft, indem der individuelle Leser als Teil des Kollektivs für kritische Themen sensibilisiert wird. Für eine abschließende Beurteilung der Leistungsfähigkeit der Ressorttheorie von Klaus Meier zur Erklärung nutzwertjournalistisch-spezifischer Ressortbildung sollte diese in künftigen Studien stärker in die Betrachtung einbezogen werden.

Was die Berufsausbildung von Nutzwertjournalisten angeht, muss konstatiert werden, dass in sich geschlossene, unabhängige Bildungsangebote mit einer klaren Abgrenzung zum Kommunikationsbereich der Public Relations bislang nicht existierten. Viele Weiterbildungsangebote sind teilweise geprägt von fremden Interessen und von einer fehlenden Trennung zwischen Journalismus und PR, die als öffentliche Kommunikationsformen unterschiedliche Funktionen für die Gesellschaft ausüben.