2.8 Folgerungen für die Aus- und Weiterbildung

An Nutzwertjournalisten werden hohe handwerkliche und moralische Anforderungen gestellt, doch fehlt oftmals eine grundständige Ausbildung dafür. In die Lücke bei den Ausbildungsangeboten für den Nutzwertjournalismus stoßen zudem Konzerne wie zum Beispiel das Finanzunternehmen MLP AG, die gezielt Angebote im Bereich der Weiterbildung für Nutzwert- und Finanzjournalisten machen. Mit Weiterbildungsveranstaltungen für Journalisten können einerseits Kompetenzen vermittelt werden, andererseits erzeugen die Unternehmen damit eine Nähe zu sich, zumal wenn Veranstaltung und Rahmenprogramm für die Journalisten kostenlos sind. So richtete MLP im Juli 2005 etwa ein Pressekolloquium für Journalisten von Hochschulzeitschriften aus, das unter anderem »Nutzwertjournalismus und Hochschulausbildung« zum Thema hatte. Referent war Berndt Schramka, damaliger Leiter des Berliner Büros des Instituts für Verbraucherjournalismus an der Fachhochschule Calw. Der Verlag Rommerskirchen, der die Zeitschrift Journalist als Publikation des Deutschen Journalisten-Verbandes verlegt, veranstaltet gemeinsam mit verschiedenen Unternehmen zahlreiche Seminare, auf denen beispielsweise MLP auf eigene Kosten in mehrtätigen Workshops Wirtschaftsjournalisten über Themen wie die private Altersvorsorge informiert. Der Verlag regelt lediglich die Organisation der Einladungen, die inhaltliche Aufsicht obliegt dem Unternehmen.93

Weniger direkt können Unternehmen an Weiterbildungsveranstaltungen beteiligt sein, wenn sie das Sponsoring übernehmen. Seit 1997 findet am Journalistischen Seminar der Universität Mainz die ›Sommerakademie Verbraucherjournalismus‹ für bis zu 40 Journalisten verschiedener Mediengattungen statt. Sponsor ist die Direktbank Ing-Diba, bei deren Pressesprecher sich die Teilnehmer bewerben müssen. 2007 fand mit der ›Sommerakademie Servicejournalismus‹ in Wien erstmalig eine ähnliche Veranstaltung in Zusammenarbeit mit dem Kuratorium für Journalistenausbildung Salzburg statt, ebenfalls gefördert von der Ing-Diba. Ein weiterer Anbieter regelmäßiger Weiterbildungsseminare ist das Institut für Verbraucherjournalismus an der privaten, staatlich anerkannten SRH Hochschule Calw. Das Institut bietet seine Seminare gleichermaßen für Journalisten wie für Öffentlichkeitsarbeiter an. Es wurde am Anfang von der Direktbank Ing-Diba unterstützt, jetzige Förderer sind der Gothaer Versicherungskonzern und das Pharma-Unternehmen Weleda AG. Kosten von Seminaren über Finanzthemen übernehmen Sponsoren, die beispielsweise aus der Finanzwirtschaft kommen.94 Institutsdirektor Christoph Fasel, der die Zahlungen als Drittmittel bezeichnet, äußert dazu, die Drittmittelgeber hätten keinen Anteil an den Inhalten, die in den Seminaren vermittelt werden (Klostermeier 2008). Das Einwerben von Drittmitteln ist durch die im Grundgesetz verankerte Forschungsfreiheit gedeckt, eine ungleiche Verhandlungsstärke beim Abschluss von Verträgen kann Wissenschaftler jedoch in eine unzulässige Abhängigkeit von Drittmittelgebern bringen (Wissenschaftsrat 2007: 178). Derzeit entstehen neue, moralisch nicht unbedenkliche, wechselseitige Abhängigkeiten zwischen Wissenschaft und Wirtschaft (ebd.: 13).

Der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV), die Stiftung Warentest, der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB), das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) und die Berliner Journalisten-Schule bieten seit 2004 mit ›Praxis hoch vier‹ ein inzwischen 18-monatiges Weiterbildungsprogramm (›Volontariat‹) für angehende Wirtschafts- und Verbraucherjournalisten an. Acht Nachwuchsjournalisten können sich dabei jeweils drei Monate in einer journalistischen Praxisstation (Test/Finanztest, Der Tagesspiegel, RBB, ZDF-Wiso) sowie im PR-Bereich (VZBV, Deutscher Mieterbund) weiterbilden. Somit nimmt auch diese berufliche Bildungsveranstaltung keine Trennung der Berufsfelder Journalismus und Public Relations vor.

In der akademischen Bildung wird ebenfalls nicht grundsätzlich zwischen Journalismus und PR unterschieden. Von der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg wird im Studiengang ›Technikjournalismus/PR‹ laut Prüfungsordnung95 der akademische Grad Bachelor of Science in Technikjournalismus/PR als ›berufsqualifizierender Abschluss‹ verliehen. Im Fachbuch Technikjournalismus, herausgegeben von Andreas Schümchen96 und dem Deutschen Fachjournalisten-Verband (DFJV), widmen sich gut 60 Seiten der ›Technik-PR‹. Die Fachhochschule Calw bietet im Fachbereich II Medien- und Kommunikationsmanagement in Zusammenarbeit mit dem eigenen An-Institut für Verbraucherjournalismus seit Herbst 2007 den Studiengang ›Verbraucher- und Wirtschaftsjournalismus‹ an, der eine Vertiefungsrichtung des Masterstudiengangs ›Medien- und Kommunikationsmanagement in Unternehmen‹ darstellt. Hier geschieht die Vermischung also nicht von Seiten der PR in den Journalismus hinein, sondern umgekehrt. Das Studium soll »zu einer Qualifizierung auf dem Gebiet professioneller journalistischer Vermittlung von Verbraucher- und Wirtschaftsfragen« führen; dafür sind sieben der insgesamt rund 65 Semesterwochenstunden vorgesehen.97 Im Dezember 2008 waren drei Master-Studierende in dieser Vertiefungsrichtung immatrikuliert.98 In der universitären Journalistenausbildung sind Veranstaltungen mit dem Schwerpunkt Nutzwertjournalismus nur vereinzelt zu finden.99

Als ernüchterndes Fazit für die Aus- und Weiterbildungssituation mit dem Schwerpunkt Nutzwertjournalismus muss konstatiert werden, dass sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart in sich geschlossene, unabhängige Bildungsangebote mit einer klaren Abgrenzung zum Kommunikationsbereich der Public Relations grosso modo weder existierten und auch heute nicht existieren. Bestehende Ausbildungsangebote vermischen PR mit Journalismus, Weiterbildungsangebote werden von interessierten Finanz- und Industrieunternehmen mitfinanziert. Die große Nachfrage nach nutzwertjournalistischen Angeboten und der Bedarf an der damit einhergehenden Leistung für die Gesellschaft machen eine weitere Etablierung und Professionalisierung des Berufsfeldes erforderlich. Dazu müssen Ausbildungswege geschaffen werden, die den künftigen Journalisten die dafür benötigten spezifischen Qualifikationen vermitteln und sie ebenfalls für die dysfunktionalen Einflussgrößen sensibilisieren.


93 Der Verfasser hat 2008 als Referent an einem derartigen MLP-Workshop teilgenommen. Im Vorfeld erbat der MLP-Pressesprecher Einsicht in die Referatsunterlagen und meldete sich daraufhin schriftlich: »Zum anderen nennen Sie ab Seite 20 die Recherchequellen. Bitte haben Sie nicht den Eindruck, dass ich inhaltlich in Ihren Vortrag eingreifen möchte. Aber erlauben Sie mir den Hinweis, dass es uns als Veranstalter natürlich wichtig ist, uns gegenüber den Teilnehmern als eine mögliche Anlaufstelle zu empfehlen. Dies bitte ich Sie, in Ihrem Vortrag nicht zu konterkarieren« (persönliche E-Mail der MLP AG vom 03.04.2008 an den Verfasser).

94 Beispiele für solche Seminare sind: 10.07.2007, Thema: »Altersvorsorgethemen für Verbraucherjournalisten«, Geldgeber: Gothaer Versicherung; 22.10.2008, Thema: »Der Finanz-Krisen-Check für Verbraucher: Welche Anlage ist jetzt noch wirklich sicher?«, Geldgeber: Karstadt-Quelle-Versicherungen; 02.12.2008, Thema: »Die neue Altersvorsorge mit Wohn-Riester: Was Ihre Leser jetzt wissen wollen!«, Geldgeber: Karstadt-Quelle-Versicherungen.

95 Prüfungsordnung (BPO) für den Bachelor of Science (B. Sc.) im Studiengang Technikjournalismus/PR am Standort Sankt Augustin an der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg vom 28.07.2007.

96 Prof. Dr. Andreas Schümchen lehrt seit 2000 an der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg.

97 Fachbereich II Medien und Kommunikationsmanagement, Modulhandbuch Master-Studiengang Medien- und Kommunikationsmanagement in Unternehmen, 27.08.2008.

98 Persönliche E-Mail der Fachhochschule vom 09.12.2008 an den Verfasser.

99 So hat der Verfasser als Lehrbeauftragter von 2003 bis 2010 einzelne Seminare an der Universität Leipzig angeboten, sowie 2007 und 2008 an der Universität Hamburg.