2.7 Die journalistische Haltung im Nutzwertjournalismus

Der Nutzwertjournalismus steht nicht nur für einen journalistischen Teilbereich mit spezifischen Kommunikationsabsichten und Präsentationsformen, sondern er kann auch als eine journalistische Grundhaltung aufgefasst werden (Zimmer 1996: 42). Der Journalist müsse sich bei jedem Thema fragen: Wie kann ich dieses zum Nutzen des Lesers erweitern und aufbereiten? Wie kann ich neben Information und Unterhaltung Nutzen, Lebenshilfe, Orientierung und besseres Verständnis vermitteln? Um die journalistische Haltung im Nutzwertjournalismus zu erfassen, sollen hier kursorisch sechs Charakteristika benannt werden, die zwar grundsätzlich in der gesamten journalistischen Praxis relevant sind, die jedoch für einen erfolgreichen Nutzwertjournalismus besonders intensiv berücksichtigt werden müssen. Die Charakteristika sind

  1. die Nützlichkeitsintention,
  2. einen Standpunkt zu vertreten,
  3. besonders tief zu recherchieren,
  4. die besondere Beachtung der journalistischen Sorgfaltspflicht,
  5. eine hohe Verständlichkeit sowie
  6. eine ausgeprägte PR-Resistenz.

Auf die Nützlichkeitsintention als Kernkriterium des Nutzwertjournalismus wird an vielen weiteren Stellen der Arbeit verwiesen, sodass sich eine Besprechung an dieser Stelle erübrigt. Im Nutzwertjournalismus beziehen die Journalisten oder stellvertretend für sie die Publikationen immer dann einen Standpunkt, wenn sie Empfehlungen aussprechen, Ratschläge geben, eine bestimmte von vielen möglichen Anleitungen geben oder den Rezipienten zu etwas Spezifischem auffordern. Diese kommunikativen Funktionen sind das Ergebnis eines oft mehrstufigen Selektions-, Bewertungs- und Abwägungsprozesses auf der Kommunikatorseite. Die Grundgedanken, die Dewey (1910/1951: 107ff.) für die allgemeine Urteilsbildung und mit Hinweis auf juristische Verfahren anspricht, gelten ebenso für die entsprechenden Verfahren (inkl. Warentests) im Nutzwertjournalismus. Gemeinsam ist ihnen, dass dem Urteil Unsicherheit vorausgeht, dass die Urteilenden wie Schiedsrichter oder Richter Tatsachen bestimmen müssen, die für den Fall besonders wichtig sind, und dass sie bedeutsame und geeignete Bestandteile oder Aspekte der Situation oder Beweise auswählen müssen. Um eine Entscheidung treffen zu können, sind ferner die passenden Grundsätze auszuwählen. Mit einer Entscheidung oder einer Aussage kommt der Beurteilungsprozess zum Abschluss. Das Urteil ist so lange gültig, wie die Sachverhalte und Umstände unverändert sind. Im Rechtssystem gelten Urteile häufig als Regel oder eine Methode, um ähnliche Fälle in Zukunft zu entscheiden. Bei Warentests sind Urteile für alle gleichartig hergestellten Produkte oder angebotenen Dienstleistungen gültig, wenn die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen annähernd unverändert bleiben. Gesamturteile in Warentests setzen sich häufig – wie in der Betriebswirtschaftslehre bei der Nutzenanalyse (vgl. Eickelkamp 2004b: 211) – aus Zwischen- oder Teilurteilen zusammen. Die Einordnung und die Bewertung, die der Journalist explizit durch Urteile und Noten oder implizit durch eine von ihm ausgesprochene Empfehlung abgibt, trifft er häufig aus einer Expertenposition heraus. Nutzwertjournalistische Beiträge enthalten mit Wertungen und auch Kritik somit Meinung und übernehmen teilweise Funktionen des Räsonnements (Groth 1961: 330). Die strikte Trennung von Nachricht und Meinung – nach dem Missbrauch der Presse als Propagandainstrument im Nationalsozialismus aus dem angloamerikanischen Raum übernommen – lässt sich somit beim Nutzwertjournalismus nicht sinnvoll aufrechterhalten. Schon die ›nützlichen‹ Publikationen des 17. und 18. Jahrhunderts haben Standpunkte und Meinungen vertreten, um die Ziele der Aufklärung und Reformen zu erreichen und um Missstände zu beseitigen.

Aus mehreren Gründen werden im Nutzwertjournalismus besondere Anforderungen an die Tiefe und den Umfang der Recherche gestellt (vgl. Fasel 2004: 94ff.). Zum einen handelt es sich teilweise um äußerst komplexe Themen (z. B.: bestimmte Finanzprodukte, gesetzliche Bestimmungen), zum anderen werden hohe Anforderungen an die fachliche Kompetenz der Redakteure gestellt, etwa bei psychologischen oder medizinischen Themen. Ferner sind bei Orientierungsthemen sehr viel mehr Quellen heranzuziehen als bei anderen Themen; während im Informationsjournalismus häufig das Ansprechen von zwei bis fünf Quellen genügt, müssen bereits bei einer Marktübersicht mit 20 Produkten ebenso viele Hersteller sowie zusätzlich unabhängige Experten befragt werden (vgl. Wolff, V. 2006: 258). Zudem sollte der Journalist schon während der Recherche berücksichtigen, dass die gesuchten Informationen anders als im rein berichtenden Journalismus prospektiv eingesetzt werden. Für eine passgenaue Ausrichtung auf das anvisierte Publikum des späteren Beitrags sind weiter die spezifischen Charakteristika der Rezipienten zu beachten; diese sollen die Information als für ihr individuelles Leben angemessen empfinden. Um die Gefahr von PR-Einfluss zu verhindern, ist letztlich schon bei der Recherche besonders darauf zu achten, inwiefern Quellen unabhängig sind und sich Informationen durch Gegenrecherchen bestätigen oder widerlegen lassen. Neben der Qualität der Information ist stets die Qualität der Quelle selbst zu prüfen. Mit der umfangreichen Nutzung des Internets durch Journalisten, häufig verbunden mit einem einseitigen Gebrauch der Suchmaschine Google, verändert sich das Rechercheverhalten teilweise dahin, dass von vielen Recherche heutzutage als bloßes Kopieren und Zusammentragen (copy and paste) von Informationen verstanden wird. Die Zahl der Stimmen wächst, die auch im Technik- und im Nutzwertjournalismus vor einem Verlust der thematischen Kontrolle und der Verstehensleistung aufseiten der Journalisten warnen (Kötter 2008: 205).

Sorgfalt bei der Recherche, der Bearbeitung und Präsentation nutzwertjournalistischer Informationen, schon bei einfachen Termin- und Adressdaten, ist entscheidend für eine gelingende Kommunikation (BpB 1996a: 29; Haller 1996a: 9; Zimmer 1996: 42). Offensichtlich ist, dass Fehler bei jeder Art von Information, die praktisch umgesetzt wird, bedeutsamer sind als solche, die lediglich zu einem unrichtigen Wissensstand führen, ohne dass diesem eine spätere Handlung folgt. Die praktische Umsetzung der Information kann in Form einer Kommunikationshandlung (z. B. bei Kenntnis falscher Tatsachen in einem Verkaufsgespräch) oder in Form realer Handlungen stattfinden (z. B. Kaufhandlung, Entscheidung in einer politischen Wahl, Umsetzen einer Bastelanleitung oder eines Kochrezepts, Anwenden einer Erziehungsmethode). In jedem Fall werden die Auswirkungen unrichtiger journalistischer Angaben oder Empfehlungen von den Rezipienten als umso unangenehmer empfunden, je enger der Bezug der Handlung zum persönlichen Selbst ist. Je nach individueller Priorität werden die Menschen einen finanziellen Schaden, Nachteile in der Lebensqualität, beim sozia-len Rang oder eine Schädigung ihrer Gesundheit als prekär empfinden. Ist ein Fehler bei Tipps und Ratschlägen für den Rezipienten deutlich erkennbar, trägt dieser eine Mitschuld an möglichen Schäden; dennoch sollten Publikationen auch offensichtliche Fehler vermeiden und generell bei Tipps und Ratschlägen eine besondere Sorgfalt walten lassen (Schmuck 1997: 34). Nicht nur dem Rezipienten gegenüber steht der Redakteur oder Autor in der Verantwortung; über falsch wiedergegebene, falsch interpretierte oder nicht berücksichtigte Informationen sind auch Informationsgeber wie etwa Produkthersteller verärgert (Pipper 2008: 69).

Immer wenn hochkomplexe Themen für ein Laienpublikum journalistisch umgesetzt werden, werden besondere Anforderungen an die Verständlichkeit gestellt. Zum einen müssen fachsprachliche, zum anderen modische Ausdrücke übersetzt werden. Da in der Warenwelt die Produkte zunehmend für den Weltmarkt hergestellt und übernational beworben werden, betreiben Hersteller selbst von Alltagsprodukten nur noch einen geringen Aufwand bei der Verwendung nationalsprachlicher Begriffe, zumal die Werbetreibenden gerade englische Ausdrücke etwa im technischen und im Lebensstilbereich als schick empfinden, beispielsweise Sale für ›Schlussverkauf‹, Flatrate für ›Pauschale‹, HD ready für ›bereit für hochauflösende Filme‹, powered by emotion für eine Werbe-Aussage (etwa: ›angetrieben von Gefühl‹), Mobile Services für ›Dienste für das Mobiltelefon/Handy‹, Stand-by für ›Bereitschaftsschaltung‹. Auch einige Publikationstitel dürften für einen Teil des Publikums unverständlich bleiben, etwa Vanity Fair (2007 - 2009, Condé Nast Verlag). In Bedienungsanleitungen werden einige fachsprachliche Ausdrücke zumeist aus dem Englischen gar nicht mehr ins Deutsche übersetzt.

Die Gefahr einer Einflussnahme durch interessengeleitete Institutionen, vor allem der Konsumindustrie, ist beim Nutzwertjournalismus besonders groß. Die Resistenz gegen PR-Interessen, das Bewahren der journalistischen Unabhängigkeit und eine Distanz zu Interessenvertretern sind daher eine oft erhobene Forderung gerade für nutzwertjournalistische Berichterstattung (vgl. statt vieler Mast 2008: 136; Wolff, V. 2006: 267f.; Fasel 2004: 55f.). Ausführlich werden diese besonderen Gefahren im Kapitel 4.3 behandelt.

Insgesamt verlangt die Kommunikationsbeziehung zwischen Nutzwertjournalisten und Rezipienten ein höheres Maß an Sensibilität als zum Beispiel in einer Nachrichtenredaktion. Nötig ist insbesondere eine »durchdachte Schreibhaltung« (Fasel 2004: 69, 72), da die behandelten Themen Leib, Seele und Wohlergehen der Rezipienten betreffen. Oberflächlichkeit, eine ›Infotainment-Flut‹, Einseitigkeit und Korruption, Desorientierung und Zynismus sowie Unverständlichkeit sind zu vermeiden (ebd.: 71f.).