2.6 Der Einsatz von Experten

Experten werden seit jeher im Nutzwertjournalismus eingesetzt, um das Fachwissen der Redaktion tatsächlich oder vermeintlich zu vermehren. Wenn die Redaktion auf den Expertenstatus des Informanten hinweist, direkt mit einem entsprechenden Ausdruck oder indirekt etwa mit akademischen Titeln, versucht sie damit, die Glaubwürdigkeit der Publikation und das Vertrauen beim Leser, Hörer oder Seher zu erhöhen. Experten können entweder von der Redaktion unabhängig sein,90 oder es erhalten Fachjournalisten innerhalb der Redaktion den Expertenstatus. In manchen Gebieten wie der Computer- und Informationstechnik fungieren Journalisten von Special-Interest-Publikationen als Experten für General-Interest-Medien. Damit wird deutlich, dass der Expertenstatus nicht eine per se existente Gegebenheit ist, sondern das Ergebnis einer Zuschreibung und gegebenenfalls Inszenierung (Nölleke 2009: 98f., 104), oder dass er als Rezeptionskategorie aufgefasst werden kann.

Experten haben in einem bestimmten Aufgabenbereich umfangreiche bereichsgebundene Kenntnisse und durch praktische Tätigkeit Fähigkeiten erworben, mit denen sie in diesem Bereich qualitativ gute Leistungen erbringen können (Mietzel 1998: 278). Experten und Nichtexperten unterscheiden sich nicht ausschließlich in ihrem Sachverstand voneinander; Experten gelangen in der Regel schneller und treffsicherer zu einem Ergebnis oder der Lösung eines Problems. Im Einzelnen zeichnet Experten aus:

  • Experten kennzeichnet umfangreiches deklaratives, prozeduales und konditionales Wissen in einem bestimmten Themengebiet.
  • Indem sie mit Schemata sinnvolle Informationseinheiten erkennen, können sie im Problembereich ihrer Spezialisierung sehr schnell relevante Gegebenheiten erkennen.
  • Bei der Verarbeitung und Bewertung eintreffender Informationen organisieren Experten diese im Kurzzeitgedächtnis schneller zu einer komplexen Einheit und halten sie länger vor als Novizen.
  • Einen Großteil der anwendbaren Methoden und heuristischen Lösungsverfahren haben Experten automatisiert, sodass viele grundlegende Gedankenprozesse sehr schnell ablaufen. Jedoch können sie sich dabei weniger schnell auf neue Situationen einstellen, die ihnen nicht zulänglich geläufig sind.
  • Experten verwenden mehr Zeit als Novizen darauf, die Ausgangslage und Gegebenheiten einer schwierigen Problemlage zu erfassen, wählen dann jedoch ein passendes Lösungsschema aus, sodass der Gesamtprozess schneller abläuft als bei Nichtexperten.
  • Experten und Novizen wählen unterschiedliche Lösungsstrategien aus.
  • Experten können ihre eigenen kognitiven Prozesse besser kontrollieren als Nichtexperten (ebd.: 277ff.).

Für Journalisten und Redaktionen sind Experten vor allem dann erforderlich, wenn es darum geht, vergleichende Waren- und Dienstleistungstests zu planen und auszuführen und deren Ergebnisse zu veröffentlichen (Wolff, V. 2006: 256). Das erfordern allein der von der Rechtsprechung geforderte Sachverstand sowie eine Vielzahl weiterer rechtlicher Bestimmungen (siehe Kapitel 4.2). Auch im Hinblick auf eine zur Zielleserschaft passende Berichterstattung ist die Zusammenarbeit mit (externen) Fachleuten sinnvoll (ebd.). Bei der Rekrutierung von Experten berücksichtigen Journalisten neben der Fachkompetenz eine Reihe weiterer Kriterien, die ihnen für die mediale Präsentation von Expertenwissen als relevant erscheinen, darunter etwa die sprachliche Kompetenz, ein attraktives Erscheinungsbild, die Erreichbarkeit und die Vorhersehbarkeit des Statements (Nölleke 2009: 107).

Die redaktionelle Erwähnung tatsächlicher oder vermeintlicher Experten kann auch die Grenze zur Schleichwerbung überschreiten. So veröffentlichte die Zeitschrift Umbauen & Modernisieren im Jahr 2007 unter der Überschrift »Richtig rügen« einen Beitrag, in dem ein Rechtsanwalt, von der Redaktion als »unser Experte« und »Ansprechpartner« bezeichnet, zum Thema Werkmängel Stellung nahm.91 Homepage-Adresse und Telefonnummer des Anwalts wurden angegeben sowie das Signet seiner Kanzlei gezeigt. Der Deutsche Presserat erkannte dabei ein Übertreten der Grenze zur Schleichwerbung, die Redaktion wurde deswegen und für weitere Fälle von Schleichwerbung in derselben Ausgabe öffentlich gerügt.92 Zu berücksichtigen ist ferner, dass Experten Träger von Macht in dem Sinne sein können, dass sie auf andere Personen Einfluss ausüben, um eigene Ziele zu erreichen. Expertenmacht steht neben anderen, von Führungspersonen ausgeübten Machttypen wie Belohnungs-, Bestrafungs-, legitimierter oder Identifikationsmacht (vgl. Kerschreiter et al. 2006: 623).


90 Im Fernsehen besteht neben der fachlichen Kompetenz der Experten häufig zusätzlich die Anforderung, dass diese telegen sind, somit über ein ansprechendes Äußeres verfügen und sich vor der Kamera medienadäquat ausdrücken können.

91 Artikel »Richtig rügen«, Umbauen & Modernisieren Nr. 9-10/2007, S. 43.

92 Entscheidung des Beschwerdeausschusses 2 in der Beschwerdesache BK2-194/07 vom 28.11.2008.