2.5 Ressortbildung

Im Wettbewerb der Medien um die Aufmerksamkeit der Rezipienten entsteht die Auffassung von einer medien­spezifischen Aufteilung zwischen dem Rundfunk, vor allem dem Fernsehen, sowie Zeitungen und Zeitschriften. Während das Fernsehen deutlich sichtbar als Unterhaltungs­medium hervortritt, nehmen Printmedien zunehmend Funktionen der Information wahr, indem sie Beratung und Sachinformation zur Verfügung stellen. Speziell Zeitschriften verfolgen den Auftrag, Nutzwert zu bieten und eine Ratgeberfunktion für den Alltag zu übernehmen (Wehrle/Busch 2002: 86).

Journalisten beobachten gesellschaftliche Teilsysteme wie Politik, Wirtschaft, Kultur oder Sport, aus denen sie Informationen aufnehmen, diese auf der Basis redaktioneller Programme und Regeln (Nachrichten­faktoren, Bereitstellungs­muster, Darstellungsformen) auswählen und verarbeiten und über die Medien an die Gesellschaft zurückgeben. Als Input können die Redaktion fünf Formen von Information erreichen:

  1. von Public Relations erzeugte Aussagen (wie Pressemitteilungen) oder Informationen, die bei PR-initiierten Ereignissen angeboten werden oder entstehen,
  2. von der Redaktion initiierte Recherche,
  3. direkte Programmzulieferung (von Audiodiensten),
  4. Rückgriff auf bereits vorhandene Information (Archiv) und
  5. Output anderer Medien (von sogenannten Leitmedien, aus Regio­nalmedien für überregionale Medien, aus dem Printbereich für elektronische Medien etc.; Donges/Jarren 1997: 199).

Ressorts lassen sich danach einteilen, ob sich die in ihnen arbeitenden Journalisten funktional vorwiegend über die Aufgabe des Beobachtens von Ereignissen und Verarbeitens von einlaufenden Informationen identifizieren und die Informationsfunktion für die Rezipienten in den Mittelpunkt stellen (Input-orientiert) oder ob sie sich auf die dienenden, servicebetonten Funktionen Unterhaltung und Beratung konzentrieren (Output-orientiert). Bei der Beratung werden spezielle Interessen eines Zielpublikums bedient und Informationen als Tipps, Ratschläge und Hinweise aufbereitet (Meier 2002b: 169). Am Beispiel von Rundfunk­veranstaltern unterscheiden Donges und Jarren (1997: 204) die Medien­unternehmen anhand ihres Öffentlichkeits­bezugs. Input-orientierte Sender sind auf eine umfassende Beobachtung ihrer Umwelt ausgerichtet (weiter Öffentlichkeits­bezug) und bieten die gewonnenen Informationen einem dispersen Publikum an. Dementsprechend halten sie für die Themenfelder bzw. gesellschaftlichen Subsysteme entsprechende redaktionelle Ressourcen bereit. Dagegen bestimmen Output-orientierte Sendehäuser – der gewünschten Zielgruppen ihrer Anzeigenkunden entsprechend – ein Zielpublikum, für das sie korrespondierende Teile der Umwelt beobachten oder im oben genannten Sinne Informationen liefern. Die redaktionelle Struktur und ihr Umfang richtet sich nach den derart bestimmten, weniger umfangreichen Erfordernissen (ebd.). Somit kann die Rezipienten­orientierung schlicht mit wirtschaftlichen Entscheidungen begründet sein und nicht mit dem Wunsch, den Interessen des Publikums besser zu entsprechen. Gleiches ist im Zeitschriften­bereich zu beobachten, wo sich Blattkonzepte an zu erschließenden Werbesegmenten orientieren und die redaktionelle Gestaltung und Leseransprache anschließend der Zielgruppe angepasst wird. In diesem Fall ist die betriebswirtschaftlich formulierte Zielgruppe mit dem publizistischen Ausdruck des Zielpublikums identisch.

Der Marketing-Ansatz lässt redaktionelles Arbeiten ausrichten an (vermeintlichen) Publikumswünschen nach Unterhaltung, Interaktivität und auch Service. Ruß-Mohl (2003: 256f.) blickt bei der Service­orientierung jedoch vor allem auf die formale Struktur (›redaktionelle Konzepte‹) der Medien, die nützliche Berichte (›news you can use‹) in den Vordergrund stellen, mit Layout und Querverweisen die selektive Nutzung der Inhalte erleichtern und mit kürzeren und illustrierten Beiträgen auf veränderte Nutzungsgewohnheiten der Leser eingehen sollen. Dazu erweitern Redaktionen tendenziell einerseits das Themenspektrum um verbrauchernahe Aspekte, andererseits bieten sie auf Teilpublika spezia­lisierte Inhalte an. So käme es zu einer Themenverschiebung weg von der großen Politik, hin zu soft news, unter die Ruß-Mohl Lebenshilfe und verbrauchernahe Wirtschafts­bericht­erstattung gemeinsam mit Lifestyle-Themen mischt.

Die auf den Output (oder genauer: auf die Bedürfnisse eines Zielpublikums) bezogene Orientierung (vgl. Donges/Jarren 1997) kann eine Redaktion zweifach umsetzen: funktional, dann stehen beispielsweise Unterhaltung oder Service im Vordergrund, oder personal, dann greift die Redaktion auf soziodemografische oder psychografische Merkmale einzelner Publikumsgruppen zurück (Spachmann 2005: 144). Allerdings verursacht eine an den Interessen des Durchschnittsbürgers orientierte Wirtschafts­bericht­erstattung relativ hohe Produktions­kosten in der Redaktion, die vor dem Hintergrund ihrer konzeptionellen Gestaltung deutlich werden (Heinrich 1990a: 265). Unabhängig davon hat jedoch der einzelne Redakteur Gestaltungsspielraum, um eine Rezipienten­orientierung zu erreichen. Im Wirtschafts­journalismus entscheidet ein Medien­unternehmen, mit welchem Konzept und mit welcher Mischung der drei Dimensionen Aktualitätswerte, Gefühlswerte und Nutzwerte (nach Mast, siehe hier) es im Wettbewerb um die Aufmerksamkeit des Publikums erfolgreich sein will. Innerhalb des Medienunternehmens, auf der individuellen Ebene der Redakteure, geht es täglich ebenfalls darum, die drei Dimensionen bei der Auswahl und Aufbereitung von Wirtschafts­themen zu berücksichtigen (Mast 2003b: 308). Arbeit und Rollen der Journalisten werden inzwischen stark beeinflusst von einer konsequenteren Handlungszentrierung der Bericht­erstattung und der Verschiebung der Auswahlfunktion (Nachrichten-, Themenselektion) auf die Seite der Rezipienten, die laut Mast eine modulare Präsentation der Themen mit sich bringt.79 Der Service­charakter des Journalismus nimmt zu, und die Redakteure adoptieren zunehmend die Rolle als Dienstleister (ebd. 2003b: 143).

Wie Ergebnisse von Inhaltsanalysen und Befragungen der Chefredakteure regionaler Tageszeitungen aus dem Jahr 1982 zeigen, hatten verbraucherrelevante Themen zum Zeitpunkt der Untersuchung zwar eine gewisse Bedeutung, jedoch war nur ein geringer Teil der Verbraucher­informationen auch aus der Perspektive der Leser geschrieben (Posewang 1982, zit. n. Spachmann 2005: 253f.). Spachmann (2005: 254) deutet einzelne Literaturquellen dahingehend, dass regionale Tageszeitungen im Verlauf der 1990er-Jahre die Verbraucher­perspektive stärker berücksichtigten und sich eine verbraucher­orientierte Berichterstattung auch bei überregionalen Zeitungen etablierte. Chefredakteure von Tageszeitungen entwerfen zwanzig Jahre nach Posewang mehrheitlich ein künftiges Bild ihres Mediums, in dem die dort arbeitenden Redakteure Inhalte vermehrt unabhängig von der Nachrichtenlage aufgreifen und die Themen analysieren, einordnen und bewerten. Im allgemeinen Informationsdickicht dienen Tageszeitungen nicht nur als Navigator für die Leserschaft, sondern zugleich auch als Ratgeber für alle Lebensfragen. 80 Prozent der Chefredakteure80 sprechen sich dafür aus, dass sich die Redaktionen in allen ihren Ressorts stärker als bisher auf Nutzwertthemen ausrichten (Mast 2003a: 32). In einer anderen Befragung nahmen Chefredakteure und Redaktions­leiter81 als gestiegene Leserbedürfnisse ebenfalls vor allem wahr, dass diese sich »mehr Service, Ratgeber, Lebenshilfe« wünschen. Fast zwei Drittel der Befragten machten diese Angabe in einer offenen Frage. Ein Drittel nannte »mehr Hintergrund, Einordnung, Kommentar« (Meier 2002b: 328, 335).

Wenn sich Journalisten mehr als Dienstleister verstehen, indem sie die Bedeutung von Themen für die Leser berücksichtigen und verstärkt die Publikumsperspektive einnehmen, dann müssen sie auch ihre Themen offensiv planen (agieren statt reagieren), und es ist notwendig, über die bestehenden Ressortgrenzen hinweg zu arbeiten. Dass die Redak­tions­­struktu­ren­ dafür transparenter und durchlässiger gestaltet werden müssten, ist denn auch unter den befragten Chefredakteuren82 allgemein über-einstimmende Meinung. In der Folge könnten Tageszeitungen sogar im Wettbewerb der Medien einen Vorteil gewinnen (Mast 2003a: 32). Andererseits sahen sich in der Anzeigen- und Medienkrise 2001/2002 viele Verlage und Redaktionen ohnehin gezwungen, über ihr bestehendes Angebot und ihre Arbeitsabläufe nachzudenken (ebd.: 34).

Der ›praktische Stoff‹ ist häufig auf mehrere Ressorts verteilt, teilweise ständigen externen Fachbearbeitern zugeordnet oder er wird komplett von Externen bezogen (Groth 1961: 74f.). Nicht selten wird er in eigenen, regelmäßigen Beilagen oder Publikationsreihen zusammengefasst, weil sie nicht jeden interessieren und nur beschränkt aktuell sind (ebd.). Insgesamt haben sich Ratgeberthemen inzwischen als ständiger Teil des redaktionellen Angebots in diversen Ressorts etabliert (Mast 2004: 491). Doch weder behandeln Tageszeitungen nutzwert­journalistische Inhalte einheitlich in einem eigenen Ressort noch werden sie grundsätzlich von Redakteuren bearbeitet, die ausschließlich für nutzwert­journalistische Themen zuständig sind. In einigen Zeitungen haben sich Output-orientierte Ressorts gebildet, die von anderen Ressorts unabhängig arbeiten, so etwa für die Themengebiete Reise, Auto, Wochenende oder die Leserschaft Jugend. Daneben bündeln Zeitungsredaktionen verschiedene Sparten in einem Output-orientierten Ressort, das mit ›Sonderseiten‹, ›Beilagen‹, ›Wochenend-Beilage‹ oder ›Service‹ überschrieben ist. Ein einheitliches Vorgehen ist hier nicht zu erkennen (Meier 2002b: 171).

Zeitungsredaktionen haben auf den Orientierungsbedarf der Leser im alltäglichen Leben mit der Gründung der Output-orientierten Ratgeber­ressorts schneller reagiert als bei der Veränderung gesellschaftlicher Teilsysteme wie Wissenschaft und Medien, die die Bildung Input-orientierter Ressorts zur Folge hatte. Als Gründe dafür gibt Meier (ebd.: 199) an, dass die Redaktionen die Ratgeberressorts klar von den klassischen Ressorts unterscheiden wollten. Dazu kam, dass sich so eine Konkurrenz um Themen vermeiden ließ. Dass sich das anvisierte Zielpublikum der Serviceseiten mit den Zielgruppen der Anzeigenkunden überschneidet, kommt wiederum dem ökonomischen Konzept der Zeitungen entgegen. Neue Themen verändern im Laufe der Zeit die Themenmischung, werden aber in der Regel zunächst einmal von den bereits etablierten Ressorts betreut. Etablieren sich diese neuen Berichterstattungsfelder langfristig, führt dies in der Regel dazu, dass sich sowohl die Binnenstruktur der Zeitung als auch die Redaktion institutionell differenziert. Bei den Ratgeberseiten ist dies folgendermaßen der Fall: Sie sind bei vielen Zeitungen zunächst dem Wirtschafts­ressort zugeordnet, vielerorts haben sie sich in neuen Ressorts etabliert oder werden von Fachredakteuren produziert (Spachmann 2005: 230). In der Praxis kommt es aber auch zu Überschneidungen zwischen dem klassischen Wirtschafts­ressort und einem oder mehreren Ratgeber- oder Serviceressorts (ebd.: 231). Spachmann (ebd.: 232) benennt es als ein Grundmodell der Verankerung der Wirtschafts­bericht­erstattung in Redaktionen, wenn die Redaktion Wirtschaft als Querschnittsthema vorwiegend Output-orientiert behandelt und auf der Inputseite (offenbar: bei der Beobachtung des Marktes) auf die Wirtschafts­seite spezialisierte Redakteure oder Ressorts vorhanden sind. Dieses Modell spiele hauptsächlich in Boulevardzeitungen eine Rolle. Einzelne Stellen innerhalb der Redaktion, wie Verbraucher- und Serviceredakteure, aber auch Redakteure im Automobilressort, bearbeiten ökonomische Themen meist direkt auf das Interesse des Publikums zugeschnitten unter einer ganz speziellen Perspektive.

Neue Ressorts zu gründen, ist für Tageszeitungen somit ein probates Mittel, um Querschnitts­themen und neue, gesellschaftlich relevante Bereiche besser redaktionell zu verankern und so sicherzustellen, dass Entscheidungen für bestimmte Themen nicht nur auf Zufällen beruhen (»Berichterstattungsbeliebigkeit«; Meier 2002c: 96).83 Ein augenfälliger Beleg dieser Entwicklung ist, dass Redaktionen mit dem Beginn des als ›Börsenboom‹ bezeichneten, zahlreichen Eintritts von Privatpersonen in Aktien- und Devisen­geschäfte Mitte bis Ende der 1990er-Jahre die Laienrolle der Anleger in ihren Blick rückten (Spachmann 2005: 259). Neben Ressorts wie Wissenschaft, Umwelt, Medien, Kirche/Religion, Hochschule, Familie, Arbeitswelt gehörten in den 1990er-Jahren häufig Ratgeberseiten zu den eingeführten Neuerungen in Tageszeitungen (Meier 2002c: 96). Durch die Diversifizierung aufseiten der Zeitungsressorts konnte sich so über die Jahrzehnte unter anderem die Autoseite etablieren, die von einem eigenständigen Ressort produziert wird und die vom klassischen Wirtschafts­teil strikt abgegrenzt ist. Die Autoredakteure versuchen nach eigener Auskunft84 immer wieder einen Perspektivwechsel und bemühen sich, die Frage zu beantworten, was die Technik den Lesern bzw. Käufern und Autofahrern nutzt (ebd. 2002b: 174).

In den 1970er-Jahren begannen einzelne Tageszeitungs­redaktionen damit, Service- und Experten­telefone einzurichten, Leseraktionen zu veranstalten und sogenannte Ombudsredakteure einzusetzen (ebd.: 180). Dieses Verständnis von Service orientierte sich eher am Zeitungsm­arketing (siehe hier) und hatte die Funktion, die Leser-Blatt-Bindung zu stärken. Anfang der 1990er-Jahre entstanden vor allem in ostdeutschen Zeitungen Serviceressorts, die sich stärker an den Erwartungen der Leser orientierten, die nach Lebenshilfe, Verbraucher­beratung und Informationen über die neuen rechtlichen und gesellschaft­lichen Anforderungen in Ostdeutschland verlangten (ebd.: 180). Im Westen hat beispielsweise die Tageszeitung Main-Post den Bereich Service institutionalisiert, indem dort ein eigenes Ressort mit vier bis fünf fest arbeitenden Redakteuren eingerichtet wurde. Zudem wurde für die tägliche Serviceseite eine feste Themenstruktur gebildet (täglich wechselnd, aber fest: Mode, Sport, Jugend etc.), da die Leser einen Rhythmus und Gewohntes erwarteten (BpB 1996d: 13).85

Befragte Chefredaktionen von Zeitungen verwenden den Begriff Ressort jedoch unterschiedlich. So wird das Gebiet Service und Ratgeber von rund einem Drittel der befragten Zeitungen86 von mindestens einem Redakteur behandelt, der ›nur zum Teil‹ dafür zuständig ist, in etwa einem weiteren Drittel der Fälle sind Redakteure ›ausschließlich‹ dafür zuständig, der Rest der Zeitungen hat das Themengebiet nicht besetzt (Meier 2002b: 280ff.). Ausschließlich zuständige Redakteure finden sich überwiegend in Zeitungen mit einer Auflage von mehr als 100.000 Exemplaren, wobei es etwa genauso viele Zeitungen mit kleinen Ressorts (ein Redakteur ausschließlich zuständig) gibt wie solche mit mittleren (zwei Redakteure) oder großen Ressorts (drei bis sieben Redakteure). In den Ratgeber­ressorts arbeiten doppelt so viele Redakteure wie in den einzelnen Ressorts für Wissenschaft, Reise oder Auto. Während 80 Prozent der ostdeutschen Redaktionen den Service­bereich redaktionell abdeckten, lag der Anteil bei westdeutschen Redaktionen bei unter 60 Prozent. Insgesamt haben sich Output-orientierte Ressorts in den Zeitungsredaktionen fest etabliert, die Ratgeberfunktion spielt in den redaktionellen Strategien eine wachsende Rolle (ebd.).

Verbraucherredakteure und -ressorts organisieren ihre Arbeit entlang den ökonomischen Handlungsrollen der Leser (Spachmann 2005: 161f.). Wenn Journalisten – im Special-Interest-Wirtschafts­journalismus – durchweg eine Nähe zu den ökonomischen Rollen der Leser aufweisen und sich als Trainer und Ratgeber sehen, kann als Folge eine Distanz zu den entsprechenden Leistungsbereichen der Wirtschaft auftreten. Dann enthält das Selbstverständnis der Journalisten häufig auch anwaltschaftliche und missionarische Komponenten. Ein Beispiel dafür ist der Verbraucherschutz und im Verbraucherjournalismus die Rolle des Verbraucheranwaltes (ebd.).

Die Konzepte der unternehmensorientierten und der verbraucher­orientierten Wirtschafts­bericht­erstattung können in vergleichbaren regionalen­ Abonnementzeitungen parallel vorkommen (siehe hier). So will im Berliner Raum der für eine Studie befragte Wirtschafts­redakteur des Tagesspiegels über Unternehmen, Produkte, politische Entscheidungen und Marktentwicklungen informieren, Zusammenhänge verdeutlichen und den Bürger damit letztlich auch bei der Entscheidung bei politischen Wahlen unterstützen. Da der Einfluss der Wirtschafts­bericht­erstattung auf die Unternehmen gering sei, schätzt der Tagesspiegel-Redakteur ihren Nutzen für die Rezipienten ebenfalls als entsprechend gering ein. Um dies auszugleichen, könne sich der interessierte Verbraucher ja durch Verbraucherinformationen woanders sachkundig machen (Kraft/Dreyer 1997: 87f.). Der Redakteur erscheint somit als typischer Vertreter des Informationsjournalismus; insgesamt wird der Meinungsbildungsprozess unterstützt, und von solcher Wirtschafts­bericht­erstattung profitiert, abstrakt betrachtet, die Demokratie. Das verbraucherorientierte Konzept dagegen vertritt die ebenfalls befragte Wirtschafts­redakteurin der Berliner Zeitung: Da die Hauptleserschaft aus wirtschaftlich interessierten, ›normalen‹ Menschen bestehe, achte die Zeitung auf eine Lesernähe und den Nutzen der Wirtschafts­informationen für den Alltagsgebrauch; der Leser müsse das Gefühl haben, dass ihm die Wirtschafts­informationen nützlich seien. Da die Redakteurin den Leserbezug sieht, schätzt sie den direkten Nutzen bei bestimmten Themen87 als groß ein (ebd.).

Spachmann (2005) hat den Wirtschafts­journalismus regionaler Tageszeitungen intensiver untersucht und dabei 50 Redaktionen befragt. Der Autor stellt in den Wirtschafts­ressorts und bei der Arbeit der Wirtschafts­redakteure eine Spezialisierung fest. Wie er konstatiert, intensivieren sich im Zuge einer sich (aus)differenzierenden Wirtschaft und ihrer thematischen Aufnahme in die Zeitungen die Verbindungen der Redakteure zur Wirtschaft. Hand in Hand mit dieser branchenspezifischen Spezialisierung orientiert sich andererseits der Journalismus an ökonomischen Handlungsrollen wie denen der Verbraucher oder Arbeitnehmer (ebd.: 314). Solche Handlungsrollen der Ziel(teil)publika sind in den vergangenen Jahren zunehmend bedeutender geworden, und Tageszeitungen haben ihre redaktionellen Konzepte stärker in Richtung einer klaren Ziel(teil)publika-Ansprache profiliert. Politische Bezüge spielen dagegen in der Wirtschafts­bericht­erstattung der regionalen Tageszeitungen nur eine untergeordnete Rolle, Inhalte und Perspektiven werden darauf ausgerichtet, die Wirtschafts­bericht­erstattung für eine Vielzahl von Lesergruppen attraktiv zu machen. Befragte Redakteure schätzten mit einem jeweiligen Anteil von mehr als 80 Prozent die Handlungsrollen Verbraucher und Arbeitnehmer als bedeutsam oder sehr bedeutsam ein. Diese Rollen liefern Hinweise dafür, wie eine auf das Publikum passende Nutzwertorientierung in den Publikationen umgesetzt werden kann (ebd.: 316f.). Die Leser werden direkt angesprochen, die Berichterstattung wird auf ausdrückliche Handlungsanweisungen und Tipps zugespitzt (ebd.: 363). Der Autor warnt jedoch davor, das Gewicht der Wirtschafts­bericht­erstattung einseitig auf den Nutzwert zu verschieben. In erster Linie komme es auf die Auswahl der Nachrichten an, erst dann könne eine ausdrücklich an Fakten orientierte Aufbereitung der Informationen für einzelne wirtschaftliche Rollen handlungsrelevant und konkret ›nützlich‹ sein. Außerdem dürfe man eine publikumsorientierte Berichterstattung nicht darauf verkürzen, dass die Inhalte auf die wirtschaftlichen Laienrollen ausgerichtet sind (ebd.). Der Autor vertritt hier offenbar die dichotome Ansicht, Wirtschafts­journalismus könne entweder nützlich oder faktenorientiert sein. Nicht berücksichtigt wird, dass Nutzwert­journalismus ebenfalls auf Fakten beruht, die zudem häufig zusätzlich recherchiert werden müssen, und dass nützliche Wirtschafts­bericht­erstattung anlassunabhängig und aus eigenem Antrieb heraus initiiert sein kann. Dann findet mangels entsprechender Nachrichtenangebote auch keine Selektion statt. Anders formuliert: Der Autor reflektiert einen Wirtschafts­journalismus alten Stils, den er nutzwertig machen will. Dabei existiert im Themengebiet Wirtschaft auch Nutzwert­journalismus, der außerhalb der alten Muster funktioniert: anlassunabhängig, umsetzungsorientiert etc., wie zahlreiche ausgezeichnete Beispiele der vergangenen Jahre zeigen.

Die Rezipienten-orientierte Sparte ›Gesundheit, Medizin‹ als herausragendes Beispiel für die Ratgeberorientierung erscheint bei mehr Zeitungen und dort auch häufiger als die klassische Wirtschafts­seite (Meier 2002b: 318f.).88 Nach Sonderseiten mit einer TV-/Radio-Programmübersicht und ›Medien‹-Themen ist die Sparte ›Geld, Versicherungen, Warentest, Verbraucher­beratung etc.‹ – somit der Kern von Service und Ratgebung – diejenige Sondersparte, die am häufigsten von allen täglich erscheint (ebd.).

Grundsätzlich eignen sich alle Themen des täglichen Lebens für die nutzwert­journalistische Bericht­erstattung. Für eine vom Verfasser erstellte Studie zur Qualität von Ratgeberseiten in der deutschen Regio­nalpresse (Eickelkamp 2005b: 9ff.) wurden Experten danach befragt, wann sie eine Zeitung thematisch für gelungen halten. Demnach soll erstens die Ratgebung alle Lebensbereiche abdecken und sollen zweitens die Redaktionen relevante Vorgänge aus Gesellschaft, Wirtschaft und Politik auf die Lebenswelt der Leserschaft beziehen (›herunterbrechen‹). Wie die Inhaltsanalysen der Ratgeber­seiten ergaben, werden diese dem Anspruch nicht vollständig gerecht.89 Zwar befassten sie sich überwiegend mit privaten Themen, doch wurden nicht alle Bereiche darin angesprochen.

Die 72 Prozent der Beiträge, die als privat codiert wurden, bestanden aus einer Mischung aus herunter­gebrochenen Themen (Steuerrecht, Gesundheits­reform) und solchen, die ohnehin dem Privatraum zuzuordnen sind (Rezepte, Hobby, Garten). In 15 Prozent aller Fälle kam das dominierende Thema aus der Wirtschaft (hier wurden vor allem Produktvorstellungen gezählt); fünf Prozent befassten sich mit sozialen Fragen in gesellschaftlicher Dimension (Familienplanung, Altersstruktur). Die Themen Politik, Umwelt/Natur/Energie und professioneller Sport spielten im untersuchten Material kaum eine Rolle. Auch Mast (2008: 414) weist darauf hin, dass fast alle Wirtschafts­themen prinzipiell auch immer Verbraucherthemen sind.

Innerhalb der Privatthemen machten bei den Ratgeber­seiten der Regionalzeitungen Fragen zu allgemeinem Privatrecht und Finanzen gemeinsam rund ein Drittel aller Artikel aus. Ein weiteres Drittel behandelte Gesundheit und Medizin vom Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom bis zum Zeckenbiss sowie den Bereich Ernährung, hier vor allem in Form von Kochrezepten. Noch erkennbar vertreten waren die Themenbereiche Hausarbeit, Wohnen/Mieten/Bauen und Hobbys/Individualsport mit jeweils rund zehn Prozent. Nur selten brachten die Redaktionen Konsum und Lebensstil (wie ökologisch Einkaufen), Arbeit und Beruf aus privater Sicht (Bewerbungs­gespräch, Arbeiten im Ausland) sowie Themen wie Glaube, Liebe und Beziehung auf die Seiten. Entgegen dem ausgewiesenen Trend in Zeitschriften war der Bereich Wellness und Beauty mit unter einem Prozent auf den Ratgeber-/Serviceseiten der Tagespresse kaum messbar vertreten. Sex und Erotik wurden innerhalb der drei untersuchten Wochen nicht ein einziges Mal erwähnt. Unterrepräsentiert im Themenspektrum waren damit Arbeit und Beruf aus privater Sicht, Konsum und Lebensstil, Glaube, Liebe und Beziehung sowie psychische Themen (Eickelkamp 2005b).

Meier (2002b: 169f.) schlägt zur Typisierung nutzwert­journalistischer Sparten oder Ressorts vier Dimensionen vor, in denen die Kombination einzelner Abgrenzungsmerkmale charakteristische Muster darstellen kann:

  1. Funktion (mögliche, kombinierbare Ausprägungen: Ratgeber, Unterhaltung),
  2. Thema,
  3. geografischer Bezug (mögliche Ausprägungen: lokal, überregional) und
  4. Zielpublikum.

Beispiele für den Einsatz dieser deskriptiven Dimensionen sind eine verbraucher­orientierte Ratgebersparte, eine lokale Serviceseite und eine Jugend-Rock-Pop-Seite (Tab. 4).

Tabelle 4: Beispielhafte Charakterisierung von Ratgeber­sparten anhand von vier Dimensionen; nach Meier (2002b: 169f.)
RessortFunktionThemaGeografie(Teil-)Publikum
verbraucherorientierte RatgebersparteRatgeber Wirtschaftunbestimmtgenerell
lokale Service-Seite mit Tipps und Termin­ankün­digun­gen fürs WochenendeRatgeberuniverselllokalgenerell
Jugend-Rock-Pop-Seite mit Hinweisen auf neue Bands und Plat­ten/CDs/Musik­titelUnterhaltungMusikunbestimmtJugend
Quelle: Eigene Darstellung. kursiv: ergänzte Merkmals­ausprägungen

Nach Einschätzung Meiers (2002b: 318) dienen die neuen Sparten, die den Leserwünschen nach Rat, Service und Unterhaltung folgen, nicht der kritischen Beobachtung der Gesellschaft und erweitern nicht unbedingt das Wahrnehmungsspektrum. Gegen diese Position muss festgehalten werden, dass erstens Nutzwert­journalismus auch auf Probleme hinweist, die es zu lösen gilt. Zweitens erweitert sich mit der Behandlung von Themen, die die Medien zuvor nicht behandelt haben, auch das Wahrnehmungs­spektrum des Einzelnen und der Gesellschaft. Und drittens erfolgt eine indirekte, kritische Beobachtung der Gesellschaft, indem die Leser sensibilisiert werden; der ›Druck‹ der Medien erfolgt also nicht direkt auf einzelne Firmen, Behörden etc., sondern indirekt über die Konsumenten und Bürger.

Da Nutzwert­journalismus teilweise mit hohem Rechercheaufwand, umfangreichen Übersetzungs­leistungen komplexer Sachverhalte und dem Einsatz von Expertenwissen verbunden ist, müssen entsprechende Arbeits­bedingungen vorhanden und die Ausstattung der Redaktionen angemessen ausgebaut sein. Wenn Verlage in wirtschaftlich schwierigen Zeiten Kosten sparen wollen, Stellen streichen sowie Honorare kürzen, ist eine vollumfängliche rezipienten­orientierte Berichterstattung gefährdet. Vor allem steigt die Gefahr, von den PR-Aktivitäten der Unternehmen und (neuerdings wieder) der Politik beeinflusst zu werden. Dies kann auf verschiedene Weise geschehen, etwa indem Unternehmen freie Journalisten dafür bezahlen, ihre Interessen in vermeintlich unabhängigen Beiträgen an Medien zu kommunizieren, indem sie vermehrt vorproduzierte, publikations­reife Beiträge anbieten oder den Verkauf von Anzeigen von einer parallelen, positiven redaktionellen Berichterstattung abhängig machen (Kopplungs­geschäfte; vgl. Wolff, V. 2006: 268; siehe dazu ausführlich Kapitel 4.3).


79 Man kann sicherlich darüber streiten, ob die modulare Präsentation Folge einer verstärkten Nutzwertberichterstattung ist oder ob sie ohnehin aus anderen Gründen stattgefunden hätte.

80 Umfrage des Fachgebiets Kommunikations­wissenschaft und Journalistik der Universität Hohenheim, Methode: vollstandardisierter Fragebogen, der postalisch verschickt wurde, Befragte: 135 Chefredakteure der Tageszeitungen mit Voll­redaktion in Deutschland (publizistische Einheiten), Rücklauf: 85 Fragebögen, Rücklaufquote: 63 Prozent, Befragungszeitraum: Juli/August 2002.

81 n = 48; Befragungsjahr: 1998.

82 Siehe Fußnote 80.

83 Unklar ist, inwiefern diese Entwicklung durch die Einführung von Newsdesks beeinflusst wird und wie sich diese auf die nutzwert­journalistisch relevanten Ressorts und Themen auswirkt.

84 Befragt wurden Redakteure von Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Rundschau und Frankfurter Allgemeine Zeitung (Meier 2002b: 174).

85 Interview mit dem 1994 amtierenden Geschäftsführer der Mainpresse Zeitungsverlagsgesellschaft, Lutz Glandt.

86 n = 76, schriftliche Befragung der Chefredakteure von 76 publizistischen Einheiten (entspricht 57 % aller publizistischen Einheiten in Deutschland) im Jahr 1998.

87 Etwa bei Lehrstellen­aktionen, Geldanlage­tipps, Telefonforen.

88 Zur Befragung siehe Fußnote 86. Weitere Sparten mit Ratgeberorientierung sind: (a) Geld, Versicherungen, Warentest, Verbraucherberatung etc.; (b) Gesundheit, Medizin; (c) Wohnen, Bauen, Immobilien; (d) Ernährung, Kochen, Kulinarisches; (e) Tiere; (f) Computer; (g) Video, Foto, Hifi; (h) Hobby, Freizeit; (i) Garten, Heimwerken.

89 Untersucht wurden die Ratgeber­seiten von 15 deutschen Regional­zeitungen, Vollerhebung über drei Wochen im Mai 2005. Erfasst wurden 220 Zeitungsseiten mit 1.122 redaktionellen Beiträgen.