2.2 Rollenselbstverständnis von Journalisten

Generell können Journalisten, Publizisten und Verleger bzw. Medien­unternehmen verschiedene Motive dafür haben, warum und wie sie Dinge veröffentlichen (Groth 1961: 323ff.). Historisch interessant sind soziale und kollektive Zwecke, etwa wenn im 17. Jahrhundert Staat und Kirche ihre Interessen gefährdende Publikationen unterdrückten, Herrschaftshäuser positive Pressepolitik betrieben oder es Ziel von Publizisten war, breite Schichten zu bilden (›Belehrung‹). Der Gebrauch des Wortes ›Belehrung‹ hat sich mit der Zeit gewandelt. Während es heute überwiegend wertend den Wissensunterschied zwischen dem wissenden Lehrenden und dem Lernenden betont, wurde das Wort früher wertneutral im Sinne von Wissensvermittlung oder Bildung gebraucht. Damals wie heute existieren ferner altruistische Motive (Gefälligkeiten, Vorteile für andere als die Leser), Werbung im Sinne einer Reklame für persönliche Motive oder Propaganda für Gruppen, individuelle Zwecke (Honorar, Ehrgeiz, Machtstreben, Hass, Rachsucht, Schadenfreude etc.) – und durchaus auch ein zweckfreier Mitteilungsdrang. In einer eigenen Gruppe der »Belehrung und Beratung« sieht Groth (1961: 344) sowohl individuelle als auch soziale Motive der Journalisten und Publizisten. Die verschiedenen Motive der Publizisten wechselten im Laufe der Jahrhunderte häufig. Wie Groth (ebd.) für die Mitte des 20. Jahrhunderts postuliert, herrschte in weiten Teilen der gedruckten Presse immer noch die praktische Beratung als persönliches Motiv vor, und zwar diejenige Beratung, die die Publizisten und Journalisten vorwiegend im eigenen Interesse ausüben: des Verdienstes, Namens, Einflusses wegen.

Drei Jahre nach der Wiedervereinigung befragte Dieter Stürzebecher Journalisten in Ost- und Westdeutschland zu ihrem Aufgabenverständnis, indem er ihnen einen Aufgabenkatalog vorlegte.65 Zehn Rollen erhielten mehr als 60 Prozent Zustimmung, darunter an achter Stelle die Aussage, ein Journalist sei »jemand, der den Leuten hilft, sie berät«. Besonderes Augenmerk legte der Autor auf die Unterschiede zwischen Journalisten mit ost- bzw. westdeutschen Erfahrungen. 64 Prozent der Journalisten, die vor 1989 sowie im Jahr 1993 in Westdeutschland arbeiteten, stimmten der genannten Aussage zu; bei Journalisten, die vor 1989 in der DDR und 1993 in Westdeutschland arbeiteten, lag die Zustimmung sogar bei 88 Prozent. Bei (ursprünglich) westdeutschen Journalisten, die 1993 in Ostdeutschland arbeiteten, lag die Zustimmung bei 81 Prozent (Stürzebecher 1995: 223).66 Das zeigt, dass die Helfer- und Beraterfunktion von Journalisten insgesamt ein geringes Gewicht hatte, ihr in Ostdeutschland jedoch eine viel stärkere Bedeutung zugesprochen wurde als im Westen. Bei einer Befragung67 von Journalisten schweizerischer Gratistageszeitungen überwog gleichermaßen das Selbstverständnis, das Publikum schnell, neutral und präzise informieren zu wollen, neue Trends und Ideale vermitteln, aber auch Unterhaltung und Entspannung bieten zu wollen. Den Lesern Lebenshilfe zu vermitteln, lag auf Rang 13 von 20 abgefragten Aufgabenbeschreibungen. Während die Journalisten zu den erstgenannten Punkten befanden, dass sie diese Aufgaben erfolgreich umsetzen könnten, schätzten sie den Umsetzungserfolg bei der Lebenshilfe als nur sehr gering ein (Haas 2005: 174f.). Der Wunsch und die Aufgabenbeschreibung von Journalisten bei Gratistageszeitungen, Lebenshilfe zu leisten, ist also stärker ausgeprägt als die Möglichkeit, diese auch erfüllen zu können.

Die Verbindung der redaktionellen Arbeit mit einerseits der äußeren Umwelt und andererseits dem Publikum manifestiert sich in dem unterschiedlichen Rollenselbstverständnis von Menschen: Menschen in Berufsrollen, die in erster Linie mit den gesellschaftlichen Bereichen zusammenhängen, sehen sich eher als Kritiker und Kontrolleur. Dagegen verstehen sich diejenigen, die ihre Identität vor allem über Leistungen für das Publikum bilden, verstärkt als Unterhalter oder als Anwalt des Publikums (Spachmann 2005: 143). Wirtschaftsjournalisten sehen die Ziele ihrer Arbeit vor allem im Informieren68 des Publikums und in der Kritik an Missständen,69 aber auch in der Unterstützung der Leser70 und als Gegenpart zur Wirtschaft.71 Weitere Ziele fanden geringere Zustimmung, etwa Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zu kontrollieren, neue Trends aufzuzeigen, Unterhaltung und Entspannung anzubieten sowie idealistische Motive72 (ebd.: 321f.). In Tageszeitungen ergänzt ein Ratgeber- und Unterhaltungsjournalismus – Ratgeberjournalismus eher täglich, reiner Unterhaltungsjournalismus im Vermischten und einigen Sparten der Wochenendbeilagen – den traditionellen Informationsjournalismus (Meier 2002b: 425). Journalisten und Medienproduzenten können Unterhaltungs- und Beratungsfunktion auch miteinander verknüpfen und derartige Beiträge als Servotainment bezeichnen (ebd.: 169, 175) (vgl. hier). Offen bleibt dabei allerdings die Frage, wie die Rezipienten beide Funktionen auffassen und inwiefern sie eine Kompetenz zum Erkennen des neuen Medienformats Servotainment entwickelt haben oder entwickeln müssen.

73 Prozent aller befragten Wirtschaftsjournalisten73 messen bei der Frage: »Welche Bedeutung besitzen folgende Ziele bei der Wirtschaftsberichterstattung?« der Antwort »aktuell, generell und neutral informieren« sehr große Bedeutung zu. 28 Prozent wollen vor allem »Hilfe für ökonomische Lebensführung leisten«, 26 Prozent »Themen locker und unterhaltsam präsentieren«, 11 Prozent die »staatsbürgerliche Meinungsbildung ermöglichen« und 7 Prozent die »nationale oder regionale Wirtschaftspolitik beeinflussen« (Spachmann 2005: 315). Bei der Frage nach der inhaltlichen Ausrichtung der Wirtschaftsberichterstattung auf bestimmte Publikumsgruppen verweisen die Befragten vor allem auf die Betroffenen in Wirtschaftsprozessen (59 % messen diesen sehr große Bedeutung zu), es folgen die breite Leserschaft (41 %), Entscheidungsträger (20 %) und interessierte Staatsbürger (19 %; ebd.: 316).

Im Vergleich zu einer Studie von 1993 (Weischenberg et al. 2006: 11), in der 36 Prozent der journalistischen Befragten als ihre Aufgabe das Anbieten von Lebenshilfe nannten, lässt sich der Trend erkennen, dass die Bedeutung einer am Servicejournalismus orientierten Berufsrolle insgesamt zugenommen hat.74 In der Studie von 2006 stimmen 44 Prozent der Funktion »Lebenshilfe für das Publikum bieten, also als Ratgeber dienen« als Teil ihrer Aufgaben zu (ebd.: 111). Die Ratgeberfunktion wird dieser Studie zufolge insbesondere im Unterhaltungsressort verortet (ebd.: 115). Sieben von zehn Unterhaltungsredakteuren wollen ihrem Publikum mit Lebenshilfe und Service dienen, 71 Prozent von diesen wiederum glauben auch, dass ihnen diese Aufgabe gelingt. In Wirtschaftsredaktionen ist die Haltung akzeptiert, dass Journalisten ihr Handeln unter anderem an der Nachfrage orientieren und somit an der Frage, was sich die Leser wünschen. Zwei Drittel der befragten Journalisten75 geben an, die Aussage, Hilfe für die ökonomische Lebensführung zu leisten, sei zutreffend (Heinrich 1991b: 218).

Zwar schreibt Groth bereits 1961: Dem praktischen Zweck eines Periodikums­ entspreche es, wenn der Journalist als praktischer Ratgeber auftritt (ebd.: 418). Doch mit dem Ansehen der Ratgeberjournalisten ist es nicht zum Besten bestellt. Verbraucherthemen selbst haben in den Redaktionen ebenfalls ein geringes Renommee. Das Verbraucher- oder Ratgeberressort ist unter Redakteuren unbeliebt (Mohn 2003: 12). Nutzwertthemen gelten als »das Knäckebrot des Zeitungsschreibers, als Strafbataillon des Zeitschriftenredakteurs. […] Jeder liest sie, keiner preist sie« (Fasel 2004: 9). Die damit befassten Redakteure gelten eher als Erbsenzähler denn als Journalisten (Wolff, V. 2006: 246). Das Ansehen von Nutzwertjournalisten mag traditionell auch deshalb innerhalb der Profession schlecht sein, da die Funktion des ›Briefkastenonkels‹ oder der ›Briefkastentante‹ mit der Vorstellung von Familienzeitungen und -zeitschriften verbunden ist, die an ein breites Publikum gebunden sind, das wenig initiativ und beweglich ist, am Traditionellen und allgemein Anerkannten festhält und eine Nähe zum Gemütlich-Spießigen oder auch Kleinlich-Engstirnigen hat, »eine Atmosphäre, die durchaus unjournalistisch ist« (Groth 1961: 386). Von anderen Journalisten als wichtig empfundene Motive treten im Nutzwertjournalismus in den Hintergrund. Wo Nutzwert als ein für den Leser wirtschaftlich umsetzbarer Gewinn verstanden wird, ist es daher aus der Sicht des Rezipienten unbedeutend und kein Kaufanreiz, ob eine Publikation eine Nachricht exklusiv hat oder welcher Titel sie zuerst veröffentlicht. Dies ist ein Motiv, das im berufsjournalistischen Alltag für viele Redakteure jedoch eine Rolle spielt. Für den Rezipienten ist dagegen der messbare Nutzen relevant, und nur wer auf Dauer Nutzen stiftet, indem er Nachrichten für die Leser ›richtig‹ einordnet und etwa in Verhaltensregeln für die Börsen übersetzt, gewinnt Ansehen und Leser (Werner 2003: 258).

Nicht nur das Image, das sich die Kollegen über die Nutzwertjournalisten bilden, auch das Bild, das sich der Journalist von seinen potenziellen Lesern, Hörern oder Zuschauern macht, beeinflusst seine tägliche Arbeit. Wegen der komplizierten und schwerfälligen Rückkopplung in großen Teilen der Massenmedien beruht dieses Bild weniger auf systematisch erworbener Kenntnis als auf einigen Plausibilitätsannahmen und einer Art ›Fingerspitzengefühl‹, was der Realität nicht unbedingt entsprechen muss. Offenbar liegen Redakteuren dabei teilweise falsche Orientierungsmuster vor (Glotz/Langenbucher 1969: 148). Die Markt-und Mediennutzungsforschung erhebt vor allem Informationen für das Anzeigen- und Werbegeschäft der Verlage und Medienhäuser. Diese ›Zielgruppenkenntnis‹, hier als Kenntnis über die gewünschten Wirtschaftssubjekte, formt zunehmend das konzeptionelle Vorgehen der Produzenten und dringt so ›durch die Hintertür‹ in die Redaktionen vor: Aktuelle Ergebnisse der Medienforschung beeinflussen die redaktionellen Angebote und bestimmen die journalistischen Spielräume (Russ-Mohl 2003: 254). Leserforschung gehört dabei heute verglichen mit den 1970er- und 1980er-Jahren häufiger zu den Entscheidungsgrundlagen von Chefredakteuren von Tageszeitungen. Diese sind überwiegend der Meinung, dass sich die Leserbedürfnisse in den vergangenen Jahren erheblich gewandelt haben (Meier 2002b: 335).

Journalisten müssen die Bedürfnisse der Massen in der Massenkommunikation sehr genau kennen und sich mit ihnen auseinandersetzen, freilich nicht in der Form, dass die Bedürfnisse vollständig befriedigt werden müssen. Jedoch sollten sich Medien bzw. Journalisten dem Publikum insofern anpassen, als sie sich auf den Leser und seine Probleme einstellen und seine Bedürfnisse berücksichtigen (Glotz/Langenbucher 1969: 13). Dazu hat sich die Redaktion sehr detailliert über die Leser auf dem Laufenden zu halten (vgl. Groth 1960: 572, zit. in Glotz/Langenbucher 1969: 154). Der richtige Einsatz der Erfahrungen, Fähigkeiten und Kenntnisse der Journalisten verlangt eine genaue Kenntnis der Motive des Publikums sowie eine Kenntnis des Publikums selbst und seiner Zusammensetzung. Der wirtschaftliche und ›geistige‹ Erfolg von Verlagen hängt davon ab, ob sie den Motiven des Publikums quantitativ und qualitativ Rechnung tragen (ebd. 1961: 321).

Viele Journalisten schöpfen in ihrer Berichterstattung auch aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz und ihrem persönlichen Umfeld (Wolff, V. 2006: 255). Doch damit sich Journalisten, bevor sie Beiträge über bestimmte Themen verfassen, ein besseres Bild von individuellen Problemlagen machen können, hat sich in der Praxis die Form der Rechercheanzeige bewährt. Mit Rechercheanzeigen suchen Journalisten, beispielsweise im Kleinanzeigenteil von Stadtmagazinen, Tageszeitungen und Anzeigenblättern, Menschen, die über ihre Erfahrungen in bestimmten Lebenslagen berichten wollen. Teilweise ist dies mit einem Informationshonorar verbunden. Hömberg/Neuberger (1994: 225ff., 1995: 29ff.) bezeichnen Rechercheanzeigen als ein ›Instrument‹ des Ratgeberjournalismus, mit dem Journalisten ein Zugangsproblem lösen und Alltagserfahrungen sammeln können. Werden die gesammelten Alltagserfahrungen journalistisch umgesetzt und die Protagonisten genannt, bietet der Journalismus den Rezipienten eine Möglichkeit (an), sich mit den Protagonisten zu identifizieren (ebd. 1995: 35), was den emotionalen Zugang zu den Rezipienten ermöglicht bzw. verstärkt sowie Glaubwürdigkeit schafft.


65 n = 357; die Frage lautete: »Sagen Sie mir bitte, ob Sie den folgenden Aussagen zustimmen oder nicht zustimmen. Ein Journalist sollte sich sehen als: …« Zur Auswahl standen 13 Aussagen.

66 Größere Zustimmung erfuhren die Aussagen (in absteigender Reihenfolge): »Kritiker an Missständen«, »der, der die Bevölkerung über ihre Rechte und Ansprüche informiert«, »neutraler Berichterstatter«, »Vermittler neuer Ideen«, »Wächter der Demokratie«, »jemand, der die Leute unterhalten sollte«, »Anwalt der Benachteiligten in unserer Bevölkerung«.

67 Schriftlicher, standardisierter Fragebogen. Befragt wurden fünf Redaktionen in der deutschsprachigen Schweiz mit n = 36.

68 Volle oder überwiegende Zustimmung zu den Aussagen »komplexe Sachverhalte erklären und einordnen« (94 %) und »das Publikum möglichst neutral und präzise informieren« (90 %); n = 90 bis 96.

69 Volle oder überwiegende Zustimmung zur Aussage »Kritik an Missständen üben« (69 %); n = 90 bis 96.

70 Volle oder überwiegende Zustimmung zur Aussage »Lebenshilfe für das Publikum anbieten« (61 %); n = 90 bis 96.

71 Volle oder überwiegende Zustimmung zur Aussage »sich als Gegenpart zur Wirtschaft verstehen« (48 %); n = 90 bis 96.

72 Abgefragte Aussagen: »sich für die Benachteiligten in der Bevölkerung einsetzen« und »dem Publikum eigene Ansichten präsentieren«.

73 n = 53 bis 59.

74 Vgl. für den Wirtschaftsjournalismus Spachmann (2005: 322).

75 Umfrage zur Wirtschaftsberichterstattung in lokalen/regionalen Tageszeitungen, vgl. Heinrich (1990b; zit. n. Heinrich 1991b: 218).