2.1 Das neue Berufsfeld

Zwischen 1992 und 1998 hat der Anteil von Tageszeitungsjournalisten, die in den ›klassischen‹ Ressorts Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport arbeiten, von 30 auf 24 Prozent abgenommen (Meier 2002b: 333), wobei zu beachten ist, dass hier Zahlen verschiedener Studien miteinander verglichen werden. Für die ›neuen‹ Ressorts bei der Tageszeitung – 1992 noch nicht erfasst – ergibt sich 1998 ein Anteil von 10 Prozent. Zwar sind das Wissenschafts- und das Medienressort am häufigsten institutionalisiert, doch die am häu­fig­sten erscheinenden Seiten sind Ratgeberseiten zu Gesundheit und Medizin sowie Auto- und Reiseteile. Als Ende der 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre viele neue Wirtschaftsmagazine gegründet wurden, die sich – anders als die bisherigen klassischen Titel – eher der Verbraucherperspektive zuwandten, wurden die meisten Wirtschaftsjournalisten von den neuen Anforderungen völlig überrascht. Ob für Wirtschaftszeitschriften oder Tageszeitungen: Niemand hatte sie dafür ausgebildet. In den Ausbildungsplänen der Journalistenschulen war der Bereich Nutzwertjournalismus nur selten zu finden (Zedler 2003: 260); für universitäre Ausbildungsgänge und viele Institute der Weiterbildung galt dies genauso.62 Das ist bedauerlich, denn es gibt die Annahme, dass der Journalist der Zukunft zunehmend zum Dienstleister wird, der den Rezipienten mehr Nutzwert und Orientierung und auch mehr Unterhaltung verschaffen muss (Bigl/Sattler 2005: 12). In einer Online-Befragung unter Deutschlands Journalisten63 antworteten diese auf die Frage, was sich vermutlich aus Sicht der Rezipienten verändern wird, dass die Nachfrage nach Lebenshilfe und Ratgeber/Service64 zunehmen wird (ebd.: 4). Dies war die stärkste Zustimmung unter den neun abgefragten Punkten (Abb. 3). In anderen Befragungen stieg der Wert bei der Antwortmöglichkeit »Lebenshilfe für das Publikum bieten, also als Ratgeber dienen« bei der Abfrage zum Rollenselbstverständnis »Service und Unterhaltung« von 36 auf 44 Prozent zwischen den Jahren 1993 und 2005 (Weischenberg et al. 2006: 11).

Abbildung 3: Aussagen von Journalisten zur künftigen Nachfrage des Publikums; Online-Befragung, sortierte Mittelwerte aus vermutlich mehr als 3.600 Antworten
Frage: »Was wird sich vermutlich aus Sicht Ihrer Nutzer/Kunden verändern? Deren Nachfrage wird nach ...«
Quelle: Daten aus Sattler/Bigl 2005: 4; eigene Abbildung

Nach Meinung von Praktikern ist der Ratgeberbereich ein besonders gut geeignetes Feld für Seiteneinsteiger. Danach gibt es für Verlage, deren Redaktionen Journalisten mit Spezialwissen benötigen, grundsätzlich zwei Möglichkeiten: Entweder sie machen Journalisten mit dem nötigen Fachwissen vertraut oder sie schulen Fachleute, die noch über keine Medienerfahrung verfügen, in allen relevanten journalistischen Fragen. Der Chefredakteur der Zeitschrift Guter Rat setzt auf letztere Vorgehensweise. Das Fachwissen von Juristen, Medizinern, Bankkaufleuten oder Steuerfachleuten sei eine Grundvoraussetzung für die Redaktion einer jeden Verbraucherzeitschrift (Zedler 2008: 467).


62 Bemerkenswerte Ausnahme: das Modellseminar »Mehr Service, bitte!« der Bundeszentrale für politische Bildung vom 11. bis 15.03.1996 in Augsburg (BpB 1996).

63 Mehr als 5.000 Journalisten nahmen an der Befragung teil, 3.743 von ihnen beantworteten fast alle der 160 Fragen (Sattler/Bigl 2005: 3).

64 Worin der Unterschied zwischen den beiden abgefragten Items liegt, wird aus der kurzen Veröffentlichung nicht deutlich.