2. Die Ausprägung des Rollenverständnisses Nutzwertjournalismus

Auf dem über die Epochen bei Verlegern und Journalisten vorhandenen Motiv, den Rezipienten mit ihren Publikationen nützliche Informationen und Hilfestellungen für den Alltag bereitzustellen, beruht ein Rollenverständnis auf der Seite der Kommunikatoren, das den Nutzwertjournalismus in verschiedenen Facetten prägt. In diesem Kapitel werden aus diesem Blickwinkel das Selbstbildnis der Journalisten und Publizisten im Kontext unterschiedlicher Journalismuskulturen und die soziale und institutionelle Einbindung der Akteursgruppen in die Funktionsstrukturen beleuchtet. So haben sich innerhalb der journalistisch behandelten Themengebiete Wirtschaft und Technik im Zusammenspiel mit den Rollenerwartungen der Rezipienten eigene Selbstkonzepte entwickelt. Für das entstandene Berufsfeld Nutzwertjournalismus werden abschließend Folgerungen für die Aus- und Weiterbildung gezogen.

Aus der im Artikel 5 des Grundgesetzes garantierten Meinungs- und Pressefreiheit resultieren zahlreiche Privilegien der Medien und der Journalisten, gleichzeitig garantiert sie einen ungehinderten Berufszugang, was sich in Deutschland in einem inhomogenen Berufsfeld widerspiegelt. In ständiger Rechtsprechung betont das Bundesverfassungsgericht die konstituierende Rolle der Presse und ihre öffentliche Aufgabe (Ricker 2004: 243), wodurch Journalisten in der Demokratie eine Leit- und Führungsfunktion zuteil wird. Da die Medien wirkungsstärker sind, als Journalisten meist annehmen, regt Ruß-Mohl (2003: 26) an, über die Führungsaufgabe der Medien neu nachzudenken.61 Zwar ist es laut Groth (1961: 418) keine Wesensaufgabe des journalistischen Handelns und häufig auch nicht beabsichtigt, wohl sei es aber eine faktische und praktische Folge, dass der Journalist dem Rezipienten als eine Führungsperson erscheint, die Kenntnisse und Fähigkeiten zum Leiten von Gruppen einsetzt, die anleitend handelt und steuernd und richtungsweisend auf sie wirkt. Hier ist auch die Vorbildfunktion von Journalisten und (allgemein) publizistisch Wirkenden einzubeziehen.

Verschiedenen Erhebungen zufolge gibt es in Deutschland zwischen 63.000 und 90.000 Journalisten (Sattler/Bigl 2005: 3), je nachdem, ob lediglich hauptberuflich Tätige gezählt oder auch nebenberuflich Tätige eingeschlossen werden und wie der Beruf des Journalisten definiert wird – etwa in Abgrenzung zu anderen Kommunikationsberufen. Den »typischen deutschen Journalisten« beschreiben Weischenberg et al. (2006: 57) aufgrund statistischer Durchschnittswerte als einen knapp 41 Jahre alten Mann, der aus der Mittelschicht stammt und rund 2.300 Euro netto im Monat verdient. Für die Untersuchung wurde aus einer Grundgesamtheit von 48.000 hauptberuflich in oder für journalistische Medien tätigen Journalisten im Frühjahr 2005 eine repräsentative Stichprobe von 1.536 Personen um Auskunft gebeten (ebd.: 11).


61 Zu Führungstheorien vgl. einführend Kerschreiter et al. (2006).