1.6.4 Zusammenfassung

Dieses Kapitel enthält Beispiele frühen Nutzwertjournalismus, dessen Geschichte anhand von Aussagen über journalistische Produkte grob nachgezeichnet wird. Vorläufer und frühe Beispiele von Nutzwertjournalismus finden sich in verschiedenen Anteilen sowohl in Zeitungen als auch in Zeitschriften mit ihren jeweils verschieden untergliederten Publikationstypen. Die Publikationen waren dabei eng mit den Leitbildern und Zielen der Aufklärung verbunden, die das Individuum innerhalb der Gesellschaft in seinen Einstellungen sowie in seinem praktischen Leben beeinflussten, und mit diesem Einfluss auf viele Menschen Reformen in Gesellschaft und Staat anstoßen wollten. Den Erziehungsanspruch der Aufklärung haben viele Fürsprecher mit der Entwicklung des Buch- und Zeitschriftenmarktes verknüpft, was ihr publizistisches Engagement erklärt.

Für eine grobe zeitliche Reihenfolge nutzwertjournalistischer Vorboten in Deutschland seien als erstes Gelehrte Zeitschriften und Gelehrte Artikel in Zeitungen genannt, die ab 1700 aufkamen. In ihnen stand zwar noch die Wissensvermittlung im Vordergrund, auch wenn sie sich bereits in deutscher Sprache an ein nicht gelehrtes Publikum wendeten, jedoch formulierten die Autoren schon deutlich Vorschläge für praktische und sozialpolitische Reformen. Moralische Wochenschriften ab den 1720er-Jahren verfolgten dagegen klar die Intention der Aufklärung, Veränderungen im Alltag des sich bildenden Bürgertums zu erreichen. Da die Frage nach Sitte und Moral elementar für die Selbstbestimmung der Bürgerschicht war, sind Artikel zu diesen Themen als praktische Lebenshilfe anzusehen. Mit dem Aufkommen der Intelligenzblätter und der gemeinnützig-ökonomischen Zeitschriften in den 1730er-/1740er-Jahren fand die Aufklärung neue publizistische Plattformen, die sie rasch im Zeichen der Volksaufklärung an die unteren Gesellschaftsschichten adressierte, namentlich an Landwirte und die Handwerkerzunft. Ein Großteil des Publikums dürfte sich jedoch weiter in der bürgerlichen Klasse befunden haben. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begann die Blüte der Zeitschrift mit einer enormen Vielfalt, in der ›nützliche Unterhaltung‹ eine prominente Rolle spielte. Mit ihr weitete sich der an der Lebenswirklichkeit orientierte Journalismus auf eine Vielzahl von thematisch spezialisierten oder an Teilpublika gerichteten Titeln aus. Ab den 1850er-Jahren sind die Familienzeitschriften erwähnenswert, da sie erstmals mit teilweise gleichen Intentionen Massenauflagen im modernen Sinn vorzuweisen hatten und so ein breites Publikum erreichten. Gleichzeitig entstanden mit dem Typ des Generalanzeigers Tageszeitungen, die in gewissem Umfang regionale nutzwertjournalistische Elemente (›Lokal-Service‹) nach dem Muster der Intelligenzblätter veröffentlichten.

Die thematische Vielfalt war sehr breit und bildete alle Bereiche des Lebens der Individuen sowohl im privaten Bereich ab als auch in ihrer Rolle als Wirtschaftssubjekt. Diese Aussage ist insofern einzuschränken, als dass unsere Vorstellung von der Lebenswirklichkeit früherer Zeiten sicherlich unvollständig ist, und dass es in verschiedenen Epochen eine Reihe von Themen gab, die die Zeitgenossen etwa aus sittlich-moralischen Gründen öffentlich nicht diskutierten (Beispiel: Sexualität). Auch ist zu berücksichtigen, dass die Autoren und Verleger bis 1874 unter dem Diktat der verschieden gehandhabten Zensur oder unter zensurähnlichen Bedingungen arbeiten mussten.

Ebenfalls sehr breit ist die Palette an verwendeten journalistischen Formen und Leseransprachen. Neben den auch heute gebräuchlichen (Anleitung, Regeln, Fragen und Antworten, Hinweis, Liste und Tabelle, Warnung) finden sich Gespräch, Fabel, Brief, Lehrgedicht und weitere literarische Formen. Soweit es die jeweiligen technischen und wirtschaftlichen Mittel zuließen, waren Illustrationen in der Funktion von heutigen Infografiken Bestandteil der Artikel. Wie ferner immer wieder in den Beiträgen zu erkennen ist, waren die Autoren und Herausgeber bemüht, mit geeigneten didaktischen Mitteln die Verstehensleistung des Rezipienten zu fördern. Sie verwendeten Expertenwissen oder waren selbst Fachleute, hielten den Leser aber auch dazu an, selbst weitere Sachkundige aufzusuchen (etwa bei medizinischen Themen). Als Fazit lässt sich mit den genannten Einschränkungen feststellen, dass der Nutzwertjournalismus in Deutschland seit dem 18. Jahrhundert mit konjunkturellen Schwankungen ein fester Bestandteil der Presse war.