1.6.3 Die Zeitschrift

Offenbar aus dem Bedürfnis heraus, Hintergrundwissen zu vermitteln und Zusammenhänge herzustellen, die die Zeitungen (Avisen und Relationen) nicht lieferten, entstand noch im 17. Jahrhundert die Zeitschrift als zweite Gattung der periodischen Publizistik. Während sich die Zeitung mit den Kriterien Aktualität, Periodizität, Universalität und Publizität einigermaßen klar beschreiben lässt, wird eine kriteriengestützte Abgrenzung der Zeitschrift von der Zeitung schwierig. Sie besitzt die Merkmale Publizität und Periodizität wie die Zeitung, Aktualität und Universalität (oder beide) jedoch nur abgeschwächt oder gar nicht. Zunächst wurden Zeitschriften unter dem Stichwort ›Zeitung‹ behandelt – so in Zedlers Universallexikon Mitte des 18. Jahrhunderts (Stöber 2000: 80) – und als ›gelehrte Zeitungen‹, ›Monatsschriften‹, ›Magazin‹, ›Sammlung‹ oder in Übersetzung des französischen und englischen journal als ›Journal‹ bezeichnet. Mit ›Journal‹ wurden in Deutschland bis in das 19. Jahrhundert hinein auch weitere Periodika benannt wie Chroniken und Zeitungen (Stöber 2000: 80). Erst für 1751 ist das Wort ›Zeitschrift‹ im Sinne dieses Periodikums nachgewiesen (Ufer 2000: 53), 1788 erschien die Bezeichnung ›Zeitschrift‹ erstmals im Titel eines Blattes in der Bibliothek der besten deutschen Zeitschriften (Stöber 2000: 80ff.).

Zeitschriften unterschieden sich von Zeitungen auch dadurch, dass sie nicht ausschließlich Korrespondenzen nachdruckten, sondern eigene Autoren engagierten. Auch wenn im Zeitschriftenjournalismus des 18. Jahrhunderts die meisten Autoren noch anonym blieben (Wilke 2000: 99), wird angenommen, dass fast jeder deutsche Schriftsteller von Bedeutung an einer Zeitschrift mitgearbeitet bzw. eine herausgegeben hat (Jørgensen et al. 1990: 89). Wie der Brief, die Gemäldebeschreibung, der Reisebericht etc. galt die Zeitschrift unter ihnen als eigenständige literarische Gattung. Zeitgenossen32 stellten im Unterschied zur ›geschlossenen‹ Form des von einem einzelnen Autor geschriebenen Buches bei Zeitschriften die Möglichkeit heraus, dass durch Miteinanderreden und Miteinanderdenken (Symphilosophie) und durch Sympoesie gemeinschaftliche, ›offene‹ Werke entstünden und eine neue Epoche anbreche, in der die Verbindung aller Geister, Stoffe und Formen anzustreben sei. Das Journal solle gemeinschaftliches Buch und Sammelpunkt der Geister sein (Hocks/Schmidt 1975: 1, 3f.).

In der Zeit bis 1720 hat sich die Zeitschriftenpublizistik eher zaghaft und unentschlossen entwickelt (Böning 2002b: 266). Die älteste deutsche Zeitschrift ist wohl der Götter-Both Mercurius von 1674 bis 1675. Wolff Eberhard Felsecker (*1626 †1680) gab ihn mit leicht wechselnden Titeln unter dem fingierten Verlagsort ›Wahrburg‹ in Nürnberg heraus und ergänzte damit seine Zeitung Teutscher Kriegs-Curier. Einzelne Zeitungsnachrichten nahm Felsecker als Anlass zu umfangreichen Erörterungen. Die in Hamburg erschienenen Erbaulichen Ruh-Stunden von 1676 stellen zugleich einen frühen deutschen Vorläufer der Moralischen Wochenschrift dar. Weitere frühe Zeitschriften entstanden im Bereich der historisch-politischen Zeitschriften als sogenannte ›Gesprächspresse‹, da sie in fiktiven Dialogen die Probleme der Zeit besprachen. Innerhalb des herrschenden höfischen Absolutismus ergänzten sie so aktuelle Informationen mit Hintergrundwissen. Die Monats-Gespräche33 (1688 - 1690) des Philosophen und Juristen Christian Thomasius (*1655 †1728) waren zugleich das erste Heft einer »gelehrten Zeitschrift« (Gaede 1971: 235). Sie wurden nach dem Vorbild des Journal des Sçavans (Paris 1665 - 1792) überwiegend von Gelehrten, aber nicht nur für Gelehrte geschrieben (Rühl 1999: 92). Als weiterer Titel der Gesprächspresse seien die Gespräche in dem Reiche derer Todten (1718 - 1739) von David Fassmann (*1683 †1744) genannt, die in Form der seit der Antike bekannten Totengespräche Politik und Unterhaltung miteinander verbanden (Stöber 2000: 82ff.; Wilke 2000: 100f.).

Die meisten Zeitschriften wendeten sich bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts noch an ein gelehrtes Publikum (Bödeker 1996: 216). Legt man Kirchners34 1928 begründete Bibliografie der Zeitschriften (Kirchner 1977) zugrunde – was mit aller Vorsicht geschehen sollte, da sie sich inzwischen als unvollständig erwiesen hat – diente mehr als die Hälfte der Zeitschriften des 18. Jahrhunderts der wissenschaftlichen Kommunikation (Wilke 2000: 96). Diese waren anfangs in lateinischer Sprache verfasst. Der im Gefolge des Empirismus und des Rationalismus entstandene Aufschwung der Philosophie und der Naturwissenschaften35 beförderte den Bedarf an wissenschaftlichem Austausch.36 Mit der Allgemeinen Historischen Bibliothek (1767 - 1771, danach Historisches Journal) schuf Johann Christoph Gatterer (*1727 †1799) die wissenschaftliche Forschungszeitschrift (ebd.: 102).

Für die zwanziger Jahre des 18. Jahrhunderts beobachtet Böning (2002b) zumindest im Hamburger Zeitschriftenwesen einen ersten Schub der Popularisierung, besonders in den Naturwissenschaften und der damit eng einhergehenden Philosophie, aber auch in Bereichen so praktischer Anwendung wie der Erziehung und Medizin (ebd.: 266). Zwar gab es im frühen 18. Jahrhundert weiter traditionelle Kuriosa wie Porträts exotischer Tiere, doch diese wurden zurückgedrängt von Abhandlungen über Feldmäuse, Maulwürfe oder Getreideschädlinge sowie durch Aufsätze, die den Leser zur praktischen Anwendung des Mitgeteilten aufforderten (ebd. 2002a: 181).

Der Aufforderungscharakter blieb jedoch im Hintergrund. Das Anliegen der Zeitschriften war bis zu den 1730er-Jahren, den Lesern Hintergrund und Wissen zu vermitteln, das zuvor noch einem Latein lesenden, gelehrten Zirkel vorbehalten war.

Die Moralische Wochenschrift als Sonderform der Zeitschrift

Im 18. Jahrhundert kam die Moralische Wochenschrift auf, die nach englischem Vorbild praktische Lebensregelung mit einer betont ethischen Grundhaltung anbot (Bohrmann 1979: 359; vgl. Groth 1961: 298f.). Wie in der Abbildung 2 dargestellt, hat die Moralische Wochenschrift einen anderen Ursprung als die übrigen Zeitschriften und wird im Folgenden daher als Sonderform angesprochen. Sie war vor allem eng mit den Zielen der Aufklärung verbunden und bezog sich direkt auf die Lebenswelt der entstehenden, selbstbewusst werdenden Bürgerschaft des 18. Jahrhunderts (Alt 2001: 47). Beeinflusst von der französischen Mercure Galant (1672 - 1724) und – stärker – englischen Schriften wie The Tatler (1709 - 1711), The Spectator (1711 - 1712 und 1714) und The Guardian (1713; Stöber 2000: 85; Gaede 1971: 238) aktivierte die Moralische Wochenschrift erstmals ein literarisches und entwickelte ein gebildetes Lesepublikum: Dessen Leseverhalten wandelte sich vom intensiven zum extensiven Lesen (Bödeker 1996: 216).

Der Inhalt der Moralischen Wochenschrift war sittlich-lehrhaft mit dem Ziel, nützliche Wahrheiten zu verbreiten und eine tugendhafte Erbauung zu ermöglichen. Der aufklärerischen Programmatik entsprechend standen eine geläuterte Lebensführung und bürgerliche Tugenden wie Fleiß, Sparsamkeit, Pflichtbewusstsein, Hilfsbereitschaft und Treue im publizistischen Mittelpunkt, während die Schriften die Rede gegen Neid, Geiz, Eitelkeit, Putzsucht, Verschwendung, Hartherzigkeit und Aberglaube führten. Auch Müßiggang, Isolierung von der Gesellschaft und Einzelgängertum lehnten sie ab. Natürlichkeit war das angestrebte Ideal. Das Programm war pädagogisch gefärbt, das Profil häufig bieder und das künstlerische Niveau zumeist niedrig. Die Moralischen Wochenschriften orientierten ihre Leser vor dem Hintergrund einer philosophischen Moral und befassten sich thematisch mit Familie, Haushaltsführung, Erziehung, Lektüre, Religion und Aberglaube, gesellschaftlichem Betragen und dem Verhältnis zum Adel und zu den unteren Ständen. Ausdrücklich erörterten sie dazu alltagspraktische Probleme (Alt 2001: 47; Stöber 2000: 84f.; Wilke 2000: 104; Bödeker 1996: 216).

Gut hundert Blätter sind zum Kerntyp der Moralischen Wochenschriften zu rechnen (Wilke 2000: 104). Ihre Titel waren stets nicht sachlich, sondern persönlich und individuell gefasst und benannten eine Person, die sie als fiktiver Verfasser verkörperte.37 Für den Hamburger Raum sind einige Titel in niederdeutscher Sprache belegt.38 In Rede und Gegenrede entstanden sich konkurrierende Blätter39 mit zum Teil kurzer Lebensdauer und eine öffentliche Diskussion darüber, wie Menschen in ihrem Alltag und in der Gesellschaft denken und handeln sollen (Böning 2002a: 203ff.; ebd. 2002b: 262, 264; Alt 2001: 47; Stöber 2000: 86; Wilke 2000: 103 und 105).

Nicht alle Moralischen Wochenblätter waren ›nützlich‹, indem sie im Sinne der (Volks-)Aufklärung praktische Fragen und unterschiedlichste Alltagsprobleme besprachen. So verzichtete Der Alte Deutsche (Hamburg 1730) darauf und offerierte dem Publikum eher belanglos-seichte Unterhaltung (Böning 2002a: 201). In der Mitte des 18. Jahrhunderts war die kurze Blütezeit der Moralischen Wochenschriften weitgehend beendet (ebd.: 205), und die Volksaufklärung wurde in gemeinnützigen Zeitschriften und Intelligenzblättern fortgeführt. Pressegeschichtlich werden Einflüsse der Moralischen Wochenschrift auf die Frauenzeitschrift (18. Jahrhundert) und das Familienblatt (19. Jahrhundert) vermutet.

Beispiele aus Moralischen Wochenschriften

Moralische Wochenschriften thematisierten die Naturwissenschaft und Moralphilosophie, Glaubensfragen, aber auch alltagspraktische und pädagogische Probleme und verwendeten dabei eingängige Lehrgedichte, Fabeln, Allegorien, kurze, oftmals dialogisch gehaltene Erzählungen und Abhandlungen (Alt 2001: 47, vgl. Bödeker 1996: 216). Sie kritisierten die höfische Welt des Adels, seine Salonkultur und gekünstelte Eitelkeit und reflektierten auf die entstehende bürgerliche Lebenswelt (Haushalt und Familie, Erziehung, Literatur; Wilke 2000: 104). Übliche moralische Themen waren ferner Kindererziehung, das Ammenwesen oder die Belehrung von Frauen (Böning 2002a: 204).

1728 stellte der Herausgeber der Matrone, Johann Georg Hamann, die Frage, wie er sich auch an weniger gebildete Leser wenden sollte, wenn die »mittleren und gemeinen Leute« den Schilling lieber zum Bäcker als in den Buchladen tragen würden. Wenn Hamann es sich leisten könnte, würde er den »vornehmen oder sonst vermögenden Leuten« die Wochenschrift zu einem »moderaten Preiß« verkaufen, einen Teil an unvermögende oder geizige Leute austeilen und Exemplare in Kaffee-und Weinhäusern öffentlich und gratis auslegen. »So gedächte ich diese Sitten-Lehren bey dem mittler- und gemeinen Mann desto bekannter zu machen, und dem allgemeinen Wesen Nutzen zuschaffen« (Die Matrone, Jg. 1728, 11. St., 83; zit. n. Böning 2004a: 11; Böning 2002a: 202f.).

Anfang des 18. Jahrhunderts war das aufstrebende Bürgertum dabei, sich zu einer eigenständigen gesellschaftlichen Gruppe zu profilieren. Fragen des sittlich-moralischen Themengebiets gehörten daher zu der Materie, mit der sich die Bürger alltäglich befassten, sodass Moralische Wochenschriften praktische Lebenshilfe leisteten und somit historisches Beispiel für Nutzwertjournalismus sind. Sie verfolgten die Absicht der Aufklärung, Veränderungen im Alltag des lesenden Bürgers zu erreichen.

Die gemeinnützig-ökonomische Zeitschrift

Die Gruppe der gemeinnützig-ökonomischen Zeitschriften bemühte sich ab dem frühen 18. Jahrhundert darum, ein nicht gelehrtes Publikum über naturwissenschaftliche Erkenntnisse zu informieren und die wirtschaftlichen Ziele der Kameralistik zu popularisieren. Mit den 1740er-Jahren verstärkte sich dieses Bemühen im Zuge der auf Privatinitiative beruhenden Volksaufklärung, die unterstützt wurde von ›physikalisch-ökonomischen‹, ›ökonomisch-gemeinnützigen‹ etc. Gesellschaften sowie ›Aufklärungs-Lesegesellschaften‹. Die Volksaufklärung wollte gezielt den ›gemeinen Mann‹, namentlich Landwirte, erreichen. Im zeitgenössisches Verständnis

»lehret [die Naturwissenschaft; A. E.] uns die Ursachen der natürlichen Dinge und ihre Wirkungen erkennen, und jene [die öconomische Wissenschaft; A. E.] wendet diese höhere Erkenntniß zu unserem Nutzen an«.40

Eine gut funktionierende Landwirtschaft wurde als Grundlage für die erwünschte Bevölkerungsvermehrung angesehen, und die Mehrzahl der aufklärerisch gebildeten Gelehrten war der grundsätzlichen Überzeugung, dass die Landwirtschaft eine unentbehrliche und die wichtigste Grundlage der Volkswirtschaft insgesamt darstelle (Böning 2002a: 181, 193f.; vgl. Jørgensen et al. 1990: 79). Um 1750 bildeten Landwirte 75 Prozent der Bevölkerung. Deutschland hatte insgesamt vorwiegend eine agrarische Wirtschaftsstruktur, auch wenn es im Westen mehr städtische Ansiedlungen gab als im Osten (Jørgensen et al. 1990: 79).

Die gemeinnützig-ökonomischen Zeitschriften waren in Deutsch oder je nach regionaler Mundart sogar in Niederdeutsch geschrieben (Böning 2002a: 462).41 Neben der reinen Vermittlung von Wissen und Wissenschaft hatte die Volksaufklärung einen ausgesprochenen didaktischen und sozialpädagogischen Auftrag, der sich in den gemeinnützig-ökonomischen Zeitschriften niederschlug, aber auch in Intelligenzblättern – denen sie teilweise beigelegt waren42 – und in den Moralischen Wochenschriften. Die bessere Bewältigung des Alltagslebens durch ganz praktisch-nützliche Informationen war Ziel dieser Bemühungen. Die Zeitschriften behandelten fast jeden erdenklichen Themenbereich und bedachten ein vielseitiges Publikum: neben der Land- und Hauswirtschaft, Viehzucht und dem Forst- und Brauwesen auch Handwerk, Bergwerk,43 human- und veterinärmedizinische Fragen,44 Handelsleute oder Schiffer45 (ebd.: 163, 462; Wilke 2000: 90, 113f.; Bödeker 1996: 216).

Bei den gemeinnützig-ökonomischen Zeitschriften handelt es sich um keine sehr geschlossene Gruppe. Neben der schon genannten Nähe zu Intelligenzblättern finden sich mit der Deutschen Zeitung (Gotha 1784 - 1829) auch Mischformen von Moralischer Wochenschrift und politischer Zeitung, in der abseits von Aktualität der Redakteur Rudolph Zacharias Becker46 (*1752 †1822) konkrete Beispiele gesellschaftlichen und politischen Lebens schilderte, sie moralisch bewertete und mit lebenspraktischen Hinweisen Nutzen stiften wollte. Der bedeutende Volksaufklärer Christian Gotthilf Salzmann (*1744 †1811) hatte mit dem Boten aus Thüringen (ab 1788) ein zweigeteiltes Periodikum herausgegeben, das mit zeitweise jeweils eigener Paginierung neben einem Zeitungsteil auch einen zeitschriftenähnlichen Teil besaß, in dem er mit literarischen Formen (Dialog, Fabel, moralische Erzählung, Gedicht) aktuelle Themen volksaufklärerisch fortsetzte (Wilke 2000: 91f.).

Wie auch unten an Beispielen zu sehen ist, haben die gemeinnützig-ökonomischen Zeitschriften ganz handfeste Ratschläge und Handlungsanweisungen für ein breites Publikum und zu beinahe jedem Thema des täglichen Lebens bereitgehalten. Der immense Anstieg derartiger Veröffentlichungen war eine Zeiterscheinung am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Ob die Beiträge die Zielleserschaften erreicht haben und ob diese sie dann gemäß der Intention der Autoren umgesetzt haben, ist nicht geklärt.

Beispiele aus naturkundlich-gemeinnützigen/gemeinnützig-ökonomischen Zeitschriften

Dem Programm der Volksaufklärung entsprechend standen in den gemeinnützig-ökonomischen Zeitschriften viele praktische Ratschläge, die die alltägliche Arbeit vereinfachen und effektiver gestalten sollten. Sie setzten neues Wissen der Naturforschung für die Landwirtschaft um, berieten darüber, welche neuen Futterkräuter zu welchen Böden passen würden, wie Getreidekrankheiten und Viehseuchen zu bekämpfen seien. Der Leser erfuhr etwas über den Vorteil der Schweinezucht, ein Dünge­lexikon sollte ihm helfen, den Boden zu verbessern, und es gab Vorschläge dazu, wie sich arme Leuten erschwingliche warme Betten verschaffen könnten. Bei den meisten gemeinnützig-ökonomischen Zeitschriften weist auch der Titel auf das Programm hin. Neben den zuvor erwähnten seien als Beispiel genannt:

  • Der Bienenstock (Hamburg 1755 - 1757)
  • Nordische Beyträge, zum Wachsthum der Naturkunde, und der Wissenschaften, und Künste, überhaupt (Altona 1756 - 1758)
  • Neues gemeinnütziges Magazin für die Freunde der nützlichen und schönen Wissenschaften und Künste (Hamburg 1760 - 1761)
  • Der Neue Bienenstock (vermutl. Hamburg 1764 - 1768)
  • Von dem Nutzen der Holzspar-Oefen. In periodischen Blättern durch die Gesellschaft der Holzspar-Kunst (Berlin 1784 - 1785)
  • Volksfreund, eine Monatsschrift zur angenehmen und nützlichen Unterhaltung (Leipzig 1790 - 1805)
  • Gemeinnütziges Magazin (vermutl. Hamburg ab 1790)
  • Der Europäische Aufseher (vermutl. Hamburg 1805 - 1807 und 1814 - 1824; Böning 2004a: 3; Böning 2004c: 6; Böning 2002a: 194; Ufer 2000: 142, 146).

Im Volksfreund erschienen neben Berichten über kleinere Sensationen Beiträge zur Kindererziehung, zu ästhetischen Fragen, der Erziehung zu Sparsamkeit und Gemeinsinn sowie beispielsweise Tipps für die vorteilhafte Haltung von Pferden und auch medizinische Ratschläge47 wie »Über die Behandlung des Hustens« (Volksfreund, 7. Stück 1799; zit. n. Ufer 2000: 142). Ein Merkmal des Europäischen Aufsehers war die Vielfalt der Themen und die kurze polemische Behandlung der Gegenstände. Er veröffentlichte philosophische, ästhetische, medizinische und literarische Beiträge, aber auch Reisebeschreibungen, Tipps für die Karriere innerhalb der Gesellschaft, Charakteristika prominenter Bürger, kleine Schauergeschichten, Sensationen und Witze (Ufer 2000: 146).

Ein Blatt der Volksaufklärung war, wie erwähnt, die Zeitung für Städte, Flecken und Dörfer, insbesondere die lieben Landleute, auch Rothe Zeitung genannt (Wolfenbüttel ab 1786). Sie hatte bereits Hilfsmittel eingesetzt, die die Verständlichkeit des Stoffs für die Rezipienten erhöhen sollten: Fremdwörter versah sie mit einer phonetischen Aussprachehilfe, und sie druckte Landkarten, auf denen die Leser die Orte finden konnten, über die sie berichtete. Der Leser sollte die Bedeutung des geschilderten Geschehens für seine eigene Lebenssituation erkennen können (Wilke 2000: 91).

Greiling (2001: 106ff.) zeichnet in »Der Neustädter Kreisbote und seine Vorläufer« detailliert und anschaulich die Zeitungsgenese im kleinstädtisch-ländlichen Raum nach (Neustadt an der Orla) und belegt, wie das Engagement einzelner Verleger die Programmatik der Blätter prägte. Johann Karl Gottfried Wagner und nachfolgende Herausgeber hatten den Titel der Zeitschrift im Laufe verändert:

  • 1804 bis 1808: Gemeinnützige Blätter für Freunde des Vaterlandes
  • 1809: Gemeinnützige Blätter zur Unterhaltung und Belehrung
  • 1810 bis 1812: Gemeinnützige Blätter zur Belehrung und Unterhaltung.

Der Leser erfuhr zum Beginn eines jeden Jahres, nach welcher programmatischen Struktur die Gemeinnützigen Blätter aufgebaut sein würden. 1804 waren vier Abteilungen vorgesehen: Abhandlungen und Aufsätze, Chronik, Vermischtes Allerley, Bekanntmachungen aller Art. Die Abhandlungen und Aufsätze waren thematisch streng unterteilt in:

»1. Auszüge aus den in Sachsen erscheinenden obrigkeitlichen Gesetzen und Verordnungen, nebst Nachrichten von Justiz=Polizey= und Kameralsachen.
2. Erdbeschreibungen und Geschichte des Vaterlandes.
3. Naturgeschichte, landwirtschaftliche und bürgerliche Gewerbe,
4. Gelehrsamkeit, Künste und Handel.
5. Gesundheitskunde.
6. Gute und nützliche Anstalten.
7. Lehrreiche und warnende Beispiel, glückliche und unglückliche Ereignisse.
8. Nachrichten von merkwürdigen Personen, Auszüge von Lebensbeschreibungen ausgezeichneter Männer etc.« (Gemeinnützige Blätter für Freunde des Vaterlandes, Vorsatzblatt für den Jahrgang 1804; zit. n. Greiling 2001: 106).

›Unterhaltung und Belehrung‹ hatte der Verleger 1809 in den Titel aufgenommen. Wie er im ersten Stück, ganz mit volksaufklärerischem Impetus, deutlich machte, gab er seine Zeitschrift ausdrücklich »nicht für Gelehrte, Staatsmänner etc. als solche, oder für die Leser der eleganten Zeitungen, Modejournale etc.« heraus, sondern adressierte sie an »arbeitsame Bürger und Landleute, deren Verhältnisse es nicht erlauben, viel und theure Bücher anzuschaffen und zu lesen«. Folgende zwölf Rubriken­ waren vorgesehen:

»I) Kurze und faßliche Regeln für die Land= und Hauswirthschaft. Hierher gehören nützliche Vorschläge zur besseren Behandlung der Aecker, Wiesen und Gärten; der Viehzucht, Bienenzucht, Bierbrauerei, Branntweinbrennerei, Essig=Stärken= und Puderbereitung; Regeln und Vortheile bei der Einrichtung und Führung des Hauswesens, dem Backen, Kochen, Waschen, Bleichen, färben etc.
II) Nachrichten von neuen gemeinnützigen Erfindungen, die zum Vortheil der Land= und Hauswirthschaft gemacht worden sind.
III) Regeln zur Erhaltung der Gesundheit, sowohl der Menschen als der Thiere und Anweisungen, wie man sich bei herrschender Krankheiten und Viehseuchen, in Hinsicht auf die Gesunden, zu verhalten hat.
IV) Nachrichten von merkwürdigen Naturbegebenheiten […]
V) Historische und geographische Nachrichten […]
VI) Kurze Anzeigen der neuesten und wichtigsten politischen Begebenheiten. Sie werden in einem faßlichen Styl vorgetragen, und da, wo es nöthig ist, mit Erläuterungen begleitet werden, so, daß Mißverständnisse und die beim gemeinen Manne daraus entstehenden falschen Urtheile und grundlosen Kannegießereien beseitiget werden.
VII) Leben und Meinungen berühmter Männer aus allen Ständen […]
VIII) Merkwürdige Unglücksfälle […]
IX) Merkwürdige Volksfeste, in so fern ein wichtiges Ereignis der Gegenstand derselben war.
X) Kurze, aber gehaltvolle und erheiternde Fabeln, Anekdoten und Gedichte
XI) anzeigen empfehlenswerther Schriften, die dem Nährstand zur Belehrung gewidmet sind, und diesem Zwecke entsprechen.
XII) Bekanntmachungen aller Art. Diese werden, wenn sie allgemeines Interesse haben, unentgeltlich eingerückt; betreffen sie den Vortheil des Einsenders, so bezahlt dieser für die gedruckte Zeile 6 pf.« (Gemeinnützige Blätter zur Unterhaltung und Belehrung, 1. Stück vom 6.1.1809, Sp. 3f.; zit. n. Greiling 2001: 111, H. i. O.).

Unterstellt man den Programmen von 1804 und 1809, dass die genannten Punkte nicht zufällig, sondern absteigend nach Wichtigkeit sortiert sind, Wichtiges somit oben steht, wird deutlich, dass auf den persönlichen Nutzen der Rezipienten zielende Themen von einer mittleren Position 1804 (5. Gesundheitskunde; 6. Gute und nützliche Anstalten) fünf Jahre später an die ersten drei Stellen vorgerückt sind. Ausdrücklich sind Regeln und Anweisungen genannt, sodass das handlungsanleitende Moment gar nicht deutlicher hervortreten kann. Bemerkenswert ist außerdem, dass die unter dem Punkt XI genannten Buchanzeigen einen Hinweis darauf enthalten, dass die Zeitschriftenredaktion die dort angezeigten Werke – zumindest laut Programmatik – nur dann empfiehlt und vorstellt, wenn sie ihre Bildungstauglichkeit (›Belehrung‹) überprüft hat.

Als andere Herausgeber das Blatt unter leicht geändertem Titel von 1810 bis 1812 weiterführten, kündigten sie einen Ausbau nutzwertiger Beiträge an, publizierten tatsächlich jedoch weniger als bisher. Texte wie »rohe Kaffeebohnen, ein Mittel gegen das Fieber« übertrafen das Niveau der bisherigen allgemeinen Ratschläge nicht (Greiling 2001: 115).

Das Journal des Pädagogen, Schriftstellers und Volksaufklärers Christian Gotthilf Salzmann Der Bote aus Thüringen beschrieb die gesamte Palette des privaten Lebens, wenn es darum ging,

»nicht nur den Lesern durch Zeitungsnachrichten die wichtigsten Neuigkeiten, die auf unserer Erde sich zutragen, zu melden, sondern ihnen auch guten Rat zu geben, wie sie sich vor Krankheiten verwahren, ihre Kinder gut erziehen, eine vergnügte Ehe führen, vor Zank und Prozeß sicher sein und überhaupt in ihren Hütten ein frohes Leben führen können« (Der Bote aus Thüringen, 1. Jg., 1788, 51. Stück, 810; zit. n. ebd. 1996: 133).

Der Schutz vor negativen Folgen juristischer Verfahren ist hier als ein ansonsten wenig zitiertes nützliches Ziel hervorzuheben.

Ein wiederkehrender Gegenstand mit einer individuellen wie einer gesellschaftlichen Dimension ist die Bekämpfung der Armut, die einer grundlegenden Forderung der Spätaufklärung in Deutschland entsprach. Einschlägige Beiträge auf der Ebene der einzelnen Menschen waren in verschiedenen gemeinnützigen Blättern beispielsweise Anleitungen zur Herstellung preiswerter Nahrungsmittel, wie »Die Rumfordsche Suppe, eine Kost der Armen im Winter, und deren Anwendung in Sachsen« (1803), Aufsätze über neue und empfehlenswerte Ersatzstoffe, nicht zuletzt über Kaffeesurrogate (1805, 1806) und Texte mit Titeln wie »Brodnoth, Ursachen derselben, Anstalten und Mittel, sie zu mildern«. Auf der Ebene der Allgemeinheit besprachen die Blätter das Problem der durch die Armut hervorgerufenen Bettelei und diskutierten, ob sie durch Verbote zu beseitigen sei (Greiling 2001: 126f.).

Anfang des 19. Jahrhunderts druckten gemeinnützige Blätter auch Lebensmittelpreise ab, wie es die Intelligenzblätter bereits im 18. Jahrhundert getan hatten. So gaben die Gemeinnützigen Blätter für Freunde des Vaterlandes in der Rubrik »Brod= und Fleischtaxe auch Marktpreise der Stadt Neustadt an der Orla« (1806) meist einmal im Monat die Preise für Getreide, Brot und Fleisch und für weitere Viktualien wie Butter, Eier sowie für Kerzen oder Holz bekannt (ebd.: 133).

Zwei in den Beispielen genannte Themen erweitern das bisher genannte Spektrum der behandelten Lebensbereiche der Leser. Zum einen sprach der Europäische Aufseher die berufliche Karriere innerhalb der Gesellschaft an, zum anderen versprach Der Bote aus Thüringen Hilfe bei juristischen Problemen. 

Die Zeitschriftenblüte des 18. Jahrhunderts

Im 18. Jahrhundert vollzog sich insgesamt eine gewaltige Ausweitung des Buchgeschäfts (Alt 2001: 45) und gleichzeitig eine des Zeitschriftenwesens, sowohl in Form einer Diversifizierung und Spezialisierung als auch bei der Zahl der Zeitschriften, ihrem Gesamt-Druckumfang und der Leseranzahl. Neben räsonierenden politischen und Gelehrten-Zeitschriften entstanden eine Fachpresse, die von der Theologie über die Geschichte bis hin zur Jurisprudenz reichte, sowie kulturelle, philosophische und pädagogische Zeitschriften ebenso wie Jugend- und Frauenzeitschriften (Stöber 2000: 82). Während Bücher ein sehr homogenes, gelehrtes Publikum ansprachen, hatten Zeitschriften spätestens in den 1720er-Jahren ein neues Publikum für weltliche Literatur gewonnen, das bis in die mittleren Schichten der Bevölkerung reichte, welche zuvor vorwiegend religiöse Literatur gelesen hatten. Latein als Veröffentlichungssprache spielte in der periodischen Literatur nur noch eine Nebenrolle. Kenntnisse von Physik, Mathematik und anderen Naturwissenschaften sowie ihre praktische Anwendung und eine vertiefte Kenntnis von Staatengeschichte, der zeitgenössischen Politik und der Geografie stellten sich als neues Bildungsideal der oberen Stände heraus (Böning 2002b: 266).

Die absolute Zahl der aktiven Leser im Zeitalter der Aufklärung war klein und betrug in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nur etwa 100.000 Personen (Alt 2001: 45). Bei einer Gesamtbevölkerung von 21 Millionen Menschen auf dem Territorium des Deutschen Reichs im Jahr 1780 (Kocka 2001: 62) bedeutet dies, dass nur eine von gut 200 Personen selbst gelesen hat, auch wenn der Alphabetisierungsprozess voranschritt und im Jahr 1770 etwa 15 Prozent und um 1800 ungefähr die Hälfte der Bevölkerung schreiben und lesen konnte48 (Alt 2001: 45; Gössmann 1992: 80). Wie Tages- und Wochenzeitungen, die in Schenken, Kaffee-und Wirtshäusern (vor-)gelesen wurden und so eine hohe Leserkontaktzahl pro Exemplar gehabt haben dürften, zirkulierten Zeitschriften in neuartigen Leihbibliotheken, in Kaffeehäusern und Salons (Alt 2001: 45).

Bedeutende Zentren der Zeitschriftenproduktion waren bis ins 19. Jahrhundert hinein Leipzig, Hamburg, Frankfurt am Main sowie Halle/Saale. 30 Prozent aller Zeitschriften könnten Schätzungen zufolge in Leipzig verlegt worden sein. 1789 erschienen in Leipzig annähernd 50 Zeitschriften, zwischen 1790 und 1805 mehr als 180 und von 1806 bis 1815 noch 65 Zeitschriften. Hamburg war allein bis 1720 der Druckort von 35 Zeitschriften. Im späteren 18. Jahrhundert kamen München, Straßburg und Breslau hinzu (Böning 2002b: 265; Stöber 2000: 90; Ufer 2000: 53, 106, 186). Der Druckort spiegelte sich jedoch in den meisten Publikationen nicht in lokal begrenzten Themen wieder, da sich die Zeitschriften an ein überregionales, oft thematisch spezialisiertes Publikum wendeten, das die Exemplare über den Postversand erhielt. Wegen des Titelreichtums im 18. Jahrhundert setzte bald eine Sättigung des Marktes ein, was das Überleben einzelner Publikationen erschwerte. Von der überwiegenden Zahl der Zeitschriften gab es daher nur einige Ausgaben, manche stellten ihr Erscheinen gleich nach der ersten Nummer wieder ein. Die Erscheinungsintervalle waren typischerweise wöchentlich, monatlich oder vierteljährlich mit Auflagen zwischen 200 und 2.000 Exemplaren. Durchschnittlich lag die Auflagenhöhe schätzungsweise bei 600 bis 700 Stück (Wilke 2000: 97f.).

Das 18. Jahrhundert brachte also einen enormen Reichtum an unterschiedlichsten Zeitschriftentypen hervor, der an dieser Stelle nur angedeutet werden kann. Wiederholt gab es Versuche, diese Vielfalt zu kategorisieren. So hat der Litterarische Anzeiger vom 12. Februar 1798 zehn verschiedene Gruppen gebildet: theologische, juristische, medizinische, philosophische, pädagogische, staatswissenschaftliche, Handlungs-, physikalische, Geschichts- und kritische Journale (zit. n. Ufer 2000: 249). Carl Diesch (1927)49 unterschied Zeitschriften vorwiegend wissenschaftlichen und kritischen, unterhaltenden und satirischen Inhalts sowie Zeitschriften der klassischen und romantischen Periode, wissenschaftliche, sprach- und literaturwissenschaftliche, historische Zeitschriften sowie solche vermischten Inhalts. Joachim Kirchner (1977) sortiert die 6.625 aufgenommenen, bis 1830 erschienenen Titel in 23 Kategorien,50 wogegen Jürgen Wilke (2000) die vier Bereiche wissenschaftliche Gelehrtenjournale, historisch-politische Organe, Unterhaltungsblätter und Zeitschriften für Literatur, Theater, Kunst und Musik herausstellt (ebd.: 95) und an anderer Stelle Literarische Zeitschriften gesondert hervorhebt (ebd.: 106). Zur Problematik der Pressekategorisierung siehe hier.

Auf den folgenden Seiten werden schlaglichtartig die markanten Entwicklungen der Frauenzeitschriften, die sogenannte ›nützliche Unterhaltung‹ sowie Familienzeitschriften und Illustrierte vorgestellt. Die Moralischen Wochenschriften, die einen anderen Ursprung als die anderen Zeitschriften aufweisen, wurden als Sonderform bereits in einem eigenen Abschnitt abgehandelt.

Die Frauenzeitschrift

Mit Titeln, die sich gezielt an Leserinnen wendeten, entstand im 18. Jahrhundert der Typ der Frauenzeitschrift. Erste Titel waren Iris (1774 - 1776 und 1778) und Pomona (Untertitel Für Teutschlands Töchter, 1783 - 1784). Sie trugen wesentlich dazu bei, ein weibliches Lesepublikum heranzubilden,­ und dazu, dass sich zunächst der literarische Teil der Öffentlichkeit für frauenspezifische Themen öffnete. Im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts war wegen des schärfer werdenden politischen Klimas nach der Französischen Revolution (1789 - 1792) die Zahl der Frauenzeitschriften rückläufig. Innovationen in der Frauenpresse lassen sich wieder mit den Anfängen der modernen Frauenbewegung nach der Märzrevolution 1848 feststellen (Wilke 2000: 109f., 112, 240). Auf dem Leipziger Zeitschriftenmarkt kam nach 1795 als ein neues Phänomen zudem die Modezeitschrift auf (Ufer 2000: 137).

Das Erscheinen von Frauenzeitschriften, selbst wenn Frauen diese herausgaben, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass in allen Gesellschaftsformen seit der Frühneuzeit erhebliche Ungleichheit und Konflikte zwischen den Geschlechtern herrschten (vgl. hier und folgend Kocka 2001: 105ff.), die bis heute nicht vollständig aufgehoben sind. Alle Führungspositionen in Wirtschaft, Gesellschaft und Staat waren von Männern besetzt. Politische Vereine waren bis 1908 für Frauen verschlossen. Der Ausbau öffentlicher Bildungssysteme kam oberhalb der Volksschule bis in die 1870er Jahre ausschließlich jungen Männern zugute, wogegen höhere Mädchenbildung selten blieb und Privatschulen überlassen war. In allen Bereichen zeigten sich Differenzen zwischen aufeinander bezogenen Rollen: als Erfahrungsunterschied, als Chancen- und Machtdifferenz mit Vorsprung der Männer und Nachordnung der Frauen, als Kooperations-, aber auch als Herrschaftsverhältnis mit entsprechender Über- und Unterordnung. Mit der Industrialisierung,51 der Verstädterung und der Bürokratisierung setzte im 19. Jahrhundert ein Trend zur Spezialisierung, zur Ausdifferenzierung sozialer Rollen und zur schärferen Unterscheidung von Bereichen wie öffentlich und privat, Arbeit und Haushalt sowie Gesellschaft und Staat ein. Die Trennung von Familie und Haushalt auf der einen und außerhäuslicher Erwerbsarbeit auf der anderen Seite verfestigte sich in ›Zuständigkeiten‹ von Frau und Mann für die jeweilige, vermeintlich geschlechtsbezogene Sphäre, was die Geschlechterdifferenz vergrößerte. Die verschärfte Rollentrennung hat das Bürgertum nicht nur am frühesten entwickelt, sondern auch am konsequentesten durchgesetzt. Es etablierte sich speziell dort das Ideal der geschützten, von Erwerbsleben und Öffentlichkeit abgeschirmten Familie als eines wichtigen, abgegrenzten inneren Raums (vgl. Familienblatt). Im 19. Jahrhundert war die Geschlechterdifferenz in gesellschaftlicher, politischer, staatsbürgerlicher und privatrechtlicher Hinsicht insgesamt schärfer ausgeprägt als im späten 18. Jahrhundert.

Die starke Ungleichheit zwischen den Geschlechtern stand im Widerspruch zu den Zielen der Aufklärung des 18. Jahrhunderts, nach denen in einer künftigen Bürger- und Zivilgesellschaft die freie Entfaltung und mündige Mitsprache aller Menschen möglich werden sollte, ungeachtet ihrer angeborenen Merkmale wie Stand, Nationalität und Geschlecht. Diesem Anspruch widersprach die Männerwelt, und sie formulierte die Geschlechtsunterschiede im 19. Jahrhundert in öffentlichen und kulturellen sowie literarischen Diskursen neu, was sich in diversen Publikationen der Zeit wiederfindet (vgl. Gartenlaube). Der weibliche Protest gegen die bestehenden Verhältnisse äußerte sich in Deutschland seit 1848 und erst recht seit den 1860er-Jahren in einer entstehenden Frauenbewegung als ein vor allem bürgerliches Phänomen, das die Mechanismen der bürgerlichen Öffentlichkeit gebrauchte und langfristig an Stärke gewann. Im Kaiserreich (1871 - 1890) setzte eine gewisse gesellschaftliche und wirtschaftliche, nicht jedoch eine rechtliche und staatsbürgerliche Besserstellung der Frauen ein: Seit den 1870er-Jahren stellten öffentliche Träger verstärkt höhere Schulbildung für Mädchen bereit, in den 1890er-Jahren errangen Frauen mühsam die Berechtigung, an Hochschulen zu studieren, und es erschlossen sich neue Berufsmöglichkeiten für Frauen oberhalb der einfachen Lohnarbeit, des Gesindedienstes und der Landarbeit, vor allem in den Erziehungs-, Wohlfahrts- und sonstigen Dienstleistungsbereichen.

Nützliche Unterhaltung

Die Emergenz von Frauenzeitschriften am Ende des 18. Jahrhunderts erfolgte gleichzeitig mit der neuen Tendenz, das Verbreiten von Nützlichem mit Unterhaltung zu verbinden, sodass ›nützliche Unterhaltung‹ als drittes Motiv der Zeitschriftenpublizisten gelten kann, neben einem ökonomischen Antrieb und dem Wunsch aufzuklären, zu räsonieren und gründlich zu informieren (Stöber 2000: 92).52

Einen direkten Einfluss auf die Politik beabsichtigten die Herausgeber aufklärerischer Zeitschriften nicht, sondern eher einen indirekten, indem sich die Gebildeten als ›Magistrate‹ oder ›Deputierte‹ der öffentlichen Meinung verstanden (vgl. Bödeker 1996: 228f.). Die deutsche Aufklärung hat sich von Beginn an, anders als in England und Frankreich, auf die kulturelle Praxis konzentriert, da das Bürgertum als gesellschaftliche Schicht keine ökonomische Macht besaß und politische (Beamten-)Positionen erst im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts besetzte. Die Bürger gingen vorwiegend landwirtschaftlichen Tätigkeiten nach; das galt auch für die Residenzstädte, nicht jedoch für freie Reichsstädte (Alt 2001: 46). Zeitschriften dienten zum Teil auch der Selbstvergewisserung bürgerlicher Gruppen, die sich im Laufe des gesellschaftlichen Wandels voneinander differenzierten. Wie Ufer (2000) zeigt, entwickelte sich im Leipzig des späten 18. Jahrhunderts neben der ›reformkonservativen Elite‹ mit ihren etablierten Zeitschriften eine aufstrebende bürgerliche Schicht der ›reformliberalen Elite‹, die mit einem eigenen Netz neuer Periodika ihre Interessen artikulierte (ebd.: 106).

In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts ist es im deutschen Zeitschriftenwesen zu keiner wesentlichen publizistischen Innovation gekommen. Erwähnenswert ist die 1801 gegründete Zeitung für die elegante Welt (Leipzig 1801 - 1859), die den »falschen Gegensatz zwischen dem Schönen und Nützlichen überwinden« helfen wollte und sich in ihrem Titel namentlich an die wohlhabende Oberschicht richtete (Wilke 2000: 175f.).

Die erste Zeitschrift mit Massenauflagen im modernen Sinn war das Pfennig Magazin der Gesellschaft zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse (Leipzig 1833 - 1855), von dem sich im ersten Erscheinungsjahr wöchentlich bereits 35.000 Exemplare verkauften, später gar 100.000. Es war die deutsche Adaptation des 1832 in London erschienenen Penny Magazine der Society for the diffusion of useful knowledge und war reich mit Holzschnitten bebildert. Unterhaltsam geschriebene Geschichten und Reiseberichte aus fernen Ländern sowie Neues über technische Erfindungen sollten wiederum gemeinnützige Kenntnisse vermitteln. Das Magazin erschloss sich in der gebildeten Mittelklasse neue Leserschichten, die zuvor keine Journale rezipiert hatten (Stöber 2000: 237f.; Bollinger 1996: 30; Hilgenstock 1993: 36ff.; Zahn 1963: 6).

Während Zeitungsleser in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts vor allem von der Neugier angetrieben waren und aus Sensationslust lasen, kam in der zweiten Hälfte die ›reine‹ Wissenslust mit einem ›theoretischen‹ Wissensdrang in ihnen auf, die die neu geschaffenen Zeitschriften bedienten. Am Ende des 17. Jahrhunderts wandelte sich mit dem wirtschaftlichen und geistigen Aufstieg des Bürgertums die Aufklärung immer mehr utilitaristisch im Sinne materieller Wohlfahrt und materiellen Erfolgs; Zeitungen und Zeitschriften wurden in den Dienst alles praktisch-nützlichen Handelns gestellt. Besonders im 18. Jahrhundert bedienten die Periodika die Praxis des täglichen Lebens in den verschiedensten Formen (Groth 1961: 296).

Zusammenfassend hat der Zeitschriftenmarkt zwischen 1750 und 1850 eine erheblich vergrößerte Leserschaft bedient und gleichzeitig eine reiche Palette spezialisierter Publikationen hervorgebracht. Das aufklärerische Gedankengut einer Vielzahl von Verlegern und Autoren wirkte auch nach dem Ende der eigentlichen Epoche (etwa mit der Französischen Revolution) deutlich nach. Die persönliche wie gesellschaftliche Nützlichkeit spielte in den Programmen der Zeitschriften eine erhebliche Rolle, wobei Unterhaltung als Funktion im Laufe der Zeit dazukam. Es ist davon auszugehen: Ein nutzbringender Anspruch ist ein selbstverständlicher Bestandteil im Zeitschriftenjournalismus geworden.

Die Familienzeitschrift und die Illustrierte

Das nach der Revolution 1848 praktizierte, repressive Presserecht53 wirkte sich lähmend auf den Zeitschriftenmarkt aus, sodass man Anfang der 1850er-Jahre von einer Zeitschriftenkrise sprechen kann (Wilke 2000: 238). 1853 erhob sich jedoch mit der Gartenlaube (Leipzig 1853 - 1943, zuletzt als Die neue Gartenlaube) das Familienblatt als neuer Zeitschriftentypus. Obwohl die Gartenlaube zahlreiche Nachahmer fand,54 war sie von Beginn an das unangefochtene Flaggschiff und der Prototyp des Familienblatts. Mit Elementen aus den vorangegangenen Moralischen Wochenschriften und illustrierten Unterhaltungszeitschriften55 wendete sie sich gezielt an die bürgerliche Familie von den Großeltern bis zu den Kindern, die womöglich wegen der Enttäuschung über die gescheiterte Revolution oder wegen der bereits geschilderten Idealisierung der Familie als Ort der Beschaulichkeit besonders angesprochen werden wollten.

Gartenlaube-Gründer Ernst Keil56 (*1816 †1878), der seit den 1830er-Jahren an verschiedenen Zeitschriftenprojekten mitgewirkt und 1845 die erste eigene Zeitschrift Der Leuchtturm, Monatsschrift zur Unterhaltung und Belehrung für das deutsche Volk gegründet hatte, legte die erste Ausgabe noch als Einlage der Zeitschrift Der Illustrirte Dorfbarbier bei. Als eigenständiges, wöchentliches »Illustrirtes Familienblatt« mit 16 Seiten erreichte die Gartenlaube dann schnell außerordentliche Auflagenhöhen (bis 210.000 im Jahr 1867), die Keil unter anderem mit einer neuartigen Abonnentenwerbung erreichte. Dem Blatt wird ein enormer Einfluss mit beispielloser Wirkung auf die Massen unterstellt (Touaillon 1905; zit. n. Zahn 1963: 5). Die Gartenlaube veröffentlichte Vorabdrucke von namentlich »sentimentalen Frauenromanen« und von für die Gartenlaube typischen Novellen verschiedener Autoren und verzichtete auf aktuelle Politik und Tagesfragen. Keil wollte das deutsche Familienleben fördern, Gemeinsinn und Vaterlandsliebe pflegen und außerdem im Nachgang der Volksaufklärung die großartigen Fortschritte der naturwissenschaftlichen Forschung verständlich mitteilen und ihre praktische Verwertbarkeit demonstrieren. Als regelmäßige Autoren besonders erwähnenswert sind Dr. Carl Ernst Bock (*1809 †1874), Professor der pathologischen Anatomie an der Universität Leipzig, der die Artikel über Gesundheitslehre schrieb, und der Reiseschriftsteller Friedrich Gerstäcker (*1816 †1872) mit seinen praktisch beratenden und orientierenden Berichten über fremde Länder und Völker (Wilke 2000: 241ff.; Bollinger 1996: 31; Zahn 1963: 7f.).

Die Familienblätter haben mit ihren konkreten Anleitungen noch einmal ganz deutlich didaktische Ziele verfolgt und dadurch im Kontrast zu den politischen Tageszeitungen und Generalanzeigern eine große Nähe zum Leser geschaffen.

Das 19. Jahrhundert brachte noch weitere Zeitschriftentypen hervor, so Rezensionszeitschriften, Revuen, parteipolitische Wochenblätter, konfessionelle Zeitschriften, Illustrierte und ›Rundschauzeitschriften‹ sowie eine Vielzahl von Special-Interest-Magazinen (Stöber 2000: 81; Wilke 2000: 242ff.). Zwar erschien 1843 bereits die Leipziger Illustrirte Zeitung mit einem aktuelleren Bezug und Bildern (Holzschnitten und Lithografien). Die bis in die Gegenwart reichende Erfolgsgeschichte der Illustrierten begann jedoch erst mit der Berliner Illustrirten Zeitung (1892 - 1945,57 ab 1894 bei Ullstein), weitere erfolgreiche Titel58 haben sie begleitet. In der Lesergunst löste sie die Familienzeitschriften bald ab. Vor allem technische Neuerungen wie die Moment-Fotografie, die Netzätzung für ihre Wiedergabe und der Rotationsdruck, der den langsamen Flachdruck ablöste, brachten die Illustrierte als Massenblatt voran. Im Wettbewerb zwischen ihnen sollte die Abbildungsqualität eine herausragende Rolle spielen. Die Woche führte als erste Zeitschrift das farbige Titelbild ein. Es sei an dieser Stelle herausgestellt, dass die Illustrierte nicht als eine Fortsetzung des Familienblattes in anderer Form zu verstehen ist – die Intention der jeweiligen Herausgeber unterscheiden sich grundlegend: Die Familienblätter wollten unterhaltsame Belehrung und Aufklärung für die Familie bieten, die Illustrierten dagegen Unterhaltung und aktuelle Nachrichtenvermittlung auf dem Weg der Bildreportage und in Anlehnung an die Tagespresse anstreben. Es kam zwar selbst in der Weimarer Republik noch zu einigen Neugründungen von Familienzeitschriften, diese erzielten jedoch keine hohen Auflagen. In der Publikumsgunst lag die Illustrierte vorn, durch die der Bildjournalismus in den 1920er-Jahren eine Blüte erlebte (Stöber 2000: 240, 242; Wilke 2000: 353f., Bollinger 1996: 30, 40; Hilgenstock 1993: 33; Ferber 1982: 5f.).

Beispiele aus Familienzeitschriften

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts herrschte – bei verbesserter Vervielfältigungstechnik – im Zeitschriftenbereich eine ausgesprochen große Vielfalt. Nicht nur mit dem Pfennig Magazin erlebte die Verbreitung nützlicher Kenntnisse hohe Auflagen. In einer Art zweiten Welle der Aufklärung setzten sich die Autoren zu Beginn der Industrialisierung mit den neuesten Ergebnissen der Forschung und den Erfindungen der Technik auseinander. Sie entdeckten die bürgerliche Familie im Ideal ihrer Zeit als Zielpublikum. 1840 trug eine Zeitschrift zum ersten Mal den Namen ›Familienblätter‹ im Titel, und zwar waren es die Familienblätter der vaterländischen Töchterstiftung (Zahn 1963: 6).

Familienblätter waren das zentrale Unterhaltungsmedium der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit der Gartenlaube an ihrer Spitze. Der Herausgebervertrag von 1852 hielt fest: »Als Zweck und Tendenz dieser Zeitschrift wird ausschließlich Unterhaltung und Belehrung, diese aber auch in unterhaltsamer Form, bezeichnet. Politik, rein literarische Kritik und religiöse Polemik bleiben ausgeschlossen.« Herausgeber Keil wollte das deutsche Familienleben fördern und Gemeinsinn und Vaterlandsliebe pflegen, aber den Lesern auch die Errungenschaften und Entdeckungen von Gelehrten wie Alexander von Humboldt (*1769 †1859), Karl Vogt (*1817 †1895), Emil Adolf Roßmäßler (*1806 †1867), Bernhard von Cotta (*1808 †1879), Hermann Masius (*1818 †1893) und Jakob Moleschott (*1822 †1893)59 verständlich vermitteln (ebd.: 7f.). Die Redaktion hielt über die Leserzuschriften intensiven Kontakt mit ihrem Publikum und wusste, dass die Beliebtheit der Zeitschrift auf den Illustrationen, Lebensbeschreibungen berühmter Persönlichkeiten, Vermisstenanzeigen, die das Publikum aufgeben konnte, und sogenannten gemeinschaftsbildenden – also familienbezogenen – Elementen beruhte (Stöber 2000: 238ff.). Die zahlreichen Artikel, denen man praktische Relevanz für das Leben der Rezipienten zuweisen kann, bildeten eine thematische Spannbreite von Gesundheitsfragen über den Haushalt- und Freizeitbereich (z. B. Maulkörbe für Hunde, Formationen für den Eislauf) über rechtliche Hinweise (z. B. wie sich Auswanderer vor ungünstigen Verträgen schützen können; Aufbau eines Testaments) zu Fragen von Bildung und Ausbildung (z. B. Berufschancen für Jungen nach der Seemannsschule; Akademische Berufsarbeit im Ausland; Über die Gefährlichkeit der Ohrfeige; vgl. Hilmer 2004).

Unter Keils Mitarbeitern befanden sich ausgewiesene Experten auf ihrem Gebiet: Roßmäßler war Gründer der ersten Volksbildungsvereine und schrieb über »die wichtigsten und nächstliegenden Fragen aus dem Naturleben«, Carl Ernst Bock (*1809 †1874) war Professor der pathologischen Anatomie an der Universität Leipzig und verfasste Artikel über Gesundheitslehre, Aufsatzzyklen wie »Vom Baue des menschlichen Körpers« und »Gesundheitsregeln«. Mit Hermann Schulze-Delitzsch (*1808 †1883) war ein Vertreter einer volkstümlichen und fortschrittlichen Sozialpolitik mit der »Sache der Genossenschaftswesens« betraut, und als früherer Oberlandesgerichtsdirektor übernahm Jodocus Donatus Hubertus Temme (*1798 †1881) das Gebiet »Rechtspflege und Kriminalpraxis in Preußen«. Die Bereiche Gewerbs- und Maschinenwesen (z. B. Näh- und Mähmaschinen), Chemie sowie Volkswirtschaft und Kulturgeschichte waren ebenfalls­ mit eigenen Fachleuten besetzt (Zahn 1963: 7f.).

Gegen Ende des Jahrhunderts veränderte sich die (natur)wissenschaftliche Forschung dahin, dass sie sich immer weiter spezialisierte und mit der Zeit ihren universalen Charakter verlor. Mit den wachsenden allgemeinen Bildungsangeboten ließ zudem die Triebkraft Volksbildung bzw. -aufklärung nach. Zwar gelang es der Gartenlaube, Forscher wie Max von Pettenkofer (*1818 †1901), Johann Nepomuk Czermak (*1828 †1873) und Rudolf Virchow (*1821 †1902)60 zur zeitweiligen Mitarbeit zu gewinnen, das Aufklärungswerk, als das Bock das Familienblatt bis zu seinem Tod verstanden hatte, setzten sie jedoch nicht fort (ebd.: 12).

Der Mediziner Carl Bock war der Prototyp des praktischen Hausarztes, der in einer »zeitweise geradezu blutrünstig derben Sprache« oder mürrischem Ton (ebd.: 9) Ratschläge erteilte. Seine Artikel »Aus den Sprechstunden eines Arztes« trugen Titel wie:

  • »Der Fettbäuchige und die Wespentaillige«
  • »Eine schlimme Stelle des menschlichen Körpers«
  • »Ärztliche Strafpredigt für Mütter mit Töchtern«
  • »Ärztliche Winke für Jungfrauen und junge Frauen«
  • »An die Dummen, welche nicht alle werden«.

Betrachtet man drei Artikel der Gartenlaube zu Gesundheitsthemen, bietet sich ein genaueres Bild vom Nutzwertjournalismus eines Familienblattes. Untersucht werden die Beiträge:

  • »Die weibliche Kleidung« (von Professor Dr. Carl Ernst Bock, 1855: 213f.) aus der Serie »Gesundheitsregeln« (Faksimile in Klüter 1963: 30f.)
  • »Zur Bekämpfung der hohen Schulter« (1891: 404; ohne Verfasser; Faksimile in ebd.: 139)
  • »Die Hygiene der jungen Mädchen« (von Professor Dr. E. Heinrich Kisch, 1906, 315-319; Faksimile in ebd.: 162ff.).

Das erste Beispiel handelt von schweren Körperschäden, die das Tragen von Korsetts offenbar einst hervorgerufen hat, und davon, welche Ratschläge der Mediziner gibt, um diese zu vermeiden. Der Artikel ist mit zwei Abbildungen illustriert, eine zeigt zwei Leberorgane (»Die gesunde Leber«, »Die verkrüppelte Frauenleber«), die zweite in drei Perspektiven ein vorteilhaftes Korsett (»Ein Schnürleibchen; I von vorn, II von der Seite und III von hinten«). Der Text macht deutlich, dass der Autor Professor Bock seinen medizinischen Standpunkt mit Sachargumenten fundiert und diese – hier mit Abbildungen – belegt. Er spricht Warnungen aus, zeigt die Konsequenzen des aus seiner Sicht falschen Handelns auf und tut dies aus einer Haltung der Vorsorge. Zur Lösung des Problems macht er konkrete Vorschläge einerseits, indem er mit dem Schnürleibchen ein medizinisch akzeptables Ersatzkleidungsstück vorstellt, andererseits indem er weitere Tipps zur Garderobe gibt.

Abbildung A (update: ergänzt): Illustrationen zur Gesundheitsaufklärung: »Die gesunde Leber«, »Die verkrüppelte Frauenleber« (Faksimile aus Gartenlaube 1855, S. 213; aus Klüter 1963)
Abbildung B (update: ergänzt): Illustrationen zur Gesundheitsaufklärung: »Ein Schnürleibchen, von vorn, von der Seite und von hinten« (Faksimile aus Gartenlaube 1855, S. 214; aus Klüter 1963)

Der nächste Artikel stammt aus dem Jahr 1891. Ein (zumindest auf der Seite mit dem Artikel) nicht namentlich genannter Autor greift das Thema der Wirbelsäulenverbiegung mit Verdrehung der einzelnen Wirbelkörper und Versteifung in diesen Abschnitten (Skoliose) bei meist weiblichen Jugendlichen auf, die eine hohe Schulter zur Folge hat. Zwei Abbildungen, auf die sich der Text ausdrücklich bezieht, illustrieren die Funktionsweise des vorgestellten »orthopädischen Turnapparates zum Gebrauche in der Familie« (»Fig. 1. Hängen am Wirbelsäule-Strecker«, »Fig. 2. Ellbogenstellung im Wirbelsäule-Strecker«). Neben den für den ersten Beispieltext ermittelten Punkten – Beschreibung des Problems und seiner Ursachen, medizinische Argumentation, Warnung vor bzw. Aufzeigen der Konsequenz falschen Handelns, Blickwinkel der Prophylaxe – weist der Autor im zweiten Beispieltext auf grundlegende Literatur zum Thema hin, die die Gartenlaube-Redaktion teils bereits rezensiert hatte. Damit dürfte ein breiteres Publikum angesprochen sein als jenes, das tatsächlich für den Kauf eines Wirbelsäule-Streckers infrage kommt. Wesentlich ist ferner der Hinweis an das Publikum, sich ein ärztliches Urteil einzuholen, der in den medizinischen Beiträgen der Gartenlaube von Beginn an und regelmäßig zu finden ist. Heute noch gehört es zur etablierten Praxis medizinischer Ratgeberliteratur, die Leser vor Selbst- oder Ferndiagnosen zu warnen und sie stattdessen zum Arzt zu schicken.

Abbildung C (update: ergänzt): Illustrationen zur Gesundheitsaufklärung: »Hängen am Wirbelsäule-Strecker«, »Ellenbogenstellung im Wirbelsäule-Strecker« (Faksimile aus Gartenlaube 1891, S. 404; aus Klüter 1963)

Das dritte Beispiel stammt aus dem Jahr 1906 und behandelt »die Hygiene der jungen Mädchen«. Ausgehend vom Symptom der Bleichsucht gibt der Autor eine Reihe von Empfehlungen für die verschiedensten Lebensbereiche. Nach Meyers Konversationslexikon von 1888 ist

»Bleichsucht (Chlorose), eine Art der allgemeinen chronischen Blutarmut [...], welche vorzugsweise bei heranwachsenden Mädchen, aber auch bei jungen Männern vorkommt und weniger aus einer Verminderung der Blutmenge als aus einer mangelhaften Ernährung der Gewebe und Organe beruht. Als Ursache liegt der B. stets eine dürftige Anlage des Gefäßapparats, besonders des Herzens, zu Grunde (Virchow) [...]«.

Bleichsucht würde heutzutage vermutlich als Eisenmangelanämie diagnostiziert. Der Begriff Hygiene wird in dem Artikel im Sinne der Gesundheitslehre gebraucht und nicht mit der Bedeutung Reinlichkeit/Körperpflege. Wieder stellt der Autor die Relevanz des persönlichen Urteils eines ausgebildeten Mediziners heraus. Ein Teil seiner Empfehlungen ist konkret, etwa dazu, welche Lebensmittel oder Sportarten sich für eine gesunde Lebensweise eignen, andere Ratschläge bleiben dagegen im Ungenauen, wenn es beispielsweise um die optimale Dauer des Schlafs geht.

Wie die Beispiele zeigen, haben die Familienzeitschriften Nutzwertjournalismus betrieben und einen begründeten, auf Expertenwissen basierenden und konkreten Einfluss auf die Sphäre der Leser ausüben wollen. Die Themenpalette scheint alle Bereiche abzudecken, zu denen sich unter zensurähnlicher Kontrolle zu den damaligen gesellschaftlichen Bedingungen etwas veröffentlichen ließ.


32 Etwa Friedrich Schlegel (*1772 †1829) und Novalis (Georg Philipp Friedrich Freiherr von Hardenberg, *1772 †1801).

33 Kurztitel; vollständiger, je nach Monat variierender Titel: Schertz- und ernsthaffter, Vernünfftiger und Einfältiger Gedancken, über allerhand Lustige und nützliche Bücher und Fragen erster Monath oder Januarius, in einem Gespräch vorgestellet von der Gesellschaft der Müßigen (Rühl 1999: 92).

34 Joachim Kirchner (*1890 †1978) erwarb sich unbestreitbar zeitschriftenbibliografische und -geschichtliche Verdienste. Doch er trat seit 1933 als kämpferischer Nationalsozialist auf, befürwortete die Bücherverbrennung und war Mitglied der NSDAP und der SA (Kutsch 2006: 83, 92f.). Vor diesem Hintergrund muss seine wissenschaftliche Arbeit höchst kritisch betrachtet werden, da unklar ist, inwiefern die ideologische Einstellung sein wissenschaftliches Handeln beeinflusste.

35 Beispielhafte wissenschaftliche Entdeckungen: 1666 Gravitationsgesetze (Sir Isaac Newton), 1675 Lichtgeschwindigkeit (Olaf Christensen Römer), um 1700 Wahrscheinlichkeitsrechnung (Jakob Bernoulli), 1735 Natürliches System der Lebewesen (Carl von Linné), 1747 Zuckergehalt der Rübe (Andreas Sigismund Marggraf), 1790 Berührungselektrizität (Luigi Galvani).

36 Zeitschriften spielen bis heute eine elementare Rolle für die Kommunikation innerhalb der wissenschaftlichen Fächer. Selbst während großer gesellschaftlicher Umbrüche oder nach Kriegen war die universitäre Forschung bemüht, das wissenschaftliche Zeitschriftenwesen aufrechtzuerhalten oder wieder herzustellen. So zieht Gerhard Menz, Leiter des Instituts für Publizistik an der Universität Leipzig, 1947 »mit Genugtuung« die Bilanz, dass selbst mit einer geringeren Anzahl von Titeln unschwer dieselbe publizistische Leistung zum Besten der Wissenschaft erreicht werde wie vor dem Zweiten Weltkrieg – noch bevor der Bereich der Unterhaltungszeitschriften wiederbelebt sei (Menz 1947/1996: 131).

37 Bspw. Der Patriot (Hamburg, 1724 - 1726), Vernünftige Tadlerinnen (Leipzig 1725 - 1726), Biedermann (vermutl. Leipzig 1727 - 1729), Der vernünfftige Träumer (Hamburg 1732), Der Schmeichler (Hamburg 1733).

38 Bspw. De moraliseerende Kröger (Altona, 1750 - 1752), De unpartheyische Thogieker an de Elve (Hamburg oder Altona 1751), De critiserende Staffetrüder (vermutl. Hamburg 1752), De moraliseerende Wientapper (Altona 1760), De Slömer (Hamburg um 1747; Böning 2002a: 203ff.).

39 Bspw. Vernünfftler und Gegen-Vernünfftler in Hamburg (Böning 2002b: 265).

40 Hamburgisches Magazin, Jg. 1756, 532f. (zit. n. Böning 2002a: 180).

41 Die Pressegeschichte nennt als herausragende Titel Die Oeconomische Fama (1729 - 1733, von Justus Christoph Dithmar), die Oeconomischen Nachrichten (Leipzig 1749 - 1763, von Peter Freiherr von Hohenthal), die Zeitung für Städte, Flecken und Dörfer, insbesondere die lieben Landleute (Kurztitel Rothe Zeitung, Wolfenbüttel ab 1786) des Braunschweiger Pfarrers Hermann Werner Dietrich Braess sowie die Leipziger Sammlungen (Leipzig, 1742 - 1767). Die protestantische Kirche und insbesondere Landpfarrer spielten für die ›Bauernaufklärung‹ eine besonders große Rolle (Jørgensen et al. 1990: 79f.).

42 So die Hannoverschen Beyträge zum Nutzen und Vergnügen (1759 - 1762; Wilke 2000: 113).

43 Bspw. Schwäbischen Nachrichten von Oeconomie- Cameral- Policey- Handlungs- Manufactur- Mechanischen und Bergwercks-Sachen (Stuttgart 1756 - 1757; Wilke 2000: 114).

44 Bspw. Der Arzt (1759 - 1764, von Johann August Unzer) und Der Landarzt (Mitau 1765, von Peter Ernst Wilde; Wilke 2000: 113).

45 Bspw. Der Physikalische und oekonomische Patriot (Hamburg, mind. 1757 - 1758; Böning 2002a: 192).

46 Becker hat als Buchautor zahlreiche Ratgeber veröffentlicht, etwa eine Enzyklopädie der Land-und Hauswirtschaftsratschläge (Wilke 2000: 91) sowie das Noth- und Hülfsbüchlein für Bauersleute; welches lehret, wie man vergnügt leben, mit Ehren reich werden, und sich und andern in allerhand Nothfällen helfen könne; alles mit glaubwürdigen Geschichten und Beyspielen erklärt und bewiesen durch einen dem lieben Bauernstande redlich zugethanen Bürger Augsburg 1788f.; Böning 2004b: 9).

47 Wie in den Zeitschriften spielte das Thema Gesundheit eine wesentliche Rolle in nicht perio­dischen Schriften der Volksaufklärung. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts erschienen weit mehr als 1.000 Schriften der medizinischen Sachliteratur (Böning 2004c: 11).

48 Im Umgang mit solchen Zahlen ist äußerste Vorsicht geboten: Schätzungen über die Lesefähigkeit beruhen häufig auf Zählungen von Schulbesuchen, wobei Besuchsdauer, Qualität und anschließender Gebrauch der Fähigkeit nicht bekannt sind, oder werden bei archivierten Verträgen, Urkunden etc. davon abgeleitet, ob die Personen mit eigenhändiger Signatur oder einem Kreuz unterschrieben haben – auch dies sagt nichts darüber aus, ob und wie die Personen mit Literatur umgingen.

49 Diesch, Carl (1927): Bibliographie der germanischen Zeitschriften. Leipzig (zit. n. Ufer 2000: 54).

50 Diese sind: allgemeinwissenschaftliche Zeitschriften und Blätter des Buchhandels, philosophische, pädagogische, philologische, historische und geografische, historisch-politische, theologische, juristische, staats- und privatwirtschaftliche, ökonomische und forstwirtschaftliche, medizinische, naturwissenschaftliche und mathematische, technische und gewerbetechnische, militärwissenschaftliche, Musik-, archäologische und Kunst-, Theater-, literarische und literaturwissenschaftliche Zeitschriften, periodische Sittenschriften, unter-haltende und belehrende, Frauen-, Modezeitschriften und kleinere Zeitschriftengruppen (Freimaurer-Zeitschriften, Judaica, Magica; Kirchner 1969).

51 Die Industrialisierung in Deutschland lässt sich grob in drei Phasen einteilen: 1) spätes 18. Jahrhundert bis 1830er/1840er Jahre: vorindustrielle Jahrzehnte mit konservativer Wirtschaftshaltung; 2) 1830er/1840er Jahre bis 1870er-Jahre: Durchbruchphase mit (rein) liberalem Wirtschaftssystem durch die Einführung der Gewerbe- und Handelsfreiheit; 3) 1870er-Jahre bis Erster Weltkrieg: Hochindustrialisierung, Abschottung des neuen deutschen Reichs durch Schutzzölle sowie Gründung von Kartellverbänden und Genossenschaften (Gössmann 1992: 106f.; Kocka 2001: 50ff.).

52 Beispiele für Zeitschriften dieser Kombination sind der Volksfreund, eine Monatsschrift zur angenehmen und nützlichen Unterhaltung (Leipzig 1790 - 1805, von Carl Friedrich Lucius), die Angenehmen und lehrreichen Unterhaltungen in den Abendstunden (Leipzig 1803, von G. A. Kühl) und Amphion oder der verwandelte Merkur (Leipzig 1805 - 1837, von Johann Friedrich Fischer), die alle drei sehr ähnlichen Inhalt aufwiesen (Ufer 2000: 141, 151).

53 Das Presserecht war in den deutschen Ländern bis 1874 sehr uneinheitlich. In den 300 großen, kleinen und kleinsten, geografisch oft nicht geschlossenen Staaten, Reichsstädten und reichsritterschaftlichen Gebieten des 17. und 18. Jahrhunderts mit unterschiedlichen Regierungsformen wurde die Zensur alles Gedruckten unterschiedlich gehandhabt, sie war unüberschaubar und unberechenbar. Im Absolutismus des 17. Jahrhunderts war schon die bloße Wiedergabe rein tatsächlicher Mitteilungen über innenpolitische Vorgänge grundsätzlich untersagt. In den Ländern waren jeweils verschiedene Behörden mit der Zensur beauftragt, und die Richtlinien, nach denen die Zensur verfuhr, wurden je nach Einstellung des Zensors ausgelegt. Während Verleger von Büchern die unterschiedliche Handhabung teilweise für sich nutzen konnten, indem sie die Werke in einem aktuell liberalen Staat drucken ließen, stellte dies für die periodische Presse wegen der partiell vorhandenen lokalen Gebundenheit und Aktualitätserfordernissen ein Problem dar. Die Besetzung durch fremde Mächte verschärfte die Lage meist, so konnten selbst im ansonsten liberalen Hamburg unter französischer Besatzung nur zweisprachige Blätter unter der Aufsicht der französischen Behörden erscheinen. Nach der Märzrevolution 1848 herrschte erstmals in Deutschland – formal betrachtet – uneingeschränkte Pressefreiheit. Die einzelnen Regierungen installierten jedoch sogleich unter der Vorgabe, einen Missbrauch der Pressefreiheit zu verhindern, mit Pressegesetzen und Verordnungen zahlreiche Mechanismen der Pressekontrolle, sodass die Verleger sich stärker eingeschränkt sahen als zu Zeiten der Zensur. Nun übernahmen Polizei- und Verwaltungsbehörden die Pressekontrolle erster Hand, auch wenn die abschließende Entscheidung über ein Verbot meist bei den Gerichten lag. Acht Instrumente der Kontrolle lassen sich hervorheben: 1. sukzessive Solidar-(Kollektiv-)Haftung vom Autor über den Herausgeber zum Drucker mit der Aufforderung zur Denunziation; 2. Belegexemplare und praktizierte Vorzensur (ausgedehnte polizeiliche Beschlagnahmepraxis); 3. Drohung mit Widerruf der Konzession; 4. Kautionspflicht (durch das Bundespreßgesetz von 1854 mit bundesweiter Wirkung) und Debitentzug; 5. administratives, nicht gerichtliches Verbot auswärtiger Schriften; 6. flächenweite, grenzüberschreitende Fahndung nach besonders verpönten Druckschriften; 7. Strafverfolgung auswärtiger Schriftsteller und Redakteure (in Abwesenheit); 8. Kontrolle des Hausierhandels. Die neuartigen Eingriffsmittel erwiesen sich als wirksamer als das vorrevolutionäre Präventivsystem (Vorzensur). Erst das Reichspressegesetz von 1874 löste die 27 einzelnen Landespressegesetze ab und hob die früheren Beschränkungen weitgehend auf. Polizei- und Verwaltungsbehörden traten zugunsten der Gerichte zurück (Böning 2002a: 456; Vierhaus 1996: 447, 449; Bollinger 1995: 48; Jørgensen et al. 1990: 92; Siemann 1990: 66ff.).

54 Bis 1870 erschienen mindestens 66 Familienblätter, darunter (Gründungsjahr): Über Land und Meer (1858), Daheim (1864), Das Buch für Alle (1865), Vom Fels zum Meer (1881; Wilke 2000: 243; Hilgenstock 1993: 37).

55 Als ein Vorläufer des Familienblatts kann Unterhaltungen am häuslichen Herd gelten (ab Sept. 1852, Leipziger Brockhaus-Verlag; Stöber 2000: 238; Wilke 2000: 241).

56 Zur Biografie von Ernst Keil und zu seinen Motiven bei der Gründung der Gartenlaube siehe Zahn (1963: 7).

57 Die erste Ausgabe (Probenummer) erschien am 14.12.1891.

58 Etwa Die Woche (1899 - 1943), Das Illustrierte Blatt (1905 - 1913, Bilderbeilage zur Kleinen Presse), Das Illustrierte Blatt (1913 - 1931), Illustrierte Westdeutsche Zeitung (1909 - 1922 und 1926 - 1942; ab 1910 als Die Wochenschau, ab 1932 Wochenschau – Westdeutsche Illustrierte Zeitung; Hilgenstock 1993: 37f.).

59 Von Humboldt: Begründer neuer Disziplinen wie Geografie, Klimatologie und Ozeanografie; Vogt betonte die Abhängigkeit der psychischen Funktionen vom Gehirn, weshalb die Seele mit dem Tod vergehe; Roßmäßler: »Der naturgeschichtliche Unterricht – Gedanken und Vorschläge zu einer Umgestaltung desselben« (1860), »Der Wald« (1862); von Cotta: Geologe, »Geognostische Karte von Sachsen« (1832 - 1845), »Deutschlands Boden, sein geologischer Bau und dessen Einwirkung auf das Leben des Menschen«, Bd. 1-2 (1854 und 1858); Masius: Pädagoge, »Die Einwirkungen des Humanismus auf die deutschen Gelehrtenschulen« (1862); Moleschott: Vertreter des mechanischen Materialismus, Professor der Physiologie in Zürich (ab 1856), Turin (ab 1861) und in Rom (ab 1879).

60 Von Pettenkofer: erster deutscher Professor für Hygiene, erbaute in München von 1876 bis 1879 das erste Hygieneinstitut, entdeckte 1844 das Kreatinin, einen wichtigen Bestandteil des Muskelgewebes; Czermak: Professor für Physiologie in Krakau, Wien, Budapest, Prag, Jena und Leipzig; Virchow: Gründer der modernen Pathologie.