1.6.2 Die Zeitung

Flugblätter und Messrelationen des 16. Jahrhunderts bildeten die Vorläufer einer periodischen Presse in Deutschland. Während Flugblätter oder -schriften, zum Teil illustriert, ereignisbezogen erschienen, somit aktuell und zumeist auf die Sensation gerichtet waren (Dussel 2004: 11; Stöber 2000: 59), kamen sogenannte Mess- oder Semestralrelationen regelmäßig, aber nur zwei Mal im Jahr, auf den Markt, wenn sich das wirtschaftliche Leben auf Frühjahrs- und Herbstmessen konzentrierte (z. B. Leipziger Messe). In solchen Chroniken dokumentierten die Herausgeber die politischen Ereignisse des vergangenen halben Jahres (Weber 2002a: 41).

Ebenfalls bereits im 16. Jahrhundert war ein Korrespondentennetz über Europa gespannt, in dem politische und Wirtschaftsinformationen in handgeschriebenen Briefen per Post kursierten. In der Sprache der Frühen Neuzeit trugen solche Nachrichten synonym die Bezeichnung ›Zeitungen‹, die sich Ende des 14. Jahrhunderts aus dem Wort ›Tydinge‹ für Ereignisse der Gegenwart, sodann für eine Nachricht über ein solches Ereignis, eine Botschaft, einen Bericht, eine Neuigkeit entwickelte hatte (Bernhard 1989: 13). Die chirografischen Nachrichtenbriefe wurden in Schreiberwerkstätten vervielfältigt, wobei eine Schreiberhand wöchentlich 10 bis 15 Abschriften bewältigen konnte (Weber 2002a: 33), und mit einer Gewinnspanne an ein lesefähiges Publikum verkauft, wie es vorwiegend in den Städten existierte (Dussel 2004: 13).

Um die Auflage und damit den Gewinn zu erhöhen, verfiel der Drucker Johann Carolus (*1575 †1634) in der Reichsstadt Straßburg auf die Idee, die handschriftlichen »Zeitungen« wöchentlich zu sammeln und durch Druck zu vervielfältigen. Im Jahr 1605 beantragte er beim Straßburger Rat das Privileg zum Zeitungsdruck, es gilt als Gründungsjahr der gedruckten Zeitung (Stöber 2000: 60), auch wenn der Antrag auf das Recht zum Zeitungsdruck abgelehnt wurde (Dussel 2004: 11). Vollständig überlieferte Exemplare gedruckter Zeitungen liegen aus dem Jahr 1609 vor: die Relation des Carolus und der Aviso Relation oder Zeitung (kurz: Aviso) des Julius Adolph von Söhne (†1616) mit dem wahrscheinlichen Druckort Wolfenbüttel, ohne dass dieser genannt wurde (Dussel 2004: 12; Weber 2002a: 33; Stöber 2000: 62; Rühl 1999: 92). Andere Relationen und Avisen folgten.

Die Drucker verwendeten damals die Begriffe Zeitung, Nachricht, Avisen und Relationen synonym. ›Avis‹ war eine briefliche Meldung, avisieren bedeutet etwas ankündigen, ›relatio‹ war die Berichterstattung und leitet sich von referieren (›wiedergeben‹) ab (Stöber 2000: 58f.). Die Auflagen betrugen 250 bis 400 Exemplare, wodurch die Stückkosten gegenüber der handschriftlichen Vervielfältigung beträchtlich sanken (Weber 2002a: 33). Berücksichtigt man die damaligen Möglichkeiten, erfüllte diese frühe Presse die Kriterien Aktualität, Periodizität, Publizität und Universalität. Anders als die illustrierten Flugblätter gaben die Avisen und Relationen ihre Korrespondenzen unkommentiert wieder – selbst wenn diese widersprüchlich waren (Stöber 2000: 59, 65).

Der Abdruck der Nachrichten erfolgte in der Reihenfolge des Posteingangs. In der Überschrift standen meist Absendeort und -datum. Zwischen weniger Wichtigem und dem Relevanten unterschieden die Drucker und Herausgeber erst ab dem späten 17. Jahrhundert, als genügend Nachrichten zur Auswahl standen. Die Meldungen aus einer Anzahl europäischer Städte betrafen etwa zur Hälfte Vorgänge der großen Politik, vorwiegend als Hofnachrichten unter besonderer Berücksichtigung der höchsten Würdenträger. Vom Stil her ›trocken‹ und ›nüchtern‹16 gelten die Berichte als sehr zuverlässig, da sich die Korrespondenten meist im Kreis der politischen und militärischen Macht bewegten (Weber 2002a: 33; Stöber 2000: 62ff.).

Es liegen kaum mehr originale Nachrichtenbriefe vor; unklar ist daher, ob die Zeitungsdrucker die Korrespondenzen weitgehend unverändert abdruckten, oder ob sie diese bearbeitet und auf den Leser abgestimmt haben, wie es ihnen Kranhold (2002: 173) unterstellt. Auslandspolitik und Vermischtes bilden in der Hauptsache den Inhalt. Von den Verhältnissen im eigenen Land ist kaum die Rede, Lokalberichterstattung wird erst im 18. Jahrhundert einen nennenswerten Umfang einnehmen.17 Im Vermischten finden auch Skandal- und Wundergeschichten Platz (Bollinger 1995: 46ff.).

Bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts breitete sich die periodische politische Nachrichtenpresse flächendeckend über den deutschen Sprachraum aus; auch in anderen Ländern Europas etablierten sich politische Wochenzeitungen.18 Der Dreißigjährige Krieg (1618 - 1648) hatte das Bedürfnis nach Zeitungen genährt (Kutsch/Weber 2002: 7), und indem wie in Frankreich Fortsetzungsromane erschienen, vergrößerte sich die Verbreitung der Zeitungen wesentlich (Bollinger 1996: 30). Die Nachfrage nach Neuigkeiten war so groß genug, um in manchen Städten miteinander konkurrierende Zeitungen zuzulassen. Frankfurt am Main war – seit 1620 – die erste Stadt mit zwei Zeitungen. Die Postdienste verbesserten sich im Laufe des 17. Jahrhunderts und mit ihnen die Avisen und Relationen. Die Herausgabe eigener Zeitungen neben dem Buchdruck war für die Drucker bereits im 17. Jahrhundert kommerziell hoch interessant, da sich Gewinnspannen von bis zu 500 Prozent erwirtschaften ließen (Stöber 2000; Rühl 1999: 101).

Über die Zeitungen der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts wird nicht von Elementen berichtet, die darauf ausgerichtet sind, den Leser in seinem Alltagsleben praktisch zu unterstützen. Ebenfalls sprachen sie ihn nicht als Konsumenten im Wirtschaftssystem an, wobei zu beachten ist, dass es Verbraucher in einem Marktsystem, wie wir es heute kennen, ohnehin erst seit der Industrialisierung gibt.

Belehrende Publikationen gab es schon vor dem 17. Jahrhundert, aber erst im ausgehenden 17. Jahrhundert bekam das Bestreben einen allgemeinen Zug (Groth 1961: 329). Die Zeitungen und Zeitschriften des 17. Jahrhunderts boten der »praktischen Wissbegier« (vgl. hier) nicht viel und bedienten stärker die »theoretische Wissbegier«. Politische Nachrichten waren in den absolutistischen Staaten nicht praktisch umsetzbar, Wirtschaftsnachrichten allenfalls für Bankiers interessant. Die Leser verwerteten Zeitungsstoff zuerst pädagogisch zugunsten theoretischen Wissens (ebd.: 294f.), später entwickelte sich der Wunsch nach praktischer Beratung (ebd.: 329f.).

Mit der Buchkritik begannen Zeitungen während der Aufklärung, das Räsonnement zu klaren und entschiedenen Stellungnahmen zu verwenden. Bald begnügte sich der Belehrungseifer der Zeit nicht mehr mit der Vermittlung von Kenntnissen und der Pflege der allgemeinen Bildung, sondern ging zur praktischen Nutzanwendung und Beratung über. Das Räsonnement erlaubte es, die operative Beratung mit Urteilen zu verbinden, zu loben und zu tadeln, das Richtige und Nützliche zu empfehlen und das Falsche und Schädliche abzustellen, Bedingungen aufzuzeigen, Schlussfolgerungen zu ziehen, Erfahrungen zu erläutern und Reformen vorzuschlagen. Das Bestreben nach Belehrung und Beratung griff auf alle Teile der Zeitung und alle Arten von Zeitschriften über (ebd.: 330f.).

Die Tageszeitung

In Leipzig, wo verschiedene Postlinien zusammentrafen und ein hohes Nachrichtenaufkommen herrschte, gab der Buchhändler Timotheus Ritzsch (*1614 †1678) bis 1650 viermal pro Woche die Wöchentliche Zeitung heraus. Nach dem Abzug der damaligen militärischen Großmacht Schweden, die Leipzig von 1642 bis 1650 besetzt hatte, veröffentlichte Ritzsch seit dem 1. Juli 1650 mit einem zehnjährigen Privileg des sächsischen Kurfürsten erstmals ein Blatt sechsmal in der Woche: die Einkommenden Zeitungen. Es existierte bis spätestens 1652 und gilt als die erste Tageszeitung der Welt (Dussel 2004: 13; Kutsch/Weber­ 2002: 7; Weber 2002b: 141; Bollinger 1995: 84). Das Zeitungsdrucken war ein lukratives Geschäft, und so versuchten in den folgenden Jahren der Postmeister Christoph Mühlbach und der Drucker George Kormart das Recht zu erstreiten, anstelle von oder neben Ritzsch ebenfalls­ Zeitungen herausgeben zu dürfen. Es entstanden eine Reihe verschieden titulierter Objekte,19 die mit einem Umfang von vier Seiten ab Januar 1660 werktäglich, ab April 1660 sogar sonntags erschienen (Weber 2002b: 146f.).

Eine derart hohe Erscheinungsfrequenz war deutschlandweit jedoch die Ausnahme. Im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts erschien mehr als die Hälfte der Zeitungen zweimal wöchentlich (Dussel 2004: 13), das zweimalige Erscheinen pro Woche war am Ende des Jahrhunderts noch die Regel und erhöhte sich im 18. Jahrhundert mehr und mehr auf drei, am Ende auch auf vier Ausgaben pro Woche. Die Mehrzahl der Zeitungen hatte noch im 18. Jahrhundert einen Umfang von vier Seiten pro Ausgabe (Wilke 2000: 82f.).

Keine einhundert Jahre nach dem Erscheinen der ersten Zeitung war diese periodische Presse schon Gegenstand theoretischer Überlegungen der Publizistik: Der Lyriker, Sprachforscher und Verfasser von Ratschlagsliteratur Kaspar Stieler (*1632 †1707) verfasste mit Zeitungs Lust und Nutz im Jahr 1695 das erste umfassende Lehrbuch der Nachrichtenpresse (Weber 2002b: 142). Darin schätzte er die gesellschaftspolitische Funktion der Zeitung ein: Sie soll allen Ständen in allen Lebenslagen zu einem Wissen verhelfen, das als Grundlage für soziale Anschlusskommunikation und begründetes Handeln dienen kann. Er unterschied bereits verschiedene Teilpublika einerseits der damaligen Gesellschaftsstruktur entsprechend (Kaufleute, hohe Politiker, Militär, Kirche, Bildungsträger, weibliches Publikum) und andererseits nach Orten und Situationen, in denen das Publikum Handlungen ausübt (im Haus, auf der Reise, in Unglücksfällen, beim geselligen Zusammensein, im Staatsdienst) (Rühl 1999: 93f., 100).

Stieler war kommerziell erfolgreicher Autor gebrauchsverständlicher Ratschlagsbücher in mehreren Auflagen20 und muss sich über die Ratgeberfunktion der Presse im Klaren gewesen sein, selbst wenn er diese nicht ausdrücklich nannte. Ihm kann eine gute Kenntnis der zeitgenössischen Presselandschaft sowie der Publika unterstellt werden. Sein Hauptwerk war Der Teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs oder Teutscher Sprachschatz, ein Lexikon mit 60.000 Einträgen.

Im 18. Jahrhundert reihten die Herausgeber nach wie vor die eingelaufenen Nachrichten bei der Drucklegung lediglich unter der Angabe von Herkunftsort und Datum der Korrespondenz aneinander. Mitunter gab es jedoch erste Ansätze, den redaktionellen Inhalt zu gliedern. Auch führte der Hamburgische unpartheyische Correspondent als erste Zeitung in Deutschland eine thematische Erweiterung zu einer Art Kulturressort ein. Die Menge des redaktionellen Stoffs wuchs im 18. Jahrhundert erheblich an. Inhaltlich bestanden die Zeitungen zum größten Teil aus politischer Berichterstattung, Lokales blieb weitgehend ausgeblendet.21 Wie Wilke schätzt, sind im späten 18. Jahrhundert in Deutschland Woche für Woche insgesamt mindestens 300.000 Zeitungsexemplare pro Erscheinungsintervall gedruckt und verbreitet worden. Bei angenommenen zehn Lesern pro Zeitungsexemplar erreichten sie drei Millionen Menschen (Wilke 2000: 83f., 87 und 93).

Obwohl es im Bereich der Literatur und auch bei Gelehrten Zeitschriften durchaus Publikationen mit Ratgeber- und Hinweisfunktionen gab, die das Wohl der Rezipienten im Auge hatten, haben Zeitungen erst in den 1710er-Jahren allmählich derartige Beiträge aufgenommen, und zwar in Form Gelehrter Artikel.

Der Gelehrte Artikel

Die Zeitungen gaben die Meldungen weiter unkommentiert wieder. Im Zuge der Aufklärung (siehe hier) machten sich die Redakteure jedoch Gedanken darüber, wie sie den Lesern das Verständnis der Lektüre erleichtern könnten. Daniel Hartnack (*1642 †1708), Professor, Pastor und Redakteur der Hamburger Relation aus dem Parnasso, hatte 1688 angeregt, dass in Zeitungen mit Endnoten am Schluss des Blattes »Historische und politische Anmerckungen beygefüget würden«.22 Als eine Wochenzusammenfassung druckte die Leipziger Zeitung am Wochenende einen vierseitigen »Extract Derer in der […] Woche einlauffenden Nouvellen«. Manche politische Nachrichten des »Extracts« versahen die Redakteure mit ausführlichen gelehrten Erläuterungen historischen, biografischen, genealogischen oder geografischen Gehalts. Hier bahnte sich die Entwicklung des »Gelehrten Artikels« an, wie er spätestens 1712 im Aviso. Der Hollsteinische unpartheyische Correspondente Durch Europa und andere Teile der Welt zu finden ist (Weber 2002b: 148f.).

Der Gelehrte Artikel war als spezifische Textgattung seit 1731 im Hamburgischen unpartheyischen Correspondenten unter wechselnden Titeln und Leitern ein fester Bestandteil der Zeitung. Anfangs setzte sich sein Inhalt wechselhaft und inhomogen zusammen und bestand aus eigenen oder nachgedruckten Buchbesprechungen, Wissenschafts- und Kunst-Nachrichten sowie gelegentlich anderen Kritiken. Der Gelehrte Artikel fungierte im Hamburgischen unpartheyischen Correspondenten als Podium bürgerlicher Aufklärung mit dem Einsatz empirischer Forschung und logischer Beweise und einem Engagement für eine vernunftgemäße ›bürgerliche‹ Ethik sowie für praktische und sozialpolitische Verbesserungen und Reformen. 1736 bestand immerhin ein Viertel des Zeilenumfangs dieser Zeitung aus Gelehrten Artikeln. Seit den 1740er-Jahren übernahmen andere deutsche Zeitungen diese Textgattung, die Hochphase des Gelehrten Artikels war mit dem Ende der Aufklärung in den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts vorüber (Wilke 2000: 87f.).

Die Zeitung des 19. Jahrhunderts

Das 19. Jahrhundert war geprägt von einer zunehmenden allgemeinen Alphabetisierung und Volksbildung. Im Pressebereich verbesserten sich Post- und Kommunikationsstrukturen23 und die Druck- und Wiedergabetechnik24, sodass die Zeitungen ihre Berichterstattung erheblich ausweiten konnten. Sie vergrößerten Formate und Umfänge, veröffentlichten verstärkt Anzeigen und nahmen mehr Beilagen auf. Anders als in den vorangegangenen Jahrhunderten war es für den Leser zunehmend schwer, das Nachrichtenangebot einer Zeitung vollständig zu erfassen: Er kam unter den Zwang zu selektieren. Um ihm dies zu erleichtern, führten die Zeitungen im 19. Jahrhundert die Rubrizierung in Leit- oder Übersichtsartikel ein, in deutsche, dann ausländische Nachrichten, Lokales, Handelsteil und Vermischtes (Stöber 2000: 163). Intelligenzblätter und gemeinnützig-ökonomische Zeitschriften hatten bereits im 18. Jahrhundert über das Wirtschaftsgeschehen berichtet, wodurch der Wirtschaftsjournalismus früh als eigenständiger Bereich innerhalb des Mediensystems erkennbar wurde (Spachmann 2005: 90). Die (Tages-)Zeitungen haben die Wirtschaftsberichte erst verhältnismäßig spät in ihr Programm aufgenommen. Seine Ursprünge hatte der Handelsteil der Zeitungen in den Korn- und Viehpreisnotierungen und lokalen Preisinformationen der Intelligenzblätter (Stöber 2000: 177). Der Schwerpunkt lag zunächst auf privatwirtschaftlichen Belangen, erst später kamen volkswirtschaftliche und wirtschaftspolitische Aspekte hinzu. In Deutschland haben die Zeitungen die im 19. Jahrhundert vorgeblich einseitig geübte Praxis aufgegeben, im Effektengeschäft (Aktienhandel) als Ratgeber für Börsenspekulationen zu dienen, während sie in anderen Ländern Bestand hatte (Groth 1961: 71f.).

Als sich zwischen der Märzrevolution 1848 und der Reichsgründung 1871 die unterschiedlichen politischen Kräfte in Deutschland neu formierten, bildete sich unter den Zeitungen die Parteipresse. Die Neue Preußische Zeitung, auch Kreuzzeitung genannt, war Leitmedium der konservativen, monarchistisch-preußischen Strömung, die vor der Märzrevolution in Deutschland überwog. Berlinische Zeitung, National Zeitung und Süddeutsche Zeitung sympathisierten mit dem hauptsächlich innenpolitisch orientierten politischen Liberalismus. Die Zentrumspresse, unter ihnen Historisch-politische Blätter für das katholische Deutschland, Augsburger Postzeitung, Rhein- und Mosel-Zeitung, Kölnische Blätter und Mainzer Journal, vertrat Positionen des politischen Katholizismus, die im »Kulturkampf« besonders ausgeprägt waren (Rühl 1999: 174f.). Im Kulturkampf (1871 - 1887) zwischen der katholischen Kirche und dem Königtum Preußen versuchte Reichskanzler Otto von Bismarck, Staat und Kirche zu trennen und Religionslehrer dem Einfluss der Kirche zu entziehen.

Mit dem Wirtschafts- bzw. Handelsteil hatten die Zeitungen des frühen Jahrhunderts nur einen geringen Anteil ihrer Informationen auf die praktischen Bedürfnisse der Leser ausgerichtet. Gelehrte Artikel waren seit dem Ende des 18. Jahrhunderts praktisch kein Bestandteil ihres Angebots mehr. Der Schwerpunkt der Berichterstattung der Tageszeitungen lag nach wie vor auf politischen Themen, wobei das Feuilleton und das Lokale an Bedeutung gewannen.

Das Intelligenzblatt als Sonderform der Zeitung

Durch einen anderen Ursprung und eine eigene Entwicklungsgeschichte unterscheidet sich das Intelligenzblatt (Anzeigenblatt) von den übrigen Zeitungen und wird daher als »neue Gattung« im 18. Jahrhundert (Wilke 2000: 78) oder »Sonderform der Zeitung« (Ufer 2000: 2, 194) bezeichnet. Das mit ihm verbundene Intelligenzwesen war teilweise staatlich initiiert, reglementiert und als ein Instrument der Wirtschaftsförderung eingesetzt. Begrifflich bezeichnete »Intelligenz« die Einsichtnahme in Anzeigenblätter (Stöber 2000: 74; Wilke 2000: 115; Rühl 1999: 88).

Die Entwicklung begann 1633 in Frankreich und fand erst mit einer Verspätung von knapp 90 Jahren ein Gegenstück in Deutschland. Der französische Arzt, Leiter des Armenwesens unter Ludwig XIII. und spätere Großverleger25 Théophraste Renaudot (*1586 †1653) betrieb seit 1629 in Paris ein Bureau d’adresses et de rencontres, ein Auskunftsbüro für Käufer und Verkäufer mit Anzeigen des Handels und zur Stellenvermittlung. Ab 1632 oder 1633 veröffentlichte er die Stellenanzeigen im Feuille du Bureau d’adresses und schuf damit das erste Intelligenzblatt (Stöber 2000: 74; Bollinger 1995: 96). In London gab es 1638 den Plan, ein Office of Intelligence einzurichten, ähnliche Überlegungen sind von dort vom Ende der 1640er und von den 1650er-Jahren bekannt. Schließlich publizierte der 1657 in London gedruckte Publick Adviser ausschließlich Anzeigen. In Wien existierten ebensolche Pläne seit 1636, aber erst 1707 entstand ein Versatz- und Fragamt und daraus 1721 ein Frag- und Kundschaftsamt, das ein dem Wiennerischen Diarium beigefügtes gedrucktes Verzeichnis »eingeloffener Negotien« herausgab (Wilke 2000: 117f.). Ab 1780 hieß das Wiennerische Diarium dann Wiener-Zeitung (Wilke 2000: 117).

Das Deutsche Reich nach 1648 bestand aus etwa 300 souveränen Einzelstaaten, was die Erforschung der Ursprünge des Intelligenzblattes in Deutschland erschwert. Für 1686 ist der Vorschlag belegt, dass ein Intelligenzwesen begründet werden solle (ebd.). Sogenannte ›Intelligenzkomptore‹ waren als gemeinnützige Unternehmen gedacht, die die Arbeitslosigkeit steuern und Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt regeln und allgemein Handel und Öffentlichkeit unterstützen sollten (Groth 1961: 297). Häufig verlegten sie volksaufklärerische Schriften mit oder vertrieben diese (siehe hier). Manche Staaten, beispielsweise Preußen, zogen die Aufgabe der Intelligenzkomptore später an sich, um aus den Unternehmen Gewinne zu schöpfen (Böning 2004b: 23; Bernhard 1989: 15) und weil der Kameralistik26 als der angewendeten Wirtschaftsform die grundsätzliche, aufklärerische Überlegung zugrunde lag, dass der Nutzen für den Staat im Vordergrund zu stehen habe (Wilke 2000: 127). Mit der Herausgabe der Intelligenzblätter erschien im Periodikum zum ersten Mal der Staat als Lehrer und Berater, der dieses offen, zielbewusst und systematisch als Lehrinstrument für öffentliche, staatliche Zwecke einsetzte (Groth 1961: 331).

Die Existenz eines Intelligenzblattes in Deutschland ist erst für 1722 nachgewiesen. Die Wochentlichen Frag- und Anzeigungs-Nachrichten27 in Frankfurt am Main waren dann das erste Intelligenzblatt, das mit einem für diese publizistische Gattung zunächst typischen, auf Erscheinungsweise, Ort, Inhalt und Funktion abgestellten Titel erschien und zwei Drittel der Einnahmen aus Anzeigen erzielt haben soll (Stöber 2000: 74; Wilke 2000: 117).

Es lassen sich zwei Typen von Intelligenzblättern unterscheiden. Beim ersten Typ traten staatliche Unternehmen oder Amtspersonen als Herausgeber auf, der Staat reglementierte die Inhalte, garantierte Abonnenten und war wesentlich am Gewinn beteiligt. Die preußischen Intelligenzblätter dienen hierfür als Beispiel. Sie besaßen mit dem 1727 eingeführten ›Intelligenzzwang‹ anfangs ein Anzeigen- und Inserate-Monopol, bis ab 1740 auch politische Zeitungen Anzeigen veröffentlichen durften. Amtliche Bekanntmachungen mussten bis 1850 in Intelligenzblättern veröffentlicht werden. Pfarrer, Amtspersonen, Lehrer und andere Multiplikatoren waren bis 1810 verpflichtet, die Intelligenzblätter gegen Bezahlung zu beziehen (›Debitzwang‹). Aber diese Periodika gelangten auch in Schenken und Gastwirtschaften und versorgten so die ländlichen Gebiete (Stöber 2000: 75f.; Wilke 2000: 125).

Den zweiten, verbreiteteren Typ von Anzeigenblättern gaben staatlich privilegierte Unternehmen von Privatpersonen (Druckern, Verlegern) heraus, die vielmals vom Gedanken der Volksaufklärung beseelt waren. Die Inhalte waren weniger stark reglementiert, es gab keine garantierten Abnehmer, und der Staat erzielte durch sie außer der üblichen Besteuerung keine weiteren Einnahmen. Die Blätter hoben den Nutzen für den Leser hervor, unterteilten früh das inhaltliche Angebot in Anzeigen und Nachrichten (Beispiel: Augsburgischer Intelligenz-Zettel) und boten am Jahresende Register an, über die die Leser den gesamten Inhalt eines Jahrgangs erschließen konnten. Leipziger, Hamburger und Altonaer Intelligenzblätter führten die Entwicklung dieses Typs an (Stöber 2000: 75ff.; Wilke 2000: 125; vgl. Groth 1961: 297f.).

Die Inserate betrafen alle möglichen Bereiche des privaten wie wirtschaftlichen Lebens.28 In den 1730er-Jahren erweiterten die Herausgeber das publizistische Konzept und füllten das Intelligenzblatt zusätzlich mit redaktionellem Stoff an, indem sie verschiedene gemeinnützige Mitteilungen aus Haus- und Landwirtschaft, Gewerbe und Handel, zu Fruchtpreisen, Fleisch- und Brottaxen sowie Kursnotizen, Angaben aus Kirchenbüchern sowie öffentliche Bekanntmachungen (Markttermine, neue Postverbindungen, Lotterienachrichten, Steckbriefe) aufnahmen. Einige Anzeigenzeitungen brachten Wetterberichte. Charakteristisch für dieses Medium ist seine Lokalgebundenheit, sodass Intelligenzblätter vielfach Jahrzehnte vor politischen Zeitungen lokalen Lesestoff lieferten (Wilke 2000: 121ff.; Rühl 1999: 89 und 101). Weitere Aufgaben der Unterrichtung und Bildung kamen hinzu. In Preußen wurden zum Teil Universitätsprofessoren verpflichtet, den Blättern Gelehrte Artikel zu schreiben. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts nahmen die Redakteure auch unterhaltende Beiträge ins Programm auf (Wilke 2000: 116, 123f.).

Im redaktionellen Teil verwendeten Intelligenzblätter verschiedene Textsorten, die sich im Laufe der Zeit standardisierten. Neben der Zeitungsnachricht gab es die Vorrede, den Brief und die redaktionelle Mitteilung, später mit Handlungsaufforderungen versetzt (ebd.: 116). Da sich besonders im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts viele Herausgeber volksaufklärerisch engagierten, brachten die Blätter dann Fabeln, Erzählungen und Belehrungen in Gestalt von Dialogen, Liedern und Beispielen. Sie erörterten nützliche wirtschaftliche Fragen, diskutierten Probleme der Landbevölkerung, gaben Ratschläge für Ackerbau und Viehzucht und hofften darauf, dass ihre Leser – nicht unbedingt Bauern, sondern eher Landpfarrer und Lehrer – die Informationen mittels Vorlesen und mündlicher Weitergabe verbreiteten. Mehr als Zeitungen und Zeitschriften dürften Intelligenzblätter von allen gesellschaftlichen Schichten genutzt worden sein (Stöber 2000: 78; Wilke 2000: 127).

Intelligenzblätter erschienen zunächst ein Mal wöchentlich, dann auch zwei, drei Mal in der Woche und täglich. Anders als politische Zeitungen oder als Zeitschriften (siehe hier) hatten sie in den meisten Fällen eine lange Lebensdauer – jedenfalls dort, wo politische Zeitungen ein Anzeigenverbot hatten (nicht so z. B. in Hamburg) – und hielten sich unternehmerisch meist bis ins 19. Jahrhundert (Wilke 2000: 121f.).

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts führten zwei Entwicklungen dazu, dass das Intelligenzblatt seinen eigenen Charakter verlor. Erstens wanderten immer mehr Inserate in die politischen Zeitungen ab. Zweitens ließen die volksaufklärerischen Ambitionen der Herausgeber mit der Zeit nach. Es gab dann reine Amtsblätter sowie lokale, rein geschäftlichen Interessen dienende Anzeigenblätter, die auf einen redaktionellen Teil verzichteten (Wilke 2000: 123, 180). Nach den ersten fünf Koalitionskriegen (1792 - 1809) verlief ab 1810 die inhaltliche Entfaltung in den einzelnen deutschen Ländern unterschiedlich, ohne dass diese genau erforscht worden wäre. Grundsätzlich war sie in denjenigen Ländern, die unter dem Einfluss Napoleon Bonapartes (*1769 †1821) standen, eher beschränkt, in Ländern ohne französische Kontrolle freier (Stöber 2000: 75; Wilke 2000: 178). Neben diversen Mischformen entwickelten sich bis zur Mitte des Jahrhunderts umland- oder kreisbezogene Lokalzeitungen. Intelligenzblätter verschmolzen allmählich mit den politischen Zeitungen oder wandelten sich zu solchen und übten noch im späten 19. Jahrhundert einen konzeptionellen Einfluss auf die entstehenden Generalanzeiger aus (Stöber 2000: 75; Wilke 2000: 180; Bernhard 1989: 15).

Ausgehend von dem Grundgedanken, das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage zu verbessern und so soziale Missstände zu beheben, halfen Intelligenzblätter ab den 1730er-Jahren einerseits einzelnen Staaten, wirtschaftliche Reformen umzusetzen, und dienten der Volksaufklärung als publizistische Plattform. Andererseits nahmen sie in ihren redaktionellen Teilen zahlreiche vor allem lokale Informationen auf, die für die Leser stark orientierenden Charakter in ihrer alltäglichen Welt hatten.

Beispiele aus Intelligenzblättern

In diesem und in den folgenden Abschnitten soll an verschiedenen Texten beispielhaft29 gezeigt werden, welche Themen in frühen nutzwertjournalistischen Formen auftraten, wie die Verfasser die Rezipienten ansprachen und welche Ziele sie damit verfolgten. Dabei ist zweierlei zu beachten: Erstens tragen einige zitierte Vorworte und Ankündigungen ausgesprochen programmatische Züge – die Autoren äußerten dort ihre Intentionen oder Wünsche. Diesen Worten müssen jedoch nicht unbedingt Taten gefolgt sein, indem die Publikationen angekündigte Themen oder Verfahrensweisen tatsächlich veröffentlichten. Manche Titel kamen gar über wenige Ausgaben nicht hinaus. Zweitens sagt die Veröffentlichung eines Themas noch nichts darüber aus, ob die Leser es wahrgenommen, angenommen oder umgesetzt haben, kurz: ob und welche Wirkung es bei ihnen hervorrief. Immerhin könnten in den Medien selbst veröffentlichte Rückmeldungen in Form von Leserbriefen indirekte Hinweise auf eine Themenresonanz liefern.

Intelligenzblätter etablierten sich in Deutschland offenbar nicht sehr rasch. So scheiterte in Hamburg ein erstes reines Anzeigenblatt um 1726, ein weiteres elf Jahre später hielt sich etwa ein Jahr: die Privilegirten Hamburgischen Anzeigen (1737 - 1738). Darin veröffentlichte der Drucker Conrad König unter anderem Schiffs- und Frachtlisten, obrigkeitliche Verordnungen und »übliche Anzeigen« sowie Beiträge, die er teilweise von Moralischen Wochenschriften übernommen hatte. Nach einem Relaunch kam das Blatt 1754 unter den Titel Gemeinnützige Hamburg[ische] Anzeigen wieder heraus, wandelte sich in den 1770er-Jahren allerdings zu einer literarischen Zeitschrift mit einem Intelligenzblattanhang, der dennoch einige kleine Informationen und Ratschläge ökonomischer Art enthielt, und zwar unter Titeln wie

  • »Untersuchung, wie die Cultur des Landbaues die Bevölkerung der Staaten befördere«
  • »Beschreibung von des Herrn von Reaumur Art, die Eyer ohne Hüner auszubrüten, und einigen elektrischen Versuchen«
  • »Vom Nutzen der Reinlichkeit für die Gesundheit«
  • »Wie müßte ein Deutsches Mädchen erzogen werden, welches eine gute Leserinn, eine glücklich Gattinn und Mutter werden sollte?«
  • »Von der Unterweisung und einer guten Erziehung« (Böning 2002a: 207ff.).

Als generelle Tendenz gingen Intelligenzblätter ab der Mitte des 18. Jahrhunderts dazu über, statt gelehrter Beiträge gemeinnützige Beiträge zu veröffentlichen. Diese thematisierten im Rahmen der Volksaufklärung Düngemittel und Stallfütterung, den Kampf gegen Viehseuchen und menschliche Krankheiten, neue Anbauformen bis zu Herstellung und Umgang mit Nahrungsmitteln. Gute Vorbilder sollten Ansporn zur Nachahmung sein (Wilke 2000: 123f.). Auch die Obstbaumzucht war ständiges Thema in den Intelligenzblättern. So veröffentlichte das Wittenbergsche Wochenblatt (1768: 161-164) »Gedanken von der Pflegung des wilden Birn- oder Roddenbaums«. Wie es ein paar Seiten später (181f.) als zusätzlichen Nutzen darstellte, würde die Pflege des wilden Obstes »den unentbehrlichen Tagelöhnern den Aufenthalt in den Dörfern annehmlicher« machen, da diese es als Viehfutter einsetzen könnten. Weiter forderten Intelligenzblätter Landwirte zu gemeinschaftlichen Versuchen auf: Mit kostenlosen Proben von Samen für Futterkräuter sollten sie etwa künstliche Wiesen anlegen und die Erfahrungen damit verbreiten.30 Im Jahr 1772 druckte das Wittenbergsche Wochenblatt eine Anleitung mit Tipps für reisende Handwerker und Bauern, worauf sie in der Fremde besonders achten sollten31 (Böning 2004b: 11, 23, 26).

Nach dem Vorbild des Leipziger Intelligenzblatts brachte die 1765 gegründete »Gesellschaft zur Beförderung der Künste und nützlichen Gewerbe«, auch »Patriotische Gesellschaft« genannt, die Hamburgischen Addreß-Comtoir-Nachrichten (ab 1767) heraus, die ein »erheblicher Teil der Hamburger Kaufleute« genutzt haben soll und die gleichzeitig Organ der praktischen Verwirklichung der Aufklärungsideen waren. Der redaktionelle Teil war umfangreicher als der Anzeigenteil und enthielt zahlreiche Wirtschafts- und Handelsnachrichten. Häufig erschienen Theaternachrichten, Auszüge aus Reisebeschreibungen, statistische Nachrichten, ferner druckte das Intelligenzblatt Kurszettel und Kontentlisten, Verordnungen des Senats, Bekanntmachungen von wirtschaftlicher Bedeutung, politische Aktenstücke, später auch Reden und Protokolle der französischen Nationalversammlung und obrigkeitliche Verordnungen mit Vorbildcharakter aus allen deutschen Ländern (ebd. 2002a: 209, 213ff.).

Im Nachbarort Altona kamen unter dänischer Regierung die Königlichen allergnädigst privilegirten Altonaer Addres-Comtoirs-Nachrichten (1773 - 1855) auf den Markt, die übrigens als Besonderheit von Beginn an Zeitungsnachrichten im Repertoire hatten. Neben amtlichen und Wirtschaftsinformationen (Schiffsnachrichten, Geldkurse) und einem Verzeichnis »Angekommener Fremder« gehörten »Moralische Anmerkungen« über Tugenden und Laster und land- und hauswirtschaftliche Informationen, Beiträge zur medizinischen Aufklärung, ökonomische Informationen, kleine Ratschläge jeder Art, Berichte über neue Erfindungen sowie Anfragen und Antworten zum Inhalt (Böning 2002a: 215ff.). Umfangreiche Beschreibungen des Inhalts und der Programme von Intelligenzblättern und Zeitschriften mit Intelligenzblattcharakter aus mehr als 30 Städten finden sich bei Böning (2004b: 34ff.).

Lokales gehörte am Ende des 18. Jahrhunderts bereits üblicherweise zu den Intelligenzblättern. Womöglich in Abgrenzung zu anderen Anzeigenzeitungen betonten die Wöchentlichen gemeinnützigen Nachrichten von und für Hamburg (1792 - 1915, zuletzt als politische Zeitung Hamburger Nachrichten), die Rede sei bei ihnen nicht »von sogenannten Stadt-Neuigkeiten«, »sondern nur von solchen Nachrichten, die sich auf würkliches Bedürfniß, auf würklichen Nutzen, oder doch auf würkliche Bequemlichkeit des bürgerlichen Lebens beziehen« (Nr. 1 vom 29.02.1792; zit. n. ebd. 2002a: 217). Mit dieser Programmatik sprechen die Autoren die lokale nutzwertjournalistische Service-Funktion an, wie sie heute regionale Tageszeitungen erfüllen könnten und in verschiedenen Umfängen und unterschiedlichen Qualitäten auch tun.

Als ein Beispiel bewusster bäuerlicher Aufklärung plante der Verleger Gottfried Diederich Vollmer ausdrücklich, eine neue Anzeigenzeitung namens Königlich Dänischer privilegirter Allgemeiner Niedersächsischer und Herzogthum Schleswigscher Anzeiger (Altona 1805 bis mind. 1838) auf dem Land zu verbreiten (als »Provinz­blatt«). In einer Ankündigung von 1799 versprach er allen Lesergruppen die bekannte Gemeinnützigkeit und machte mit dem Hinweis auf die Archivfunktion der Zeitung darauf aufmerksam, dass diese auch nachhaltig nutzbar sei:

»Zu einem Archiv für alle solche Aufsätze und Anzeigen, deren Bekanntwerdung diesen Provinzen überhaupt, oder auch einzelnen Personen, die in diesen Provinzen leben, nützlich werden können, sind diese Blätter bestimmt.«

Das Programm nennt ausdrücklich Gesundheitskunde, Nachrichten von herrschenden Krankheiten der Menschen und der Tiere, Vorschläge sowie Arznei- und Hausmittel dagegen (»Alle diese zuvor von erfahrnen praktischen Aerzten geprüft«) sowie »überhaupt alles, was zur Förderung gemeinnütziger Thätigkeit, zur Vermehrung richtiger Begriffe unter allen Volksklassen, und zur Entwickelung mechanischer Fertigkeiten abzweckt« (ebd. 2002a: 218ff.).

Wie bereits angesprochen, lassen sich Intelligenzblätter nicht immer klar von anderen Publikationen abgrenzen. So gründete der lange Jahre in Neustadt an der Orla tätige Drucker und Verleger Johann Karl Gottfried Wagner im nahen, zeitweise preußischen Kreis Ziegenrück eine Buchdruckereifiliale und 1818 ein neues Blatt unter dem Titel Wochenblatt des Ziegenrücker Kreises (bis 1825). »In Aufmachung und Inhalt wirkte es wie ein spätes Intelligenzblatt« (Greiling 2001: 151) mit – nach Angabe der Verlegers – einer »nicht zu verkennende[n] Gemeinnützigkeit« des Unternehmens. Für den Inhalt formulierte Wagner knapp die folgenden Rubriken:

  1. Vaterländische Geschichte.
  2. Tages=Ereignisse […]
  3. Orts=Policeyliche, technische, (seltener rein wissenschaftliche,) auch diätetische Berathungen, Warnungen, Verbesserungsvorschläge und Erfahrungen.
  4. Darstellungen merkwürdiger, vorzüglich edler, Vaterlandsliebe und Gemeingeist aussprechender Handlungen, [und] Erzählungen […]
  5. Gute Gedichte, nützliche und angenehm unterhaltende Aufsätze, Anecdoten u. s. w.
  6. Bekanntmachungen der Behörden und einzelner Individuen. (zit. n. ebd.: 151f.)

Derselbe Wagner erhielt für die Stadt Pößneck, zwölf Kilometer von Neustadt entfernt, 1828 das Privileg der in diesem Fall zuständigen Regierung des Herzogtums Sachsen-Meiningen-Hildburghausen für eine Wochenzeitung. Die Regierung legte darin die Struktur des Intelligenzblatts Pößnecker wöchentliche Nachrichten für Stadt- und Landbewohner genau fest, nämlich dass es unter Zensur die neuesten landesherrlichen Verordnungen und kostenlos behördliche Bekanntmachungen aufnehmen musste und keinerlei politische Nachrichten enthalten durfte (ebd.: 159ff.). Laut Ankündigung in der ersten Ausgabe sollte in dem Blatt alles eingerückt werden,

»was zur Bekanntmachung sich eignet. Vorzüglich aber werden darin enthalten seyn: Landesherrliche und obrigkeitliche Verordnungen; kirchliche Nachrichten, als: die in jeder Woche Gebornen, Getrauten und Gestorbenen; Marktpreiße von Getreide, Butter und dergl.; Bäcker= und Fleischertaxe. Ferner: Bekanntmachungen aller Art«, letzteres im Sinne von Kleinanzeigen (Nr. 1 vom 06.01.1828, zit. n. ebd.: 161).

Die in der Arbeitsdefinition angesprochenen Funktionen des Nutzwertjournalismus – Hinweis-, Orientierungs-, Ratgeberfunktion – sind in den Beschreibungen und Programmen der Intelligenzblätter offensichtlich. Hinweise mit praktischer Relevanz geben Bekanntmachungen, Nachrichten über aktuell herrschende Krankheiten bei Mensch und Tier, Schiffs- und Frachtlisten und Warnungen. Orientierung erhielten die Rezipienten mit der Angabe von Marktpreisen, und die Ratgeberfunktion der zahlreichen handlungsanleitenden Beiträge ist unverkennbar.

Im Übrigen gehörte bereits die Textform ›Fragen und Antworten‹ zum Repertoire der Anzeigenzeitungen, wie sie heute in Online-Angeboten des Internets als häufig gestellte Fragen (frequently asked questions, FAQ) eine Renaissance erlebt. Ferner bemerkenswert: Die Redakteure wiesen die Leser darauf hin, dass sie Expertenwissen verwendeten oder die Informationen teilweise von Fachleuten prüfen ließen.

Der Generalanzeiger

Mit dem Generalanzeiger etablierte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein neuer Typus parteiloser, neutraler Nachrichtenzeitungen mit einem ausführlichen Lokalteil. Nach dem Muster der französischen La Presse finanzierten diese sich überwiegend aus Anzeigeneinnahmen. Ein erster Generalanzeiger erschien 1845 in Leipzig und veröffentlichte ›Anzeigen und Bekanntmachungen‹. Den Erfurter Allgemeinen Anzeiger (ab 1849) gaben die Herausgeber unentgeltlich ab und erhoben lediglich eine geringe Trägergebühr für seine Verteilung. Der Aachener Anzeiger (ab 1871) und weitere Zeitungen von Josef La Ruelle in Krefeld, Bremen und Magdeburg begründeten den eigentlichen Generalanzeigertypus. Niedrige Papierpreise und ein höheres Drucktempo förderten die Entwicklung, und spezialisierte Agenturen erschlossen als ein neues Geschäftsmodell die Anzeigenmärkte. Eine große Verbreitung machte einen Generalanzeiger für Anzeigenkunden attraktiv. Indem die Zeitungen den Lesern Abon­nements zusammen mit günstigen Lebensversicherungen verkauften, schufen die Generalanzeiger eine starke Bindung des Lesers an das Abonnement. Diese neue Art parteiloser Informationspresse blühte besonders in Berlin auf. Zwischen 1871 und 1880 brachten die Konzerne von Rudolf Mosse (*1825 †1920), August Scherl (*1849 †1921) und Leopold Ullstein (*1826 †1899) mehr als 20 solcher Generalanzeiger auf den Markt, und in den folgenden Jahren kamen weitere 20 hinzu. Sie informierten das Berliner Publikum umfassend über das lokale Geschehen und brachten kurze telegrafische Nachrichten aus aller Welt. Die Hälfte des Zeitungsumfangs bestand aus Anzeigen, die sorgfältig vom redaktionellen Teil getrennt waren (Beispiel Berliner Morgenpost ab 1898, Ullstein; Bollinger 1996: 32ff.).

Im 20. Jahrhundert ist ein Rückgang von redaktionell ausgesprochenen Empfehlungen zu verzeichnen. Während die deutsche politische Zeitung der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Handelsteil dem spekulierenden Publikum Auskünfte und Ratschläge zum An- und Verkauf von Wertpapieren erteilte, verzichtete sie – anders als französische, englische und nordamerikanische Zeitungen – darauf in ihren Wirtschaftsteilen in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Auch die Reiseteile der Zeit gaben keine Empfehlungen einzelner Reiseziele, sondern überließen es der Leserschaft, sich aus den Informationen eigenständig ein Urteil zu bilden. Gründe für den Rückgang an Stellungnahme sind die erweiterten Möglichkeiten des Publikums, sich woanders Rat zu holen, und auf der Seite der Journalisten die Scheu vor dessen Bevormundung, Furcht vor den Folgen falscher Beratung und die Gefahr, für eigennützige Interessen Dritter missbraucht zu werden (Groth 1961: 332).


16 Wenn Stöber (2000: 62) den Inhalt ferner als »nutzwertorientiert« bezeichnet, hat er sicherlich die Absicht der Zeitungen im Blick, sich auf das Vermitteln von Information zu beschränken und das Publikum nicht etwa zu unterhalten. In der vorliegenden Arbeit wird der Begriff ›Nutzwert‹ als Eigenschaft journalistischer Produkte verstanden, potenziell praktischen Nutzen beim Rezipienten zu stiften (vgl. Kapitel 1.4).

17 So fordert der Herausgeber des Potsdamischen Staats- und gelehrten Mercurius 1735 eine Lokalberichterstattung als neue Aufgabe der politischen Zeitungen (nach Groth 1928; zit. n. Bollinger 1995, 50).

18 Erste Zeitungen erschienen 1618 in den Niederlanden (Amsterdam), 1620 im heutigen Belgien (Antwerpen), 1631 in Frankreich, 1655 in England und 1703 in Russland (Dussel 2004: 12).

19 Etwa Neu-einlauffende Nachricht von Kriegs- und Welt-Händeln (Ritzsch, ab 1660); Vollständige Leipz. einkommende Post-Zeitung (wahrscheinlicher Titel, Kormart, ab 1660); Leipz. Post- und Ordinari-Zeitungen (Mühlbach, spätestens ab 1673, später als Leipziger Zeitung, bis 1921).

20 Zum Beispiel Die Teutsche Secretariats-Kunst, ein sogenannter Briefsteller mit ausführlichen Angaben und Zitaten über das Entstehen der Sprache, der Schrift und mit einem Kapitel über das Postwesen; oder Der Teutsche Advocat.

21 Zur thematischen Struktur, zu Akteuren, Berichterstattungsbereich und Ereignisregion siehe detailliert Wilke (2000: 84ff.).

22 Daniel Hartnack, »erachten von Einrichtungen Der Alten Teuschen und neuen europäischen Historien«, Celle 1688: 98f. (zit. n. Weber 2002b: 147).

23 Unter anderem 1837 Erfindung des Schreibtelegrafen (Samuel Finley Breese Morse), 1876 Erfindung des Telefons (Alexander Graham Bell und Elisha Gray).

24 Unter anderem 1812 Erfindung der Schnellpresse (Johann Friedrich Gottlob Koenig und Andreas Bauer), 1839 Erfindung der Fotografie (Louis Jacques Mandé Daguerre), 1884 Erfindung der Setzmaschine (Ottmar Mergenthaler).

25 Renaudot brachte 1631 die erste regelmäßige Zeitung Frankreichs heraus, die Gazette, sowie später Relations, Nouvelles ordinaires, Extra-ordinaires und Conferences (Rühl 1999: 88; Bollinger 1995: 96).

26 Kameralistik syn. Kameralwissenschaft ist eine Verwaltungslehre und stellt die deutsche Form des Merkantilismus im 18. und 19. Jahrhundert dar. Sie strebte sowohl nach maximalen Einkünften für den Staat als auch nach der Verbesserung des allgemeinen Volkswohlstandes und förderte die Wirtschaft, insbesondere die Landwirtschaft.

27 Auch zitiert als Wöchentliche Franckfurter Frag- und Anzeigungs-Nachrichten (Wilke 2000: 117).

28 Angebote, Nachfragen und Ankündigungen zu: Auktionen, Bücheraktionen, Dienstboten, Fund- und Verleih­sa­chen,­ Gasthäusern, gebrauchten, verlorenen, gestohlenen Sachen, Geheimtiteln, Grundstücken, Heilkundigen und Pädagogen, Kapitalien, Lotterieausschreibungen, Privatanzeigen von Geburten, Eheschließungen und Todesfällen, Reisebegleitung, Stelleninseraten, Verkäufen, Vermietungen (Wilke 2000: 123; Rühl 1999: 89 und 101; vgl. auch Stöber 2000: 77).

29 Sicherlich gibt es in Archiven verschiedene Zeugnisse über die Auswirkungen der historischen Presse in einem nutzwertjournalistischen Kontext. Eine Analyse dieses Materials könnte für künftige Arbeiten interessant sein, die über die hier vorgenommene überblicksartige Darstellung hinaus schwerpunktartig die Historie des Nutzwertjournalismus untersuchen möchten.

30 Bspw. »Aufmunterung zur Anlegung künstlicher Wiesen« (Beylagen zum Osnabrückischen Intelligenzblatt 1767, Sp. 351-354).

31 »Abgesonderte Gedanken zum Aufnehmen der Dorfschaften insgemein« (Wittenbergsches Wochenblatt 1772: 157-160, 169-172).