1.6.1 Pressegeschichte

Nun werden der Nutzwertjournalismus im deutschsprachigen Raum aus der historischen Perspektive betrachtet und seine Formen und Vorformen sowie die Motive der in ihm tätigen Publizisten bis zum Ende des 19. Jahrhunderts untersucht. Einschränkend für historische Presseforschung wie für Geschichtsforschung generell wirkt erstens die Tatsache, dass die am journalistischen Schaffens- und Kommunikationsprozess beteiligten Publizisten, Multiplikatoren, Verlagsmitarbeiter und Rezipienten selbst nicht mehr Auskunft geben können. Nur gelegentlich wurden Aussagen von den Akteuren oder über diese dokumentiert und archiviert.

Zweitens sind die journalistischen Produkte und die sie begleitenden Komponenten unvollständig überliefert. Während Bibliotheken Zeitschriften als Jahresbände schon verhältnismäßig früh, jedoch nicht systematisch, archivierten, ist dies bei (Tages-)Zeitungen bis in das 20. Jahrhundert hinein nicht geschehen. Für das Gebiet der verschiedenen deutschen Staaten kommt als zusätzliche Schwierigkeit hinzu, dass die Struktur von zeitweise 300 deutschen Einzelstaaten eine historische Forschung auf dem Gebiet der Presse im Vergleich zu zentralistisch strukturierten Staaten wie Frankreich erheblich erschwert. Als Folge davon sind die archivierten Exemplare auf Präsenzbibliotheken vieler Städte verteilt. Inzwischen beginnen einzelne Bibliotheken13 damit, einen Teil ihrer historischen Bestände in digitalisierter Form der Öffentlichkeit leichter zugänglich zu machen.

Drittens hat jede Epoche ihren eigenen sozialen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Kontext, der heute nur noch zum Teil bekannt ist. Es treten somit die grundsätzlichen Schwierigkeiten von Geschichtsforschung zu Tage mit den Fragen, wie vollständig das aktuelle Wissen über die vergangenen Gesellschaften sein kann, wie wirklichkeitsgetreu sich Weltbilder, Hintergründe und Horizonte der damaligen Publika nachbilden lassen, oder inwiefern die heutige Sichtweise die Rekonstruktion der damaligen Verhältnisse bestimmt. Es muss die Frage nach den Quellen gestellt werden, aus denen sich dasjenige Wissen schöpft, mit dem eine Geschichtsversion entworfen wird – vielleicht sind dies zum Teil gerade jene Publikationen, die in den durch sie geschaffenen Kontext erst zu stellen sind.

In den Literaturwissenschaften, die sich ebenfalls mit solchen Fragen befassen, lassen sich die Schwierigkeiten der Interpretation historischer wie gegenwärtiger Texte an drei grundlegend verschiedenen methodischen Positionen ablesen (vgl. überblicksartig Jannidis et al. 2000). Erstens sehen die autorzentrierten Positionen den realen oder empirischen Autor als wichtigste Größe für die Interpretation an, wenn mithilfe seiner Biografie oder hermeneutischer Methoden in der Tradition Friedrich Schleiermachers (*1768 †1834) die Autorintention ohne Berücksichtigung von Gesellschaft und Publikum in den Mittelpunkt rückt. Auch die psychoanalytische Literaturwissenschaft bedient sich des Autors als Deutungskriterium. Dagegen verzichten zweitens die textzentrierten Ansätze vollständig auf den empirischen Autor und auf biografisch-historisierende Texterklärungen: etwa der angloamerikanische New Criticism oder die eigenständige Textintention des Semiotikers Umberto Eco (*1932), demzufolge Merkmale des Textes die relevanten Bezugspunkte bilden, die der Leser zur Textintention konstruiert (Jannidis et al. 2000). Eco will die Irrelevanz des empirischen Autors betonen und dem Text wieder zu seinem Recht verhelfen (Eco 2000: 293). Mit der Einführung der Position des impliziten Autors durch Wayne C. Booth (*1921 †2005) wird die Intention des Textproduzenten in die ansonsten textzentrierte Betrachtung einbezogen. Beim dritten, leserzentrierten Interpretationszugang zu Texten unterscheiden sich Werke mehr oder weniger stark vom Erwartungshorizont ihrer Zeit. Weiter untersuchen empirische Literaturwissenschaftler die sozialen und psychischen Bedingungen und Mechanismen im Umgang des Publikums mit Literatur (Jannidis et al. 2000).

Verglichen mit Autoren literarischer Werke ist über Autoren journalistischer Produktionen wenig bekannt. Die Urheber von Artikeln wurden häufig nicht genannt, Biografien von ihnen liegen nicht vor. Außerdem wurden Zeitungen und Zeitschriften, mitunter auch einzelne Artikel, von Autorenkollektiven erstellt, sodass die streng autorzentrierten Interpretationspositionen für historische journalistische Quellen wenig infrage kommen. Über die Autorintention oder die Intention der Herausgeber und Verleger der Publikationen gibt es insofern Aussagen, als diese sich in programmatischen Artikeln meist der Erstausgaben über die verfolgten Ziele geäußert haben.

Wenn dieses Kapitel also Geschichte und Vorläufer von Nutzwertjournalismus aufzeigen will, kann es nicht eine vollständige (Re-)Konstruktion des Phänomens als Bezugsgröße verwenden, da gesicherte Aussagen über die Entstehung und zeitgenössische Wahrnehmung von Publikationen nicht möglich sind. Stattdessen wird an dieser Stelle der Begriff Nutzwertjournalismus im Sinne der oben genannten Arbeitsdefinition (Kapitel 1.4) angewendet und auf das historische journalistische Produkt bezogen.

Dieses Kapitel soll einen kurzen Überblick über wesentliche Vorläufer des Nutzwertjournalismus geben. Hauptsächlich anhand von Sekundärliteratur wird versucht, mit geeigneten Beispielen die Bandbreite früher Formen dieses Journalismustyps aufzuzeigen. Der betrachtete Zeitraum beginnt mit dem Aufkommen der gedruckten Zeitung am Anfang des 17. Jahrhunderts und endet mit dem ausgehenden 19. Jahrhundert.

Zunächst soll es um die Grundzüge der Pressegeschichte allgemein gehen, damit sich die Beispiele des Kapitels 1.6.3 in einen zeitgeschichtlichen Kontext stellen lassen. Dabei sind zahlreiche Beispiele von Nutzwertjournalismus eng mit den Ideen und Zielen der Aufklärung – teilweise bis weit nach dem Ende dieser Epoche mit ihren unterschiedlichen Phasen – verbunden. Je nach Sichtweise hat die Aufklärung den Anstoß für nutzwertigen Journalismus gegeben, oder die vorhandenen Mediensysteme haben der Aufklärung als Instrument gedient. Daher beleuchtet ein Exkurs das Wesen der Aufklärung.

Geschichte der Presse im Überblick

Der folgende Abriss der Pressegeschichte von ihren Anfängen im 17. Jahrhundert bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts liefert die Grundlage für die Betrachtung der anschließend genannten Beispiele nützlicher periodischer Publikationen. Der erste Abschnitt behandelt die Zeitung und berücksichtigt in einem Unterkapitel das Intelligenzblatt als eine Sonderform der Zeitung mit eigenem Ursprung. Der zweite Abschnitt nimmt sich die Zeitschrift vor; wiederum als eine Sonderform erhält die Moralische Wochenschrift eigenen Raum. In der Abbildung 2 sind bedeutende Formen der periodischen Presse in Deutschland schlaglichtartig entlang einer Zeitachse dargestellt. Sie zeigt die ungefähren Erscheinungszeiträume ausgewählter Publikationstypen und ihre Einflüsse aufeinander.

Abbildung 2: Ungefähre Erscheinungszeiträume periodischer Presse in Deutschland (ausgewählte Publikationstypen)
Quelle: Eigene Darstellung
Exkurs: Die Aufklärung

Eine Vielzahl von Periodika waren Mittel dazu, die Ziele der Aufklärung zu popularisieren. Dieses Unterkapitel beleuchtet das spezielle Verhältnis zwischen der Aufklärung und der Presse.

Die Aufklärung war ein gesamteuropäisches Phänomen mit bestimmten übergreifenden Zielen und Gedankenmotiven, stellte aber an sich keine einheitliche Epoche dar. Nach Alt (2001) lassen sich drei Hauptströmungen unterscheiden, die in einem gewissen zeitlichen Folgeverhältnis zueinander stehen:

  • Frühe Aufklärung (1680 - 1740) – Rationalismus als bestimmendes philosophisches System;
  • zweite Phase (1740 - 1780) – Empirismus und der (in Deutschland teilweise noch rationalistisch fundierte) Sensualismus;
  • abschließende Phase (1780 - 1795) – Kritizismus, der vor allem mit der Transzendentalphilosophie Kants verbunden ist (ebd.: 7ff.).14

In der Frühen Aufklärung galt das Prinzip der Rationalität als Fundament einer neuen Denkmethode: Die von Gott geschaffene Natur sei als Vernunftnatur und logisch gegründete Ordnung aufzufassen, und der Mensch könne sie mit den Mitteln des Verstandes und mit wissenschaftlichen Verfahren systematisch erschließen. Die zweite Phase der Aufklärung ließ neben den Möglichkeiten des Vernunfturteils eine Philosophie der menschlichen Erfahrung zu, die auch die Untersuchung psychischer Wahrnehmungsvermögen und individueller Empfindungen einschloss. Methodische Innovationen des britischen Empirismus förderten das erfahrungswissenschaftliche Denken, das ebenfalls vom Primat der Vernunft geleitet war. In der abschließenden Phase der Aufklärung vereinte vor allem die Philosophie Immanuel Kants (*1724 †1804) sowohl die rationalistische Metaphysik der Frühaufklärung als auch den Empirismus der mittleren Strömung in einer neuen methodischen Synthese. In seinem Hauptwerk »Kritik der reinen Vernunft« (1781, in zweiter Auflage 1787) vollzog Kant eine exakte Trennung von Glaube und Wissen: Da empirische Anschauung und rationales Denken von vorgeprägten Kategorien abhängen können (Grundformen: Zeit, Raum, logische Gesetze), kann der Mensch die Welt nur im Hinblick auf die Bedingungen der theoretischen Möglichkeit – transzendental – erkennen, das heißt wie sie ihm erscheint, und nicht, wie sie ist.

Die drei Phasen haben folgende vier Leitaspekte gemeinsam:

  1. Vernunftorientierung: Die Vernunft des Menschen rückt in den Mittelpunkt des analytischen bzw. praktischen Interesses. Das praktische Ideal vernunftbegründeten Handelns soll die Garantie dafür schaffen, dass sich der Mensch in der von Gott geschaffenen Schöpfung nach besten Möglichkeiten einrichtet und in seiner individuellen und gattungsgeschichtlichen Entwicklung zu immer größerer Vollkommenheit fortschreitet.
  2. Erziehungsanspruch: Aufklärung ist eine Anleitung zum Gebrauch der Verstandeskräfte, ein Beitrag zur vernünftigen (das heißt auch tugendhaften) Lebensführung und zum epochalen Anspruch auf die Verwirklichung der persönlichen Glücksmöglichkeiten im Leben des Einzelnen. Lektüre und Ausbildung repräsentieren zentrale Elemente des aufklärerischen Diskurses und seiner praktischen Wirkungsabsicht, die mit den Mitteln der publizistischen Öffentlichkeit, der Entwicklung des Buch- und Zeitschriftenmarktes und der Neukonzeption des schulischen und universitären Unterrichts umgesetzt werden. Das aufgeklärte 18. Jahrhundert ist das Zeitalter der Entdeckung des Lesers und die Epoche der Pädagogik­. Nutzen (im Sinne der Umsetzung erzieherischer Intentionen) und Gefallen (als Wirkung ästhetischer Formen) sollen sich in der Poesie des aufgeklärten Zeitalters die Waage halten gemäß dem antiken Mustertext »De arte poetica« (333f.) von Horaz (*65 v. Chr. †8 v. Chr.) mit der Formel »Aut prodesse volunt aut delectare poetae aut simul et iucunda et idonea dicere vitae.« (»Die Dichter wollen entweder nützen oder erfreuen oder zugleich Erfreuliches und Nützliches über das Leben sagen.«).
  3. Neuformulierung wissenschaftlicher Erkenntnisabsichten: Kenntnisse über die Natur sind nicht mehr rein hypothetisch, sondern helfen, die Realität zu erschließen.
  4. Säkularisierung: Zum einen vollzieht sich die Verweltlichung als langsam umgesetzter Prozess der Verdrängung kirchlicher Autoritäten. Zum anderen erhält der einzelne Mensch bisher unbekannte Freiheiten im Prozess seiner Selbstentfaltung: Er wird nicht auf eine jenseitige Erlösung vertröstet, sondern kann sein Glück innerhalb der diesseitigen Ordnung der Dinge begründen (Alt 2001: 9ff.).

Die führenden geistigen Kreise des deutschen Aufklärungsdenkens waren fast ausschließlich protestantisch. Im protestantischen Norden hatte die europäische Aufklärung ihre eigentlich deutsche Form angenommen, während in Süddeutschland die barocke Geistigkeit noch längere Zeit nachwirkte (Gössmann 1992: 73). Der Prototyp des deutschen Aufklärers war Professor, die Universität Göttingen war zumindest Ende der 1740er-Jahre die »Kaderschmiede« einer praktisch orientierten Aufklärung (Böning 2002a: 210). Für den Gelehrten wurde es selbstverständlich, dass die Wissenschaft – vor allem die Naturwissenschaft, aber auch die Philosophie – »gemeinnützig« zu sein hat. Mit der praktischen Nutzung der erforschten Naturgesetze entfaltete die Aufklärung ihre gesellschaftliche Dynamik. »Anwendbarkeit« oder »Nutzen« wurden zu entscheidenden Kriterien für die Publikationswürdigkeit etwa einer naturkundlichen Abhandlung (Böning 2002a: 181; Gössmann 1992: 78; Gaede 1971: 232, 237).

Es galt, nicht das Außerordentliche, sondern ohne Pathos das tägliche Leben zu meistern. So etablierte sich von bürgerlichen Kreisen getragen und auch vom Adel gefördert eine bewusst anspruchslose und verinnerlichte Kultur des Alltags. Den Ideen der Zeit entsprechend war das Bild der Frau: Sie erschien nicht mehr, wie im Barock, als vornehme Dame der Gesellschaftswelt, vielmehr als in praktischen Dingen erfahrene Hausfrau. Dem Erziehungsanspruch folgend, wurden im Aufklärungszeitalter die wissenschaftliche Pädagogik und das Schulsystem ausgebaut und in Nachfolge und Auseinandersetzung mit Jean-Jacques Rousseau (*1712 †1778), der die Eigenart des Kindes und seiner Entwicklungsphasen entdeckt hatte, die popularphilosophische Aufklärungspädagogik begründet (Gössmann 1992: 79f.).

Die Volksaufklärung

Die Volksaufklärung stellte dann jene sozialpädagogische Bewegung in Deutschland dar, die das Ziel verfolgte, auch die breite Bevölkerung an den praktischen Fortschritten des aufgeklärten Zeitalters teilhaben zu lassen (Wilke 2000: 90). Sie begann um die Mitte des 18. Jahrhunderts herum, ein Programm an die unteren Bevölkerungsschichten zu vermitteln, mit dem ein bürgerliches Lesepublikum bereits drei Jahrzehnte zuvor vertraut gemacht worden war (Böning 2002a: 462). Ökonomische Gesellschaften entstanden vor allem nach dem Siebenjährigen Krieg (1756 - 1763) und teilweise auf Anregung von Regierungen. Deutsche ökonomische Gesellschaften von überlokaler Wirksamkeit befanden sich in Leipzig, Celle, Hamburg, Karlsruhe, Harburg, Gotha, Breslau und Potsdam (Middell 1996: 388). Mindestens 100 Zeitschriften haben diese Gesellschaften herausgegeben, zusätzlich zählt Böning (2004c) 300 volksaufklärerische Zeitschriften zwischen 1742 und 1780. Auf dem Buchmarkt zeigten geschätzte 6.000 kleine ökonomische Schriften und Ratgeber15 (bis 1810) über Probleme der täglichen Berufsarbeit und den Alltag des Einzelnen, dass das Schreiben solcher Literatur in Mode war. Später beschränkten sich die Büchlein nicht mehr auf wirtschaftliche Themen, sondern zielten mit unterhaltsamen Elementen (mindestens 2.000 unterhaltsame Schriften) auf einen ganzheitlichen Einfluss auf die Leser. Neben den gemeinnützig-ökonomischen Publikationen unterstützten die ökonomischen Gesellschaften auch mit nicht literarischen Mitteln die Ziele der Volksaufklärung (ebd.: 5, 9): mit der Verteilung von Saatgut, Ausschreibung von Prämien für beste Ernteerträge, beste Wolle, der Verleihung von Medaillen und anderen Anreizen zum innerdörflichen Wettbewerb (Middell 1996: 386). Anders als etwa in Frankreich, wo sich die entsprechenden sociétés d’agriculture ausschließlich um die Landwirtschaft kümmerten, bezogen die deutschen Gesellschaften gleichermaßen Manufakturwesen und Handel in ihr Arbeitsfeld ein (vgl. ebd.: 390f.).

Die deutsche Aufklärung begriff sich insgesamt nicht als der Obrigkeit grundsätzlich entgegengesetzt (Böning 2002a: 461), da sich auch die absolutistischen Mächte noch auf Rationalität und Vernunft beriefen. Dennoch sollte das Gemeinwohlprinzip auch Maxime für die Politik des Fürsten sein, und in diesem Sinne hatte die Aufklärung durchaus Auswirkungen auf die Politik. Die Regierungen veranlasste sie zu Reformen, was eine subtilere, integrative Unterwerfung der Bauernschaft bedeutete und wie eine aktive Revolutionsvermeidung funktionierte (Middell 1996: 396f.). In der Politik war der preußische König Friedrich II. (Friedrich der Große, *1712 †1786) besonders stark von der (französischen) Aufklärung beeinflusst. Der Siebenjährige Krieg (1756 - 1763) Preußens gegen das französisch-österreichische Offensivbündnis entsprang einer aufklärerischen Staatsräson: das anzustreben, was dem Staat nützt; und führte zum deutschen Dualismus der beiden Großmächte Preußen und Österreich. Auch Österreich entwickelte sich zu einem Wohlfahrtsstaat im Sinne eines vom katholischen Glauben gemäßigten Aufklärungsdenkens (Gössmann 1992: 73ff.).

In Frankreich floss das europäische Aufklärungsdenken mit der Theo­rie von der Gewaltenteilung (John Locke, *1632 †1704), der Garantie der persönlichen Freiheit (Charles-Louis de Secondat, Baron de La Brède et de Montesquieu, *1689 †1755) und der Gleichheit aller und der Volkssouveränität (Jean-Jacques Rousseau, *1712 †1778) in das politische Programm der Französischen Revolution (1789 - 1792) ein. Die Schlagworte ›Liberté, Egalité, Fraternité‹ drückten dies in vereinfachter Form aus (ebd.: 76). Goulemot (1996) warnt jedoch davor, die politischen Ideen der Aufklärung an unseren heutigen Idealen zu messen, die zum Großteil erst im 19. Jahrhundert aufkamen. Es sei völlig falsch, die Revolution im Nachhinein als Idee der Aufklärung zu verstehen, da die französische Aufklärung elitär und minoritär gewesen sei (ebd.: 444). Im Deutschland des 18. Jahrhunderts war die Aufklärung zu keinem Zeitpunkt die beherrschende geistige Tendenz der politischen Kultur; große Teile der Bevölkerung sind von ihr nicht berührt worden; stets hat sie auch unter den Gebildeten Gegner gehabt, andere haben sich wieder von ihr abgewendet (Vierhaus 1996: 451).

Auch wenn die Französische Revolution das Ende der Aufklärung als Epoche markiert, wirkten deren Ideen doch weit ins 19. Jahrhundert hinein. Die Unabdingbarkeit des moralischen Bewusstseins, die Betonung des Guten um seiner selbst willen, die Vertiefung des Pflichtgefühls und der sittlichen Verantwortung aus der Philosophie Kants prägten insbesondere den preußischen Protestantismus des 19. Jahrhunderts (Gössmann 1992: 82). Die Familien des Bürgertums hielten an den ethisch-christlichen Persönlichkeitsidealen fest. Dass in den Vormärzjahrzehnten und dann in den Jahren der Revolution von 1848 die Ideen des vorigen Jahrhunderts in radikalisierter Form aufgegriffen werden konnten, wurde letztlich durch die hochdifferenzierte und vielfältige Zeitungs- und Zeitschriftenlandschaft des 18. Jahrhunderts ermöglicht (Böning 2002a: 456f.).

Wie der Abriss über Grundmotive und Chronik der Aufklärung deutlich macht, hat die Aufklärung den Startschuss für die Herausgabe nutzwertjournalistischer Publizistik gegeben, und die aufklärerischen Leitgedanken waren der maßgebliche Motor für ihre Entwicklung. Besonders herauszustellen ist der Erziehungsanspruch der Aufklärung. Aber auch das Verlangen, die Idee über das Herstellen von Öffentlichkeit zu verbreiten, lässt es selbstverständlich und nahezu zwangsläufig erscheinen, dass die Aufklärung mit publizistischen Periodika das seit dem 17. Jahrhundert zur Verfügung stehende Kommunikations- und Mediensystem nutzte. Die Zeitschrift war der wichtigste Popularisator aufklärerischen Denkens (Hocks/Schmidt 1975: 1), und eine aufklärerische Gesinnung hat im 18. Jahrhundert alle Zeitschriftengattungen durchdrungen (Wilke 2000: 112). Zeitschriften standen sowohl im Dienste der philosophischen Aufklärung als auch der Volksaufklärung. Unterhaltung war nützlich, und Nützlichkeit der überragende Zweck der Zeitschriften. Nutzen und sein Gegenteil, Schaden, waren darum die zwei zentralen Kategorien, welche die kommunikationspolitischen Reaktionen der Staaten, Kirchen und anderer Obrigkeiten bestimmten (Stöber 2000: 94).

Selbst wenn sich der »Belehrungseifer« der Aufklärung an das Individuum wendet, liegt ihr die Universalidee zugrunde, dass ein allgemeiner Nutzen für die Menschheit nur auf dem Wege der Vernunft und über das Wissen des Einzelnen erzielt werden kann (Groth 1961: 328f.). Zu einer ähnlichen Funktion des Nutzwertjournalismus in der Gesellschaft vgl. Kapitel 4.

Die Rolle der Intelligenzblätter darf nicht vergessen werden. Zumindest tendenziell dienten sie im lokalen Umfeld als Foren der aufklärerischen Debatte (Greiling 1996: 137f.).

Das folgende Kapitel zeigt an ausgewählten Beispielen unter anderem, wie die Presse aufklärerisches Gedankengut verbreitete und wie sich die grundsätzliche Haltung einiger Publizisten, einen Dienst am praktischen Leben des Rezipienten zu leisten, auch nach dem eigentlichen Zeitalter der Aufklärung fortsetzte.


13 Bspw. die Universitätsbibliothek Bielefeld, siehe auch die Übersicht unter http://altedrucke.staatsbibliothek-berlin.de/linksammlung/volltexte.html [15.08.2010].

14 Eine Gliederung in vier Phasen nehmen Jørgensen et al. (1990: 16f.) vor. 1690 - 1720: mehr eklektisch-empirisch; 1720 - 1740 Siegeszug des Wolffianismus nach Christian Wolff (*1679 †1754), dessen zentrale Thesen erst in der zweiten Jahrhunderthälfte durchkamen; 1740 - 1750: Wolff versuchte, stark systematisierend sowohl empirische als auch rationalistische Impulse gut aufklärerisch unter einem »pragmatischen«, d. h. funktionalem Aspekt zu vereinen; 1750- bis 1780er-Jahre: empirisch-kritische Phase, die zunehmend auch in Deutschland von neueren französischen und englischen Denkern geprägt wurde.

15 Beispiel: »Noth- und Hülfsbüchlein« (1788), vgl. Fußnote 46.