1.6 Die Anfänge des Nutzwertjournalismus

In diesem Kapitel werden die historischen Vorläufer in Zeitungen und Zeitschriften bis zum Ende des 19. Jahrhunderts vorgestellt sowie die jeweiligen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen thematisiert. Einleitend soll, wegen der besonderen Bedeutung der gedruckten Presse für die Vielfalt des Nutzwertjournalismus, und da zugleich bei den Begrifflichkeiten der Pressegattungen eine erhebliche Unordnung herrscht, ein eigenes Ordnungsschema für die periodische Presse vorgestellt werden, das sowohl historische wie gegenwärtigen Presseformen berücksichtigt.

Ordnungsschema für die periodische Presse

Unter den Massenmedien stellen die gedruckten, periodischen Publikationen ein sehr diversifiziertes Feld dar, in dem sich die Objekte nach Erscheinungsweise, Themenvielfalt und -spezialisierung, anvisiertem Publikum, Funktionen, Distribution, Ubiquität und Disponibilität unterscheiden. Bereits für das 18. Jahrhundert ist eine große Vielfalt zu verzeichnen. Damals wie heute wird ein bedeutender Anteil nutzwertjournalistischer Inhalte über die gedruckte Presse veröffentlicht und verbreitet, und die diversen Gemeinsamkeiten und Unterschiede lassen den Wunsch nach einer Kategorisierung der verschiedenen Publikationen entstehen. Dies erscheint umso wichtiger, als dass in Wissenschaft und Praxis unterschiedliche Gattungsbezeichnungen verwendet werden, ohne dass eine Vergleichbarkeit immer gegeben ist. Vergleichsweise großer Konsens herrscht bei der Definition der Tageszeitung, die sich von Zeitschriften in der Häufigkeit ihres Erscheinens unterscheiden. Als Tageszeitung gilt eine Zeitung, die mindestens zwei Mal pro Woche (Schütz 2005: 205) oder vier Mal pro Woche (Wan 2006) erscheint. Wochenzeitungen sind demnach den Zeitschriften zuzurechnen. Gratistageszeitungen (›Pendlerzeitungen‹), die in vielen Systematiken fehlen, da sie erst seit 1995 in Europa auftreten, sind dagegen auch wegen des universellen Themenzuschnitts den gegen Entgeld distribuierten Tageszeitungen gleichzustellen.

Wissenschaftliche Versuche, Zeitschriften überschneidungsfrei und allgemeingültig zu kategorisieren, sind vielfach unternommen worden.9 Entweder werden dabei nur wenige Dimensionen angewandt mit der Folge, dass einige Zeitschriftengattungen nicht eingeordnet werden können, oder es werden Kriterien mehrerer Dimensionen gleichzeitig eingesetzt, was die Trennschärfe der Kategorien beeinträchtigt. Keinen dieser Versuche kann man als vollständig geglückt ansehen. Zahlreiche Klassifizierungen vermischen zum einen inhaltliche und funktionale Kriterien sowie weitere Kriterien (etwa Epoche bzw. kulturelles Verständnis, Zielpublikum) miteinander, wenn beispielsweise ›unterhaltende‹ Zeitschriften (Funktion) von Frauenzeitschriften (Zielpublikum oder frauenspezifische Themen) oder auch Frauen- von Modezeitschriften unterschieden werden. Zudem liegt häufig keine genaue Beschreibung der einzelnen Kategorien vor. Auch stammen die erhobenen Merkmalsausprägungen für einzelne Objekte aus unterschiedlichen, oft nicht überprüften oder bei historischem Material überprüfbaren Quellen (von Verlegern, Grossisten, Interessen- und Berufsverbänden, Medienbeobachtern etc.). Um eindeutige Aussagen zu erhalten, müssten diese – ggf. mit der Methode der Inhaltsanalyse, wenn man sich auf objektmanifestierte Merkmale verständigt – überprüft werden, ob sich die im Titel oder mit Ankündigungen vermittelte Programmatik der Publikationen in den Heften tatsächlich wiederfindet.

In dieser Arbeit soll nicht der »unfruchtbare Ansatz« (Vogel, A. 2005: 275) verfolgt werden, ›Zeitschrift‹ und Zeitschriftentypen zu definieren oder ein Kategoriensystem aufzustellen, in dem zudem eine hierarchische Sortierung möglich sein sollte. Stattdessen wird für gegenwärtige und historische, periodische Pressepublikationen ein Ordnungsschema auf der Grundlage eigener Einschätzungen vorgestellt (Abb. 1), das die auftretenden Typen einerseits ordinalskaliert nach der von ihnen vertretenen Breite des Themenangebots (General Interest, Special Interest, Very Special Interest) unterteilt. Die Breite des Themenangebots ist dabei meist umgekehrt proportional zur Tiefe der behandelten Themen. Andererseits werden die Publikationen den verschiedenen Teilpublika zugeordnet, die sie anvisieren (nominale Skala). Unter den Teilpublika sind solche zu finden, die sich über das jeweilige Themengebiet der Publikation definieren (etwa Berufsgruppen, Spieler, Hobbyisten), soziografische Merkmale (wie Geschlecht, Alter) oder die Institutionenzugehörigkeit (wie Kunden, Mitarbeiter, Parteimitglieder); außerdem wenden sich viele Pressetitel an ein generelles Publikum bzw. ein aus mehreren Teilpublika zusammengesetztes Publikum. Zwischen beiden Dimensionen lassen sich die Pressetypen aus Erfahrungswerten und deskriptiven Merkmalen abgeleitet einordnen, wobei bei der Themenbreite neben einer Hauptpräferenz auch Nebenpräferenzen berücksichtigt werden, das heißt dass etwa Frauenzeitschriften meist eine mittlere Themenspezialisierung aufweisen, daneben aber auch Titel mit sehr breiten oder sehr speziellen Themenangeboten existieren. Das Ordnungsschema kann lediglich als eine grobe Orientierung dienen, Vollständigkeit wird ausdrücklich nicht versichert; Überschneidungen oder unklare Zuordnungen sind möglich, und es wäre die Aufgabe künftiger Forschung, den einzelnen Pressetypen umfassende Beschreibungen oder Definitionen zu geben.

Abbildung 1: Ordnungsschema für gegenwärtige und historische periodische Pressepublikationen nach Breite des Themenangebots und anvisiertem Publikum
Unterschieden wird ein engerer und ein weiterer Bezug des Objekttyps zur jeweiligen Kategorie der Themenbreite. Quelle: Eigene Einschätzungen, eigene Darstellung

Die früher gebräuchlichen Begriffe ›Unterhaltungszeitschriften‹ und ›Freizeitschriften‹ wurden mit der Zeit durch den in der Praxis seit den 1950er-Jahren verwendeten Ausdruck ›Publikumszeitschrift‹ abgelöst, auch wenn jede Art von Publikation ihr Publikum findet. Der von Andreas Vogel (2002: 23) aus diesem Grund vorgeschlagene Terminus der Populärpresse fand bisher keine umfassende Verwendung. Folgende Überlegungen zeigen, dass das hier aufgestellte Ordnungsschema mit der Dimension der Themenbreite eine andere Differenzierung erlaubt, als sie mit den bisherigen, allgemeinen Kategorien möglich ist. So gilt es bisher als weitgehender Konsens (Raabe 2005: 354), dass sich Publikumszeitschriften in folgende Typen untergliedert:

  • Illustrierte
  • Nachrichtenmagazine
  • Programmzeitschriften
  • Frauenzeitschriften
  • Jugendzeitschriften
  • Special-Interest-Titel (wie Computer-, Mode-, Sportzeitschriften etc.)
  • Wirtschaftspresse
  • populärwissenschaftliche Magazine.

Häufig wird der Begriff Special Interest oder Spezialzeitschrift (Rolf 1995: 2) als Gegenpol zum General Interest gewählt, sodass dieser allgemeinen Einteilung zufolge alle Titel außer den Special-Interest-Objekten zum General Interest zählen müssten. Als »generellthematisch« können Titel aber nur gelten, wenn sie alle klassischen Themenbereiche (Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport, Gesellschaft, Welt der Unterhaltung) abdecken. Dies kann für einige Pressetypen bezweifelt werden, etwa für die Wirtschaftspresse, Frauenzeitschriften und Wissenschaftsmagazine. Auch werden Programmzeitschriften zuweilen unter Special Interest gefasst. Offenbar wird ein Objekt dann als Publikumstitel angesehen, wenn die erreichte Leserschaft eine gewisse Größe erreicht. Der vermutete und plausible Zusammenhang zwischen Themenbreite und Verbreitung stellt jedoch keine strenge Korrelation dar.10

Während die Fachpresse häufig als eigene Kategorie neben die Publikumszeitschriften, Offertenblätter und Kundenzeitschriften (Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern, IVW) oder neben Publikumszeitschriften und konfessionelle Zeitschriften gestellt werden (Verband Deutscher Zeitschriftenverleger, VDZ),11 wird sie im hier vorgestellten Schema als thematisch sehr speziell für ein Publikum eingeordnet, das sich überwiegend über das Interesse zum jeweiligen Thema interessiert. Gleiches gilt für wissenschaftliche Fachpublikationen. So werden Fachzeitschriften auch traditionell definiert: als Presseerzeugnisse, die sich in erster Linie mit beruflich relevanten Inhalten befassen (VDZ o. J.; Groth 1961: 299; vgl. Weischenberg 2009: 30) und wissenschaftliche Fachzeitschriften einschließen (Mast 1994: 26f.). Die 1997 zunächst­ als Verein gegründete Deutscher Fachjournalisten-Verband Aktiengesellschaft, Berlin, die in Konkurrenz zu traditionellen gewerkschaftlichen Journalistenverbänden auftritt, versteht Fachjournalismus dagegen dann als fachlich, wenn er sich durch seine thematische Spezialisierung vom wenig spezialisierten »Allroundjournalismus« abgrenzt.12 Das verwendete Kriterium ist demnach die Breite des Themenspektrums, das ein Journalist bearbeitet (vgl. Dernbach 2009: 39f.). Dieser Auffassung, die alle Special-Interest- und Very-Special-Interest-Titel umfasst und deren Funktion offenbar darin liegt, eine möglichst große Zahl von Journalisten als potenzielle Mitglieder anzusprechen, folgt die vorliegende Arbeit nicht.


9 Dahinden/Trappel (2005); Raabe (2005); Menhard (2004); Wilke (1979: 2004); Andreas Vogel (2002); Andreas Vogel/Holtz-Bacha (2002); Straßner (1999); Rolf (1995); Bohrmann (1979); Kirchner (1928; vgl. Fußnote 34).

10 So verkaufte die Zeitschrift Computerbild am 09.04.2001 insgesamt 1.299.518 Ausgaben, die Zeitschrift Gala dagegen in der selben Woche nur 342.697 Exemplare (IVW).

11 Online-Quelle: http://www.vdz.de/pages/static/1814.aspx [13.02.2006].

12 Online-Quelle: Internetauftritt der AG unter http://www.dfjv.de/ [07.08.2007].