1.4 Arbeitsdefinition für den Nutzwertjournalismus

Um die Annäherung an den Untersuchungsgegenstand zu erleichtern, soll zunächst mit einer Arbeitsdefinition für den Nutzwertjournalismus gearbeitet werden. Diese lehnt sich im Wesentlichen an einen im Jahr 2004 vom Verfasser veröffentlichten Definitionsentwurf an (Eickelkamp 2004a). Danach handelt es sich um einen abgrenzbaren Bereich des Journalismus, der in der Praxis wie in der wissenschaftlichen Literatur unter den Bezeichnungen Ratgeber-, Service- oder Verbraucherjournalismus sowie mediale Lebenshilfe gefasst wird, wobei es weitgehende Überschneidungen bis hin zur synonymen Verwendung der Begriffe gibt. Notwendiges Kriterium für diesen journalistischen Bereich ist, dass die dominierende Kommunikationsabsicht darin besteht, den Rezipienten in einer von ihm als nützlich empfundenen Weise im praktischen Alltag zu unterstützen (›praktischer Nutzen‹). Damit unterscheidet sich der Nutzwertjournalismus von anderen journalistischen und publizistischen Formen, deren Absicht oder Leistung ausschließlich darin liegt, den Adressaten Rezeptionserfahrungen zu ermöglichen,

  1. die diese als emotional angenehm, ästhetisch erbauend, entspannend, unterhaltsam etc. empfinden (›emotionaler oder affektiver Nutzen‹),
  2. durch die sie ihre Wissensbestände erweitern oder aktualisieren (›kognitiver Nutzen‹) oder
  3. die bei einer Anwendung in sozialen Handlungen als vorteilhaft erscheinen können (›sozialer Nutzen‹).

Die verschiedenen Formen empfundenen Nutzens schließen sich nicht aus: Journalistische Publikationen können eine Mischung aus kognitivem, sozialem, emotionalem und praktischem Nutzen intendieren – steht der praktische Nutzen im Vordergrund, sprechen wir vom Nutzwertjournalismus. Bei praktischem Nutzen kann sich der Rezipient in einer Handlungsabsicht unterstützt fühlen und es ihm ermöglicht werden, die Handlungsabsicht umzusetzen oder eine Handlung auszuführen. Dazu erteilen die journalistischen Beiträge typischerweise Ratschläge, geben Anleitungen, stellen Regeln dar oder bieten speziell von Wirtschaftssubjekten persönlich nutzbare Orientierungsinformationen.

Da die Intention der journalistischen Seite angesprochen ist, muss Nutzwertjournalismus als ein klassifikatorisches Angebotsmerkmal der Journalisten mit einer zunächst unbewiesenen Wirkungsunterstellung verstanden werden, genau wie Früh und Wirth (1997: 367f.) dies für die Kategorie ›Infotainment‹ tun.

Die journalistische Themenauswahl im Nutzwertjournalismus ist stets handlungs-, umsetzungs- und ergebnisorientiert (anwendbar oder verwertbar; Heinrich [1991b: 221] verwendet den Ausdruck »wirkungsorientiert«) und unterscheidet sich somit von der anderer, rein ereignisbezogener Berichterstattungen, wie sie im klassischen Informationsjournalismus oder politischen Journalismus, aber auch etwa beim Sportjournalismus vorherrschen.

Vorläufig lassen sich einige typische Funktionen und Formen identifizieren. Anhand von weiterführenden Hinweisen wie Institutions- und Adressangaben, Telefonnummern und Buchtiteln kann sich der Rezipient selbstständig weiter kundig machen. Angaben wie Veranstaltungshinweise auf Regularienseiten von Tageszeitungen und Nachtöffnungszeiten von Apotheken, bei Tageszeitungen häufig als ›Service‹ bezeichnet, stellen grundlegende Orientierungsinformationen für den Alltag dar. Eine umfassendere Orientierungsfunktion bieten Übersichten für den Rezipienten in seiner Rolle als Konsument und Wirtschaftssubjekt an, etwa von Investitionsgütern sowie als Entscheidungsempfehlungen für Entschlüsse mit langfristigen Auswirkungen wie im privaten Versicherungsbereich und bei beruflichen, edukativen oder sozial-psychologischen Fragen. Die Übersichten werden häufig als Empfehlungen ausgesprochen und als Ratschlag oder Ratgebung gekennzeichnet.

Der Nutzwertjournalismus enthält alle Elemente und Funktionen, die mit dem Ausdruck Ratgeberjournalismus bezeichnet werden. Da jedoch unklar ist, ob Ratgeberjournalismus auch solche als nützlich empfundenen Formen des Nutzwertjournalismus umfasst, die außerhalb einer Ratgebung oder dem Erteilen eines Ratschlags liegen – wie Hinweise oder Orientierungsangebote – und somit der Ausdruck als Pars pro Toto für den gesamten Nutzwertjournalismus steht, oder ob sich derartige journalistische Angebote auf die Ratgebung beschränkt, soll in der vor-liegenden Arbeit hauptsächlich ›Nutzwertjournalismus‹ als der umfassendere Begriff verwendet werden. Ebenso wird der 2004 aufgestellte Vorschlag beibehalten, kurze nutzwertjournalistische Formen als ›Service‹ zu bezeichnen und den Ausdruck Servicejournalismus nicht synonym zu Nutzwertjournalismus zu verwenden (Eickelkamp 2004a: 17). Siehe dazu ausführlich hier ff.

In Praxis und Fachartikeln ist ebenfalls vom ›Verbraucherjournalismus‹ die Rede. Thematisch verwandt und häufig mit der gleichen dominierenden Kommunikationsabsicht wie der des Nutzwertjournalismus werden beide Begriffe zuweilen synonym verwendet. Jedoch bezieht sich der Verbraucherjournalismus einzig auf den Rezipienten in seiner Rolle als Verbraucher und somit auf ihn als Privatperson, die Rechtsgeschäfte abschließt, was das Themenfeld begrenzt, sodass etwa Wetterinformationen oder Aktienbewertungen selten mit ihm in Verbindung gebracht werden (Wolff, v. 2006: 247). Die Interessen der Konsumenten werden im gesellschaftlich-wirtschaftlichen Rahmen von Verbraucherschützern vertreten, deren Hauptmotiv es ist, Schaden vom Verbraucher als Vertragspartner von Handel, Industrie und öffentlichen Stellen abzuwenden. Da sich Verbraucherjournalismus nicht auf weitere Rezipientenrollen bezieht, deckt der Begriff einerseits nur einen Teil des oben bezeichneten Nutzwertjournalismus ab. Andererseits ist mit verbraucherschützerischen Aspekten häufig eine verbraucherpolitische Komponente verbunden, mit der politische Informationen vermittelt werden können oder Einfluss auf politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Prozesse ausgeübt werden kann. Diese Aspekte sind in der hier vorgestellten Arbeitshypothese jedoch nicht notwendiger Bestandteil des Nutzwertjournalismus, zumal Verbrauchermagazine es ablehnen, im Sinne des Verbraucherschutzes direkt Einfluss auf das politische System auszuüben. Die verbraucherpolitischen Positionen stimmen in Deutschland in der Regel nicht mit grundlegenden parteipolitischen Mustern und Zielen überein (Zedler 2004: 499).

In der vorliegenden Arbeit werden die potenziellen, als positiv empfundenen Auswirkungen als ›Nutzen‹ bezeichnet und der Ausdruck ›Nutzwert‹ in Anlehnung an seinen Gebrauch in der journalistischen Praxis dem journalistischen Publikationsobjekt zugeordnet (»diese Zeitschrift bietet einen hohen Nutzwert«).

Zusammenfassend lässt sich in dieser Arbeitsdefinition festhalten, dass für den Nutzwertjournalismus die Intention maßgeblich ist, journalistische Kommunikationsangebote zu machen, die

  • der Rezipient für sein persönliches, alltägliches Leben als unterstützend empfinden kann,
  • sich auf den Rezipienten in all seinen individuellen Rollen beziehen können (und nicht ausschließlich auf ihn als Konsumenten oder Ratsuchenden),
  • eine hohe Affinität zu Handlungsumsetzungen (Praxis) haben,
  • helferische, bewertend-orientierende, anleitende, problemlösende und empfehlende Funktionen und Ausprägungen im Kontext des praktischen Alltags aufweisen können, sowie
  • ereignisunabhängig angeboten werden können.

Nach der Behandlung der mit den Fragestellungen der vorliegenden Arbeit verbundenen verschiedenen Aspekte des Nutzwertjournalismus wird im Kapitel 7 eine abschließende Definition gegeben.