1.2 Zielsetzung und Abgrenzung der Fragestellung

Ziel dieser Arbeit ist es, zu einer Definition des Nutzwertjournalismus als einem von anderen Journalismus-Gattungen abgrenzbaren Typ zu gelangen. Dabei wird zurückgegriffen auf eine empirische Studie in einem Kernbereich des Kommunikationsvorgangs; im Einzelnen wurde bei der Rezeption journalistischer Aussagen untersucht, ob spezifische Merkmale und Funktionen des Nutzwertjournalismus in gleicher oder ähnlicher Weise von den Rezipienten interpretiert werden, wie die Kommunikatoren diese im Medium manifestiert haben (Eickelkamp 2009b: 355ff.; Eickelkamp 2009a). Zudem sollen in der Kommunikations- und Medienwissenschaft genutzte Theorieansätze und Modelle daraufhin untersucht werden, welche Erklär- und Prognoseleistungen sie zur Einordnung nutzwertjournalistischer Funktionen und Phänomene erbringen können, und es soll nach weiteren Theorieanschlüssen gesucht werden.

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit können einige Fragestellungen aus Gründen begrenzter Ressourcen nicht bearbeitet werden, auch wenn sich daraus erhellende Einsichten erschließen ließen. So soll die Kommunikatorseite nicht mit einer eigenen empirischen Studie daraufhin untersucht werden, welche Motive und Absichten oder welche äußeren Bedingungen dem journalistischen Handeln im Kontext des Nutzwertjournalismus zugrunde liegen, welche Arbeitsprogramme die Akteure anwenden oder wie die beteiligten Organisationsstrukturen aussehen. Geeignete Methoden dafür wären etwa Befragungen, Beobachtungen, Struktur- sowie Input-Output-Analysen. Ebenfalls nicht hier analysiert wird, inwiefern sich das Wollen der Journalisten in den Publikationen manifestiert; hier wären die erhobenen Motive mit inhaltsanalytisch gewonnenen Aussagen über die Medieninhalte zu vergleichen. Da der Nutzwertjournalismus intentional darauf ausgerichtet ist, dass die Menschen während oder nach der Medienrezeption Handlungen ausüben, wäre es interessant zu erheben, in welchen Qualitäten und Quantitäten dies geschieht, welche Modi die Rezipienten wählen und inwiefern der beabsichtigte Nutzen in ihrer Handlungswelt tatsächlich eintritt. Dazu müssten geeignete Konstrukte und Modelle gebildet und diese Vorgänge mit Methoden der Medienwirkungsforschung und insbesondere experimentellen Anordnungen untersucht werden. In den Kontext der postrezeptionalen­ Wirkungen gehören auf der Makroebene zudem die Leistungen, die der Nutzwertjournalismus für die Gesellschaft erbringt.

Um künftige Strömungen vorherzusagen, ist immer auch das Wissen über das Entstehen und die bisherige Entwicklung eines Gegenstandes relevant; eine pressegeschichtliche Auswertung historischer Originale im Hinblick auf die alltagspraktische Unterstützung der Rezipienten im Laufe der Jahrhunderte wäre jedoch eine eigenständige Arbeit großen Umfangs, die hier nicht abgedeckt werden kann. Anschließend an die theoretischen Überlegungen dieser Arbeit wäre es eine lohnende, eigene Forschungsarbeit, ein für den Nutzwertjournalismus geeignetes spezifisches Theoriegebäude zu entwickeln. Wichtige gegenwärtige medienspezifische Ausprägungen und Handhabungen des Nutzwertjournalismus können im Rahmen der Arbeit deskriptiv dargestellt werden. Der künftigen wissenschaftlichen Bearbeitung bleibt es jedoch überlassen, die verschiedenen Erscheinungsformen in eine theoretisch hergeleitete, begründete Kategorisierung zu überführen, die den Gegenstand ordnet, wo möglich historische Vorläufer aufnimmt und seine Teilbereiche spezifischen Fragestellungen zugänglich macht. Dieses Kategoriensystem müsste anschließend mit geeigneten Kriterien empirisch überprüft werden. Innerhalb der journalistischen Profession sowie der Journalistik herrscht zudem eine lebhafte Diskussion um den Qualitätsbegriff, über Qualitätssicherung und -management, wobei Vorstellungen normativ gesetzt, in Kulturen gepflegt und direkt sowie mit indirekten Indikatoren empirisch gemessen werden können. Eine derartige Qualitätsdiskussion für den Bereich des Nutzwertjournalismus zu führen, ist im Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht möglich.