1.1 Problemstellung

Seit 300 Jahren machen periodische Publikationen verschiedenen Zuschnitts den Rezipienten Kommunikationsangebote, die diese als praktisch sinnvoll und nutzbar, somit im eigentlichen Wortsinn als nützlich, wahrnehmen. Dennoch gibt es nur wenige wissenschaftliche Arbeiten, die diesen Bereich behandeln. Otto Groth (1961) hat ihn unter der Bezeichnung »praktischer Stoff« oder »technischer Stoff« beschrieben und innerhalb seiner Systematik verortet. Die Wissenschaft hat dies jedoch insgesamt nicht aufgegriffen. Walter Hömberg, Thomas Weber und Christoph Neuberger befassten sich Mitte der 1990er-Jahre recht intensiv mit dem Ratgeberjournalismus, definierten ihn und identifizierten Konzepte des Ratgeberjournalismus – dabei stellten sie die Definition und Lösung von Rezipientenproblemen in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen. Auf der Seite der journalistischen Akteure untersuchten sie empirisch, wie die Lebensberater von Publikumszeitschriften Fragen fiktiver Leser zu individuellen Problemen mit persönlichen Schreiben beantworten und wie Journalisten mit Rechercheanzeigen den Zugang zu bestimmten Betroffenengruppen suchen. Medien- und themenübergreifende Aspekte des Ratgeber- oder Verbraucherjournalismus sind darüber hinaus bisher nicht wissenschaftlich untersucht worden. Es existiert jedoch in diesem Bereich eine Reihe von Arbeiten zu einzelnen Massenmedien oder zu verschiedenen Themenbereichen (vgl. Hömberg/Neuberger 1994: 221), die aufschlussreiche Schlaglichter werfen, in der Zusammenschau jedoch diverse dunkle Bereiche zurücklassen. Für das Feld des Wirtschaftsjournalismus hat Heinrich seit Ende der 1980er-Jahre in wegweisenden Arbeiten Kritik an der damaligen, kaum rezipientenorientierten Praxis geübt und Forderungen aufgestellt, die inzwischen größtenteils als umgesetzt gelten können.

Zur Abgrenzung von Fragen journalistischer Ethik trifft Haller (1991: 199ff.) eine Unterscheidung zwischen U- und E-Journalismus und lehnt sich dabei an Bezeichnungen an, wie sie die Verwertungsgesellschaft GEMA zur verschieden gewichteten Abrechnung von Musiktypen trifft.4 Nach Haller ist U-Journalismus inszenierte Massenkommunikation und auf Animation angelegte Kommunikationsarbeit, die die Produktion fiktionaler und ludischer Aussagen enthält, aber auch »diverse sogenannte Ratgeber- und Unterhal­tungs­sei­ten«;­ da an dieser Stelle keine weitere Differenzierung der Ratgeberangebote erfolgt, kann der Eindruck entstehen, Ratgebung als solche gehöre zum U-Journalismus. Der E-Journalismus (Informationsjournalismus) dagegen behandelt Aussagen über Geschehnisse und Prozesse, die sich unabhängig vom berichtenden Journalisten zutragen, faktizierbar sind und dem Publikum im Gewand journalistischer Darstellungsformen vermittelt werden. Zur Einteilung von Medienangeboten werden hierbei Kriterien in zwei Dimensionen aufgestellt: Geschehensbezug (inszeniert vs. bezogen auf Geschehnisse) und Realitätsbezug (fiktional und/oder ludisch vs. faktizistisch).

Erweitert man Hallers Vorschlag, indem man mit den beiden Dimensionen eine Zwei-mal-zwei-Matrix aufspannt (Tab. 1), lässt sich der U-Journalismus genauer in das Feld mit den Merkmalen inszeniert und fiktional/ludisch einordnen, während der E-Journalismus geschehensbezogen und faktizistisch ist. In das Feld des U-Journalismus können auch jene als Ratgebung deklarierte Angebote einsortiert werden, die tatsächlich keine Bezüge zu Ereignissen oder Fakten aufweisen, wie erfundene Leserbriefe oder sogenannte Psychotests ohne wissenschaftlichen Hintergrund. In die Matrix lassen sich in den anderen Feldern weitere journalistische Formen einordnen, etwa Dokumentarspielfilme und Doku-Soaps als ludisch und teilweise fiktional, bei vorhandenem Bezug zum Geschehen, sowie in der Kategorie faktizistisch und inszeniert jegliche ohne Anlass erstellte Hintergrundberichte sowie eine Reihe nutzwertjournalistischer Angebote, die Medien selbstständig erstellen – quasi inszenieren –, die jedoch auf überprüfbaren Tatsachen beruhen; generelle Unterstützungsleistungen wie bei Erziehungsfragen wären hier zu nennen. Allerdings bliebe für diese Kategorie noch zu klären, ob nur ein Ereignis (mit aktuellem Bezug) als Geschehen oder Prozess zu interpretieren ist oder ob auch ein ganz allgemeiner Bezug zur Existenz des Gegenstandes (Aussagen wie: es gibt die Steuerpflicht) oder zu allgemeinen Zeiträumen (Aussagen wie: im Frühjahr beginnt die Gartenzeit) dafür ausreicht, als nicht inszeniert zu gelten. Als Ergebnis der Auftrennung der Dimensionen zeigt sich, dass tatsächlich nur ein Teil der Ratgeberangebote einem »unernsten« U-Journalismus zuzuordnen ist.

Tabelle 1: Vorschlag zur Erweiterung des Journalismusbegriffs nach Haller (1991) durch eine Auftrennung der Dimensionen
 faktizistische Aussagenfiktionale/ludische Aussagen
Aussagen mit Geschehensbezug
  • E-Journalismus
  • aktuelle Verbraucherberichterstattung
  • Dokumentarspielfilme
  • Doku-Soaps
inszenierte Massenkommunikation
  • Hintergrundberichte
  • generelle nutzwertjournalistische Unterstützungsangebote
  • U-Journalismus
  • diverse sogenannte Ratgeberseiten
  • Psychotests ohne wissenschaftlichen Anspruch
Kursiv: ergänzte journalistische Formen. Quelle: Eigene Darstellung

In der Berufspraxis oder in Handbüchern für Praktiker hat es ebenfalls nur wenige gründliche Bearbeitungen dieses Journalismustyps gegeben. Unter einem normativ-pragmatischen Blickwinkel, der auch die journalistische Intention und die Nutzungswünsche des Publikums berücksichtigt, schlägt Haller (2004b) fünf Haupttypen des Journalismus vor:

  1. Informations- und Nachrichtenjournalismus,
  2. meinungsbezogener Journalismus,
  3. Fach- und Nutzwertjournalismus,
  4. Erzähljournalismus,
  5. dialogischer Journalismus.

Die Aufgabe des Fach- und Nutzwertjournalismus bestehe darin,

»(mehr oder weniger) aktuelle Themen eines Sach- oder Fachgebiets zu bearbeiten und einem Zielpublikum zur Nutzung anzubieten. Hier wird unter ›Nutzung‹ nicht nur die Rezeption, sondern auch die Umsetzung und Anwendung der Information im Alltag des Rezipienten verstanden, gemäß der aus den USA stammenden Formel ›News to Use‹« (ebd.: 88f.).

Der Autor bezieht die genannte Aufgabe summarisch auf den Fachjournalismus wie gleichermaßen auf den Nutzwertjournalismus. Der Untertyp Fachjournalismus kommt jedoch traditionell überwiegend ohne den Umsetzungsaspekt aus. In gängigen Definitionen wird er thematisch begründet, indem sich die von ihm behandelten Gegenstände auf die spezifische Berufswelt beziehen und die Beiträge nicht unbedingt die Umsetzung durch das Publikum als ihre Aufgabe sehen. Zuweilen wird die Nutzwertorientierung sogar im Fachjournalismus explizit vermisst und eingefordert: Ruf (1997: 40) stellt einen starken Wandel im Fachjournalismus fest; inzwischen liege die Existenzberechtigung von Fachtiteln in ihrem konkreten beruflichen Anwendungsnutzen.

Wie gesagt, fand der Nutzwertjournalismus auch keinen Niederschlag in Lehrbüchern. Beginnend mit dem Wandel der Wirtschaftsteile von Zeitungen zu einer zunehmend dem Leser zugewandten Sichtweise in den 1990er-Jahren, folgend auch dem starken Wunsch der Menschen in den neuen Bundesländern nach Service, gab es Bemühungen, den Service-Anteil in Zeitungen zu erhöhen. Einige Publikationen der Bundeszentrale für politische Bildung haben den Wandel begleitet. Auch begannen die Verlage mit Überlegungen zum Redaktionsmanagement, eine dienende Haltung zu etablieren. 2004 erschien dann das Buch Nutzwertjournalismus von Christoph Fasel auf der Grundlage eines seit vielen Jahren verwendeten Weiterbildungsmanuskripts über »Sachtexte«.5 Mittlerweile wird Service- oder Nutzwertjournalismus in den einschlägigen Handbüchern angesprochen und etwa im Bereich des Wirtschaftsjournalismus als eine wesentliche Handhabungsform verstanden. Medienjournalistische Publikationen behandeln für gewöhnlich, meist ohne akademischen Anspruch,6 nutzwertjournalistische Belange im Zusammenhang mit aktuellen Entwicklungen, etwa beim Launch entsprechender neuer Publikationen. In Stellenanzeigen werden teilweise gezielt Bewerber mit entsprechenden Kenntnissen gesucht,7 in der Publikumspresse findet der Nutzwertjournalismus als Thema, über das berichtet wird, jedoch kaum Niederschlag. Seit 2002 betreibt der Verfasser der vorliegenden Arbeit im World Wide Web unter der Bezeichnung »Nutzwertjournalismus« ein Informationsangebot zum Thema.8 Auch wenn die zuletzt genannten Quellen einen wissenschaftlichen Anspruch nicht erheben, kann auf sie auch die vorliegende Arbeit nicht verzichten, liefern sie doch ein aktuelles und lebendiges Bild des Gegenstandes.

Somit sind bisher weder der Gegenstand eindeutig und allgemein bezeichnet noch die Aufgaben und Leistungen des Nutzwertjournalismus hinreichend beschrieben worden. Es fehlt eine Übereinkunft über die Anforderungen an helferische journalistische Angebote dieses Typs; auch wurde bisher nicht ausreichend untersucht, ob die Publika die Intentionen der Angebote in gleicher oder ähnlicher Weise empfinden, wie sie von den Produzenten der informatorischen Angebote geplant werden.


4 E: Ernste Musik (ernste Konzerte aller Art, sinfonische Musik, Kammermusik, Chormusik etc.); U: Unterhaltungs- und Tanzmusik; vgl. GEMA 2005.

5 Der Verfasser der vorliegenden Arbeit war mit der Redaktion des Buchs betraut und hat einzelne Beiträge darin verfasst.

6 Eine Ausnahme stellt die Zeitschrift Message – Internationale Zeitschrift für Journalismus dar (Verlag der Evangelischen Gesellschaft, Stuttgart).

7 Bspw. Axel-Springer-Verlag, Chef vom Dienst und Testredakeure (01.02.2007); Portal Die-oberpfalz.de, Online-Redakteur (17.10.2008); Computerportal von T-Online, Online-Redakteur (23.10.2008); Portal News.de, Online-Redakteur (01.11.2008).

8 Online-Adresse: http://www.nutzwertjournalismus.de/